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21/06/1885 Zweites Blatt
 
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aber nur

laa nicht in der Hand des Thäters. Der Verwundete liegt tut Hospttale in TLxiedbera und kommt wahrscheinlich davon. Dem ThLter ist man aus der Spur-

Berlin. Am 8. Juni waren 70 Jahre verflossen seit dem Tage, wo Kaiser Wilhelm in der Schloßcapelle zu Charlottenburg durch den Hofprediger Ober-Consistorial- rath Ehrenberg confirmirr worden ist. Prinz Wilhelm hatte aus diesem Anlasse seine Lebensgrundsätze und Gelöbnisse ausgezeichnet; folgende Sätze daraus mögen hier ihre Stelle finden:Ich will nie vergessen, datz der Fürst doch auch Mensch - vor Gott nur Mensch ist und mit dem Gertngsten int Volte die Abtunsr, die Schwachheit der menschlichen Natur und alle Bedürfnisse derselben gemein hat, daß die Gesetze, welche für andere gelten, auch ihm vorgeschrieben sind und daß er, wie die anderen, einst über sein Verhalten wird gerichtet werden. Mir soll alles heilig sein, was dem Menschen heilig sein muß. Ich will dem Glauben der Christen, für den ich mich in diesen Tagen bekenne, immer getreu bleiben, ihn jederzeit in Ehren halten und mein immer mehr für ihn zu erwärmen suchen. Mein Fürstenstand soll mich nicht verhindern demüthig zu sein vor meinem Gott. Bei allem Guten, welches mir zu Theil wird will ich dankbar auf Gott blicken und bei allen Uebeln, die mich treffen sollten will ich mich Gott unterwerfen, fest überzeugt, daß er überall mein Bestes beabsichtige Ich will mich vor allem hüten, wodurch ich mich als Mensch erniedrigen würde- als Fürst würde ich mich dadurch noch mehr erniedrigen. Ich weiß, was ich als Mensch und als Fürst der wahren Ehre schuldig bin. Nie will ich in Dingen meine Ehre suchen, in denen nur der Wahn sie finden kann. Meine Kräfte gehören der Welt dem Vaterlande. Ich will daher unablässig in dem mir angewiesenen Kreise thätig sein meine Beit auf das Beste anwenden und so viel Gutes stiften, als in meinem Vermögen steht. Ich will ein aufrichtiges, herzliches Wohlwollen gegen alle Menschen, auch gegen die Geringsten denn sie sind alle meine Bruder bet mir erhalten und beleben. Ich will mich meiner Fürstlichen Würde gegen Niemand uber- beben Niemanden durch mein Fürstliches Ansehen drücken und wo ich von Anderen e0vas fordern muß, mich dabei herablassend und freundlich zeigen und ihnen Die Er­füllung ihrer Pflicht, so viel ich kann, zu erleichtern suchen. Ich achte es viel höher, geliebt zu sein, als gefürchtet zu roerben, oder Llos ein Fürstliches Ansehen zu haben. Den Pflichten des Dienstes will ich mit großer Pünktlichkeit nachkommen und meine Untergebenen zwar mit Ernst zu ihrer Schuldigkeit anhalten, aber ihnen auch mit freundlicher Güte begegnen. Jeden Tag will ich mit dem Andenken an Gott und meine Pflichten beginnen und jeden Tag mich über die Anwendung des verflossenen Tages sorgfältig prüfen. Verderbte Menschen und Schmeichler will ich entschlossen von mir weisen, die Besten, die Geradesten, die Aufrichtigsten sollen mir die Liebsten sein."

Rothenberg i. O., 16. Juni. Gestern Abend V28 Uhr überzog ein schreck­liches Gewitter unsere Gegend, welches nicht ohne einen sehr traurigen Unglücksfall vorübergehen sollte. Ein Blitzstrahl fuhr in die nahe im Thal gelegene, zu unserer Gemeinde gehörige sogenannteHeckenmühle". Der Strahl fuhr am Giebel des Hauses hernieder, dasselbe wenig beschädigend, alsdann jedoch um die Ecke und traf den im Stall beschäftigten Müller nebst Frau und einem Kinde. Der erstere blieb auf der Stelle tobt, währenb bie Frau gelähmt zu sein scheint unb bas Kinb eine Gehirn­erschütterung bavontrug. Der Unglücksfall ist um so beklagenswerther, als ber Er­schlagene Vater einer sehr zahlreichen Familie ist. Von ben zehn noch lebenben Kinbern besuchen brei noch bie Schule unb zwei sinb noch nicht schulpflichtig. Das jüngste Kinb ist IV2 Jahr alt. Auffallenb ist es, baß ein in ber Nähe seines Vaters arbeitender Knabe ohne Schaben bavonkam. Nicht bie geringste Verletzung ist an dem Erschlagenen sichtbar. Das im Stall stehenbe Vieh blieb unversehrt.

