Lokales.
Gießen, 19. Mai. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung atm Donnerstag den 21. Mai 1885, Nachmittags 4 Uhr.
1. Die Quellwasserleitung betr.
2. Verpachtung der Gemeindejagd.
3. Die Ausübung der Schafweide im Stadtwald.
4. Die Unterbringung und Verpflegung der polizeilichen Gefangenen.
5. Veräußerung von Hospitalgelänbe.
6. Vertilgung 5er der Landwirtschaft schädlichen Vögel.
7. Das Schulgeld am Realgymnasium.
8. Verlegung eines Theils der Schießstände.
9. Remunerirung des Octroiaufsichtspersonals für das Jahr 1884.
10. Die Verwerthung des Grassamens in den städtischen Waldungen pro 1885» 11. Das städtische Baubureau betreffend.
12. Beschwerde des Kaufmanns Julius Buch wegen Eigenthumsbeein- trächtigung.
13. Gesuch des Schuhmachers Ernst Möser um Bauerlaubniß.
14. Gesuch des Robert Sattler und Karl Loth um Bauerlaubniß.
15. Desgleichen des Metzgermeisters Louis Vogt.
16. Gesuch des Jo Hs. Dern um Bauerlaubniß.
17. Gesuch des Weißbindermeisters Christian Petri III. um Erlaubniß zur Anlegung eines Wasserableitungscanals.
18. Gesuch des Fabrikanten Gg. Throm um Erlaubniß zur Anlegung einer Rohrleitung.
19. Gesuch des Konrad Atzbach um Erlaubniß zur Gewinnung von Sand auf städtischem Eigentum.
20. Gesuch des Bäckermeisters August Guhr um pachtweise Ueberlassung städtischen Geländes.
21. Verbesserung des Hammwegs.
22. Erdauffüllung am Krofdorferweg.
23. Die Bepflanzung des Gleibergenvegs.
24. Die Verbesserung des Gleibergerwegs.
25. Die Verschlammung des Fluthgrabens an den Hardthöfen.
Gießen, 19. Mai. Die Montag Abend im Saale des Gymnasiuins von Fräulein Plähn gegebene dramatische Soiree war zwar besser als vor l1/» Jahren, aber doch für Gießen recht schlecht besucht. Man kann ja zugeben, daß Recitationeir nicht für Jedermann sind, aber in einer Universitätsstadt sollte man doch nicht bloß unter den Damen, — diese waren ziemlich zahlreich erschienen — sondern auch unter den Männern eine größere Anzahl finden, welche für diese höchsten Leistungen der künstlerischen Darstellung Verständniß und Interesse besitzt. Gewiß haben die üblen Erfahrungen, welche in hiesiger Stadt im Laufe der letzten Jahre mit Recitationeir gemacht worden sind, dazu beigetragen, alle solche Ankündigungen mit Mißtrauen aufzunehmen, und ebenso sicher hat Fräulein Plähn zu wenig Reclame gemacht, um ihre Soiräe mit dem heute einmal nöthigen Getrommel einzuführen.
Sie wußte allerdings, daß sie solcher Mittel nicht bedurfte, denn ihre Leistungen sind so hochbedeutend, daß sie jeder Anpreisung leicht entrathen können. Ihre Stimme ist so umfassend, weich, voll und biegsam, daß der Zuhörer, wenn er bei Dialogen ?c. die Augen schließt, völlig die Illusion erhält, daß mehrere Personen sprechen. Die einzelnen Rollen sind mit bewunderungswürdiger Consequenz durchgeführt und wenn auch die echt weiblichen Züge und Töne Gretchens den Hörer am meisten hinreißen, so gelingen ihr doch auch die schneidende Ironie Mephistos, das titanische Streben Fausts und das Zigeunerwesen Marthas bt meisterhafter Weise.
Fräulein Plähn recitirte eine Reihe von Scenen aus Faust. Man darf wohl sagen, eine treffendere Auffassung und schönere Darstellung Gretchens kann man schwerlich finden, und in dem Vortrag des „Ach neige", „Meine Ruh' ist hin", der Sterbescene Valentins und der Kerkerscene erreicht die Künstlerin nicht bloß in den ergreifenden. Tönen der Recitation, sondern namentlich in der tiefempfundenen und durchdachterr Auffassung, sowie der Stärke der Leidenschaft, eine Höhe der darstellenden Kunst, die Bewunderung verdient. Sie konnte aus dem lebhaftesten Beifalle, der ihr zu Theil. wurde, die Versicherung entnehmen, daß sie ein dankbares Publikum hatte, das ihr immer seine Sympathie entgegenbringen wird.
