Ausgabe 
20.9.1885 Zweites Blatt
 
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1886

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Preis vierteljährlich 2 Marl 2V Pf. Durch die Post bezogen vierteljährlich

Erscheint Ikglich mH «ssmchrne M «e-ntag».

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Wochen - Uebersicht.

Gießen, 19. September. I

Die Kaisertage in Süddeutschland ließen diesmal den Blick sich vonuasw-ise nach den gesegneten Gauen des badischen Landes und dann nach den nicht'minder fruchtbaren Gefilden des Schmabenlandes wenden. Von Ende voriger Woche an bi» zum gestrigen Frertag hatte die badische Hauptstadt bie Gbce den greisen Schirmherrn der deutschen Reiches und tue rhn umgebende alänrnbe Corona von Fürstlichkeiten. Generälen, sremdherrlichen O'frcieren re. in ihren Mauern zu beherbergen. Tagsüber wohnte der Kaiser unermüdlich Dei Feldmanöoern des 14. (baoischen) Armee-CorpS bei und bie überaus zahl, reiche Zuschauermenge hatte hierbei Gelegenheit, die Ausdauer und körperliche wie geistige Frische des kaiserlichen Herrn zu bewundern. Gegen Abend kehrte der Kaiser regelmäßig nach Karlsruhe zurück, um hier die Vorträge des Mstttar- und Civil-Cabinets entgegenzunehmen und daneben noch andere Angelegenheiten »u erledigen. Am Freitag Mittag traf der olloerehrte Monarch nebst seinem glänzenden Gefolge in Stuttgart ein, wo ihm ein ebenso festlicher und begei- ft er ter Empfang bereitet wurde, wie in Badens Hauptstadt. König Karl, welcher in den 'letzten Tagen in Friedrichshafen von einem fieberbaften Katarrh befallen worden war. bat es sich doch nicht nehmen lasten, trotz feines Unroobb seins nach feiner Residenz zurückzukehren und daselbst den Kaiser zu begrüßen. Letzterer wird, wie bereits bekannt gegeben ist. bis zum 23. d. Mts m der schwäbischen Hauptstadt weilen und dann sich nach Baden-Baden begeben und hier in Gemeinschaft mit der Kaiserin. welche in Baden-Baden nach gewohnter Weise ihren Geburtstag (30. September) zu feiern pflegt, den Rest des Monats »erbringen. Roch während des Aufenthaltes des Kaisers in Karlsruhe ist die Ernennung des Prinzen Wilhelm von Preußen zum Oberst und Commandeur Ides Garde-Hufaren-Regiments, sowie diejenige des Generals Heubuck zum corn- inandirenden General des 15. Armee-CorpS (Elsaß-Lothringen) Erfolgt, da tiefer Posten durch den Tod bei Feldmarschalls Frhr. v. Manteuffel erledigt worden war. , ,, . ,

Die parlamentarischen Vorarbeiten zu der Herbstsession des Reichstages haben in dieser Woche eine weitere Förderung erfahren, indem vom Bundesrath in seiner am Dienstag abgehaltenen Plenarsitzung die Ausführung« - Bestimmungen zum Börsensteuer. Gesetz nach den Anträgen des Ausschustes genehmigt worden sind. Außerdem stand noch der Antrag Preußens auf Verlängerung des über Berlin und Hamburg verhängten kleinen Belage­rungszustandes auf der Tagesordnung, doch dürfte hierüber erst in der auf Freitag anberaumt gewesenen Sitzung Beschluß gefaßt worden sein. Wann dem | Bundesrath das bei Der allgemeinen Enquete über die Sonntagsarbeit gefam- melte Material zugehen wird, ist noch vollständig ungewiß, da erstlich die Enquete noch nicht vollständig beendigt ist, und da außerdem bie Verschieden, artigfeit der hierbei abgegebenen Gutachten eine rasche Sichtung des Materials bedeutend erschwert. Zur Landtags-Wahlbewegung in Preußen ist nicht viel Neue» zu melden; neben den anderen Parteien sind jetzt auch die norddeutschen Demokraten mit einem am Montag in Hamburg abgehaltenen Parteitag her- vorgetreten. Die Verhandlungen bewegten sich auf dem Boden des demokrati­schen Partei-Programmes und gipfelten in der Erklärung, daß die norddeutsche demokratische Partei nunmehr conftituirt sei. Zum nächsten Vorort wurde Leipzig gewählt. , f