Paberborn, 15. Juni. Das vier Stunben von hier entfernte Stäbtchen Lichtenau ist am Samstag von einer Feuersbrunst heimgefucht worben, burch welche 22 Gebäude eingeäschert worben sinb.

In Eisenach ist neulich eine junge blühenbe Frau auf eine ganz sonber- hare Weise verunglückt. Sie begoß ihre Blumen unb kam babei mit bem rechten Auge einem Oleanberblatte zu nahe, bie Spitze berührte bie Pupille unb balb nachher em- pfanb bie Frau einen heftigen Schmerz. Es ist ber ärztlichen Hülfe leiber nicht ge­lungen, ben Verlust ber Sehkraft auf einem Auge zu verhüten unb haben sich bie Schmerzen auch bereits dem nnberen Auge mitgetheilt, so baß bie arme Frau in Ge­fahr schwebt, ganz zu erblinben. Blumenliebhaberinnen mögen aus biesem betrübenben Falle eine Warnung schöpfen. .

New york, 12. Juni. An ber neufunblanbischen Küste wuthete vorigen Sonn­tag ein furchtbarer Sturm, unb man fürchtet, baß viele Fischerboote mit Mann unb Maus zu Grunbe gegangen sinb. Ein hier eingegangenes Telegramm melbct, baß über ben Staat Panama ber Belagerungszustanb verhängtZwurbe. Der neue Fluß- tunnel ber Cincinnati Southern Eisenbahn in Tennesse, etwa 100 Meilen von Chatianooga, stürzte gestern in Folge ber Vibrationen, bie burch einen burchfahrenben Bahnzug verursacht würben, ein. Der Tunnel (?) fiel aus bie Waggons unb von ben barin befinblichen Passagieren würben 6 auf ber Stelle gelobtet unb 20 schwer verletzt. In ber Samons Laveta ©raube Silbermine, unweit Zacatecas in Mexiko, fanb gestern aus noch unbekannter Ursache eine Dynamitexplosion statt, woburch 10 Berg­leute gelobtet unb 12 verwunbel würben. Im Ganzen explobirten 500 Fässer Dynamit, wodurch die Mine völlig zerstört wurde.

Ein heiterer Vorfall ereignete sich kürzlich, wie dieElberf. Zig." berichtet, bei dem Landgerichte zu X. 9lad) S 282 ber Strafproceßorbnung können bekanntlich bet ber Bildung ber Geschworenenbank sowohl von ber Staatsanwaltschaft wie von bem Angeklagten ober besten Vertreter mehrere Geschworene abgelehnl werben, ohne baß Grünbe hierfür angegeben zu werben brauchen. Nun begegnet es einem zum Geschworenenbienste herangezogenen Lanbwirlhe, dessen Verständniß für aus bem Lateinischen stainrnenbe Worte eben nicht groß war, baß bei bem Aufrufe seines Namens burd) ben Präsibenten bes Gerichts ber Vertreter bes Angeklagten, ein als geschickter Vertheibiger geschätzter Rechtsanwalt, mit lauter Stimme erklärte:Rekusirl!" (b. h. abgelehnl). Das Bäuerlein, bem ber Sinn bieses Ausbrucks iiod) unbekannt war, bat einen neben ihm sitzenben Collegenaus ber Stabt" um Aufschluß barüber. Dieser, ein Spaßvogel, erklärte ihm kurz entschlossen, ber Vertheibiger habe gesagt:'Nicht rasirt!" weßhalb ber Fragesteller zur Bilbung ber Geschworenenbank nicht herangezogen worben sei. Da sich unser Freunb vom Laube hierburd) zurückgesetzl sühlte, so ver­säumte er nicht, sich nächsten Tages vor Beginn ber Sitzung auf's Sorgfältigste rafiren unb frisiren zu lassen. Wieber würbe bie Geschworenenbank gebilbet unb wieber er­schallte beim Namensruf unseres Helben aus bem Munbe besselben Rechtsanwalts bas fataleNekusirt!" Da riß unserem guten Laubmauue ber Faben ber Geduld unb, seine angeborene Schüchternheit überroinbenb, roanbte er sich an ben Präsibenten mit ben Worten:Herr Präsibeut, verzeihen Sie! Ich habe mich erst heule Morgen in

