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Rp. 167 Mittwoch den 22 Juli 188»
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 21. Juli.
Die braunschweigische Thronsolgefrage giebt nach dem im < Bundesrathe gefaßten Beschlüsse bezüglich der Ausschließung des Herzogs von Cumberland noch immer Anlaß zu allerhand Bemerkungen und Erörterungen. Man beschäftigt sich namentlich mit der Frage der Einsetzung eines Regenten; noch läßt sich nicht im Geringsten erkennen, auf welche Person die Wahl fallen könnte, trotz aller hierüber umlaufenden Gerüchte, wie z. B., daß der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Heinrich VII. Neuß, am meisten AuSsscht habe, zum Regenten von Braunschweig gewählt zu werben. Man ist deshalb bereits bis zu der Behauptung gelangt, daß die gegenwärtige Regentschaft über den in dem braunschweigischen Gesetze bestimmten Jahrestermin hinaus verlängert werden würde. Hierfür liegt aber kein Anzeichen vor; gerade entgegengesetzt gilt es unter den verbündeten Regierungen für unzweifelhaft, daß an dem im braunschweigischen Regentschafts-Gesetze vorgeschriebenen Tage ein Regent die Regierung des Herzogtums antreten wird. Es ist auch keine Instanz vorhanden, welche das Regentschafls-Gesetz abändern könnte und würde man überhaupt in allen Kreisen der braunschweigischen Bevölkerung das Aufhören des jetzigen Provisoriums mit Freuden begrüßen.
Der vor dem Berliner Schöffengericht verhandelte Beleidigungs- Proceß des Elberfelder Fabrikanten Schmidt gegen Hofprediger Stöcker hat mit der Verurteilung beider Parteien wegen gegenseitiger Beleidigung geendigt, und zwar wurde Stöcker zu einer Geldstrafe von 150 Schmidt zu einer solchen von 50 JL verurteilt.
Der andauernde Mangel an hervorragenden Nachrichten auf dem Gebiete der inneren Politik lenkt die allgemeine Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße aus das VI. allgemeine deutsche Turnfest, welches gegenwärtig in den Mauern Dresdens gefeiert wird. Die ungemein zahlreiche Betheiligung, die dasselbe in den Turnerkreisen ganz Deutschlands, ja, auch weit über die Grenzen des Reiches hinaus, bis jenseits der Gestade des atlantischen Oceans gesunden hat, bürgt allein schon dafür, daß das Fest einen echt nationalen Charakter tragen und daß es sich somit seinen Vorgängern würdig an- schließen wird. Namentlich dürste auf demselben bei der starken Betheiligung der deutsch - österreichischen Turnerschast die Zusammengehörigkeit der Deutschen tm neuen Reiche und in Oesterreich zum prägnanten Ausdruck gelangen. Trägt doch gerade die Turnerei in Oesterreich den deutsch-nationalen Charakter in ausgeprägtestem Maße und es wird deshalb den Deutsch-Oesterreichern anläßlich des Turnfestes für ihr muthiges Ausharren im Kampfe gegen Slaven und Magyaren und zugleich zur Ermunterung zu weiterer Festigkeit an den lebhaftesten Sympathie-Bezeugungen nicht fehlen. Die Resolution, welche der sächsische Landesverband des Allgemeinen deutschen Schulvereins in feiner vorige Woche zu Dresden stattgesundenen Versammlung, aus welcher das Thema: „Die Deutsch- Oesterreicher auf dem Dresdener Turnfeste" zur Besprechung stanv, gefaßt hat und welche mit den Worten schließt: „Wir sprechen die Erwartung aus, daß das sechste deutsche Turnfest in wirksamer Weise dazu beitragen wird, einerseits den Deutsch-Oesterreichetn das Bewußtsein unlösbaren, inneren Zusammenhanges mit uns und damit die Freudigkeit und Frische im Kampfe für die gemeinsame deutsche Sache zu stärken und andererseits dem deutschen Schulverein, dem Mittelpunkt der Bestrebungen zur Erhaltung des DeutschthumS außerhalb des deutschen Reiches zahlreiche neue Freunde und Anhänger, soweit die deutsche Zunge klingt, zuzusühren", wird gewiß aus allgemeine Zustimmung rechnen dürfen.