Faust ist manchen Leuten zu bekannt, anderen nicht nach dem Geschmacke, einigen, zu hoch. Das Programm, welches für Dienstag den 19. Mai veröffentlicht ist, bring L. joieoer Bekanntes, wenn auch in letzter Zeit viel Genanntes.
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Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße 7. ........................................
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Amtlicher Iheil.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn» Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bekanntmachung.
Von der Französischen Regierung sind die Todesscheine der nachstehend b^eichneten Hessischen Staatsangehörigen Grobherzoglichem Staatsministerium witgetheilt worden. Da die Heimathorte der Verstorbenen nicht genau angegeben sind, werden etwaige Interessenten aufgefordert, ihre Ansprüche auf den Besitz der fraglichen Urkunden geltend zu machen.
Die letzteren beziehen sich auf:
1) Adam Rehrig, 43 Jahre alt, Taglöhner, Sohn von Ludwig und Elisabeth, geb. Horst, verehelicht mit Elisabeth, geb. Schombert, angeblich aus Kranzheim, gestorben zu Paris, rue de Rouen 10, am 16. April 1882;
2) Marie Justine Ebermann, 55 Jahre alt, Taglöhnerin, Ehefrau des Michael Eck, Tochter von Georg Ebermann und .......geb. Silbernagel, angeblich aus Pundensheim, gestorben zu Vincennes am 9. April 1883.
Gießen, am 16. Mai 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
>ambrinus". er Vorstand.
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Berlin, 18. Mai. In der am Samstag unter dem Vorsitze des Staatsministers, Staatssecretärs des Innern v. Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesraths wurden Mittheilungen des Präsidenten des Reichstags über Beschlüsie des letzteren, betr. die Uebersicht der Reichs-Ausgaben und -Einnahmen für das Etatsjahr 1882/83, eine Petition wegen Abänderung des Gesetzes über die Abwehr und Unterdrückung der Reblaus-Krankheit und eine Petition wegen Befreiung der Lotterie-Loose des Vereins „Kinderheim" von der Stempelabgabe, ferner ein Antrag Badens, betr. Zollerstattung aus Billigkeits- Rücksichten und der vom Landesausschuß von Elsaß-Lothringen in veränderter Fassung angenommene Entwurf eines Gesetzes für Elsaß-Lothringen über die Verzinsung der Gelder der Sparkassen und der auf Gegenseitigkeit beruhenden Hülfsgenossenschaften den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Ueber den Ent- Wurf eines Gesetzes wegen Erhebung von Reichsstempet-Abgaben vom 1. Juli
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itft rutscht" i. Mi 1885.
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1881, wird in einer der nächsten Sitzungen Beschluß gefaßt werben. Dem Entwurf eines Gesetzes über die Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung und dem Gesetzentwurf zum Schutz des Papiers der Reichskassenscheine gegen unbefugte Nachahmung wurde mit den vom Reichstag vorgenommenen Abänderungen die Zustimmung ertheilt. Dieselben werden mit den vom Reichstag angenommenen Gesetzen, betr. die Feststellung eines Nachtrags zum Reichshaushalts- Etat für das Etatsjahr 1885/86 und betr. die Abänderung des Zollvereinigungs- Vertrages vom 8. Juli 1867, zur Allerhöchsten Vollziehung vorgelegt werden. Den Entwurf eines Gesetzes für Elsaß-Lothringen wegen Unterstützung von dienstunfähigen Forstschutzbeamten der Gemeinden und öffentlichen Anstalten, sowie von Hinterbliebenen solcher Beamten genehmigte die Versammlung in der vom Landesausschuß beschlossenen Fassung und erklärte sich mit den von den Ausschüssen vorgeschlagenen Maßnahmen zum Vollzüge oes Anschlusses Bremens an das deutsche Zollgebiet einverstanden. Nachdem noch über die Ausführung des Gesetzes, betr. die Steuervergütung für Zucker, sowie die Verlängerung der Frist für die Entrichtung der im Betriebsjahre 1884/85 creditirten Rübensteuer Beschluß gefaßt worden war, wurde die Sitzung mit der Vorlegung von Eingaben verschiedenen Inhalts geschlossen.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondeirz-Birreau.