bem ersten Friseurlaben der Stabt rafiren unb frisiren lassen!" Man kann sich denken welches Erstaunen die Worte unter den Anwesenden, Richtern, Geschworenen unb Publikum hervorriefen, welches sich, als ber Grunb bes Mißverständnisses aufgeklärt war, in ungeheure Heiterkeit auflöste.

lieber den Fang eines Adlers wird demBolen f. T. u.V." aus St. Anton am Arlberg geschrieben: Zwei Jäger hatten am sogen. Sattel im Mooslhale am 2. d. M. in einer Felswand ein Ablernest mit einem Jungen ausaespürl. Zur Aus­beulung dieses Horstes machten sich die Zwei mit einem Kameraden, mit Gewehren Schlageisen und Seilen um 1 Uhr früh auf den Weg. An der Stelle auf ber Fels' roaub angenommen, wo bie Allen gewöhnlich Rast machten, ehe sie ihren Jungen die Nahrung hinunlerbrachten, stellten sie bie Falle unb traten bann ben Heimweg an. Auf ber entgegengesetzten Berglehne (beim Bergstöckl), bem Horste gegenüber, nahmen sie Rast, sahen balb ben König ber Lüfte quer über bas Thal seinem Heim zufliegen unb konnten mit bem Fernrohr beutlich beobachten, wie er sich auf bas Schlageisen nieberließ, um nie wieber forlzufliegen. Das Geflatter unb Geschrei würbe furchtbar, er schlug mit seinen Schwingen unb Fängen Bergerlen entzwei; aber vergebens, die eiserne Fessel hatte ihn zu fest an einem Beine gepackt, das Seil aber, an bem bas Schlageisen befestigt war, zog er so in bie Länge, baß er beinahe bas Junge erreichte. Die brei ftameraben gingen nun hinüber unb einer würbe von ben anderen zwei an Stricken über bie senkrechte Wanb hinabgelassen unb nach einer mcrtelftünbigen schweren

Arbeit unb Mutigem Kampfe mit bem gefesselten Riesenvogel zwar etwas, unbebeutenb verletzt, mit biesem unb oem Jungen heraufgezogen unb im Triumphe nach Hause gebracht. Ter Raubvogel, von seltener Größe, mit 2,25 Meter Flugweite, ist ein Weibchen unb frisch unb gesunb, nimmt aber weber Speise noch Traick an, hingegen erfreut sich ber junge Ablersohn eines ungeheueren Appetits.

^Gesunbheilsregeln.j Nachstchenbe uns von einem erfahrenen Arzte aus­gestellte Regeln, betreffeub Diät unb Verbauung, sinb sowohl für Gesunbe wie für Kranke gleich wichtig, weßhalb bieselben ganz besonberer Beachtung empfohlen werben:

1) Zu nahrhafte Kost ist für Leben unb Gesunbheil ebenso nachlheilig, wie eine zu wenig nahrhafte Kost.

2) Je einfacher unb ungekünstelter bie Zubereitung ber Nahrung unb je weniger gewürzt, befto besser ist sie für bie Verbauungsorgane.

3) Gründliches Zerkauen unb langsames Schlingen sinb burchaus zu empfehlen.

4) Die richtige Nahrungsmenge ist von äußerster Wichtigkeit. Es gibt keinen Punkt in ber Ernährungsfrage, über welchen bie Leute sich so sehr im Jrrlhumc bc- finben, wie hinsichtlich ber Quantität. Verbauungsbeschwerben sinb öfter bie Wirkung von zu vielem Essen unb Trinken, als bie irgenb einer anberen Ursache.

5) Feste Nahrung, gut zerkaut, ist leichter verbaulich, als Suppen unb Brühen.

6) Die beste Suppe ist Gift, wenn sie zu heiß gegessen wirb.

