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Mr. LSI. Mittwoch den 19. August 168»
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen. 18. August.
Seit einer Woche weilt nunmehr Kaiser Wilhelm nach Be- endigung seiner diesjährigen Badereisen wieder in seinem idyllischen Sommerheim, Schloß Babelsberg, um sich hier nach den Strapazen der letzten Reise zunächst die nöthige Erholung zu gönnen. Erfreulicher Weise haben dieselben den hohen Herrn nicht allzusehr alterirt, da er schon bald nach seiner Heimkehr im Stande war, Vorträge entgegenzunehmen und mehrere Regierungs-Angelegenheiten zu erledigen. Die kaiserliche Familie, welche durch die heurigen Sommerreisen nach beit verschiedensten Richtungen hin zerstreut worden war, ist nun zum Theil wieder vereinigt, da am SamLtag auch die Kaiserin, von Homburg kommend, sowie der Kronprinz, aus der Schweiz kommend, wieder in Potsdam einge- trcffen sind. Dagegen hat die Frau Kronprinzessin des deutschen Reiches mit ben Prinzessinnen-Töchtern noch eine kurze Reise nach Italien angetreten. — Giößere Reisen harren des Kallers erst im September wieder, anläßlich der alsdann stattfindenden Manöver; u. A. wird der oberste Kriegsherr am 19. Septbr. der Parade des 13. (königl. württemb.) Armee-Corps bei Stuttgart beiwohnen.
Gras Kalnoky, der österreichische Minister des Auswärtigen, rst An» sargs dieser Woche von Varzin und Berlin wieder nach Wien zurückgekehrt. Der österreichische Staatsmann soll sich im pommer'jchen Tusculum des Reichskanzlers einer äußerst zuvorkommenden Ausnahme erfreut haben, was allerdings bei der ausgedehnten Gastfreundschaft, die Fürst Bismarck in seinem Berliner Palais, wie auf seinen Landsitzen zu üben pflegt, nicht Wunder nehmen darf. Mehr hat man über den Ausenthalt Kalnoky's in Varzin nicht erfahren können, unb so wird man denn wohl erst aus kommenden Ereigniffen aus das schließen dürfen, was die beiden Staatsmänner mit einander besprochen und beschloffen Hainen. Fast gleichzeitig mit dem österreichischen Minister weilte auch Herr p. Schlözer, der Gesandte Preußens beim Vatikan, in Varzin, wo er jedenfalls bent Fürsten Bismarck über die Absichten und Gesinnungen der Curie über die zur Zeit schwebenden kirchenpolitischen Fragen eingehenden Bericht erstattet hat. Lußerdem wird sich auch der deutsche Botschafter in Rom, Baron Keudell, welcher anläßlich seines Urlaubes in Berlin eingetroffen ist, dieser Tage wahrscheinlich nach Varzin begeben.
Der Bundesrath gedenkt seine Arbeiten in etwa 14 Tagen wieder achunehmen, da die Vorarbeiten bezüglich der Einbringung des Börsensteuer- Gejetzes im Reichstage dies nöthig machen.
E» bestätigt sich, daß der Vorschlag Deutschlands, die Herabsetzung des internationalen Telegraphen.Tarifs im europäischen Netz betreffend, bei der gegenwärtig in Berlin tagenden internationalen Telegraphen-Conferenz vielfach auf Widerspruch stößt; die am Donnerstag stattgefundene General- Discusfion der Conferenz über die Tarifsragen hat dies zur Genüge bewiesen. 6b es gelingen wird, diesen Vorschlag oder einen den finanziellen Anforderungen ber Staaten und Kabel-Gesellschaften mehr entsprechenden durchzusetzen, muß ab- Hero-artet werden. Man darf jedenfalls erwarten, daß wenigstens eine theilweise Siesorm eines in der Begründung des deutschen Vorschlages so scharf kritifiten Zustandes eintreten wird.
