Ausgabe 
19.12.1885 Erstes Blatt
 
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des Wothe'schen Ehepaares. Bei dieser Beschuldigung habe Herbst ein aschfahles Aus­sehen angenommen und habe sich vergeblich bemüht, seiner großen Erregung Herr zu werden. Damit schloß die gestrige Sitzung.

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Unter enormem Andrang des Publikums wurde heute Morgen Vs9 Uhr die Sitzung wieder ausgenommen.. Im Zuhörerraum wie auf den Gallerien ist diesmal das Frauenelement stark vertreten. Als erste Zeugin wird die Ehefrau Kaspar Müller aus Laubenheim vernommen, bei welcher Herbst um Unterkunft für die Nacht gebeten hat, mit welcher Bitte er indessen abschlägig beschieden wurde. Die Aussagen des Gensdarmen Wilhelm Rohrmann von Laubenheim, der die Sistirung des Angeklagten bewirkte, werden von diesem einer scharfen Kritik unterzogen und er bezeichnet sie als eine fortgesetzte Kette von Lügen. Bei der Vernehmung der Zeugin Tillmann, deren Aussage ohne Belang ist, wird im Gerichtssaal ein unerwarteter Zwischenfall bekannt, der indessen in den Verlauf des Prozesses in keiner Weise hemmend eingreifen wird. In Folge eines von dem Vertheidiger in der vorgestrigen Verhandlung gestellten An­trags wurde zur Vernehmung der vor Jahren zum Tode verurteilte, später aber zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigte Bauersmann Schäfer von Bretzenheim aus dem Zuchthause Marienschloß bei Gießen hierher gebracht, der seiner Zeit mit Herbst zusammen im Gefängniß war. Er sollte über verschiedene Aeußerungen vernommen werden, die Herbst ihm gegenüber mit Bezug auf seine Pläne nach seiner Haftentlassung gethan haben soll. Gestern kam er unter starker Eskorte hier an und wurde in einer Zelle untergebracht. Statt zur Vernehmung zu erscheinen, zog er es vor, sich mittelst seiner Hosenträger in der Zelle zu erhängen.

Es dürfte Ihren verehrlichen Lesern vielleicht von Interesse sein, zu erfahren, welche That den Selbstmörder in das Zuchthaus gebracht hatte. Schäfer versuchte im Jahre 1868 seine Frau zu vergiften; als ihm dies aber nicht gelang, erwürgte er sie und brachte sie im Stalle in eine Lage, daß es scheinen konnte, als habe sie sich selbst erhängt. Anfangs wurde das auch angenommen, Schäfer konnte ohne Hindernisse Bretzenheim verlassen und nach Amerika auswandern. Später aber tauchte der drin­gende Verdacht auf, daß Schäfer seine Frau nmgebracht habe, und da durch Zufall sein Aufenthalt in Amerika ermittelt wurde, so bewirkte die Behörde seine Auslieferung und das Schwurgericht machte ihm den Prozeß. Kehren wir nach dieser kurzen Ab­schweifung zur Verhandlung selbst zurück. Der Arrestoerwalter Gremm hat an einem auf der Hose Herbst's befindlichen Blutfleck ein einzelnes röthliches Frauenhaar entdeckt und so bedeutungslos dieser Fund auch auf den ersten Blick erscheinen möchte, so ist er doch eines der wenigen, für die Täterschaft Herbst's dire'ct zeu­genden Beweismittel, da die Wothe rothe Haare hatte. Der Zeuge hat das niedliche corpus delicti der Untersuchungsbehörde übergeben. Nach Verlesung einer von Herbst in seiner Zelle verfaßten Dankschrift, in der er besonders betont, daß man sich vergeblich bemüht habe, aus den Lebensstellungen, in denen er sich bisher befunden, nachzuweisen, ob die kunstgerechte Zerstückelung der Leiche des Wothe ihm ohne Bei­hilfe Andrer möglich gewesen wäre und nach einer Reihe von Zeugenaussagen, die für die gedrängte Berichterstattung unwesentlich sind, tritt eine Zeugin vor, die eine äußerst wichtige, den Angeklagten schwer belastende Aussage macht. Die Wittwe Klier hat am Tage vor dem Morde einem Manne in der Messe eine Reisetasche verkauft, welcher, nach ihrer bestimmten Aussage, mit dem Angeklagten identisch ist. Die Reisetasche sei durch das Fehlen eines Stiftes im Gelenk leicht erkenntlich. Man legt der Zengin die in der WirtschaftZum Täubchen" aufgefundene Tasche vor und sie erklärt, daß dies dieselbe sei, die sie an Herbst verkauft habe. Der Angeklagte stellt es in Abrede, überhaupt in der letzten Zeit vor seiner Verhaftung eine Reisetasche gekauft zu haben.

