Freitag den 24 Juli
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Nr. 169
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint mit «vbnshme M MsntKO».
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Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringertstzi» Durch die Bost bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Bf.
Politische Uebersicht.
Gießen, 23. Juli.
Seit Dienstag weilt Kaiser Wilhelm zur Nachkur in Gastein, dem so herrlich in den Vorbergen der Salzburger Alpen und im Dhale der Ache gelegenen Badeorte. Schon seit Jahren pflegt der greise Monarch seine allsommerlichen Badereisen mit dem Aufenthalte in Wildbad Gastein zu beschließen und dieser Gewohnheit ist er somit auch in diesem Jahre treu geblüben- Etwa drei Wochen wird unser Kaiser auf österreichischem Boden weilen, um dann direct nach seiner Sommer-Restvenz Neu-Babelsberg zurück- zukehren und hier die Zeit bis zum Beginn der großen Herbst-Manöver zu verbringen, vorausgesetzt, daß nicht von ärztlicher Seite Bedenken gegen einen längeren Ausenthalt in Neu-Babelsberg wegen der daselbst immer etwas seuchten Lust erhoben werden- Ihren markanten Abschluß wird die Gasteiner Kur Kaiser Wilhelms durch die traditionelle Zusammenkunft zwischen ihm und Kaiser Franz Josef erhalten und welche somit aus's Neue sowohl von der beide Herrscher verbindenden innigen persönlichen Freundschaft, als auch von den fortgesetzt zwischen dem deutschen Reiche und der habsburgischen Doppel-Monarchie odwal- lenden herzlichen Beziehungen Zeugniß ablegen wird. — Ob die Drei-Kaiser- Zusammenkunft von Skierniewice in diesem Jahre eine Wiederholung erfahren wird, steht noch sehr dahin und stnd alle Nachrichten hierüber nur mit Vorsicht aufzunehmen. Auch was die verschiedenen Ankündigungen von einer nahe bevor- stchenden Zusammerkunst des Fürsten Bismarck mit dem Grasen Kalnoky, dem österreichischen Minister des Auswärtigen, anbelangt, so beruhen dieselben vorläufig nur auf Vermuthungen, es ist wahrscheinlich, daß die beiden leitenden Staatsmänner, wie in früheren Jahren, so auch diesmal zusammenkommen werden, um sich über die allgemeine Lage und besonders über das unerquickliche wirthschastliche Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn zu besprechen ; etwas Bestimmtes läßt sich aber hierüber zur Zeit nicht sagen.
Die Wahl eines Nachfolgers für den verstorbenen Statthalter der Reichslande, Freiherrn v. Manteuffel, ist auf den deutschen Botschafter in Paris, Fürsten Hohenlohe-Schillingsfürst, gefallen. Es heißt übrigens, daß die amtliche Ernennung aus gewissen Gnaden-Rücksichten erst im Herbst zu erwarten sei. Da Fürst Hohenlohe niemals eine militärische Charge bekleidet hat, so wird der Oberbefehl über das elsaß-lothringische (15.) Armee-CorpS von dem Amt des Statthalters getrennt werden müssen. Man nimmt an, daß der gegenwärtige stellvertretende commandirende General v. Heuduck damit betraut werden würde. — Bereits am Samstag Abend ist der Vicepräsident des Preußischen Staatsministeriums und Minister des Innern v. Puttkamer nach Varzin gereist. Es handelt sich bei dieser Reise wohl hauptsächlich um die Berichterstattung über die verschiedenen Wahrnehmungen, die Herr v. Puttkamer während seiner jüngsten größern Reisen durch preußische Provinzen zu machen Gelegenheit hatte, sowie um Besprechungen über die bevorstehenden Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause.
Die Feier des VI. allgemeinen deutschen Turnfestes in Dresden nimmt fortgesetzt den besten und befriedigendsten Verlaus und wird dieselbe von der schönsten Harmonie getragen.
