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Freitag den 24. April
Nr. 91
ießener Anzeiger
für dm Kreis Gießen
Amts- und i
^Selters,
Erscheint täglich mit
e*re<tut Schulstraste 7.
Betreffend: Die Hessen-Naffauische Vieh-Versicherungs-Gesellschast in Marburg.
. Politische Ueberficht.
Gießen, 23. April.
Die am Montag begonnene Berathung der Viehzölle im Reichstage hat der „freien wirthschaftlichen Vereinigung" wieder neue Siege gebracht. Die Regierungs-Vorlage enthält keine Aenderung der Zollsätze, welche b-ezüglich dieser Position bestehen, dagegen hatte die schutzzöllnerische Coalition bei illen Theilen derselben beträchtliche Zollerhöhungen beantragt, welche auch sämmt- lich angenommen wurden. Zunächst geschah dies hinsichtlich des Eingangszolles für Pferde, den die Schutzzöllner von 10 auf 20 «X. pro Stück zu erhöhen beantragen, welcher Vorschlag in namentlicher Abstimmung mit 126 gegen 94 Stimmen angenommen wmde. In der sehr eingehenden Debatte hierüber machten He Freunde des Antrages zu dessen Vertheidigung hauptsächlich geltend, daß die Zollerhöhung die Einfuhr schlechter Pferde verhindern oder wenigstens erschweren und dadurch zugleich die Gefahr dec Seuchen-Einschleppung verringern werde, mährend die Gegner des Antrages betonten, daß die Zollerhöhung den Schmuggel begünstige und damit auch die Gefahr ansteckender Krankheiten gefördert werde; außerdem meinte Abg. Eugen Richter, daß der erhöhte Zoll dem Landmanne die Anschaffung billiger Pserde erschwere. Bei der Position Stiere und Kühe hatte die freie Vereinigung einen Zoll von 9 «X (früher 6 «X), für Ochsen 30 «X (früher 20 «XJ, für Jungvieh im Alter bis zu 272 Jahren einen Zoll von 6 eX (früher 4 <X) und für Kälber unter 6 Wochen einen solchen von 3 .X (früher 2 <X) pro Stück vorgeschlagen. Die Verhandlung hierüber war eine seyr lebhafte und trat hierbei besonders die Spaltung des Centrums scharf zu Tage. Von dieser Partei sprach sich Abg. Diendorfer entschieden gegen die Erhöhung des Ochsenzolles aus, der die ländliche Bevölkerung namentlich m den Grenzbezirken schwer schädigen müsse, die mit ihrem Bedarse an Zug- uchsen vorwiegend auf das Ausland angewiesen sei; speciell bezog sich Abg. Diendorser auf seinen Wahlkreis im bayerischen Walde. Seinem Fraktionsgenossen trat, nachdem Staatssecretär v. Burchard erklärt hatte, daß die verbündeten Regierungen zur Frage Der Viehzölle noch keine Stellung genommen hätten, Abg. v. Schalscha, der Führer der Centrums-Mitglieder, welche der wirthschaftlichen Vereinigung angehören, mit der Bemerkung entgegen, daß das, was Abg. Diendorser gesagt, vielleicht für dessen Wahlkreis, nicht aber für das ganze übrige Bayern gelten könne. Bemerkenswerther Steife gab der r^stortirende bayerische Bundescommissär hie Erklärung ab, daß die Grenz- bezirke Bayerns in der That kein Interesse an einer Erhöhung der Viehzölle hätten und in ähnlichem Sinne sprach sich auch der socialistische Abg. v. Voll- mar, Vertreter für München (Land) aus. Von Seiten der freisinnigen Partei wandte sich Abg. Rickert in schärfster Weise gegen die Anträge dec wirth- I schastlichen Vereinigung rote im Weiteren gegen die gesammte Zoll- und Finanzpolitik der Reichsregierung, wobei er betonte, daß auch die Viehzölle lediglich dem Großgrundbesitze zu Gute kämen und gab im Uebrigen der Hoffnung Ausdruck, daß die Rückkehr vom Schutzzollsystem zum Altbewährten sicher erfolgen werde. Auch auf den bekannten Antrag v. Huene im preußischen Abgeordnetenhause exemplicisirte Herr Rickert, von dessen Annahme oder Ablehnung die Entscheidung des Centrums in der dritten Lesung der Zolltarif-Novelle abhänge, dies fei aber der reine Hohn auf die einheitliche Finanzpolitik des Reiches. — Die erwähnten Anträge der wirthschaftlichen Bereinigung wurden schließlich fämmtlich angenommen, speciell die Erhöhung des Ochsenzolles mit 122 gegen 111 Stimmen; dafür stimmten die Consecvativen und die Polen, ein Theil des Zentrums und etwa 10 Nationallibecale. Am Dienstag debattirte der Reichstag über die Zölle für Schweine, Schafvieh, Lämmer und Ziegen und sind auch hier die erhöhten Zollansätze durchgängig angenommen worden.
Der König von Schweden traf aus der Rückreise von Konstante n-spel nach Stockholm am Dienstag Vormittag in Berlin ein, wo Nachmittags ihm zu Ehren ein Galadiner beim Kaiser und der Kaiserin stattsand. Abends 1:1 Uhr setzte der König mittelst Extrazuges die Heimreise fort.
Von überseeischen Unternehmungen Deutschlands ist es in letzter Zeit wieder still gewesen. Lediglich von der an der ostasrikanischen Küste stationiNen Corvette „Gneisenau" wird gemeldet, daß ihr Commandant mit einem Häuptling, dessen Gebiet an das Sultanat von Zanzibar grenzt, einett Vertrag abgeschlossen hat, durch welchen der Häuptling sein Land unter deutschen Schutz stellt. In Kamerun consolidiren sich die Verhältnisse mehr und mehr und man kann unter diesen Umständen wohl der baldigen Abbeorderung der noch vor Kamerun ankernden deutschen Kriegsschiffe — die „Olga" befindet sich bereits auf der Heimreise — entgegensehen.
