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19.7.1885 Zweites Blatt
 
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188$

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Amts- und Auzeigeblatt für den Kreis Gießen

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drr. 165 Zweites Blatt Sonntag den 19. Juli

Weßmer

dem 14. Juli, als dem Jahrestag der Erstürmung der Bastille, gefeierte fran- zösische Nationalsest eine kurze Pause. Zu Ehren des Festes hielt die Kammer Ferien; speciell in Paris wurde dasselbe wieder mit dem üblichen Pomp und den herkömmlichen Volksbelustigungen, doch ohne die sonstige große Truppen« Parade, gefeiert. Von störenden Zwischenfällen ist nichts bekannt geworden.

Aus An am sind noch keine weiteren Nachrichten von Belang einge« troffen. Lediglich eine Depesche Courcy's liegt vor, in welcher er auf Entschließungen der Regierung über die Lage in Anam drängt, um schnell und energisch handeln zu können. Auch aus Madagaskar, wo die HowaS wieder eine drohende Haltung annehmen, dürfte sich eine energischere Action der französischen Regierung nothwendig machen und sollen demnächst Verstärkungen aus Frankreich nach Madagaskar abgehen.

Wie alljährlich zur Sommerszeit, so häufen sich auch jetzt wieder die Feuersbrünste in den russischen Städten in sehr auffallender Weise. Nachdem erst kürzlich in Kursk und in Charkow große Feuersbrünste gewüthet haben, ist jetzt auch Neupraga, eine Vorstadt von Warschau, von einem größeren Brande heimgesucht worden, der beträchtlichen Schaden verursacht hat und bei welchem ruch mehrere Personen ihren Tod gefunden haben. Wahr­scheinlich hat man es in allen diesen Fällen mit Brandstiftungen irgend einer verbrecherischen Secte zu thun.

Aus Spanien ist als das Ereigniß der Woche der im Ministerium Canovas del Castillo stattgefundene theilweise Wechsel zu melden, indem die bisherigen Minister für die Marine und für das Innere de misst onirten. Die erledigten Ministerpotteseuilles haben indessen durch die Ernennung des Contre- admirals Pezuela zum Marineminister und des bisherigen Civilgouverneurs von Madrid, Villavarde, zum Minister des Innern rasch neue Inhaber ge­funden. Der Rücktritt des früheren Ministers des Innern, Romero de Robledo, wird namentlich bei der Madrider Bevölkerung große Befriedigung erregt haben, da er stch bei ihr durch seine strenge'Absperrungsmaßregeln anläßlich der Choleraepidemie sehr verhaßt gemacht hatte.

In der egyptischen Finanzfrage ist endlich ein Fortschritt zu constatiren. Nach einer Meldung desDaily Telegraph" hat die englische Regierung von allen Mächten genügende Zusicherungen erhalten, um die Aus­gabe einer egyptischen Anleihe von neun. Millionen zu rechtfertigen. Die Arrangements für die schleunigste Durchführung der Emission sollen bereits getroffen sein.

Wochen - Ueberficht.

Gießen, 18. Juli.

Kaiser Wilhelm weilt zur Stunde, nachdem er am Donnerstag Abend Koblenz wieder verlassen, aus der so lieblichen Bodensee-Jnsel Mainau, dem Sommer«Ausentbaltsorte der Großherzoglich Badischen Familie, in deren Kreise der Kaiser bis zum 20. Juli bleiben wird. An dem genannten Tage erfolgt die Weiterreise nach Wildbad Gastein, wo, wie schon früher gemeldet, Kaiser Wilhtlm im Laufe des 21. Juli eintrifft. Wie es heißt, ist aber dies« mal ein Besuch des greisen Monarchen in Ischl, dem Sommerlager der öster­reichischen Majestäten, nicht beabsichtigt, sondern er dürste vielmehr die Zu­sammenkunft zwischen ihm und dem Kaiser Franz Josef in Gastein selbst stattfinden. c .