Der in Trebitsch in Mähren stattgefundene Arbeiter- Krawall hat noch nachträglich zu zahlreichen Verhaftungen geführt, auch ist einer der bei den Tumulten verwundeten Arbeiter seinen Verletzungen erlegen. Die gepflogene Untersuchung hat den socialistischen Charakter der Tumulte in vollem Umfange bestätigt, gerade wie dies bei den blutigen Vorgängen in Brünn der Fall gewesen ist; ob indessen die Vorgänge in Brünn und in Trebitsch in einem birecten Zusammenhangs mit einander stehen, ist noch nicht erwiesen. Bezüglich der Brünner Unruhen hat noch in voriger Woche der Proceß gegen die verhafteten Rädelssührer und Arbeiter begonnen, doch scheint derselbe ohne besondere Zwischenfälle verlaufen zu wollen, da sich die Brünner Arbeiterschaft dem Procefle gegenüber vollständig gleichgültig verhält.
Der Schluß der Parlaments-Session in Frankreich, welcher für den 25. Juli in Aussicht genommen war, wird sich nun doch nicht zu diesem Termin ermöglichen lassen. Es heißt, der Senat würde die Berathung des Budgets erst am 27. Juli beginnen und würden somit die Kammern nichr vor Anfang August auseinandergehen können; die Deputirtenkammer hat das Budget in ihrer Sitzung am Freitag im Ganzen angenommen.
Die aus $ue einlaufenden Depeschen des Generals Courcy bestätigen, daß die Franzosen Herren der Situation in der anamitischen Hauptstadt geblieben sind. Die königliche Familie ist nach §ue zurückgekehrt und hat sich zur Einsetzung eines neuen Regenten, Namens Dhosnan, des Oheims des bisherigen Regenten Tüduc, bereit finden lassen. Dhosnan steht natürlich, wie das ebenfalls eingesetzte neue Ministerium in Hue, ganz unter französischem Einflüsse und hat unter dem Drucke desselben auch eine Proklamation an die Anamiten gerichtet, in welcher er dieselben auffordert, den französischen Truppen in der Verfolgung der Aufrührer und Plünderer beizustehen. Daß es den Franzosen Indessen noch nicht gelungen ist, die anamitische Armee gänzlich zu zerstreuen,
geht aus einer anderweitigen Meldung Courcy's hervor, wonach der anamitische General Thuyet noch mit 1500 Mann in der Citadelle von Camda steht. General Courcy hat sich nach Haiphong zu einer Besprechung mit den Divisions- Genekälen begeben und gedenkt bei der Rückkehr nach Huv die Häsen von Anam zu besichtigen.
Jenseits der Pyrenäen spukt wieder einmal das Gespenst eines Pronunciamentos. Die spanische Polizei will zu gleicher Zeit in Madrid, Saragossa und Mataro republikanische Verschwörungen entdeckt haben. In Saragossa sind 60 Personen, darunter ein Oberst und mehrere andere Offictere^ welche schon wegen Fahnenflucht zum Tode verurtheilt und kürzlich aus Frankreich -urückgekehrt waren, verhaftet worden. In der Nähe von Mataro in Catalonien stießen Gensd'armerie-Patrouillen auf eine Bande, von der 8 Mann festgeuommen worden sein sollen. Endlich hat die Polizei in Madrid eine Waffen- Niederlaae, sowie Papiere ausgefunden, welche einen Einblick in die Verschwörung gestatten.
Der Feldzug, den die Schweizer Bundesregierung gegen die in der Eidgenossenschaft wohnhaften Anarchisten bis vor Kurzem geführt hat, scheint doch noch nicht zu Ende zu sein. Die jüngst in Bern stattgefundene turbulente Anarchisten-Lersammlung, aus welcher in den heftigsten Ausdrucken gegen die stattgefundenen Ausweisungen von Anarchisten aus der Schweiz pro* testirt wurde, giebt dem officiöfen Berner „Bund" Veranlassung zu der Erklärung, daß noch Manche der bis jetzt in Untersuchung gestandenen Anarchisten derart compromittirt seien, daß der Bundesrath von seinem Ausweisungsrechte noch einen weiteren Gebrauch machen dürfte. Der Bundesrath werde sich dieses Recht durch fremde Lästermäuler, die im Lande blos geduldet würden, sicherlich nicht schmälern lassen. Das heißt deutlich genug gesprochen!