Die Differenzen zwischen Deutschland und Zanzibar sind burch die Nachgiebigkeit des Sultans von Zanzibar in befriedigenoster Weise beigelegt worden. Commodore Paschen, Commandant des deutschen ostafrikani- sihen Geschwaders, übergab am 11. d. Mts. dem Sultan die vorläufigen For- iorungen Deutschlands und drohte im Falle des Nichtnachgebens mit dem Abbruche der Unterhandlungen. Als nach Ablauf von 24 Stunden noch keine Intmort eingelaufen war, nahmen die deutschen Schiffe Stellung vor dem Palaste -es Sultans; dennoch wurde eine schließliche gütliche Regelung der Frage envartet. Diese Erwartung hat denn auch nicht getäuscht, Commodore Paschen itlbft meldet hierüber: Der Sultan von Zanzibar hat die Schutzherrschaft Sr. Dlaj. des Kaisers über alle von Deutschen in Besitz genommenen Gebiete ein- Uießlich detz Festlandgebietes Witu ohne Bedingung anerkannt. Die Truppen ino Beamten von Zanzibar haben sich aus den genannten Gebieten zurückge- jvgen. Da ein Zusammenstoß in Witu als nahe bevorstehend gemeldet war, so nt bereits der Befehl des Sultans an alle feine Behörden ergangen, Frieden in halten. — Während somit die Zanzibar-Frage in günstigster Weise ihre Er- btiigung gesunden hat, drohen plötzlich wegen einer neuen deutschen Colonial- kcwerbung Differenzen zwischen Deutschland und Spanien. Wie nämlich die ^Lqence Haoas" meldet, sei eine Insel der Karolinen'Gruppe, dem großen ürchipel im Stillen Ocean, von Deutschland besetzt worden und habe Spanien kihalb Vorsiellungen bei der deutschen Regierung erhoben- Von Manilla feien A 12 d- Mts. spanische Kriegsschiffe nach den Karolinen abgesendet worden, m dort die spanischen Interessen zu schützen. — Da Deutschland bei seinen colonialen Erwerbungen bisher in wirklich peinlicher Weise bemüht gewesen ist, herbei den Rechten anderer Staaten nicht zu nahe zu treten, so muß man an- Nhrnen, daß es sich bei der Affaire von den Karolinen lediglich um ein hostent- fid) bald aufgeklärtes Mißoerstandniß handelt. Uebrigens beträgt der gejammte Nachen-Inhalt des Insel-Archipels, obwohl hierzu nicht weniger als 44 Inseln oder besser Inselchen gehören, nur 6 Quadratmeilen, und diese können doch vchchastig nicht zum Gegenstand eines ernsten Streites zwischen zwei noch überdies so befreundeten Regierungen, wie es die deutsche und die spanische Regierung sind, werden. 1
Die Begegnung zwischen dem österreichischen und dem russischen Kaiserpaare in Kremsier soll nun bestimmt am 24. August stattfinden, womit sich die bezüglichen, zuerst von der „Wiener Presse" gebrachten Meldungen bestätigen würden. Bereits am nächsten Tage erfolgt die Wiederabreise der beiden Herrscherpaare, und zwar begiebt sich Kaiser Franz Joses zu den Manövern in Böhmen, während Kaiserin Elisabeth nach Schönbrunn zurück- reist. Das russische Kaiserpaar gedenkt dagegen der Familie des Herzogs von Cuncherland in Gmunden zunächst einen Besuch abzustatten, ehe es nach Rußland heimkehrt; bekanntlich ist die Gemahlin des Herzogs von Cumberland eine Schwester der russischen Kaiserin.
Die Wahlbewegung in Frankreich ist durch einen patriotischen Akt einen Augenblick unterbrochen worden. Am Sonntag hat in Le Mans die Enthüllung des dem General Chancy, des ehemaligen Führers der französischen Loire-Armee, gesetzten Denkmals stattgesunden, und es ist nicht im Mindesten zu bezweifeln, daß sich die ganze Feier zu einer großen patriotischen Kundgebung gestaltet hat. Daß der Kriegsminister Campenon der Enthüllung beiwohnte, lag in der Natur der Sache; ursprünglich hatte aber auch der Cabinetspräsident Brisson die Absicht, mit in Le Mans anwesend zu sein. Indessen ist diese Absicht von ihm wieder aufgegeben worden, in der richtigen Empfindung, daß die Anwesenheit des Cabinets-Chess bei der Denkmalsfeier in Le Mans leicht zu Mißdeutungen führen könnte.
