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Nr. 92 Mittwoch den 22. April 1865
(s-iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Amtlicher Iheil.
Betreffend: Die Bildung der Schöffen- und Schwurgerichte. Gießen, am 20. April 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.
Die Spruchlisten der Geschworenen haben in mehrfachen Fällen die Namen von Personen enthalten, welche das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet >oer das 65. bereits überschritten hatten, und sind hierdurch in den Schwurgerichtssitzungen den Fortgang der Verhandlungen hemmende Weiterungen veranlaßt worden. Derartige Vorkommniffe können nur durch eine genaue Beobachtung der hinsichtlich der Ausstellung der Urlisten der Schöffen und Geschworenen bestehenden Bestimmungen vermieden werden. Wir machen Ihnen daher die sorgfältige Befolgung der Vorschriften in § 1 und 3 der Verordnung über die Bildung der Schöffengerichte und der Schwurgerichte vom 14. Mai 1879, wonach Personen unter 30 Jahren nicht in die Urlisten aufzunehmen und AblehnungSgründe — zu welchen insbesondere die Vollendung des 65. Lebensjahres gehört — bei Einsendung der Urlisten an das Amtsgericht ausdrücklich «rnzugeben sind, zur Pflicht und bemerken Ihnen hierbei insbejondere, daß Sie in allen Fällen, in welchen Zweifel darüber bestehen, ob eine in die Urliste Luszunehmende Person das 30. oder 65. Lebensjahr vollendet habe, sich durch eine Anfrage bei derselben oder in sonst geeignet scheinender Weise genau über seren Alter zu vergewissern haben.
Dr. Boekmann.
Politische Uebersicht.
Gießen, 21. April.
Bei der Spannung, welcher der englisch-russische Conflict noch immer Ar die gesammte Volkslage verursacht, ist es wichtig, das Ziel Rußlands in seiner astatischen Politik kennen zu lernen. Nach einer an kühne Romantik strei- jenden Sage, genau wie es das Testament Peters des Großen sein sollte, Kon- Äantinopel mit der ganzen europäischen Türkei für Rußland zu gewinnen, soll bas russische Reich Lust verspüren, auch noch Indien zu verspeisen. Wer die ungeheure Größe Indiens zu würdigen weiß, wem ferner bekannt ist, daß riesige Hochgebirge und halb barbarische Länder in weiter Ausdehnung zwischen den central-asiatischen Besitzungen Rußlands und den gesegneten Gefilden Indiens liegen, der wird über einen russischen Eroberungszug nach Indien lächeln, zumal auch angenommen werden muß, daß England Indien mit Aufbietung aller Kräfte vertheidlgen würde. Ein Russenzug nach Indien ist einfach verfrüht, denn den kann vielleicht das nächste Jahrhundert sehen. Aber nach einem anderen, praktischen und allmälig erreichbaren Ziele strebt Rußland. Es will für seine ganz abgelegenen und abgeschlossenen central-asiatischen Länder einen Hafen am Weltmeere, am indischen Ocean, oder genauer gesagt, am arabischen Meerbusen, und dieses Ziel ist zu erreichen, ohne daß Rußland Indien zu erobern und mit England in einen Kampf auf Leben und Tod zu gerathen braucht. Freilich muß England so gerecht sein und Rußland auch einen Hasen am Weltmeere gönnen. Die russische Hafenstadt der Zukunft braucht, wie Petersburger Zeitungen ausgeführt haben, nicht in Indien zu liegen, sondern in Belutschistan in der Bai von Sonnijani. Um diese Bai zu besitzen, hätte Rußtanß der persischen Grenze entlang nur einen schmalen Streifen von Afghanistan und Belutschistan zu erwerben und könnte diese Erwerbung, wenn England, wenn auch mit einigen Vorbehalten, zustimmt, nahezu ohne Blutvergießen stattfinden, denn die Khanate von Afghanistan und Belutschistan sind ohnmächtige, noch halb barbarische Vasallen - Staaten, bald zu England, bald zu Rußland neigend.
Bei einem derartigen Plane, die Gegnerschaft Rußlands und Englands in Asien zu lösen, muß allerdings bedacht werden, daß die gegenwärtige Stellung Rußlands bei Pendjeh noch ungefähr 300 deutsche Meilen vom arabischen Meerbusen und der Bai von Sonnijani entfernt ist und Rußland schwerlich diesen Plan auf einmal durchzusetzen im Stande sein dürfte. Es wird sich wohl begnügen, wenn es jetzt an den westlichen Ausläufern des Paropamisusgebirges ein oder zwei Etappen in südöstlicher Richtung gewinnen und später mehr erreichen kann, denn in jenen halb barbarischen Staaten müssen alle Vorwärts- Bewegungen gut vorbereitet und gesichert werden. Ungefähr 50 Meilen steht auch Rußland noch von Herat entfernt und wäre Herat schon ein sehr großer Fortschritt Rußlands nach dem arabischen Meere, vielleicht begnügt sich aber auch Rußland vorläufig mit Pendjeh, einem streitigen von Turkmenen-Stämmen bewohnten Khanate und woraus sie unter General Komaroff von den Russen wieder vertrieben worden sind.