Die am Dienstag stattgefundenen Ergänzungswahlen zur sächsischen zweiten Kammer haben an dem Besitzstand der einzelnen Parteien äußerst wenig verändert. Die Conservativen und die Rationalliberalen haben, das Gesammtresultat zusammengehalten, nichts gewonnen und nichts verloren, die Fortschrittler verloren, die Socialdemokraten gewannen einen Sitz. Von Einzelheiten sind folgende hervorzuheben: Die Socialdemokraten gewannen Dresden-Neustadt und Chemnitz (Land), verloren dagegen Leipzig (Land) und behaupteten sich in Zwickau (Land). Ihr Angriff auf den einen Chemnitzer Wahlkreis wurde durch das feste Zufammenstehen aller Ordnungsparteien glän­zend abgeschlagen. In Altstadt-Dresden unterlag der langjährige fortschrittliche Abgeordnete. Kaufmann Walter, dem conservativen Candidaten, auch in Dresden- Altstadt siegten die Conservativen; die drei voigtländischen städtischen Wahl­kreise sandten wieder ihre drei bewährten liberalen Vertreter in.bie Abgeord- neten-Kammer. Vielleicht wird die amtliche Feststellung der Wahlresultate noch hier und da eine Correctur Der Wahlnachrichten bewirken, im Ganzen steht aber fest, daß die Conservativen auch in der Landtagssession über die absolute Ma- jorität verfügen werden.

In der Karolinen-Frage behauptet sich die Auffassung, daß der ganze Streitfall aus gütlichem Wege seine Beilegung finden wird, zumal da die Anfangs so erregte antideutsche Stimmung jenseits der Pyrenäen saft einer ge­wissen Gedrücktheit Platz gemacht hat. In allen noch einigermaßen urthests- fähigen Kreisen der spanischen Nation sängt man an zu begreifen, wie sehr man Deutschland durch den so leichtsinnig in Scene gesetzten Entrüstungssturm gegen dasselbe vor den Kopf gestoßen hat und bemüht sich jetzt, möglichst noch einzu- [enfen. Al» ein Zeichen dafür ist die Bereitwilligkeit selbst der liberalen und republikanischen Eiferer in Madrid zu betrachten, mit Deutschland in eine Dis- cussion über die Rechtsfrage einzutreten. In der Antwortnote, welche der spanische Gesandte in Berlin, Graf Benomar, im dortigen auswärtigen Amte Anfangs dieser Woche überreicht hat, bildet die Darlegung der angeblichen spanischen Rechtsansprüche auf die Karolinen einen befonbern Abschnitt. Zu-

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Jlr. 219 Zweites Blatt Sonntag den 20. September

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nächst soll jedoch bie Note die osficielle Entschuldigung der spanischen Regierung wegen der Madrider Pübel-Excesse und ihre Vorschläge bezüglich der dem beut* scheu Reiche zu gewährenden Genugthuung enthalten. Erst nach Erledigung dieser formellen Angelegenheit sollen die diplomatischen Verhandlungen über die rechtliche und materielle Seite der Karolinenfrage beginnen.

Der wahrhaft begeisterte Empfang, welchen Kaiser Franz Joses gelegentlich der großen Truppen-Manöver in Kroatien und Slavonien allerorten gesunden hat, ist ein hell leuchtender Punkt in der sonstigen Misere Der trüben politischen Verhältnisse im Donau-Kaiferreiche. Fast möchte man be­haupten, daß die Liebe zu dem angestammten Herrscherhause der einzige verläß­liche Kitt ist, welcher das Völker-Conglomerat der habsburgischen Monarchie noch zusammenhält und wie vor einigen Wochen in Kremsier und kürzlich wieder in Pilsen Deutsche wie Czechen dem Herscher des Landes in gleicher Anhänglichkeit zujubelten, so wird jetzt der österreichische Monarch im Süden seines Reiches von Croaten und Slooenen warm begrüßt wie gesagt, ein Lichtblick in dem ewigen Hader der Völkerstämme Oesterreich-Ungarns. Einen bedeutsamen Mo- ment bei der Anwesenheit des Kaisers m Kroatien bildete auch der Empfang der bosnisch-herzegowinischen Massen-Deputation in Pozega. welche gekommen war, dem Herrscher die Ergebenheit und Loyalität seiner Unterthanen auch m der Herzegowina und in Bosnien zu versichern. Die Deoutation dürste aui s Höchste befriedigt von dem leutseligen Empfang, den sie beim Kaiser gefunden hat. nach Hause zurückgekehrt sein, wohin sie auch die Versicherung eines dem- nachstigen kaiserlichen Besuches in den occupirten Provinzen mitgenommen hat.