7) Buller, fettes Fleisch unb alle ölhaltigen Stoffe sinb immer schwer verdaulich unb veranlassen leicht eine Störung bes Magens. Der zu reichliche Genuß dieser Stoffe ist burchaus zu vermeiben.

8) Reines Wasser ist bie einzige, als Getränk ober für bie Bebürsnisse des Körpers unbedingt nothwendige Flüssigkeit. Die künstlichen Getränke sind für den Körper durchaus nicht Bedürsniß, wohl aber find recht viele derselben mehr ober weniger schädlich.

9) Große Aufregung oder Anstrengung unmittelbar nach einer vollen Mahlzeit ist nachlheilig, während ruhige Bewegung die Verdauung befördert. Schlaf balb nach einem Mahle ist besser zu vermeiben.

10) Starke geistige Anstrengung, wie Gemülhserregung, Angst, Aerger, Furcht u. s. ro., wirken auf Schwächung ber Verbauung hin, sobalb Jemanb mit vollem 'Magen ben ersteren ausgesetzt ist.

Eine vernünftige Abwechslung ber Speisen ist zur Erhaltung ber körperlichen unb geistigen Gesunbheil unb Leistungsfähigkeit bes Menschen burchaus nolhwendig. Aud) ist großer Werth barauf zu legen, baß bie Stunben, in welchen bie Mahlzeiten eingenommen roerben, sowie bie Art bieser Mahlzeiten möglichst streng unb gleichmäßig innegehallen werben. _

Es ist also ganz unzuträglich für ben Körper, nur ein unb bicfelbc Speise tage lang zu genießen. Die regelmäßige Wieberkehr gleichartiger Speisen tollte 111Ö9W 14 Tage umfassen. Einfachheit, oerbunben mit Abwechslung der Speisen, i|t tt-atsääx lich das Beste, was man Magen unb Gaumen bieten fann. Dabei ist so viel als irgenb rhunlich bie einmal angenommene Zeit zum Speisen innezuhallen unb sind nicht etwa Unregelmäßigkeiten, wie an einem Tage um 12 Uhr, am nächsten um 21/? Uhr zu Mittag zu essen, als zweckmäßig zu bezeichnen. And) darf man ben Magen, ber an ein kräftiges Mittagsmahl gewöhnt ist, nicht ohne Grunb mit einem leichteren Frühstück abfinben unb bann gar burd) ein schweres Abendessen das gestörte Gleichgewicht her: zustellen suchen.

^Richtige Titulatur.) Rittmeister N. begegnet dem Geheimen Rath £. und müßte denselben ganz freundlich mitGuten Morgen, Herr Rath" Dieser aber er­widerte ganz barsch:Juten Morgen, Herr Meester". Der Rittmeister, ob solchen Nückgrußes verwundert, fragte:Wie soll ich das verstehen, Herr Rath?" ,4-Mer aber antwortete ganz gravitätisch:3eben ^ie mir meinenJehecmen" und ich M Ihnen IhrenRitt". Jedem das Scinichle! Verstanden?"

(Heidelberger Brauergruß.) In derLöblichen^Volkszeitung" lesen wir Wenn fid) früher zwei Heidelberger Bierbrauer auf der Straße begegneten, so be­grüßten sie sich mit bem üblichen bürgerlichen Gruß:Guten Morgen, Herr College. Da ist nun seil letztem Samstag (bem Tage bes Couleur-PantschprocesseS) anders gc worben. Sie haben sich jetzt einen mehr ftubenlischen Gruß angewöhnl und sagen. G'n Morgen, Herr Couleurbruber."

Wetzlar, 17. Juni. Ein Gießener Student war vor einiger Zeit mitfw lichen Genossen singend durch die hiesigen Straßen gezogen und hatte sieh m iW dessen eine kleine Polizeistrase zugezogen. Auf ben erhaltenen Strafbefehl hin hat o«.- selbe, ein Herr P., ben Betrag an bie hiesige Steuerkasse eingescnbet indem er,ußicia) auf ben Abschnitt ber Postanweisung folgenbcn poetischen Erguß nicberschrieb:

Wenn singenb man einst burd) bieJünibe zog, So warb von All unb Jung ber ejänger hock) geehrt. Doch weh, wie anbers warb bie Zeil!

Jetzt wirb uns süßer Sang sogar verwehrt.

Und statt, baß man ihn für ben Sang beschenkt, Nach alter Art wirb er um Gelb gekränkt.(IM-

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