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Mr. 271. ' Freitag den 20. November 1886

Gießener Anzeiger

Amts und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Uebersicht.

Gießen, 19. November.

Das Befinden des Kaisers hat sich erfreulicher Weise schon wesent­lich gebessert und sich die Heiserkeit gelöst; doch wird der hohe Herr noch immer einige Tage das Zimmer hüten müssen. In der Erledigung der laufenden Regierungsgeschäfte ist der Kaiser durch sein Unwohlsein nicht weiter behindert worden.

Der parlamentarische Winterfeldzug hat nun mit der am heutigen Donnerstag erfolgten Eröffnung des Reichstages seinen Anfang genom­men. Ueber die Vorlagen, welche das oberste Parlament zunächst beschäftigen werden, ist schon wiederholt berichtet worden, doch wollen wir das Hauptsäch­lichste hier noch einmal zusammenfaffen. Der Etats-Entwurf, welcher im Allge­meinen fertig gestellt ist, enlhält zwar keine neuen Vorschläge von politischer oder principieller Bedeutung, da in ihm vielmehr nur die etatsmäßigen Consequenzen früherer Beschlüsse gezogen werden; dennoch läßt das bislang veröffentlichte Zahlenmaterial schon erkennen, daß in ihm ein reicher Berathungsstoff vorhan­den ist. Das Gleiche gilt von der Reform der Zuckersteuer, bei welcher die Schwierigkeit darin liegt, die steuerlichen Interessen mit den wirthschaftlichen Bedürfnissen eines der wichtigsten nationalen Erwerbszweige in Einklang zu bringen und bezüglich deren die Vorberathungm noch nicht abgeschlossen sein sollen. Der allgemeinen Tendenz der ReichSpolirik entsprechend, nimmt unter den gesetzgeberischen Vorlagen nicht finanzieller Natur die Socialreform wiederum Lie erste Stelle ein. Ihrer Fortführung soll die Vorlage, betr. die Unsallver- -sicherung der land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter und die wegen Entschädi­gung verunglückter Beamten, dienen. Das Viehseuchengesetz nimmt eine in der letzten Session unerledigte Vorlage wieder auf, während die auf die Handhabung Ler Gerichtsbarkeit in den deutschen Schutzgebieten und oie Verlängerung der Verjährungsfrist für gewisse Preßvergehen bezüglichen Gesetzentwürfe bestimmt ffind, der Neuregelung bedürftige Einzelfragen aus dem Gebiete der Rechtspflege zu lösen. So reich und mannigfach hiernach das Arbeitspensum erscheint, mit welchem der Reichstag sich in der nächsten Zeit zu befassen haben wird, so wird sich tm weiteren Verlause der Session der Rahmen seiner Thätigkeit jedenfalls eiod) erheblich erweitern und werden namentlich die Vorlagen über die Vertäu- gerung des Socialistengefetzes und die Erneuerung des Müttär-Septenats heiße Debatten Hervorrufen.

Der Mörder des Polizeiraths Rumpfs, Lieske, ist am Diens­tag im Hose des Gefängnisses zu Wehleiden (Regierungsbezik Kassel) hinge- richtet worden.

DieKöln. Ztg." enthält den Wortlaut des Rundschrei­bens, welches die bulgarische Regierung anläßlich der serbischen Kriegserklä­rung an die Mächte gerichtet hat. Die Note bestätigt nur in ihrem ganzen Inhalte, daß das Vorgehen Serbiens ein durch und durch frivoles ist, und daß man sich von bulgarischer Seite nicht im Mindesten eines so plötzlichen Ein­sallens der Serben versehen hat.

