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Rr. 141 Zweites Blatt Sonntag den 21. Juni 1886
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint ILglich mit Ausnahme des M-Ntzg-.
tret- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringet*
>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Pf.
Amtlicher Iheit.
Bekanntmachung.
Unter Zustimmung des Kreisausschuffes und mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 2. Juni 1885 wird hierdurch das nachstehende, von der unterzeichneten Behörde unterm 15. Juni 1881 für den Kreis Gießen auf die Dauer von sechs Monaten erlaffene Polizeireglement:
§ 1. Bon jedem Falle einer Erkrankung an einer typhusartigen Krankheit (Unterleibstyphus, RückfalltyphuS, Flecktyphus) hat der behandelnde Arzt, sowie Jeder, welcher nach Besichtigung eines Kranken auf die Heilung deffelben bezügliche Rathschläge ertheilt hat, unverzüglich und zwar unter Angabe des Namens, des Alters und der Wohnung bes Erkrankten an das einschlägige Kreisämt schriftliche Anzeige zu erstatten.
§ 2. Unterlassung der nach § 1 vorgeschriebenen Anzeige wird mit Geldstrafe bis zu 30 Mark geahndet. Bestrafung tritt dann nicht ein- wenn jene Anzeige zwar nicht von dem Verpflichteten, so doch von anderer Seite unverzüglich erstattet worden ist, aufs die Dauer von sechs Monaten erneuert-
Gießen, am 9. Juni 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Beka nnimaHung.
Der Oberhessische Bienenzüchterverein beabsichtigt, in Verbindung mit der am 6. August l. I. in Gießen stattfindenden Generalversammlung seiner Mitglieder eine Verloosung von Bienenvölkern, Bienenprodueten und Bienenzuchtgeräthen vorzunehmen.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 2000 Loose ä 50 ausgegeben werden dürfen und mindestens 60% des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet worden.
Gießen, den 18. Juni 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
____________________________________________Dr. Boekmann.__
Bekanntmachung.
Nachdem Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz durch Entschließung vom 13. l. M. dem Bayerischen Gewerbe-Museum zu Nürnberg die Erlaubniß ertheilt hat, die Loose einer gelegentlich der in diesem Jahre daselbst stattfindenden internationalen Ausstellung von Arbeiten Ms edlen Metallen und» Legirungen zu veranstaltenden Verloosung von Ausstellungsgegenständen innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben, so wird dies hierdurch mit dem ArMen zur öffenttichen Kenntniß gebracht, daß nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungs-Plan 250,000 Loose ä 1 «4 ausgegeben Milden dürfen-
Gießen, am 18. Juni 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Wochen - Ueberficht,
Gießen, 20. Juni.
Der Woche prägt das kurz hintereinander erfolgte Hinscheiden zweier der bewährtesten deutschen Heerführer und Paladine unsers greisen Kaisers eine lfeftrnste Bedeutung auf. Noch in der Vollkraft seiner Mannesjahre ist am Mittag auf seinem Jagdschlösse Klein-Glienicke Prinz Friedrich Karl von Preußen, der Neffe des erlauchten Schirmherrns des deutschen Reiches, ganz unerwartet aus dem Leben geschieden, und nach zwei Tagen ist ihm ebenso rasch im Tode ein anderer hochangesehener Heerführer, hochbetagt gefolgt, Terneral'Feldmarschall Freiherr von Manteuffel, welchen am Mittwoch früh m Lungenschlag zu Karlsbad dahingerafft hat. Trauernd steht die ganze deulsche Nation im Geiste um die Bahren dieser beiden Männer, von denen der eins dem erlauchten Herrschergeschlechte der Hohenzollern angehörte und einen bei ritterlichsten Helden deffelben repräsentirte, während der andere als einer der Vertrauten des Kaisers gelten konnte und .die begeisterte Hingabe an seinen Beruf, das echt militärische Empfinden, sein königstreuer Sinn, sein warmes Henz für die Macht und Größe des deutsches Vaterlandes sicherten dem Frhrn. vorn Manteuffel auch in vollem Maße das unerschütterliche Vertrauen seines Wrlichen Herrn. — Dem Kaiser ist die Trauerkunde von dem Ableben des zeldmarschalls von Manteuffel sofort telegraphisch übermittelt worden und es ^scheint begreiflich, daß dieselbe den greisen Monarchen ausis Neue tief erschüttert hat, da in ihm noch der Schmerz über das plötzliche Hinscheiden des Prinzen Friedrich Karl nachwirkt. Hoffentlich wirkt diese starke seelische Er- Wterung nicht auch nachtheilig aus das kaum wiederhergestellte körperliche normale Befinden des hohen Herrn und dürften die Aerzte dem Kaiser vor Anitritt der Emser Badereise noch ein paar Ruhetage in-der Abgeschiedenheit w Neu-Babelsberg anempfehlen.