Jenseits der Vogesen hat man nur noch Sinn für die Wahlen und alles, was damit zusammenhängt, und je näher der Wahltermin, der 4. October, rückt, desto enger folgen sich die verschiedenen Wahlkundgebungen.

Auch das Cabinet Brisson hat es wieder für nöthig gehalten, mit einer officiellen Kundgebung in die Wahlbewegung einzugreifen, da der Minister des Innern, Allain-Targö, in dieser Woche auf einem zu Paris stattgesundeneu Banket nochmals das Programm der Regierung entwickelt hat, wie dies kürzlich schon der Conseilpräsident Brisson selbst gethan hat. Im Allgemeinen hat hie Rede Allain-Targe's nur die Ueberzengung befestigt, daß der Bruch zwischen den Radicalen und den Opportunisten ein vollständiger ist und daß sich beide republikanische Parteien am Wahltage feindlich gegenuberstehen werden. z r r

Der auf Schloß Fredensborg bei Kopenhagen ver­sammelte fürstliche Familientag ist durch die Ankunft des Prinzen von Wales und des Herzogs von Chartres nebst Familie kaum vervollständigt worden und schon ist in den Streis der fürstlichen Gäste des dänischen Königs­paares durch die am Mittwoch erfolgte Abreise des Königs von Griechenland die erste Lücke gerissen worden. Am Dienstag erschien auch am dänischen Hofe ein Abgesandter des Sultans in der Person des Admirals Suleiman Pascha, welcher dem König und dem Kronprinzen die ihnen verliehenen türki­schen Ordensdecorationen überbrachte. Suleiman Pascha erhielt dafür den I Danebrogsorden, während dem Herzog von Chartres der Elephantenorden. die höchste dänische Ordensauszeichnung, verliehen worden ist.

Die Apenninen-Halbinsel zittert wieder unter der Cholera- Geißel. Von Norden wie von Süden, von der französischen Grenze wie von I dem verseuchten Sicilien her dringt die Cholera gegen die mittleren Provinzen Italiens vor. Wenn man den Cholerabulletins der italienischen Regierung I trauen darf, so trägt die Epidemie noch einen, milden Character, doch i|t I die Befürchtung nicht ausgeschlossen, daß sie rasch ihren wahren Character I annehmen werde. .. r

Die Mission Sir Drummond Wolfss in Konstantinopel I kann man wohl bereits als halb gescheitert betrachten. Wenigstens verlautet über den Fortgang derselben noch nicht das Geringste; dagegen wird das Ge- I glicht, der Sultan beabsichtige, den Großvezir mit einem besonderen Auftrage I nach Egypten zu schicken, wieder dementirt- .

Die spanische Regierung trifft Vorbereitungen für knegerttche I Eventualitäten. So läßt sie die Chassarinen - Inseln an der Küste Marokkos I befestigen und der Commandant von San Sebastian hat Befehl erhalten, I die Befestigungsarbeiten am Hafen dieser Stadt zu beschleunigen- on Madrid ist wegen Nachlasses der Cholera ein Theil der Cholerahospiläler ge- I schlossen worben. ______________________________

Die deutsche ArmenMr.

Der eben erschienene Bericht über die Armenstatistik des Deutschen Vereins für Armenpflege und Woblthätigkeit läßt trotz aller Verschiedenheiten in den Armen;inern I von 77 deutschen Städten mit mehr als 4 Millionen Einwohnern doch einefltroine Regelmäßigkeit heroortreten. Im Allgemeinen bemerkt man bet ben kleinen Städten kleinere, bei den größeren Städten größere Armenzmern Auf.^OO Eimvohner ent­fallen in den Städten bis 20,000 Einwohner 4,(5 Unterfluhte^in den Städten über 20-50,000 Einwohner 5,02, in den Städten über 50-100,000 Emwohnx 6.39, m den Städten über 100,000 Einwohner 6,51 Unterstützte. Die größte Ctabt des Reiches, Berlin, zählt schon in der offenen Pflege allein über 6 Unterstützte auf 100 ^Anlangend das Geschlecht der Unterstützten, so waren im Durchschnitt sämmt- licher Armenverbände von den erwachsenen ^^11^1101^11 (ohne ^119^01:1^) I 40,24 pEt. Männer und 59,76 pEt. Frauen. Unter den dauernd H"lerftutzten über­wiegen mit einer Ausnahme - der Stadt Hagen - in fammtlichen Armenverbanden die Frauen, unter den vorübergehend Unterstützten mit einigen Ausnahmen die I Männer. Im Durchschnitt sämmtlicher Armenverbande waren von den dauernd

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