Der österreichische Reichsrath ist am Mittwoch Mittag mittelst «imv vom Kaiser verlesenen Thronrede geschlossen worden, nachdem am Montag vorher das Herrenhaus noch die Nordbahn-Vorlage einstimmig genehmigt hatte. Die Auflösung des Abgeordnetenhauses und die Ausschreibung der Neuwahlen wird unmittelbar folgen; wie es heißt, sollen dieselben am 8. Juni beginnen und am 15. Juni geschloffen werden. Die eigentliche Wahlcampagne wird also kaum 6 Wochen dauern und 1)ies rechtfertigt zur Genüge, daß man jetzt schon allerorten in Oesterreich die Vorbereitungen für die Wahlen trifft. Allen Anzeichen nach zu urtheilen, wird sich der Wahlkampf zu einem sehr lebhaften ge- statten und kann man seinem Ausgange mit Spannung entgegensetzen.
Die Meldungen von ernsten Ausständen, die an verschiedenen Punkten Spaniens ausgebrochen sein sollten, werden jetzt von der spanischen Botschaft in Paris entschieden bementirt. Es stellt sich heraus, daß die bezüglichen Gerüchte von den Pariser Parteigängern des im Exil lebenden bekannten Führers der spanischen Ultraradikalen, Zorilla, hervorgerufen worden sind, um der Regierung des Königs Alfonso in der öffentlichen Meinung des Auslandes zu schaden und gewisse Kreise der Pariser Börse haben dann diese Gerüchte zu ihren Speculationen ausgebeutet. Es mag jein, daß sich die Anhänger Zorilla's mit dem Gedanken an einen neuen Putsch tragen, aber der klägliche Ausgang des im vorigen Jahre von ihnen in Scene gesetzten Putsches dürste ihnen wohl zu Gemüthe sühren, wie wenig die große Mehrheit der spanischen Bevölkerung geneigt ist, derartige thörichte Unternehmungen zu unterstützen.
China hat sich jetzt mit Japan wegen des koreanischen Conflicts in gütlicher Weise auseinandergesetzt. Beide Staaten haben sich laut Vertrages dahin verständigt, ihre Truppen aus Korea zurückzuziehen und verzichtet Japan auf eine Entschädigung. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Korea soll eine einheimische Gensdarmerie unter dem Befehle fremder Officiere ge- blldet werden. ., ,
Wie Sonnenschein und Regen im April, so wechsln in der afghanischen Frage die Friedensklänge mit dm kriegerischen Nachrichten ab. Jetzt herrschen wieder einmal letztere vor, die russische Regierung soll pwtzlich mit maßlosen Forderungen hervorgetreten sein, während andererseits bie „Daily News" wissen wollen, daß die Gerüchte von einer Abtretung Pendjehs und anderer Punkte an der afghanischen Grenze völlig aus der Lust gegriffen seien. Die neuesten Meldungen besagen Folgendes: „Dally News" bementiren, baß Rußland weitere Gebietsforderungen gestellt habe, Rußland halte an feinen ursprünglichen Forderungen fest und sei die Basis der Controverse unverändert. Die britische Regierung beschloß, die Colonne Graham unverzüglich aus dem Sudan zurückzuberufen, um die besten Soldaten Englands nicht langer dem dortigen Klima auszusetzen. Der „Standard" schreibt, bte neuesten Schwierig- feiten seien dadurch entstanden, daß die brittsche Regierung verlangte, Rußland solle über die neu zu fixirende afghanische grenze unter fernen Umständen hinausgehen. Rußland habe hierüber allgemeine Versicherungen ertheilt, aber keine bestimmten Verpflichtungen eingehen wollen. Ein Telegramm des „Standard" aus Tirpul meldet: Lumsden conftatirte, daß der Angriff Komaroff's völlig unprovocirt war, Komaroff habe vielmehr die Afghanen gezwungen, die nöthigsten Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. - Eine Londoner Meldung besagt, daß die Angelegenheit des von der egyptischen Regierung suspenbrrten
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Gießen, am 21. Aprls 1885.
Betreffend: Die Bildung der für das Jahr 1885/86 nöthigen Weinsteuer-Einschätzungs-Commisstonen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
a« di- Großherzogliche« Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme von Gießen.
1lnfpr Reruanabme auf die Artikel 4, 6 und 7 des Gesetzes und § 4 der Verordnung vom 9. December 1876 (Regierungsblatt Rr. 53), die Nefteueruna des W«ns betreffend, beauftragen wir Sie, alsbald durch dm Gemeinderath drei Mitglieder und zwei Stellvertreter derselben für die nach tlrtikel 4 des genannten Gesetzes zu bildende örtliche Commission wählen zu lassen und das Ergebniß der Wahl uns binnen 14 Tagen nntzuthellen.
ö Dr. Boekmann._
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S^ur* Beschluß der Königlich Preußischen Regierung zu Kaffel, welcher am 8. Februar l. I. Rechtskraft erlangt Hat, ist der Hessen-Raffauischen Liehversicherungs-Gesellschaft zu Marburg die Concession zum Geschäftsbetrieb entzogen worden. Die laufenden Versicherungsverträge haben bis zum 1. April l. Gültigkeit behalten. Das Liquidationsverfahren ist eingeleitet.
Gießen, am 21. April 1885- Großherzogliches Krersamt Gießen.
p Ur. Boekmann.
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