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22.3.1885 Zweites Blatt
 
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Ijx. tzA. Zweites Blatt Sonntag den 22. März LASS

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Wochen - Ueberflcht.

GieHen, 21. März.

Ein freudiges Ereigniß vermittelt diesmal den Uebergang von der zu Ende gegangenen Woche zur neuen Woche der Geburtstag des Kaisers. Längst ist der 22. März dem deutschen Volke zu einem Fest- und Ehrentage geworden und als solchen begeht es ihn auch diesmal; alle Parteien finden in der Liebe zu dem greisen Monarchen, der an diesem Sonntage sein achtundachtzigstes Lebensjahr vollendet, einen gemeinsamen Berührungspunkt, vor dem Bilde des ehrwürdigen Herrschers schweigt mit Recht der unselige Parteizwist, der unser gesammtes öffentliches Leben zu vergiften droht. Die außerordentlichen Erfolge, welche die Regierung Kaiser Wilhelms. nach jeder Dichtung hin auszuweisen hat, wie nicht minder seine persönlichen Eigenschaften rechtfertigen es in vollstem Maße, daß das deutsche Volk mit Stolz und Be­wunderung auf seinen Kaiser blickt und es ist nur natürlich, daß dessen Ge­burtstag immer wieder den äußeren Anlaß bildet, um ihn der Liebe und Ver­ehrung seines Volkes zu versichern. Aber auch das Ausland benutzt diese Gelegenheit, um Kaiser Wilhelm seine Hochachtung zu bezeugen und hierbei zugleich das Vertrauen auszudrücken, welches man allerwärts der Friedens­politik der Kaiserlichen Regierung entgegenträgt. In dieser Hinsicht erscheint namentlich der Besuch des Prinzen von Wales und seiner fürstlichen Begleiter in Berlin bedeutsani. Der englische Thronfolger überbringt dem deutschen Kaiser zu dessen Eintritt in ein neues Lebensjahr die Glückwünsche seines Hauses und wenngleich das vom Kaiser erreichte ehrwürdige Alter und die so nahe Verwandtschaft zwischen den Höfen von Berlin und London allein schon genügen würden, diesen Besuch zu rechtfertigen, so erscheint derselbe doch ouch noch in einem besonderen politischen Lichte. Der Besuch schließt in offen­kundiger Weise die Reihe der diplomatischen Mißverständnisse ab, die seit Jahresfrist zwischen Deutschland und England wegen der colonialen Fragen ebgewaltet haben und daß der Geburtstag Kaiser Wilhelms den äußeren Anlaß zu dieser Documentirung der wieder hergestellten guten Beziehungen zwischen den beiden Nationen bildet, kann bei der Feier des 22. März nur mit hoher Genugthuung ersüllen.

Das parlamentarische Wochen-Ereigniß war die am Mon­tag seitens des Reichstags in zweiter Lesung erfolgte Annahme der Post­dampfer-Vorlage, "welche nur um die afrikanische Linie gekürzt worden ist. Hiermit ist die Periode der erregten und nach mehr als einer Seite hin hochinteressanten Auseinandersetzungen im Reichstage über die colonial-politi­schen Bestrebungen der Regierung zu einem vorläufigen Abschluß gelangt und nehmen den Reichstag augenblicklich wieder Gegenstände der inneren Politik in Anspruch. Die am Dienstag wieder aufgenommene fernere Berathung der Zolltarif-Novelle ergab die Ablehnung aller Anträge, welche theils alle Gemüse, theils nur verschiedene Sorten mit einem Zoll belegt wissen wollten und verblieb es bei dem Vorschlag der Negierung, wonach Gemüse zollfrei sind. Am Dienstag trat der Reichstag in die zweite Lesung der Holzzoll- Vorlage ein. Eine eingehende Debatte knüpfte sich sofort an die Anträge, welche bezüglich der ausländischen Hölzer die bisherigen Zollsätze beibehalten wollen. Die Vertheidiger dieser Anträge suchten darzuthun, daß die dreifache Erhöhung dieser Zölle in keiner Weise gerechtfertigt sei, denn dieselben könnten ihrer Natur nach weder den deutschen Wald schützen, noch seien sie finanziell von Bedeutung; andererseits schädigten sie aber nothwendig das deutsche Kunsts gewerbe in seiner Concurrenzfähigkeit. Dem gegenüber wurde für die Zoll­erhöhung geltend gemacht, daß dieselbe bei ihrer Geringfügigkeit für die be­treffenden Industrien um so weniger nachtheilig wirken können, als die betreffenden Hölzer an sich einen sehr hohen Werth hätten, auch die wünschens- werthe Uebersichtlichkeit des Zolltarifs rechtfertige die Annahme der Vorlage. Es erfolgte sodann die Abstimmung über die von der linken Seite des Hauses gestellten Anträge, die mit kleinen Mehrheiten angenommen wurden, so daß es den Liberalen gelungen ist, für einige Specialitäten ausländischen Holzes, welche für industrielle Zwecke wichtig sind (Buchsbaum, Cedern, Mahagoni, Kokos) die Zollerhöhung abzuwenden. Zu den von der Commission bezüglich des Bau- und Nutzholzes gemachten Vorschlägen lagen eine große Reihe von Abänderungsanträgen vor, wodurch sich die fernere Berathung der Holzzölle zu einer ziemlich complicirten Verhandlung gestaltete.