Kurz darauf tritt eine Pause ein. Wenn ich zum Schluß meines gestrigen Be­richtes die Annahme ausgesprochen habe, daß das Urtheil höchst wahrscheinlich schon heute Abend ausgesprochen werden könnte, so erweist sich dieselbe als irrig. Soeben, 7 Uhr Abends, nach Frankfurt zurückgekehrt, wird mir von Mainz telephonisch die Mittheilung gemacht, daß die Plaidoyers im Gange seien und daß die Urtheilsfällung nicht vor Morgen Nachmittag zu erwarten sei.

ö erwischtes.

Frankfurt a. M., 15. December. Der nun veröffentlichte Ausweis über Einnahmen und Ausgaben des Wohlthätigkeits-Jahrmarktes ergiebr einen Nein-Ueber- schuß von 88 000 Mark, welcher große Betrag dem Verein für Ferien-Colonie über­wiesen wurde. Das großartige Resultat hat selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen, dagegen sei aber auch erwähnt, daß das bis jetzt noch so schlechte Weihnachtsgeschäft als Nachwehen des Bazars hmgestellt wird.

Das deutsche Reich zählt nach der neuesten Volkszählung nicht weniger.als fünfundzwanzig Städte über 100,000 Einwohner. Es sind dies Berlin, Königsberg, Danzig, Breslau, Stettin, Magdeburg, Altona, Hannover, Frankfurt a. M., Hamburg, Bremen, Dresden, Leipzig, Chemnitz, Straßburg, Köln, Elberfeld, Barmen, Aachen, Düsseldorf, München, Nürnberg, Stuttgart, Dortmund und Crefeld. Das ungeheuere Anwachsen der großen Städte zeigt sich wieder deutlich. Noch in der Mitte der fünfziger Jahre gab es in Deutschland nur 4 Städte über 100,000 Einwohner. Es waren dies Berlin, Hamburg, Breslau, München. Köln und Dresden hatten damals die Zahl 100,000 noch nicht erreicht, obwohl sie sich lange Zeit dicht davor befanden. Berlin, das jetzt 1300 000 Einwohner zählt, hatte damals 450,000. Die außer­ordentlich rasche Vermehrung der über 100,000 Bewohner zählenden Orte beginnt erst nach 1866.

Welche Forderungen verjähren zum 1. k. Mts.? Es verjähren die Forde­rungen aus dem Jahre 1883: 1. der Fabrikunternehmer, Kaufleute, Krämer, Künstler und Handwerker für Maaren und Arbeiten, sowie der Apotheker für Arzneimittel, mit Ausnahme solcher Forderungen, welche in Bezug auf den Gewerbetrieb des Empfängers der Waare oder Arbeit entstanden sind; 2. der Fabrikunternehmer, Kaufleute, Krämer, Künstler und Handwerker wegen der an ihre Arbeiter gegebenen Vorschüsfe 3 der Schul- und Erziehungskosten und Honorare, mit Ausnahme derjenigen, welche an öffentlichen Anstalten reglementmäßig gestundet werden; 4. der Fabrikarbeiter, Gesellen und gemeinen Handwerker rückständiger Lohn; 5. der Fuhrleute und Schiffer Lohn und Auslagen; 6. der Gastwirthe für Wohnung und Beköstigung, und endlich 7. alle An­sprüche auf Schadenersatz, insbesondere auch die Ansprüche, welche ein in seinem Be- rufe Verunglückter gegen seinen Arbeitgeber zu erheben hat, verjähren mit dem ZI. d. M., wenn nicht bis zu diesem Tage dem Schuldner die Klage behändigt ist.