Die auf dem Gebiete der inneren Politik herrschende Erergmß- lostgkeit charakteristrte im Allgemeinen auch die zu Ende gegangene Woche. Her­vorzuheben ist nur ein an leitender Stelle enthaltener Artikel derNordd. Allg. Zeitung", welcher sich gegen die jüngsten Ausführungen derGermania" richtet. In demselben wird als ein dem genannten osficiösen Blatte nicht unbekannter Plan der Welsenpartei der bezeichnet, von Braunschweig, als ihrem archimeoi- scheu Punkte aus, der preußischen Regierung und dem Bundesrathe demnächst das Leben so sauer zu machen", daß die preußische Regierung schließlich zu irgend einer Zeit, wo sie durch innere oder äußere Krisen gesährdet und von schwacher Hand geleitet wäre, zu einer Theilung Hannovers sich verstehen würde. In Folge kessen würde die preußische Negierung den Osttheil der Provinz mit der Hauptstadt, vielleicht mit Ausnahme des Bremer und Stader Landes, an Braunschweig überlassen. Namhafte Mitglieder der Welfenpartei hätten dies als Dasjenige angedeutet, was sie stch unter dem Heimsall Hanno­vers an das WelfenhauS auf friedlichem Wege dächten. DieNordd. Allg. Zeitung" schließt ihren Artikel, indem sie sagt: Die Herzöge von Braunschweig, wenn sie Welfen wären, würden immer Prätendenten aus Hannover sein und im Sinne dieses Prätendentenhauses Bundesgenossen jedes Feindes Preußens im In- und Auslande sein. Für das deutsche Reich und Preußen blieben solche Herzöge Braunschweigs unannehmbar. Der ganze, von derNordd. Allg. Zeitung" skizzirle und der Welfenpartei zugeschriebene Plan, der in einer Thei­lung Hannovers und Verewigung des abgelösten Thelles mit Braunschweig gipfelt, klingt allerdings sehr phantastisch, er beweist aber doch, zu welchen ab­sonderlichen Mitteln die Welsenpartei greift, um sich für ihre Zwecke die Wege zu ebnen. Im Uebrigen ist aber diese Frage ganz indiscutabel, denn die preußische Regierung würde sicher nie und nimmermehr in eine Theilung Han­novers willigen. *

Der vormalige Erzbischof von Köln, Melchers, ist am Müt- woch in Rom eingetroffen.

In der hohen Politik ist die herrschende sommerliche Stille plötzlich durch die aus Central-Asien eingetroffenen bedrohlichen Nachrichten wieder in etwas gestört worden. Auf dem Wege über Teheran meldet nämlich Reuter's Bureau": Beträchtliche russische Verstärkungen sind in Merw und Pulikisti während der letzten 14 Tage angekommen. Vier Regimenter Infan­terie sind von Kabul in Herat eingetroffen, vier andere sind unterwegs dorthin vom Hanzaragebiet. Diese kriegerischen Meldungen contrastiren auffallend mit den jüngsten aus London gekommenen Nachrichten über den friedlichen Fortgang der russisch-englischen Grenzverhandlungen und namentlich giebt die unerwartete Besetzung von Herat durch englische Truppen der afghanischen Grenzfrage mit einem Male wieder ein bedenkliches Aussehen. Die Nichtbesetzung Herats Sei­tens der Engländer war bekanntlich die Bedingung, unter welcher die Russen ihren weiteren Vormarsch gegen Afghanistan einftellen wollten; wenn nun trotzdem die Engländer sich zur Besetzung dieses wichtigen Platzes entschlossen haben, so sind sie offenbar dazu durch die verdächtigen Bewegungen der russischen Truppen an der turkmenisch-afghanischen Grenze bestimmt worden. Wie sich die Dinge an der afghanischen Grenze weiter entwickeln werden, bleibt abzuwarten, jeden­falls hat sich die dortige Situation abermals sehr ernst gestaltet. Die russi- scheu Truppen-Bewegungen in Central-Asien sind auch bereits Gegenstand einer Interpellation im englischen Unterhause gewesen, indem der Deputirte Lubbock ansrug, ob es wahr sei, daß die Russen gegen Afghanistan vorrückten. Der Staatssekretär Churchill konnte hierauf jedoch nur eine ungenügende Auskunft geben, da er lediglich von Gerüchten wußte, die dem Obersten Ridgeway über tine Vermehrung der russischen Streitkräfte in der Nähe von Zulficar zuge­gangen seien. Die inzwischen eingegangene und oben mitgetheilte Depesche des Reuter'schen Bureaus" ist die beste Antwort auf die Anfrage Lubbock's.

Aus Oesterreich werden aus dieser Woche abermals Arbeiter- Unruhen gemeldet, deren Schauplatz die mährische Bezirks-Hauptstadt Trebüsch und deren Veranlassung die Verhaftung zweier socialistischer Agitatoren war, welche die Arbeiter befreien wollten. Die Ruhe wurde durch Gensdarmerie und Militär bald wiederhergestellt; ein Dutzend der hervorragendsten Rädels­führer sind verhaftet worden. Der Vorfall beweist wieder einmal, wie die socialiflijchen Wühler auch in der österreichischen Arbeiterwelt immer erfolgreicher Propaganda für ihre utopistischen Ideen machen und die österreichische Regierung wird sich vielleicht bald zur Verschärfung der bestehenden Ausnahme-Maßregeln gegen die socialistisch-anarchistischen Bestrebungen veranlaßt sehen.