Die noch immer fortdauernde Cyrill- und Method-Feier in Welehrad in Mähren will durchaus nicht den Charakter eines großen slavischen Verbrüderungssestes annehmen, welchen Charakter offenbar die Feier nach dem Willen der Arrangeure derselben tragen sollte. Zum Theil ist hieran die im Allgemeinen ablehnende Haltung Schuld, welche die griechisch-katholische Kirche der Welehrad-Feier gegenüber beobachtet, zum Theil verhindern auch die -an dem Wallfahrtsorte ausgetretenen epidemischen Krankheiten ein Zusammenströmen größerer Massen. Eine Saat soll indessen die Feier zeitigen; es ist unter der Aegide Dr. Rieger's, des bekannten Führers der Alt-Czechen, beschlossen worden, ein großes Journal herauszugeben, das in allen slavischen Sprachen geschrieben sein und den Zweck verfolgen soll, „die bestehenden Differenzpunkte zwischen den Slaven zu beseitigen." Schon jetzt stößt indessen das Project in den betheiligten Kreisen auf Widerspruch, und zwar geht derselbe von polnischer Seite aus. Die Krakauer „Resorma" warnt die Polen vor der Theilnahme an dieser Zeitschrift und ihrer Mission, die Einigkeit aller Slaven berbeizuführen. „Denn Diejenigen", fügt das polnische Blatt bei, „von denen diese Losung ausgeht, verstehen leider darunter die Vereinigung sämmtlicher Slaven unter der russischen Knute."
Die Verhandlungen der französischen Deputirtenkammer gehen fortgesetzt unter großer Theilnahmlosigkeit des Publikums vor sich, was wohl einerseits der drückenden Hitze, anderseits dem wenig interessanten Material, mit welchem sich die Kammer gegenwärtig beschäftigt, zuzuschreiben ist. Am Montag und Dienstag beschäftigte sie sich mit der Interpellation des Deputirten Ballue, betr. die admission temperaire von Baumwollengarnen, ein für weitere Kreise so ziemlich gleichgültiger Gegenstand. Etwas mehr Interesse dürfte die am Montag in Paris zusammengetretene lateinische Münz-Convention erregen, auf welcher wichtige Interessen der Conventions-Staaten zur Verhandlung gelangen sollen. In den leitenden Pariser Kreisen ist man der Ansicht, daß wenige Sitzungen zur Herbeiführung einer Verständigung genügen werden.
Die großen Feuersbrünste in den russischen Städten mehren sich in wirklich auffallender Weise. So haben in Moskau am vergangenen Sonntag in verschiedenen Stadttheilen nicht weniger als fünf Brände stattgefunden. Eine bedeutende Feuersbrunst war namentlich im Rogasch-Viertel, wo
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12 Häuser niedergebrannt sind; der Schaden in dem genannten Stadtviertel allein beträgt über 300,000 Rubel. Vielleicht sind diese häufigen Feuersbrünste mit aus das Conto der gegenwärtigen trockenen Jahreszeit zu setzen, vielleicht hat man es aber auch mit planmäßigen Brandstiftungen einer weitverzweigten Verbrecherbande zu thun; hoffentlich werden die eingeleiteten gerichtlichen Untersuchungen hierüber Näheres ergeben. Auch sonst kommen unerquickliche Nachrichten aus dem Czarenreiche. So gehen aus den Getreide bauenden Gouvernements fortdauernd Meldungen Über unbefriedigende Ernteaussichten ein. Die im Süden begonnene Ernte des Wintergetreides ist eine kann: mittelmäßige; das Sommergetreide mißräth dem Anscheine nach allenthalben; aus Charkow wird das Eintreten von Reaen gemeldet.
Die Londoner Nachrichten über den Stand der afghanischen Grenz» frage lauten heute wieder etwas ungünstiger, wenn auch nur ein ganz klein wenig. Der „Daily Telegraph" folgert wenigstens aus einer vom „Standard" gebrachten Behauptung, wonach die numerische Stärke der russischen Truppen am Herirud das stricte Fredensbedürfniß übersteige, daß das Londoner Cabmet Rußland noch um weitere Erklärungen über die Truppenverstärkungen angehen werde. Weiter weiß der „Standard" zu berichten, daß Rußland, obwohl es auf der Position bei Zulfikar bestehe, in Wirklichkeit Merutschak begehre und daß Merutschak, gegen die Anerkennung der Rechte des Emirs von Afghanistan aus.Zulfikar, an Rußland abgetreten werden dürste. Der Besitz von Merutschak ist ein altes Verlangen Rußlands, welches auch in dem jetzigen Stadium der afghanischen Grenzfrage wieder seine Rolle gespielt hat; wenn Rußland aber, wie der Meldung des „Standard" zu entnehmen ist, gesonnen ist, für Merutschak auf Zulfikar zu verzichten, so wäre dies ein Compromiß, dem England, ohne besondere Schwierigkeiten zu machen, seine Zustimmung ertheilen könnte.