(Die Macht des Gesanges.^ Aus Görlitz schreibt man derBerk. 3ta."- In wirklich genialer Weise hat es der Ortsvorsteher in dem benachbarten B. ver- standen, die Macht des Gesanges zu Jagdzwecken auszunutzen. Die Commune übt nämlich das Jagdrecht auf ihren Besitzungen selbst aus und veranstaltet alle Jahre ermge Gememdeiagden, die auf ein bestimmtes Revier beschränkt werden. Um nun die Jagd zu vereinfachen und doch ergiebig zu gestalten, ist das zweite Dorfoberhaupt auf folgenden Emfall gekommen: Das abzujagende Revier wird von den Jägern des Ortes umstellt und so eine Kette gebildet, die das Wild nur schwer durchbrechen iflnn. ^fn ber Mitte des Reviers aber nimmt der Gesangverein des Ortes Aufstellung und laßt feine herzerschütternden Weisen ertönen, bei denen des Basses Grundgewalt E besonders weiter und tiefer Spielraum gelassen ist. Man begreift, daß durch das Ständchen Alles, was da kreucht und fleucht, aus seinen Verstecken aufgestört wird, in wilder Hast dem Stimmgetöse zu entrinnen sucht und so geradewegs den Schützen

vor den Lauf getrieben ivird. Diese Jagdmcthode hat sich als so probat erwiesen, daß die Gemeinderäthe ihren Chef ob seines herrlichen Einfalles durch ein einstimmiges Vertrauensvotum ehrten._________________

Literarisches.

Geschenkliteratur. Obwohl es bereits eine Menge speciell der Frauenliteratur gewidmete Bucher giebt, so verdient doch ein Werk:DaS Frauenglück", von Ida v. Brnn-Barnow (Leipzig, C. A. Koch's Verlag. Preis eleg. geb. 2.50 »*), noch eine ganz besondere Empfehlung in allen weiblichen Kreisen. In keinem anderen Buche werden nämlich wie in dem WerkeDas Frauenglück" die Pflichten und Aufgaben der Frauen in so treffender, jeden edlen Charakter überzeugender, jedes brave Herz be­friedigender Weise geschildert. Nichts ist in dem Buche vergessen, was zur Veredlung des weiblichen Berufes dienen kann, und für Gattinnen und Mütter, sowie auch für Heranwachsende Jungfrauen giebt es keine bessere Lectüre, als dieses Merkchen.

m - Von Brockhaus' Corrversatiorrs-Lexikon (dreizehnte Auflage in 16 Banden) werden zu Weihnachten d. I. bereits drei Viertel vollendet vorliegen, da der zwölfte Band mit dem 180. Hefte soeben zum Abschluß gelangte und noch vor dem Feste gebunden zu haben sein wird. Auch dieser Band, bis zum Stichwort Pyoxos reichend, enthält gleich allen frühem mehr als die dreifache Zahl der Artikel, Eche der entsprechende Band in der zwölften Auflage enthielt, nämlich 6856 gegen 2232. Und nicht minder als durch die vermehrte Artikelzahl hat der Text in jeder andern Hinsicht an Vollständigkeit, Uebersichtlichkeit und bequemer Brauchbarkeit ge- wonnen. Eine Fülle des Neuen und Zeitgemäßen findet sich, wo man auch den Band aufschlagen mag: aus dem Gebiete der Länder- und Völkerkunde in den Artikeln Neu- guinea, Nompolexpeditionen, Norwegen, Oceanien, Osmanisches Reich, Oesterreichisch- Ungarische Monarchie, Ostindien, Ostrumelien, Ostseeprovinzen; auf politischem, Kriegs­und Verkehrsgebiete in den Artikeln Orientkrieg, Panslawismus, Papst, Parlament, Panzerschiffe Pacific-Eisenbahnen, Panamakanal (mit beigedrucktem Kärtchen); auf dem Gebiete der Kmist in den Artikeln Musik, Oper, Olympia, Pantheon, Pergamon und so fort bezüglich sammtlicher behandelten Wissensgebiete. Außer zahlreichen dem Text emgefug en Holzschnitten erläutern und zieren den Band 3 künstlerisch ausgeführte Chromotafeln: die wichtigsten Orden, Polychrome, Ornamente, Pflanzenkrankheiten; ferner 21 Bildertaseln m Holzschnitt: Muskeln des Menschen, Nerven des Menschen Pferderassen, Nagethiere, Papageien, Palmen, Nadelhölzer, Nahrungspflanzen, Officinclle Pflanzen, Oel- und Fettpflanzen, Niederwalddenkmal, Pariser Bauten, Olympia-Aus­grabungen Pergamon-Ausgrabungen, Nähmaschinen, Oefen, Papierfabrikation; endlich ti "lorirte Karten: Niederlande und Belgien, Nordamerika, Oceanien und Australi- sches Festland, Oesterreich-Ungarn (3), Oesterreich ob und unter der Enns, Oester-