Die Reihe der Grubenkatastrophen ist in dieser Woche durch ein erschütterndes Ereigniß vermehrt worden. Im Kohlenschachte Camphausen des Saarbrückener Revieres erfolgte in der Nacht vom 17. zum 18. März eine Explosion, durch welche der Schacht einstürzte, wobei gegen 200 Berg­leute verschüttet wurden. Die Rettungsarbeiten sind der vielen Brüche wegen sehr erschwerend und von traurigem Erfolg gewesen.

Die colonial-politischen Unternehmungen Deutschlands in Afrika haben wiederum eine Erweiterung erfahren. Wie dieHam­burgische Börsenhalle" aus London erfährt, sind von einem in Lagos, der am Guineabusen gelegenen wichtigsten Handelsstadt Westafrikas, etablirten Ham­burger Hause, große Landstriche östlich und nördlich von Lagos erworben worden.

In Oesterreich wird die parlamentarische Situation noch immer durch die sich aus einer Woche in die andere schleppende Budget- oebatte im Abgeordnetenhause beherrscht, doch hat dieselbe in den letzten Tagen keine so interessanten und bedeutenden Momente mehr gebracht, wie zu ihrem

Anfang. Die Reichshauptstadt Wien wurde durch die Gemeinderathswcchlerr in Anspruch genommen, bei denen sich die liberale Bürgerpartei, die sogenannten Hof-Demokraten" und die Antisemiten gegenüberstanden. Der Ausgang der Wahlen läßt sich noch nicht übersehen, doch scheinen dieHof-Demokraten" einige Er­folge errungen zu haben. Ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender politischer Tragweite war der Besuch des österreichischen kronprinzlichen Paares am griechi­schen Königshose. Wenngleich mit dem Ausfluge des Kronprinzen Rudolf und seiner Gemahlin nach Klein-Asien und Griechenland bestimmte politische Zwecke kaum verknüpft gewesen sind, so wird der Aufenthalt der hohen Reisenden in Athen dennoch politische Wirkungen haben, die in einer Annäherung zwischen dem österreichischen Kaiserstaale und dem Reiche der Hellenen, dem aus der Balkan-Halbinsel sicher noch eine große Zukunft beoorstehl, sich äußern werden. Hof und Volk in Athen haben darin gewetteifert, den österreichischen Kaisersohn und seine Gemahlin mit Sympathie-Beweisen zu überschütten und in Wien wird man hiervon sicherlich mit hoher Befriedigung Act nehmen.

Die jüngsten Wasfen-Erfolge der Franzosen in Ostasien scheinen in den Pekinger Regierungskreisen denn doch nicht ohne Eindruck ge­blieben zu sein, wenigstens sind in den letzten Tagen wiederum Gerüchte ausge­taucht, welche von der Geneigtheit der chinesischen Regierung, mit Frankreich zu einer Verständigung zu gelangen, wissen wollten. Unwahrscheinlich klingt jedoch die von einem als osficiös geltenden französischen Blatte, demParis", gebrachte Nachricht, daß Deutschland dem Cabinet Ferry seine guten Dienste zur Herbei­führung dieser Verständigung angeboten habe, während anderweitige Meldungen, denen zufolge Rußland und Nordamerika ihre Vermittelung angeboren hätten, etwas glaubwürdiger klingen. Jedenfalls wäre Frankreich eine Verständigung mit China zumal in dem gegenwärtigen Moment, wo die Schwierigkeiten der Franzosen in Ostasien sich durch die neuerlichen Unruhen in Cochinchina und Cambodscha vermehrt haben, höchst willkommen.

