1886
Samstag den 21. März
Nr. 68
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Politische Ueberficht.
Gießen, 20. März.
Die Reise des Prinzen von Wales nach Berlin ist ein Sreig- nitz, welchem man allseitig eine weittragende volitische Bedeutung unterschiebt, wenngleich die Geburtstagsfeier Kaiser Wilhelms den äußern Anlaß zu dieser Reise bildet. In Deutschland wie in England betrachtet man übereinstimmend den Besuch des englischen Thronfolgers am deutschen Kaiserhofe als ein bedeutsames Zeichen dafür, daß das Versöhnungswerk zwischen den beiden Nationen nunmehr zum glücklichen Abschlüsse gebracht ist und daß auch die letzten „Miß- Verständnisse" jetzt beseitigt find. Nach den wiederholten bündigen Versicherungen der leitenden englischen Staatsmänner im Parlamente, denen zufolge England aus die Erhaltung der Freundschaft mit dem deutschen Reiche den größten Werth legt, kann der Besuch des Prinzen von Wales in der deutschen Reichshauptstadt in der That nur als ein hochbeachtenswerthes Symptom für die vollständige Wiederherstellung der früheren guten Beziehungen zwischen den beiden Mächten betrachtet werden und darf man sich der bestimmten Hoffnung hin'geben, daß, falls sich noch fernere colomal-politische Auseinandersetzungen zwischen ihnen nothwendig machen sollten, stch dieselben nur in der freundschaftlichsten Form vollziehen werden. Daß es sich bei dem Berliner Besuche des englischen Thronfolgers auch um die braunschweigische Erbsolgesrage handeln sollte, wie man verschiedentlich vermuthet, ist besonders nach den jüngsten Erklärungen des Fürsten Bismarck im Reichstage nicht wohl anzunehmen. „Das Gewicht der deutschen Dynastien und insbesondere unserer kaiserlichen Dynastie wird unter allen Umständen jederzeit auf Seiten der nationalen Jntereffen und niemals auf der Seite der fürstlichen Verwandtschaften in die Waage fallen." Dieser Satz des Reichskanzlers dürfte jedenfalls auch in London verstanden worden fern und es liegt darum kein Grund zu der Annahme vor, daß man englischerseits versuchen sollte,' durch den Besuch des Prinzen von Wales in Berlin das „Gewicht der fürstlichen Verwandtschaften" zu Gunsten des Herzogs von Cumberland in die Waagschale zu werfen.
Mit dem Abschluß der zweiten Berathung der Postdampfer- Lorlage im Reichstage hat die parlamentarische Saison allem Anschein nach ihren Höhepunkt überschritten, da die anderen Gesetzentwürfe, deren Erledigung in dieser Session noch beabsichtigt ist, schwerlich mehr ein so allgemeines und tiefgehendes Interesse erwecken werden, als dies gerade bei der Postdampser- Vorlage der Fall war. Bezüglich letzterer kann es nur mit Genugthuung erfüllen, daß das Plenum des Reichstages aus dem Wrack, zu welchem die Vorlage durch die Commissions-Beschlüsse zusammengeschrumpst war, wenigstens ein Halbwegs passables Fahrzeug gemacht hat. Die Genehmigung der beiden Hauptlinien nach Ostasien und Australien und der Zweiglinien nach Alexandrien und den Südsee-Jnseln ermöglicht es der Reichsregierung, die so kräftig begonnene coloniale Politik auf der nöthigen Grundlage weiter zu führen, wenngleich die Ablehnung der afrikanischen Linie die Regierung zwingt, in anderer Weise die nothwendige Verbindung zwischen den deutschen Colonieen in Westasrika und dem Mutterlande herzustellen. Die Gruppirung der Fraktionen bei den entscheidenden Abstimmungen in der Montagssitzung des Reichstages brachte keine sonderlichen Ueberraschungen; geschlossen für die australische und die afrikanische Linie stimmten die beiden conservativen Fraktionen und die Nationalliberalen, einige Elsässer und Abgeordnete, die keiner Fraktion angehören; ebenso geschloffen dagegen stimmten die Freisinnigen — mit alleiniger Ausnahme des Abg. Grafen Hacke — und die Socialdemokraten. Durch das Eintreten von 17 Centrums- Mitgliedern, meist Süddeutsche, für die australische Linie wurde dieselbe gerettet; bei der Abstimmung über die afrikanische Linie theilte sich aber diese Gruppe, in Folge dessen letztgenannte Linie mit 9 Stimmen Mehrheit abgelehnt wurde; eine Reparirung dieses Beschlusses in dritter Lesung steht kaum zu erwarten.