Küstenland Ostindien (2), Palästina, Paris und Umgegend. Genua, der zwölfte Band erweist sich in allen Stücken als ein gleichwerthiger Theil dieser so vielfach vervollkommneten neuesten Auflage von Brockhaus' Conversations-Lexikon

Handel und Vermehr.

fte6=nbe_mitt°)eilung:ÄSnigtiCl,en ®ifenbaI,n = ®ircction zu Hannover wird uns nach- - Mit Genehmigung des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten sollen die mrHAtotäS? 25' d. I. gelosten Retourbillets von mindestens zweitägiger

^"tkstcht darauf, dah der Tag nach dem bevorstehenden Weih- nachtsfeste <27 December) auf einen Sonntag füllt, auf den unter Preußischer Staats­verwaltung stehenden Eisenbahnen zur Rückfahrt noch am 28. December zugelassen *Derb=,L , ®lle,i0l£t*e Vergünstigung ist für die directen Retourbillets mit Stationen der Großh. Oldenburg,scheu, der Unterelbischen, der Main-Neckar-, der Hessischen SW wigs- und der Lubeck-Büchener Bahn zugestandcn. 9 ' ,a)e 1

< o mit dcr Anheimgabe ergebens! Mitthcilung, im Jnteressc

auszunchimu^ ® at eS elnc bezügliche Notiz in dem redactionellen Theile desselben

., ~ Für die verwundeten Bulgaren sind weiter cingcganaen Bon fim n «MnS- gerichts-Director Dr. Stammler 10 vH, Provinzial-Dircctor' Dr. Bockmann 10 vH £anbtagäa6georbneter I. Haustein 5 vH., Regierungsrath von Bechtold 5 vH. Krau

/°ek>n°nn geb Lucius 8 Ob-rbaurath Eickemeyer 5 vH., Gebrüder Kauffmann 4 -«.Ftadtrechner-Vlcar Enders 2 vH., Oberförster Amend in Trais a. d. Lda 3 vH £rl 1 Octroi-Jnspector Jost 2 vH, Schlossermeistcr Karl Kreiling 2 vH Stadtverordneter Hoch 2 vH. Fräulein v. Haxthausen 3 vH., N. N. 2 R-cwr Piofessor von der Ropp 10 M, Kanzler Professor Dr. Gareis 10 M Rentner

Reiffcnberg 6 JL, Sßrofeffor Dr. Heß 10 M, Kaufmann Simon Reiß 3' vH. Bei­geordnetei Keller ~ vH, Oberförster Heyer 3 vH, Dr, Adolph Mettenheimer 5 vH' Bros vr.Oucken 10 VH,&. K. 5 ^Wachtmeister Meister 4 vH, 1

W>lh. Bach 3 vH, Prof. Dr. Köllncr 2 vH Summa 135 Jh . "

Kirchliche Anzeigen der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Gottesdienst.

4. Adventssonntag, 20. December. Vormittags 9% Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Nachmittags, ausnahmsweise 2 Uhr: Pfarrer Dingeldey Kinderkirche, Vormittags 11 Uhr: Pfarrer Schlosser. V

_,2bn. Donnerstag, den 24. December, Nachmittags V24 Uhr, Kindcravttes- bei brennendem Christbaum, Pfarrer Schlosser «'"vergottes, di- hiesige Kle^nk?n^/r-^Be"wa^r'anst"^l^erhoben"werdcn!^^ für

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Pfarrer^r.^^^^?^

Katholische Gemeinde.

~ ~ m ^Sonntag des Advents.

Um 5 Uhr: Bescheernng für die armen Kinder unserer Gemeinde.

GEesdienst in der Synagoge.

SamsZg Ab?n?4°?UhJ^' Samstag Morgen 8-° Uhr, Samstag Mittag 3 Uhr,

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