Di.e Gerüchte über eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser von Rußland und dem Kaiser von Oesterreich wollen trotz aller Dementis nicht verstummen. Jetzt geht der „Nat.-Ztg." wieder eine Wiener Privatmeldung zu, in welcher diese Zusammenkunft als in den ersten Septembertagen bevorstehend und als Ort der Entrevue das historische Schloß Reichstädt in Böhmen bezeichnet wird. Die „Nat.-Ztg." bemerkt hierzu: „Der Gegenbesuch des russischen Kaisers in Oesterreich darf trotz aller entgegenstehenden Gerüchte als im höchsten Grade wahrscheinlich gelten; ist er doch nach dem Besuche Kaiser Franz Josefs in Skierniewice selbstverständlich. Indessen wird voraussichtlich bei jener Zusammenkunft bis zur vollzogenen Thatsache die Angelegenheit im Halbdunkel gelassen werden."
Der erste beunruhigende Eindruck, den die unerwarteten Nachrichten von russischen Truppen-Zusammenziehungen in Central-Asien und von entsprechenden Gegenvorkehrungen der Afghanen in Herat allenthalben in Europa hervorgerusen haben, ist bereits wieder stark im Schwinden begriffen. Sogar die Londoner Blätter „wiegeln" wieder eifrig „ab"; ihnen zufolge sind die Gerüchte über bedrohliche Truppen-Bewegungen der Russen an der turkmenischafghanischen Grenze bedeutend übertrieben, ein wirklicher Vorstoß der Russen gegen Zulfikar hat nicht stattgesunden und der Paß selbst ist nicht von denselben besetzt. Auch in Petersburg bemüht man sich, den beunruhigenden Gerüchten entgegenzutreten; das „Journal de St. Pötersbourg" erklärt, daß, wenn einige Bewegungen der russischen Truppen aus Zulfikar stattgesunden, diese ganz unbe- beutend waren. Jedenfalls sei die russische Regierung fest entschlossen, Nichts zu thun, was die schwebenden Verhandlungen compromittiren könnte.
Darmstadt, 10. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: c
Am 11. Juli den Revisions-Controleur bei dem Hauptsteueramte Mainz, Johann Martin Bender, aus sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner langjährigen treugeleisteten Dienste in den Ruhestand zu versetzen, sowie den Revisor 1. Klaffe bei den Oberhesfischen Eisenbahnen, Jacob Kreuder, zum Hauptkassier bei diesen Bahnen zu ernennen.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 11. Juli den Steuer-Controleur Ernst Peters zu Gießen zum Steuer-Commissär des Steuer-Commiffariats Schotten, sowie den Hauptfteuer- amts-Assistenten 2. Klasse bei dem Hauptsteueramte Offenbach, Phil. Spiegel, zum HauptsteueramtS-Assistenten 1. Klaffe zu ernennen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorrespoudenz-Bureau.
Mainau, 20. Juli. Der Kaiser ist über Lindau und München nach Gastein abgereist. Gr übernachtet in Rosenheim. t m , ... o
Lindau, 20. Juli. Seine Majestät der Kaiser traf heute Nachmittag 2 Uhr 20 Minuten hier ein und wurde bei seiner Ankunft von I. K. Hoheit der Prinzessin Louise von Preußen begrüßt. Um 3^4 Uhr setzte Se. Maiestat nach herzlicher Verab- schiedung von dein Großherzog und der Großherzogin von Baden die Reise nach Roten- beim fort, wo daS Nachtquartier im „Kaiserbad" genornnien wird.
' Dresden, 20 Juli An dem Bankette in der Festhalle nahmen gegen dreitausend Personen Theil. Georgi (Eßlingen) brachte einen be0cift^t aujflcnommemn Toast auf den Kaiser und den König von Sachten aus. Breitere Trinktpruche galten deni Vaterlande, der Turnerschaft, den Ehrengatten. An den Kaiser und den König von Sachsen wurden Huldigungstelegramme abgetendet.
Breslau, 20. Juli. Ter Nervenpathologe, Prosesior der hietigen Universität, Berger, ist in Salzbrunn gestorben. _ .
Salzburg, 20. Juli. Der Statthalter Graf Thun begibt nach Gattern zu dem morgigen Empfange des Kaisers Wilhelm.