Die Thronrede, mit welcher am Freitag die Session des englischen Parlaments und hiermit zugleich die gegenwärtige Legislatur-Periode in England geschlossen wurde, ist ziemlich knapp und allgemein gehalten. Es wird in ihr das Mißlingen der Expedition nach Khartum bedauert, daneben aber der Versicherung Ausdruck verliehen, daß England in feinen Bemühungen nicht nachlassen werde, die Ordnung in Egypten auf fester Grundlage wieder herzustellen. Die Beziehungen zu anderen Mächten werden als freundschaftliche geschildert. Bezüglich der afghanischen Grenzfrage heißt es in der Thronrede lediglich, daß die betr. Verhandlungen mit Rußland noch fortbauerten und daß. die englische Regierung von ihnen das Beste hoffe. Die nordwestliche Grenze Indiens werde in einen angemessenen Vertheidiflungszustand gefetzt, da dies die Wohlfahrt und Sicherheit der indischen Untertanen erheische. Sonst berührt die Thronrede nur innere Fragen ohne allgemeineres Interesse; auffällig erscheint, daß die Mission Drummond Wolff's nach Konstantinopel und Egypten in der Thronrede nicht die mindeste Erwähnung findet.
Mit Befriedigung hört man, daß die Meldungen über die Christen- maffacres in Anam und Cochinchina bedeutend übertrieben sind, obgleich es noch immer schmerzlich genug ist, daß überhaupt derartige Ausbrüche des Fanatismus gegen das Christenthum noch möglich erscheinen. Der Angriff auf die christlichen Niederlassungen in Anam und Cochinchina, welchem einige Hundert Christen zum Opfer gefallen sind, muß anamitischen Mandarinen zur Last gelegt werden, die überhaupt schon früher der Ausbreitung des Christenthums in Anam den möglichsten Widerstand entgegenstellten. Die christliche Bevölkerung AnamS hatte von der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Tientsin eine Besserung ihrer Lage gehofft, aber vergeblich, wie man sieht ; hoffentlich wird sich nunmehr die französische Regierung der eingeborenen Christen jener Gebiete tatkräftiger annehmen als bisher. .
Darmstadt, 17. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: _
Am 28. Juli den provisorischen Lehrer am Realgymnanum und an der Realschule zu Mainz Hermann Joseph Roskops zum Lehrer an diese« Anstalten, ~ ,,
an dems. Tage de« provisorischen Reallehrer Johann Eck aus Herdelberg zum Lehrer an der Realschule zu Wimpfen a. B.,
an dems. Tage den provisorischen Reallehrer Friedrich Obenan er zu Oppenheim zum Lehrer an der Realschule daselbst zu ernennen.
Telegraphische Depeschen.
Wolsf'S telegr. Eorrespondenz-B«rea«.
Berlin, 17. August. Heute Vormittag 10 Uhr fuhr der Wiener Männer- aesangverein nach Wannsee. Dort wurde er von dem Musikcorps des 1. Garde-Regiments in Uniform empfangen, besuchte Die Potsdamer Umgebung und begab sich um 41/2 Uhr nach Babelsberg. Dort versammelte er sich um 5 Uhr im rothen Saale des Schloßes Babelsberg. Der Kaiser, die Kaiserin und der Kronprinz waren anwesend. Es wurden vier Piecen gesungen. Die Gesangs - Aufführungen dauerten erne halbe Stunde. Außerdem wurde ein Solo geblasen (Post im Walde), worüber die Majestäten besonders erfreut waren. Die Herrschaften unterhielten sich aus s ^eutsellgste mit den Gängern. Der Kaiser dankte dem Chormeister Kremser für die vortresflichen Leistungen des Vereins mit dem Wunsche „auf Wiedersehen". Dann wurden Erfrischungen gereicht; später fuhr der gesammte Verein nach Glienicke.
— Heute Abend fand ein von der vereinigten deutschen ^.elegraphen-Gesellschafr (Dr. Lazard) zu Ehren der internationalen Telegraphen-Conferenz gegebenes Festmahl im Festsaale des Zoologischen Gartens statt, welcher mit Fahnen, Emblemen und Wappen aller vertretenen Nationen auf das Geschmackvollste decorirt war. Cs waren 142 Festtheilnehmer anwesend, darunter Staatssecretar Stephan, Minister Lucius, General Strubberg, Stadtcommandant General Spangenberg, Barnprasident Dechend, Polizeipräsident Madai, mehrere Viinisterialdirectoren, sowie säst lammtliche ^elegirte. Den ersten Toast brachte der norwegische Generaldirector Nrelson aus den Kaiser aus, alsdann folgte Tirector Lazard unter Hinblick aus die colosiale Entwickelung der Telegraphie mit einem Toast auf die Telegirten. Ter italienische Bevollmächtigte Tamiko