Die Idee einer Zoll-Union zwischen Deutschland und Oesterreich ist durch Die bekannten Auslassungen des Fürsten Bismarck in der Reichstagssitzung vom 14. März über diesen Gegenstand wieder einmal an das Tageslicht gezogen worden. Fürst Bismarck erklärte offen, daß er an der Idee eines deutsch'österreichischen Zollbündniffes, durch welches die in der deutsch- österreichischen Allianz bestehende Lücke ausgefüllt und hiermit zugleich die Folgen des Bruderkrieges von 1866 zu einem harmonischen Abschlüsse gebracht würden, festhalte; Fürst Bismarck wies aber auch auf die Schwierigkeiten hin, welche der praktischen Durchführung dieses Gedankens entgegenstehen, wenngleich er sich hierbei nur in allgemeinen Andeutungen erging. Daß diese Schwierigkeiten weniger auf deutscher, als auf österreichischer Seite liegen, bedarf wohl kaum erst einer besonderen Versicherung, sie liegen hier in der Föderalisirung Oesterreichs, in der Zurückdrängung des Deutschthums und so lange im Donaustaate die Slaven die leitende Rolle spielen, wird an die Verwirklichung eines pragmatischen deutschchsterreichischen Vertrages nicht zu denken sein.
Im französischen Parlamente nähert sich die zollpolitische Action des Cabinets Ferry ihrem Ende. Am Dienstag hat die Deputirtenkammer die Vorlage betreffs der erhöhten Eingangszölle auf Vieh, nachdem die von der Regierung bei den einzelnen Positionen vorgeschlagenen Erhöhungen im Wesentlichen genehmigt worden warm, im Ganzen mit 281 gegen 194 Stimmen angenommen. Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß Die Vorlage auch die Zustimmung des Senats finden wird und das gegenwärtige französische Ministerium wird somit einen neuen Triumph in seiner inneren Politik zu ver- >ichnen haben. Nach Erledigung der Zolltarif-Novelle wird dann der große
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Berlin, 19. März. (Reichstags Die gestern begonnene Berathung wurde vor außerordentlich spärlich besetztem Hause heute mit der Position „Bau- und Nutzholz fortgesetzt.^ erklärten sich die Abg. v. Gramatzkt (cons.), v. Wendt (Ctt.)
dagegen die Abg. Dtrichlet, v. Benda, Stolle und Rickert.
In den gegnerischen Auslassungen wurde geltend gemacht, daß die Waldreme und der Holzpreis in den letzten Jahren keineswegs zurückgegangen seien, was auch deutlich aus dem Bericht des preußischen landwtrthschaftltchen Mimsters naHuweise« ist. Wolle der Staat den großen Waldbesitzern eine angemessene ste gende Rente zu- sichern, dann müsse dies auch für die Arbettskräfte geschehen. Der steigende HolzpretS würde für die Waldbesitzer keineswegs von dauerndem Nutzen sein, weil dann oer Consum des Eisens, wie dies schon in den letzten Jahren zu bemerken war, zunimmt. Von Vorth-rl für den kleineren Grundbesitzer sind die höheren Zölle, wie man be- bauptete, deswegen nicht, weil vielleicht nur 10pCt. kleinere Besitzer sind.unddiesen wiederum neun Zehntel gar nicht im Stande sind, auch nur em Stück Nutzholz aus
Recht auf Rente verlangen, sondern nur einen Schutz,Se0en bte IXeberHut&un0 jn« ausländischen Hölzern, Sie Holzhändler, die aber ebennicht Konsumenten seien, bildeten den Kern der Gegner; ausländische Holz-rfinden!tzt,w,eauchjedenallSin der Zukunst, ihren Absatz vornehmlich in Deutschland und so wird da« Aus and. um sich den deutschen Markt zu sichern, stch entschließen müssen, die Zölle selbst ,u tragen, Buc(tl8 aob daß die Bruttoerträge, des Walde« allerdings
gestiegen seien, aber nicht die Nettoerträge, Es sollen jetzt Sätze, die übrigens vor drei Jahren mit einer nur geringen Majorität abgelehnt waren, normirt werden, von denen man annehmen kann, daß dadurch und danach der Handel in Ruhe kommen wird. b zunächst die Regierungsvorlage durch einstimmiger
Votum beseistgt dEch die U-schäg- der Commisston mit 155 gegen 144 Stimme
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Kamp! um das Listenscrutinmm beginnen, welche Frage die monarchistische und die radikale Opposition in der Deputirtenkammer zu dem Versuch benutzen will, dem Cabinet Ferry abermals ein Bein zu stellen; hoffentlich wird sich das Ca- binet auch in diesem Falle seiner Gegner erwehren. — Die Schwierigkeiten der Franzosen in Ostasien sind neuerDings durch einen in Cochinchina und Carn- bodscha ausgebrochenen Aufstano vermehrt worden. Zwar melden Berichte aus Saigun, daß in Cochinchina Ruhe herrsche und daß die Lage in Cambodscha eine befriedigende sei, aber diese Berichte klingen zu optimistisch, um Glauben finden zu können, zumal schon vor einiger Zeit aufständische Bewegungen aus den hinterasiatischen Besitzungen der Franzosen gemeldet wurdm.