In Frankreich wird die politische Lage fortgesetzt durch die Wahlbewegung beherrscht. In letzterer verursachte indessen das am Dienstag,

Ueber die schädlichen Folgen des zu starken Schnürens.

Von Dr. H. Guttmann.

(Aus derHygienischen Rundschau".)

Eine bereits seit den ältesten Zeiten gemachte und leider auch in unserem sog. hocherleuchteten Zeitalter sich stetig bewährende Erfahrung ist es, daß Vorurtheile, welche wir ererbt haben, trotz aller Belehrungen den Versuchen, dieselben auszumerzen, den hartnäckigsten Widerstand leisten und auf wissenschaftlichen Grundsätzen bosirende Gesetze, von denen einzig und allein ein gesundes Dasein abhängt, in leichtsinniger Weise mißachtet werden. Wie oft haben nicht Männer der Wissenschaft vor den ver­derblichen Nachtheilen des zu starken Schnürens gewarnt? Doch alle wohlgemeinten Rathschläge, die Schnürbrüste, diese Zwangsjacken und eisenbeschlagenen Kürasse, die das Mittelalter für die schlanke und zarte Gestalt der Frauen schmiedete, aus der Welt zu schaffen, haben das Schicksal der Erfolglosigkeit getheilt und mußten der allverehrten Göttin der Mode den Sieg überlassen. Angesichts der Bedeutung, die diese Frage auch außerhalb der speeiellen Fachkreise hat, erscheint es geeignet, auch in unserem Blatte hiervon in Kürze Notiz zu nehmen. , ,

Marie Jones sagt mit Recht:Der wirkliche Zweck der Kleidung Schutz, Bequemlichkeit, Stutzen und Schönheit wird völlig außer Acht gelassen; man igno- rirt ihn vollständig. Statt zu fragen: Ist diese Kleidung der Gesundheit zuträglich? Sichert sie jeden Theil so unbelästigt, daß der reute Lebensstrom voll und frei durch jede Ader rinnen kann? Schützt sie gegen übermäßigen Druck in einer Richtung und gegen mangelnde Wärme in einer andern? Statt alledem hört man nur die Frage: Ist sie modern? Ist das nicht der Fall, dann sind ihre Vortheile völlig gleichgiltig; ob sie gesunder und zweckmäßiger sind, ist vollständig egal; man kann sie nicht tragen, denntvas würde Madame So und So dazu sagen? Die Kleidung des Mannes darf sich seinem Körper anschmiegen, der Körper des Weibes wird gezwungen, sich der Kleidung anzupassen. Seine Brust und Taille darf nicht zusammengedrückt werden. Schon die vornehmen Frauen der Griechen hatten ihr Stethodesmon und die der Römer ihre Castula, eine Art eines kleinen Unterleibchens, das den Leib eng umschloß; und itad) einer Stelle im Ovid in seinen Faftis (IV, 147) ist es nicht unwahrschein­lich, daß die jungen Mädchen in Rom den Schnürleib kannten. Kaiser Joseph II. verbot in seinen Ländern das Tragen des Schnürleibes und gestattete es nur den zu Zwangsarbeit verurtheilten Verbrecherinnen. Im Jahre 1793 schrieb Professor Sömmering eine vortreffliche Abhandlungüber die Wirkungen der Schnürbrüste", welche in unserer schnelllebigen Zeit fast ganz vergessen und trotz ihres Alters in hohem Grade lehrreich ist und wohl verdient, von unseren Damen gelesen zu werden^i Gebrauch der Schnürbrust wird beabsichtigt, den Leib unter den Brüsten so schlank, über denselben so breit als möglich zu machen. Aus diesem Grunde ge­schieht das Zusammenschnüren nicht von oben nach unten, sondern von unten hinaus. Betrachten wir ein normales Seelett, so finden wir, daß die Rippen, welche die Brust umschließen, einen Kegel bilden, dessen Spitze oben, dessen Grundfläche sich unten be­findet. Die Schnürbrust hingegen gibt dem Brustkörbe eine umgekehrte kegelförmige Gestalt, indem derselbe in seinem unteren Theile zusammengepreßt wird. Der be­rühmte Anatom Hyrtl nennt den Gebrauch des Schnurleibes nich blosZeugen eines verdorbenen Geschmacks, welcher die Wespengestalt für schöner als die-Menschen form hält, sondern ein Vergehen gegen die Statur, welches schädliche Folgen für Wachsthum und Gesundheit nach sich zieht". .. o r r .> .,

Es würde zu weit führen und den Zweck dieser Zellen zu sehr überschreiten, wollten wir auf die einzelnen Punkte der schädlichen Folgen des zu starken Schnürend