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Nr. 193.
Freitag den 21. August
1685
Amts- und Anzeigeblatt
für den Kreis
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t SHurSraKr 7. Erscheint mit «vdNLhme drS Montes-. UkeiS vrerteliährlrch 2 Mark 20 Pf. mit BvinperUÄu.
Durch bte Poft bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.
Amtlicher Tßeil. Bekanntmachung.
In Folge Beurlaubung des Grobherzoglichen Districts-Einnehmers Rendanten Walther dahier ist die interimistische Verwaltung der Districts- Einnehmerei Gießen I dem Finanz-Aspiranten Leißler übertragen und derselbe bereits in den Dienst eingewiesen worden.
Wir bringen dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß.
Gießen, den 20. August 1885. Großherzogliches Rentgmt Gießen.
S ch l i e p h a k e, Domänenrath.
Politische Ueberficht.
Gießen, 20. August.
Graf Kalnoky, der österreichische Minister des Auswärtigen, ist erst am Sonntag Abend von Varzin wieder in Berlin eingetroffen, von wo er, ohne irgend einer officiellen Persönlichkeit einen Besuch abzustatten, sich nach dreistündigem Aufenthalte direct nach Wien zurückbegab. Gras Kalnoky hat demnach vier Tage aus dem ponuner'schen Landgute des Fürsten Bismarck zugebracht, und dieser lange Besuch läßt darauf schließen, daß die Fragen, welche den österreichischen Minister nach Varzin geführt haben, zwischen ihm und dem leitenden Staatsmann des deutschen Reiches sehr eingehend erörtert worden sind. Wie man jetzt ersährt, hat die Frage, welche Stellung Oesterreich'Ungarn den deutschen Getreidezöllen gegenüber einnehmen wird, den Hauptgegenstand der Verhandlungen gebildet. Das innige politische Verhältniß, in welchem die österreichisch-ungarische Monarchie zu Deutschland steht, hat schon längst den Gedanken nahe gelegt, beide Reiche auch in handelspolitischer Beziehung einander zu nähern und zumal jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle hat man ganz ernstlich ein deutsch-österreichisches Zollbündniß vorgeschlagen; freilich konnte man hierbei namentlich in ungarischen Blättern der versteckten Drohung begegnen, daß, wenn Deutschland hierauf nicht eingehe, Oesterreich-Ungarn den Zollkrieg gegen seinen politischen Verbündeten proklamiren werde. Der Gedanke, das rein politische Bündniß zwischen Deutschland und Oesterreich auch möglichst auf das Gebiet der Zoll- und Handelspolitik auszudehnen, hat allerdings manches für sich, anderseits stehen dem aber auch schwerwiegende Bedenken entgegen, die besonders in dem verschiedenen Zoll- und Steuersystem beider Staaten wurzeln. Jedenfalls hat der Besuch des österreichischen Staatsmannes beim deutschen Reichskanzler den Hauptzweck gehabt, eine Einigung zwischen den beiden Reichen auch in handelspolitischer Beziehung anzubahnen und man kann nur hoffen, daß jetzt in Varzin wenigstens der Anfang zu dieser Verständigung erreicht worden ist. Im Weiteren wird natürlich die gegenwärtige Gesammtlage der europäischen Politik unter specieller Bezugnahme aus die bevorstehende Monarchen- Begegnung in Kremsier bei den Varziner Minister-Conferenzen mit zur Erörterung gelangt sein; was aber hierbei die beiden Staatsmänner mit einander vereinbart haben mögen, muß vorläufig in das Gebiet müßiger Combinationen verwiesen werden.
Im Lustgarten zu Potsdam hat am Dienstag die feierliche Enthüllung des Denkmals Friedrich Wilhelms I., welche bereits in diesem Frühjahr vor sich gehen sollte, aber wegen des damaligen Unwohlseins des Kaisers verschoben werden mußte, stattgesunden. Die Feier war mit einer Parade der Potsdamer Garnison verbunden.
In den Verhandlungen zwischen Deutschland und Spa- nien, welche durch die deutscherseits erfolgte Besetzung einer oder mehrerer Inseln der Karolinen-Gruppe hervorgerusen worden sind, ist noch kein Resultat zu verzeichnen. Spanischerseits widerspricht man der Behauptung, daß Spanien seine Besitzansprüche auf die Kolonieen niemals geltend gemacht habe, auf das Entschiedenste; im Uebrigen sind die spanischen Blätter der Meinung, daß Deutschland die Besetzung wieder rückgängig machen werde.
In Oesterreich richten sich die Blicke mehr und mehr auf die bevorstehende Begegnung zwischen dem österreichischen und dem russischen Herrscher in Kremsier, durch welche das mährische Landstädtchen, gleich Gastein, einen historischen Namen erhalten wird. Nachdem die Angaben über die Zeit der Zusammenkunft lange geschwankt, scheint nun doch festzustehen, daß dieselbe am 24. August erfolgt, so daß die ursprünglichen Meldungen der Wiener Blätter hierüber ihre Bestätigung finden würden. In Kremsier selbst sind bereits alle Vorbereitungen zu einem würdigen Empfange der beiden Kaiserpaare getroffen, ebenso haben alle Beamten auf den österreichischen Eisenbahn-Stationen, welche die russischen Majestäten passiren werden, die strictesten Verhaltungs-Maßregeln erhalten. Kaiser Franz Josef und die Kaiserin Elisabeth werden einige Stunden vor den russischen. Gästen in Kremsier erwartet.
Das Eintreffen des „Bayard" mit der Leiche des Admirals Ceurbet an Bord wird demnächst den Franzosen Gelegenheit zu einer aber- maligen patriotischen Demonstration geben. Bestimmt läßt sich aber noch nicht sagen, wann das genannte französische Panzerschiff in Toulon anlangen wird, da es unterwegs eine leichte Havarie erlitten hat.