Darmstadt, 22. Juli. Se. Königs Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: , r . u
Am 15. Juli den Hauptsteueramts-Assistenten 1. Klaffe der dem Hauptsteueramte Mainz, Christian v. Gödke, zum Revisions-Controleur, sowie den Hauptsteueramts-Assistenten 2. Klaffe bei dem Hauptsteueramte Darmstadt, Georg Göbel, zum Hauptsteueramts-Assistenten 1. Klaffe,
an dems. Tage den Forstaffeffor Ernst Emil Hoffmann aus Darmstadt zum Oberförster der Obersörsterei Ortenberg zu ernennen.
][ Darmstadt, 22. Juli. Das Commando der Großh. (25.) Division Hal, wie ich aus zuverlässiger Quelle vernehme, Befehl gegeben, daß eine strenge Untersuchung eingeleitet werde zum Zwecke der Klarstellung, aus welche Weise in das Barackenlager auf dem Artillerie-Schießplatz bei Gries- heim der Typhus eingeschleppt worden ist. In genanntem Lager cantonni- ren eben die König!. Württembergischen Feld-Artillerie-Regimenter Nr. 13 und Nr. 29, sowie das Fuß-Artillerie-Bataillon Nr. 13, welche zusammen die König!. Württembergische (13.) Artillerie-Brigade unter Commando des Obersten v. Gleich bilden. Kein Tag vergeht nun, daß nicht aus dem genannten Lager am Typhus erkrankte Württemberger hierhergebracht und dem hiesigen Garm- sonS-Lazarelh zur Behandlung übergeben wurden. Vor den Württembergern war bekanntlich das naffauifche Feld-Artillerie-Regiment Nr. 27 aus dem Artillerie- Schießplatz zur Abhaltung feiner Schießübungen gewesen, von welchem Regiment eine Abtheilung in dem vom Typhus heimgesuchten Wiesbaden in Garnison steht. Merkwürdiger Weise ist aber bei dieser nassauischen Abtheilung, solange sie im Griesheimer Lager cantonnirte, kein Typhusfall vorgekommen. Die Abtheilung ist auch nach dem Verlassen des Lagers gar nicht wieder nach Wiesbaden zurückgekehrt, sondern hat in Groß-Gerau und Umgegend Quartier bezogen, während der Stab hier in Darmstadt verblieb. Auch während dieser EinquartirungSzeit ist bei den Nassauern kein Typhussall vorgekommen, die Leute find vielmehr kerngesund. Aus dem Gemeldeten will man den Schluß ziehen, daß das Griesheimer Lager nicht durchfeucht war, als die Württemberger in dasselbe einrückten, daß vielmehr die Schwaben den Typhus aus ihrer Heimath mitgebracht hätten. Die eingeleitete Untersuchung wird darüber Aufklärung bringen. Einstwellen ist eü dem unheimlichen Gaste gegenüber für die Bewohner Darm- stadts eine Beruhigung, daß der trockene Sandboden unserer Residenz der denkbar ungünstigste Boden ist, den eine TyphuS-Epidemie für ihre allgemeinere Verbreitung finden könnte. Auffallend ist, daß von Amtswegen noch keinerlei Mitthellung in die Oeffentlichkeit gebracht worden ist; fie würde von vornherein übertriebenen Darstellungen, an welchen es nun nicht mehr fehlen wird, wrrrfam haben begegnen können. .
Telegraphische Depeschen.
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Gastein, 22. Juli. Der deutsche Kaiser unternahm Abends 6 Uhr, von dem Generallieutenant Lehndorff begleitet, eine einstundlge Spazierfahrt nach Bockltem. Qu Spm beutiaen D)iner war auch General Laval geladen. ,
$ Treten, 22. Juli. Das officielle Schiedsgericht des Turntestes hat dem ersten Sieger Jen new ein aus Stuttgart einen Kranz und em Diplom »erftetau Weitere Diplome haben Turner aus Frankfurt a. M., Wiesbaden, '..Mannheim, .Nun- »en, «=v9, Ch-mnitz fd)rei6t; ?i Bevölkerung Oesterreichs
awödrli!b dem Besuche des Deutschen Kaisers in Gastein nm den ruaTmften uthienWn^ndheß den ehrwürdigen Greio auf dem deutschen «aiertdrane derrlich willkommen Wir alle kennen und Preisen das Freund,chastsband, welches die Herrscher der beiden großen Mchbarrciche und ihre Nationen zum Segen des friede»