Die allgemeine politische Situation steht seit Ende voriger Woche fast vollständig unter dem Banne der Nachrichten vom serbisch-bulgari­schen Kriegsschauplätze. Es ist noch nicht bekannt, wie sich die Großmächte zu dem provocatorischen Vorgehen Serbiens denn dieses ist offenbar die serbische Kriegserklärung gegen Bulgarien stellen werden, wenn man aber nach der scharfen Sprache urtheilen soll, welche die osficiöfen Blätter von Wien, Berlin, London, bemerkenswerther Weise jedoch vor Allem von Petersburg, gegen Serbien führen, so ist die Stimmung in dem europäischen Cabinet dem serbischen Gewaltstreich nichts weniger als günstig. Hoffentlich werden sich die Mächte beeilen, weiterem Blutvergießen auf der Balkan-Halbinsel Einhalt zu ttbun; auf welche Weise dies geschehen soll, ist freilich noch nicht zu ersehen, daß ober die Konstantinopeler Conferenz hierzu nicht im Stande ist, dürste wohl allgemach klar werden und man wird vielleicht bald von einerVerschiebung" der weiteren Conserenz-Sitzungen hören. Was die Pforte anbelangt, so scheint dieselbe auch noch nicht schlüssig zu sein, wie sie den serbischen Emmarsch in Bulgarien, also in ein Land, welches unter der Oberherrlichkeit des Sultans lieht, ausnehmen soll; einstweilen berathen der Sultan und seine Minister über die Depesche des Fürsten Alexander, in welcher derselbe flehentlich um die Un- üerstützung der Pforte gegen den übermächtigen serbischen Angriff bittet.

Zur,Lage aus dem Kriegsschauplätze selbst ist zunächst zu be­merken, daß die serbische Armee In drei Kolonnen vorgeht. Die Hauptkolonne bildet das Centrum, wo König Milan selbst besehligt und welches dixect gegen Sofia, die feindliche Hauptstadt, operirt. Die rechte Kolonne, also südlich vom Centrum, dringt gegen Küstendll, unweit der albanesischen Grenze, vor. Die linke Kolonne, nördlich vom Centrum, marschirt gegen Widdin, die starke Donau- Festung, deren Einnahme den Serben den Besitz des nordwestlichen Bulgariens sichern würde. Das Hauptinteresse wendet sich natürlich der gegen Sofia ope- rirenden Heeresabtheilung der Serben zu, da hier die Entscheidung ruht. Auf dien ersten nachhaltigen Widerstand der Bulgaren ist diese Abtheilung bei Dra- goman gestoßen, nachdem bei Tzaribrod ein größeres Vorpostengefecht stattge- fmnden hatte. Nach tapferer Vertheivigung räumten die Bulgaren in Folge der bedeutenden numerischen Überlegenheit des Feindes und auch in Folge eines Umgehungs'Manövers desselben am Sonntag Abend ihre Stellungen bei Dra- ggoman und concentrirten sich bei Slivnitza, gegen welches die Serben mit großen Streitkräften vorrückten. Ueber die beiderseitigen Verluste in den bis­

herigen Kämpfen liegen nur schwankende Angaben vor, doch scheint es, daß sowohl die Serben, als auch auch die Bulgaren schon stark gelitten haben.

Die in Wien versammelten Delegationen erledigen den Rest des von ihnen zu bewältigenden Arbeit-Materials fast wie im Fluge. Am Montag genehmigte die österreichische Delegation das Budget des Ministeriums des Auswärtigen ohne Debatte. Der Berichterstatter Fürst Windifchgrätz hatte hierbei dem unerschütterlichen Vertrauen des Budget-Ausschusses zu der aus­wärtigen Politik der Regierung und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Friede unter den Großmächten erhalten bleibe. Das außerordentliche Heeres- Ersordrrniß und die Voranschläge für das gemeinsame Finanzministerium, den obersten Rechnungshof und die Zollgefälle wurden gleichfalls ohne Debatte ange­nommen. In der ungarischen Delegation wurde die Regierungs-Mittheilung, vom Ausbruche des serbisch-bulgarischen Krieges mit lautem Eljen entgegen­genommen.

In Rom ist am Montag der internationale Congreß für die Reform des Gefängnißmesens vom Ministerpräsidenten Depretis im Namen de» Königs eröffnet worden. Die Ansprache des Ministerpräsidenten wurde vom Generaldirector des italienischen Gefängnißwesens und vom Professor v. Holtzen- dorff erwidert.

Deutschland.

Braunschweig, 18. November. Die Nachrichten eines Münchener Blattes, daß mehrere braunschweigische Officiere anläßlich der Einsetzung deS Prinzen Albrecht zum Regenten den Dienst quittirt hätten, um in österreichische Dienste überzutreten, ist, wie dasBraunschw. Tagebl." auf Grund bester In­formationen versichert, völlig aus der Lust gegriffen.