Die Action Italiens am Rothen Meere ist am Dienstag und Mittwoch in der italienischen Deputirtenkammer zum soundsovielten Male Gegen­stand von Erörterungen gewesen. Am erstgenannten Tage gab der Minister veü Auswärtigen, Mancini, über die Politik Italiens am Rothen Meere eine lange Erklärung ab, in der er zugestand, daß die italienische Action am Rothen Meere dadurch, daß England die Mitwirkung Italiens im Sudan dankend abgelehnt habe, halb und halb in's Stocken gekommen sei. Auffällig erscheint in der Rede Mancini's die starke Betonung des Bündnisses Italiens mit Deutschland und Oesterreich, was daraus hindeutet, daß man in Rom Den hohen Werth eines guten Einverständnisses mit den europäischen Centralmächten wohl zu würdigen weiß.

Die afghanische Grenzfrage beschäftigt zwar die englischen Staats­männer noch immer in hervorragendem Maße, offenbar hat sie aber ihren gefahrdrohenden Charakter verloren, nachdem England erklärt hat, es wolle nicht weiter auf seiner Forderung, daß die russische Regierung ihre Truppen aus dem streitigen Territorium zurückziehen solle, bestehen. Nur sollen die Russen nicht weiter nach Herat zu vorrücken und dieses Zugeständniß wird man russischerseits vorläufig auch machen; für später wird sich dann schon irgend ein Vorwand finden, der es den Russen gestattet, den jetzt unterbrochenen Vor­marsch aus Herat wieder auszunehmen. In der egyptischen Finanzfrage ist nunmehr unter den Mächten ein vollständiges Einverständniß erzielt worden und haben ihre Vertreter in London die bett. Convention unterzeichnet.

Die Unruhen, welche ganz Central-Amerika durchzucken, halten an und Dürften vielleicht noch eine Intervention Nordamerikas herbeisühren.

Darmstadt, 18. März. Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz, Secttsn für Justizverwaltung, hat an die Gerichte, insbesondere die Amtsgerichte, und an die Hypothrkenämter folgendes, Erhebungen über die Lage der LandwtrthfchafL betreffende Ausschretben erlaßen: , ,,, , _ t o

Um über die gegenwärtige Lage der Lavdwirthschaft im Gebiete deS Großherzog- thumS, insbesondere die Zu- und Abnahme deS landwirthschastlichen Schuldenstandes und die sonstigen Tatsachen, deren Kenntntß zu einer richtigen Beurthetlimg jener Lage und zur Auffindung der Mittel und Wege zu ihrer Besserung erforderlich ist. möglichste Klarheit zu erlangen, Haden wir dem Wunsche der Stände des GroßherzogthumS ent­sprechend beschlossen, neben den Maßnahmen, welche bereits zu gleichem Zweckei tm Geschäftskreise der inneren Verwaltung getroffen worden find, auch noch statistische Erhebunam im Geschäftskreise der Justizverwaltung etnesthetlS über die Zwangsver- äußerung von Liegenschaften, anderntherls über deu aus dem Grundbesitze Muhenden, in den öffentlichen Büchern eingetragenen Schuldenstand anzuordnen und besttmmen demgemäß daS Folgende: «

a. Statistik bezüglich der Veräußerung von Lieg-uschaste n.

1) Bei Abschluß deS Vollstreckungsverfahrens (nach endgttttgemZuschlag be­ziehungsweise nach endgtltiger Genehmigung einer im Wege deS ConcurseS oder der Zwangsvollstreckung erfolgten Veräußerung von Liegenschaften), bevor °er Eintrag in das MutatioaSverzeichniß veranlaßt wird, hat der mit dem betreffenden ^oncurse oder der betreffenden Zwangsvollstreckung befaßte Amtsrichter ^ne Mlkarte nach dem im Muster betgefügten Formular L. St. la. an der Hand der gleichfalls detgefügten In- struclfon Zgh,karten sind mit sortlausendm Nummern

zu versehen, zu sammeln und unmittelbar nach dem 1-^rtl, 1. Juli, 1., Oktober und 1. Januar kurzer Hand an die Centtalstells für.Landes-Statistik zu.sieden.

3) Bezüglich der seit dem 1. Januar 1885 berettS vorgekommenen Fälle ist die Ausfüllung der Zählkarten mtt Hilfe der Akten und geeigneter Ermittelungen noch snchträgl'ch zu -°llzt-hnr b£, gaHe au« dem Jahre 1884 -och

n-chträallch solche kart - aus,ufüll-n und (fortlaufend nummethl) bf« zum 15 6ept mbet b 3. an ble Gentcaipeae für L-mdeS-StatM einjnfenben.