In Central-Amerika scheint vollständiger Bürgerkrieg zu herrschen. Ein solcher wird wenigstens in der Föderativ-Republik Columbia, zu welcher auch die Landenge von Panama gehört, schon seit einiger Zeit geführt und haben die Insurgenten am Montag einen Angriff auf die Stadt Panama gemacht. Weiter sind zwischen den Republiken San Salvador und Guatemala kriegerische Verwickelungen entstanden, da ersteres sich den Absichten Guatemalas, aus den centralamerikanischen Staaten eine Bundes-Republik zu machen, nicht gefügig erweist. Auf Seiten Guatemalas steht nur Honduras, auf Seiten San Salvadors befinden sich dagegen Nicaragua, Costa Rica und Mexiko, so daß blutige Umwälzungen in ganz Central-Amerika drohen. Nordamerika hat vorsichtshalber bereits einige Kriegsschiffe nach den centralamerikanischen Gewässern beordert.
Darmstadt, 19. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigft geruht:
Am 11. März den Kreisarzt des Kreis-Gesundheitsamtes Offenbach, Geh. Medicinalrath Dr. Heinrich Köhler, auf fein Nachsuchen, unter Anerkennung feiner langjährigen, mit Treue und Eifer geleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. k. Mts. an, in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 19. März. Dte z wette Kammer der Stände tritt am Montag den 23. März, Vormittags 9 Uhr, wieder zusammen. Auf der Tagesordnung der Sitzung sieht: 1) Dte Wahl eines Laudtagsabgeordueten für den 3 Wahlbezirk der Provinz -yLrhesten (Butzbach—Bad-Nauhe!m); 2) dte Vorlage Großherzogl. MtutstntuwS der Finanzen, den Entwurf des Ftnanzgefetzes für dte Etatsjahre 188o—86, 1886—87 rmd 1887—88 betreffend, zugleich über den Hauptvoranschlag der Staatseinnahmen für dte Ftnanzperiode 1885-88 und zwar Hauptabthetlung HI, „directe Steuern" (Kap. 4): 3) die Vorlage Großh. Mmtfteriums des Innern und der Justiz, die Verwendung des beider Erweiterung des Provtnzialarresthauses zu Gteßen ersparten Betrage« von 5500 flK die nothwendige Modtltarausstaituug der neuen Anbautm betreffend; 4) dte Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, den Gesetzentwurf, die Kosten des Unterhalts der Sträflinge im Landeszuchthaus und tu den Gefängnissen betreffend; 5) dte Vorlage Großh. Mm'sterlums des Innern und der Justiz, Bestreitung der Kosten für dte ftattgehabte Anschaffung von Mobilien für dte Taubstummenanstalt zu Bensheim im Betrage von rund 915 Jü aus den bet dem Neubau für diese Anstalt erzielten Ersparnissen betreffend; 6) dte Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, dte Verwendung von 4930 aus laufenden Ersparnissen des Landes- hosvttals Hofheim zur Anschaffung eines Destnfectionsapparat« betreffend; 7) die Vorlage Großherzogl. Ministeriums des Innern und «per Justiz, den Gesetzentwurf, dte Abänderung der Art. 45-50 der allgemeinen Bauordnung vom 30. April 1881 bctrefftnb.^Hn!, 19 Der Senioren-Convent des Reichstages hat heute beschlossen, die Osterferien eintreten zu lassen, sobald die zweite Lesung der Holzzölle und die dritte der Darnpser-Vorlage erledigt sein wird; das dürfte spätestens nächsten Dienstag der Fall sein. ,
St. Johann, 19. März. Beim Abräumen sand man heute in der Grube einen Grubenkarren, auf dem Die Worte standen: „Es ist jetzt halb acht. Wenn bald Hülse kommt, können wir noch gerettet werden. (Name des Steigers"). Gestern um 12 Uhr kam man an jener Stelle an und fand alle daselbst beschäftigt gewesenen Arbeiter tobt.