Arankreich.

Paris, 18. November. Freycinet empfing heute privatim den Vor­sitzenden der Gemeinde-Vertretung von Athen, Phüemon, welcher an das tradi­tionele Wohlwollen Frankreichs für Griechenland appellirte. Der Minister erwiderte demselben, daß er über diesen Gegenstand nicht in Erörterungen mit ihm eintreten könne.

Durch die Explosion einer Maschine in der Destillation Joanne am Quai Tournelle wurden heute Vormittag 30 Personen verwundet.

England.

London, 18. November. Gladstone hielt gestern eine Rede in West- calder, worin er die vorsichtige und zweckmäßige Politik Lord Salisbury's be­züglich der bulgarischen Union und die vorsichtige und maßvolle Haltung der Türkei lobte. Es sei ein beklagenSwertheS Schauspiel, daß Serbien, welches seine Unabhängigkeit lediglich der Intervention der Mächte verdanke, nachdem es durch die Türkei eme Niederlage erlitten, gegen Bulgarien Krieg führe.

London, 18. November. Eine amtliche Depesche über die Einnahme von Minhla (in Birma) sagt, Prendergast griff am 17. d. Mts. Minhla, nämlich am rechten User das Fort Guegyung und Kamyo am linken User de» Jrawaddy gleichzeitig mit Erfolg an. Die Verluste betrugen: 1 Lieutenant der Infanterie und 3 Mann tobt, 1 Commandant, 3 Lieutenants und 24 Mann verwundet.

Rußland.

Petersburg, 18. November. DasJournal de St. Pvterrbourg" räth dem Fürsten von Bulgarien, sich dem Bescheide, welchen er von der Türkei auf sein erste» Ersuchen bezüglich der Vertheidigung gegen die serbische Nation erhalten hat, zu fügen, namentlich Rumelien zu räumen und den rechtmäßigen Zustand wieder herzustellen. So werde er Serbien den Vorwand des Angriffes nehmen und die Pforte in die Lage setzen, Milan gegenüber eine prononcirtere Haltung etnzunehmen. Wenn die kriegerische Action dann trotzdem fortdauere,, so sei die» zwar hart, aber man habe kein Recht, ein schlecht begonnenes und noch schlechter vorbereitetes Werk in die Länge zu ziehen, da das gesammte Europa eine derartige Nachgiebigkeit verlange. Es könne für das junge und unerfahrene Volk nicht erniedrigend sein, seine Geschicke den Mächten anzuver­trauen und auf Pläne zu verzichten, welche es zu gutem Ende zu führen nicht vermag.

Telegraphische Depesche«.

WslVs Ultet* Lsttesporrderrz - Brrteair.

Berlin, 18. Nov. Sr. Majestät der Kaiser hütet zwar noch das Zimmer, ist aber von der Erkältung und Heiserkeit nahezu genesen. Allerhöchstderselbe nahm auch heute Vorträge entgegen und erledigte andere Regierungsgeschäfte.

Metz, 18. November. Die Rede des Statthalters bei dem gestrigen Galadinev lautet:Mein Amtsvorgänger, der verstorbene Feldmarschall Manteuffel, hat einmal gesagt, er begreife, daß man in Elsaß-Lothringen die Zusammengehörigkeit mit Frank­reich noch nicht vergessen habe. Man könne die Gefühle nicht wechseln wie einen Rock. Das war ein gerechtes, humanes Wort. Ich gehe aber noch weiter, ich sage: Ich begreife, daß die Bewohner dieses Landes, da sie vor zwei Jahrhunderten von Deutsch­land getrennt und mit Frankreich vereinigt wurden, jene Aenderung nicht allzu schwer empfanden; Deutschland war damals ein zerrissenes Land, das weder seine Angehörigen schützen, noch ihre Wohlfahrt fördern konnte, während Frankreich nahezu auf oer Höhe seiner geistigen und materiellen Entwicklung stand. Da konnte die Trennung von Deutschland leicht verschmerzt werden. Wenn ich aber so der historischen That gerecht