Die eigentliche Trauerseier für den Prinzen Friedrich ita.rl hat am Donnerstag Vormittag in der Garnisonskirche zu Potsdam fattgefunben. Fast sämmtliche Mitglieder des Kaiserhauses, viele regierende dm.liche Fürsten, u. A. der König von Sachsen, die Großherzöge von Baden, Hessen und Oldenburg u. s. w., sowie sonstige in- und ausländische Fürstlich- lelt:en wohnten der ernsten Feier bet. — Der Kaiser hat mittelst Cabinetsordre anläßlich des Ablebens des Prinzen Friedrich Karl für die Offieiere der Armee mse dreiwöchige Trauer angeordnet.
Von Begebenheiten auf dem Gebiete der inneren Politik : ijl in dieser Woche fast nichts zu verzeichnen und auch die Lösung der braunschw. Thnonsolgesrage, beinahe der einzigen Frage, welche noch das Interesse unserer Mitischen Kreise erregt — hat im Bundesrathe noch keinen Schritt nach vor- Mts gethan. Dagegen ist in den ersten Tagen der Woche die Entscheidung in
einer andern Affaire gefallen, welche fast mehr als die braunschweigische Angelegenheit das allgemeine Interesse in Anspruch nahm, im Proceß Stöcker contra „Freie Zeitung." Herr Bäcker, der Redacteur der genannten Zeitung, ist wegen Beleidigung des Hofpredigers und Reichstags-Abgeordneten Dr. Stöcker zu 3 Wochen Gefängniß und außerdem zur Tragung der Gerichtskosten verurthellt worden. Der ganze Verlauf des merkwüdigen Proeeffes stellt sich aber als eine moralische Niederlage des Herrn Dr. Stöcker und der von ihm vertretenen Partei dar und es ist keine Frage, daß das Ansehen des Hauptvorkämpfers der christlich-socialen Partei durch den nun beendigen Proceß keineswegs eine Stärkung erfahren hat.
Die Gerüchte von einer in diesem Jahre wiederum bevorstehenden Drei-Kaiser-Zusammenkunft erhalten sich. Als Ort der Zusammen- künst wird immer bestimmter das Schloß Reichstadt in Böhmen bezeichnet, historisch bekannt als Residenz des Herzogs von Reichstadt, des Sohnes Napoleon L und durch die Begegnung des Kaisers Franz Joses mit Kaiser Alexander II. Es heißt, daß Kaiser Franz Joses und Kronpnnz Rudolf nach den Manövem in der Pilsener Gegend Anfangs September sich nach Reichstadt begeben würden, wo man zu derselben Zeit die Kaiser von Deutschland und Rußland erwartet. An einer Wiederholung der Drei - Kaiser - Begegnung vom vorigen Jahre dürfte allerdings kaum zu zweifeln sein, aber über Zeit und Ort werden wohl erst nähere Mittheilungen aus authentischer Quelle abzuwarten fein.
In Bezug aus die hervorzuhebenden Begebenheiten im Auslande kann sich der Wochen-Berichterstatter diesmal kurz fassen. Was Oesterreich-Ungarn anbelangt, so ist hier lediglich ein in Brünn am Dienstag Abend stattgefundener Arbeiter-Exceß zu registriren. Wegen Differenzen mit mehreren Fabrikherren über die Arbeitszeit Überfielen Arbeiter verschiedene Fabrikgebäude, um dieselben zu demoliren. Das Mllitär mußte einschreiten und mit blanker Waffe die Ordnung wieder Herstellen. Zahlreiche Verhaftungen sind erfolgt und auch mehrfache Verwundungen kamen vor.
Dem italienischen Ministerium Depretis ist durch die am Mittwoch mit 163 gegen 159 Stimmen erfolgte Annahme des Budgets des Aeußem, Seitens der Deputirtenkammer die Zustimmung des Parlaments zu der colonialen Politik des Cabinets ertheilt worden. Freilich, die Majorität für die Regierung beträgt nur 4 Stimmen und dies beweist, oaß bei nächster Gelegenheit die coloniale Politik der Herren Depretis und Mancini Seitens der Volksvertretung ebenso gut verurthellt werden kann,zals sie bisher im Allgemeinen sich der Billigung der Kammer zu erfreuen gehabt hat.
Nach vielem Hin- und Herlaviren scheint endlich dem Marquis Salisbury die Bildung des neuen englischen Cabinets gelungen zu fein. Wenigstens meldet eine Londoner Depesche, daß Salisbury sich am Mittwoch Nach-