General-Feldmarschall Frhr. v, Manteuffel hat in seiner Eigenschaft als commandirender General des 15. Armee-Corps (Elsaß-Lothrin- gen) in der Person des General-Lieutenants v. Henduck, Commandeur der Kavallerie-Division in Metz, einen Stellvertreter erhalten. Man nimmt an, daß dsiese Maßregel die Einleitung zu der von Herrn v. Manteuffel längst beabsichtigten Niederiegung seines Commandos bildet; übrigens ist die Ernennuug eines Stellvertreters für einen commandirenden General neu.
Das kaum hergestellte sriedliche Einvernehmen zwischen Fnankreich und China droht bereits wieder bedenklich erschüttert zu werden. Astier Meldung der Pariser osficiösen „Agence Havas" zufolge lassen die neue
sten Nachrichten aus China neue Zwischenfälle befürchten, und zwar in Folge der dem Admiral Courbet zugegangenen Weisung, Formosa nicht zu räumen. Mehrere Pariser Blätter sprechen sich dahin aus, Frankreich solle als Compen- sation für die Räumung FormosaS einstweilen die Fischer-Inseln behalten. Der Hmstan^, daß die in den Friedens-Präliminarien festgesetzte Räumung FormosaS Seitens der Franzosen wieder aufgeschoben worden ist, deutet darauf hin, daß die chinesische Regierung bei der Ausführung des Friedens-Vertrages plötzlich Schwierigkeiten macht und das neue französische Cabinet wird hierbei gleich Gelegenheit haben, seine Umsicht und Energie zu zeigen.
Die irische Rundreise des englischen Thronfolger-Paares hat bekanntlich zu unliebsamen Zwischenfällen geführt, die von den Nationalisten hervorgerufen wurden. In Cork, das überhaupt wegen der Roheit und Streitsucht seines Pöbels bekannt ist, kam es sogar bei der Anwesenheit des prinz- lichen Paares zu Straßen-Tumulten und wenn vielleicht auch die anständigeren Elemente unter der Nationalpartei diese Pöbelklaffe mißbilligen, so werfen letztere doch immerhin ein bedenkliches Licht aus die Stimmung der irischen Bevölkerung gegenüber England. Mit dieser Stimmung müßte aber England im Falle eines Krieges' mit Rußland rechnen, jeder russische Sieg würde auf der „grünen Insel" sicher mit Genugthuung begrüßt werden und den irischen Revo- lutionären den Kamm schwellen lassen. Vielleicht, daß die bisherigen Ergebnisse der irischen Reise des Prinzen von Wales die englische Regierung veranlassen, die Stimmung der Bevölkerung Irlands mit in den Kreis ihrer Berechnungen zu ziehen, und möglich, daß dies ein Faktor ist, der zu Gunsten des Friedens mit in die Waagschale fällt.
Die Operationen der Engländer gegen die Rebellen im Ost-Sudan sind jetzt nach einer Pause wieder ausgenommen worden. Drei engl. Colonnen, die eine von Suakim, die andere von Henduk, die dritte von Otao, sollten am Samstag früh ausbrechen, um Deberet zu besetzen, das etwa 12 deutsche Meilen nordwestlich von Suakim gelegen ist. Es dürste sich bei dieser Bewegung wohl mehr um die Sicherung der von Suakim aus in der Richtung nach Berber zu im Bau begriffenen Eisenbahn, als um einen Vorstoß gegen Osman Digma handeln. Ob sich die Streitkräfte desselben wirklich zerstreut haben, weil die Engländer die für die Verproviantirung und Wafferzufuhr geeigneten Orte besetzt haben, bedarf indessen noch der Bestätigung. — Der Conflict zwischen der französischen und der egyptischen Regierung in Sachen des Blattes „Bosphore Egyptien" nimmt ernstere Dimenstonen an. Die letztere hatte die Suspendirung dieses französischen Interessen dienenden Kairenser Journals wegen seiner beleidigenden Angriffe auf die egyptische Regierung verfügt, die französische Regierung verlangte Die Zurücknahme dieser Maßregel, aber in Kairo weigert man sich dessen und wie es heißt, will der egyptische Ministerpräsident Nubar Pascha lieber zurücktreten, als sich den französischen Forderungen fügen.
Der englisch-russische Conflict trägt fortgesetzt die friedlichere Physiognomie zur Schau, die er in jüngster Zeit angenommen hat. In London wie in Petersburg betont man, wie erwünscht eine friedliche Lösung der Differenzen wegen der afghanischen Grenze für beide Therle wäre und wenn man auch an der Themse dann und wann noch ein bischen mit dem Säbel rapelt, so hat sich doch auch in England das kriegerische Fieber ganz bedeutend abge- kühlt. Inzwischen haben sich die Russen in Pendjeh bereits häuslich eingerichtet und hat General Komaroff daselbst eine provisorische Regierung eingesetzt, ja daß man sich in London wohl oder übel mit dem Gedanken wird vertraut machen müssen, daß die Russen in Pendjeh bleiben werden. Parallel mit den afghani- scheu Wirren gehen Unruhen in dem ehemaligen Khanate Kaschgar, wo eine mohamedanische Jnsurrection ausgebrochen ist. Die Aufständischen haben die chinesischen Truppen nach einem heftigen Kampfe geschlagen und die bedeutende Stadt Jarkend besetzt.