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gatte. *
Berlin, 19. Mai. Der Kaiser folgte Nachmittags einer Einladung des Staatsministers Hatzfeld zum Diner.
— Der Botschafter Schuwalow stattete gestern dem Reichskanzler einen längeren Besuch ab.
— Der „Nationalzeitung" zufolge ist in den Kassabüchern des am 13. Mai verstorbenen Rendanten der städtischen Hauptstiftungskasse, Gabriel, eine große Anzahl von Fälschungen, sowie ein Defect, dessen Betrag 100,000 JL. übersteigen soll, auf- gefunden. Nach der „Norddeutschen" werden die bei der Stiftungskasse'fehlenden Summen durch die Caution gedeckt. Der übrige Defect betrifft den Betriebsfonds.
Danzig, 18. Mai. Heute fand hier im Beisein des Admiralitätschefs, General- l*Simtenant§ v. Caprivi, die feierliche Taufe der auf der hiesigen Werft erbauten neuen Kreuzercorvette durch den Admiral Jachmann statt, dieselbe erhielt zum Andenken an ben 1864 bei Jasmund stattgehabten Seekampf den Namen „Arcona".
Ports, 18. Mai. Der Zustand Victor Hugo's veranlaßt die ernstesten 1 Besorgnisse.
London, 18. Mai. Die wegen Hochverraths, Brandstiftung und Theilnahme ■ (in Dynamit-Attentaten Angeklagten Burton und Cunningham sind heute von dem I' Crimmalgericht Old-Bailey zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilr worden.
— Wie die „Daily News" erfahren, sind die Differenzen zwischen Rußland - «ob England bezüglich der afghanischen Grenze nur von untergeordneter Bedeutung uvtd afficiren in keiner Weise die Wahrscheinlichkeit einer befriedigenden Lösung.
London, 18. Mai. Im Unterhause erklärte Ashley, die englischen und deutschen Kommissare zur Berathung der Frage bezüglich der Südsee-Jnseln hätten ihren Re- gierungen über die von ihnen gemachten Vorschläge berichtet und denselben empfohlen, ' oaß beide Regierungen in ihren speciellen Territorien gegenseitig völlige Freiheit des 1 Hcindels, der Schifffahrt und des Domicils gewähren sollten. Hinsichtlich des Sclaven- ha adels würde empfohlen, daß Deutschland ähnliche Bestimmungen erlasse wie von Eng- Nlamd in seinen Colonien in dieser Beziehung ein geführt seien. Man sei der Ansicht, ; da 8 der Sclavenhandel durch die gleichmäßige, nicht gemeinsame, Controle beider »Milder beallfsichtigt lverden müsse; was den Verkauf von Waffen und berauschenden ; Getränken angehe, so stimmten die beiderseitigen Commissare überein, daß an allen Pl atzen, die sich unter Aufsicht der beiden Regierungen befinden, die Schenkung oder heu Verkauf dieser Dinge an Eingeborene strenge zu verbieten seien. Bezüglich der Wluseln, die noch nicht unter einer europäischen Macht stehen, hätten die Commissare
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empfohlen, den deutschen und englischen Unterthanen zu verbieten, Waffen und Spirituosen dorthin zu bringen, und ferner angeregt, andere Seemächte aufzufordern, ein ähnliches Verhalten bezüglich ihrer Unterthanen einzuschlagen. Soweit die Regierungen Englands und Deutschlands in Betracht kämen, sei begründete Aussicht vorhanden, daß das Einvernehmen über die zwischen ihnen besprochenen Angelegenheiten zu Stande komme.
Belgrad, 18. Mai. Der König überttug für die Dauer seiner Abwesenheit die volle Regierungsgewalt auf den Ministerrath. Der König trifft morgen in Wien ein.
• — Der Minister zur Disposition, Ristics, ist pensionirt worden.