Die Verhandlungen, welche jüngst zu Como zwischen den Vertretern der Schweiz und denen Italiens gepflogen worben sind und welche bezweckten, eine Einigung bezüglich der zwischen beiden Staaten schwebenden Zoll- Differenzen herbeizuführen, sind resultatlos verlaufen. Es spricht dies gerade
nicht sehr für die schweizerisch-italienischen Beziehungen und die Commentare, welche die schweizerischen Blätter den beendigten Verhandlungen widmen, klingen für Italien nicht sehr schmeichelhaft. Die italienischerseits an der schweizerischen Grenze bislang ausgeübten Zollplackereien werden nunmehr wohl ihren Fortgang nehmen, ja vielleicht noch eine Verstärkung erfahren und dem gegenüber wird sich jedenfalls auch die Eidgenoffenschaft veranlaßt fühlen, andere Saiten aufzuziehen.
In dem unter französischem „Protectorat" stehenden hinterindischen Königreiche Cambodscha wird die Ruhe noch immer durch Rebellenbanden gestört und dadurch werden auch die benachbarten eigentlichen französischen Besitzungen ebenfalls immer wieder beunruhigt. Hierauf sind nun auch die neulichen Christenmaffacres in Cochinchina und Anam zurückzuführen und die hierdurch in jenen Gebieten hervorgerufene Bewegung zieht noch immer ihre Kreise. Die „Propaganda ticke« in Rom hat von dem apostolischen Vicar in Cambodscha, Cordier, Berichte erhalten, welche die Meldungen des Generals Courcy über die Niedermetzelung von Missionären und Christen in Cambodscha bestätigen. Die Christen, welche den schwersten Verfolgungen ausgesetzt sind, flüchten allgemein nach Punkten, die ihnen Sicherheit gewähren.
Das gesammte brasilianische Cabinet hat wegen der fortgesetzten Opposition, die ihm von der Majorität der Deputirtenkammer gemacht wird, seine Entlastung eingereicht.
Darmstadt, 17. August. Die Nr. VIII des „Amtsblattes" des Großh. Oberconsistoriums enthält ein Ausschreiben, betreffend die kirchlichen Nachrichten aus dem Jahre 1884. (Schluß.)
Beschäftigung mit der kirchlichen Ortsgeschichte, die ganz von selbst zur Berücksichtigung auch der Landesgeschichte und besonders der kirchlichen Landesgeschichte führt, wird dem Geistlichen auch in seinem Amte unmittelbar zu Gute kommen. Ein solcher, dem die alten Steine seiner Kirche, die Wege und Stege, die Namen und Gebräuche seiner Landschaft ihre Geschichte zu erzählen beginnen, wird auch seiner Gemeinde etwas zu erzählen misten und an den Hin- weis aus örtliche Ereignisse der Vergangenheit fruchtbare Ermahnungen für das Heranwachsende Geschlecht knüpfen können.
Ein geschichtliches Gemeindebewußtsein, welches von großen und umfassenden Gesichtspunkten aus auch das Kleinste und Unbedeutendste umfaßt und ein damit verbundener edler patriotischer und confessioneller Stolz ist nach dem Gange unserer deutschen Entwickelung erst im Werden; an seiner Entwickelung mitzuarbeiten, ist Ausgabe auch der Geistlichkeit, die noch immer unter den Trägern idealer Strömungen nicht hintan gestanden hat.
In der Pflege der localen Kirchengeschichte, der Geschichte der christlichen Vorzeit unseres Landes scheint uns auch ein Mittel zu liegen zur Belebung der kirchlichen Feste und Feierlichkeiten, die ja in erfreulicher Ausbreitung begriffen sind, und an deren volkstümlicher Gestaltung man mit Geschick arbeitet.
Wenn bei Gustav-Adolfs-Festen, bei Missions-Festen auch die Evangeli- sations- und Missionsgeschichte des eigenen Landes, Der Heimath und des Ortes gedacht würde, wenn man das Wachsthum des Reiches Gottes und die Gesetze seiner Ausbreitung immer mehr an concreten Bildern veranschaulichte, statt abstracte Wahrheiten zu erörtern, wenn man immer mehr die Thaten und Thatsachen, die lebendigen Persönlichkeiten sprechen ließe, wenn die gerade wunderbare Fülle der unmittelbaren Vergangenheit und der Gegenwart an Beispielen edelster Hingebung auf dem kirchlich religiösen wie auch aus dem ost so eng damit verbundenen nationalen Gebiet ausreichend berücksichtigt würde, dann dürfte die im Zuge befindliche Belebung des deutsch-evangelischen und deutschnationalen Sinnes dadurch eine wirksame Unterstützung finden.
Die Förderung dieser hoffnungsreichen Entwickelung gehört gewiß zu den Ausgaben der Geistlichkeit, die berufen ist, das Erbe Martin Luthers zu verwalten.
Den speciellen Nachrichten aus den einzelnen Großh. Superintendenturen entnehmen wir, und zwar aus der Superintendentur Gießen: Einge- weiht wurden die restaurirten Kirchen in Landenhausen, Dirlammen, Grebenhain, Nieder-Moos, Höchst a. N., die Kapelle in Ilbenstadt, die neue Orgel in Veits- berg, die neuen Glocken in Vilbel. Dekanats-Synoden wurden gehalten für das Dekanat Gießen am 21. Juli, Alsfeld am 27. August, Büdingen am 1. October, Friedberg am 9. Juli, Grünberg am 30. September, Hungen am 17. September , Lauterbach am 27. August, Nidda am 30. September, Rodheim am 20. August, Schotten am 30. September- Kirchenvisitationen fanden statt: in.


