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SO. Zweites Blatt. Sonntag den 19. April 1885
Kießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau t Schulstraße 7.
Erscheint mit SlaSn^mc des MontagS.
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Wochen - Uebcrsicht.
Gießen, 18. April.
Der am Dienstag nach Ablaus der Erholungspause, welche bie Osterfeier sür unsere gesammte innere Politik gebracht, erfolgte Wieder- zusammentritt des Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses hat zunächst eine parlamentarische Ueberraschung in seinem Gefolge gehabt. Herr 9. Schorlemer-Alst, bekanntlich eines der hervorragendsten Mitglieder der Lentrumspartei, hat sein Mandat niedergelegt, das er seit 1879 zum Reichstage besaß, behält dagegen dasjenige zum preußischen Abgeordnetenhause. Angeblich sollen Gesundheitsrücksichten Herrn v. Schorlemer-Alst zu diesem Schritt veranlaßt haben, indessen nimmt man in parlamentarischen Kreisen an, daß ihm die Gegensätze und Spaltungen, welche in der Reichstags-Fraktion des CentrumL in neuerer Zeit mehrfach zu Tage getreten sind, wie bei verschiedenen Fragen der Colonialpolitik, in der Kornzollfrage u. s. w,, die fernere Thätigkeit im Reichstage verleidet haben. Jedenfalls verschwindet aus demselben mit Herrn D. Schorlemer-Alst eine der markantesten und zugleich sympathischsten Persönlichkeiten des Centrums, zu dessen schlagfertigsten Rednern er gehörte. Als Führer b-es agrarischen und aoeligen Flügels seiner Partei übte Herr v. Schorlemer- Alst in wirthschastlichen Fragen einen bedeutenden Einfluß aus und dürste sein Rücktritt nach dieser Richtung hin bei der Reichstags-Fraktion des Centrums mcht spurlos vorübergehen.
Im Uebrigen hat die Wiederaufnahme der parlamentarischen Verhand- lungen, was den Reichstag anbelangt, hier zunächst nichts besonders Bemer- kenswerthes gebracht, es sei denn der Umstand, daß sich gleich an seinem ersten Lerhandlungstage nach den Osterferien bei der fortgesetzten Berathung der Zoll- larif-Novelle seine Beschlußunfähigkeit herausstellte. Sollte sich dieser Uebelstand moch öfters wiederholen, so müßte der Reichstag jedenfalls sein ArbeitS-Programm bedeutend abkürzen, denn nach Psingsten wird er schwerlich mehr zusammenzuhalten sein. Vorläufig muß man indeffen mit der Thatsache rechnen, daß der Reichstag immer nach seinen Ferien und überhaupt nach längeren Pausen an Beschlußunfähigkeit zu laboriren pflegt. Am Mttwoch, einem „Schwerinstage", Dar das Haus denn auch bereits stärker besetzt, die Debatten boten aber gleich- f<alls nichts Besonderes dar, so daß wir uns damit begnügen, die Resultate der Sitzung festzustellen. Ueber den Entwurf Munckel-Reichensperger, betr. die Abänderung des Gerichtsverfassungs-Gesetzes und der Strasproceß-Ordnung, ging das Haus zur einfachen Tagesordnung über, nachdem Staatsfecretär Dr. v. Schelling erklärt hatte, daß der Reichskanzler bereits die betr. Rechtsmaterie ordnenden Vorlagen vorbereite. In zweiter Lesung ward sodann der ursprünglich vom Abg. Lenzmann eingevrachte, dann zurückgezogene und vom Abg. Kayser wieder aufgenommene Antrag, betr. die Entschädigung unschuldig Verurteilter, an eine 21mitgliedrige Commission verwiesen. Außerdem fanden noch verschiedene Petitionen und Berichte Erledigung; am Donnerstag setzte der Reichstag die zweite Lesung der Zolltarif-Novelle (Asbestwaaren) fort. — Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Dienstag und Mittwoch mit der zweiten Lesung des von sreiconfervativer Seite eingebrachten Volksschullehrer- Pensionsgesetzes, zu welchem aus der Mitte des Hauses eine ganze Reihe von Anträgen und Vorschlägen vorlag. Dieselben betrafen hauptsächlich den von der Commission beschloffenen § 9b, welcher die staatliche Beitragspflicht auf 900 fixirt. Es entspann sich hierbei am Mittwoch eine lange Debatte, die anläßlich des Antrages, die Vorlage an die Budget'Commission und an eine Special- Commission zurückzuverweisen, in eine sehr animirte Geschäftsordnungs-Debatte überging. Schließlich wurde § 9b nach einem conservativen VermittelungS- Antrag, daß die staatliche Beitragspflicht auf 750 zu normiren sei, genehmigt, alle übrigen Anttäge wurden abgelehnt und die folgenden Paragraphen nkbft dem Rest des Entwurfes ohne wesentliche Debatte genehmigt. Es ist aber Kodj immer fraglich, ob derselbe in dritter Lesung perfect werden wird, zumal Minister v. Scholz erklärte, die Regierung könne nicht über einen Beitrag von 600 Jt. hinausgehen.
Dem Bundesrathe ist vom Reichskanzler im Auftrage des Kaisers ein Gesetzentwurf, betr. die Fürsorge für Beamte und deren Hinterbliebene in Folge von Unfällen, zur Beschlußnahme vorgelegt worden. Der Entwurf besteht aus neun Paragraphen und ist von einer längeren Begründung begleitet.
Verschiedene nicht unwichtige Personal-Nachrichten aus drm Reiche sind für diese Woche zu verzeichnen. Die Ernennung des bisherigen Commanoeurs des russischen Garde-Corps, Grasen Paul Schuwaloff, zum Vertreter Rußlands am Berliner Hose, an Stelle des verstorbenen Fürsten Orloff, gilt nunmehr als perfect und wird es hoffentlich auch Graf Paul Schuwaloff verstehen, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland mij’ä Beste zu pflegen. — Die braunschweigische Regierung hat das Hinscheiden ihres Bevollmächtigten zum Bundesrathe und Ministerresidenten in Berlin, Geh. Rath Dr. v. Liebe, zu beklagen. — Der bayerische Kriegsminister, v. Maillinger, tot aus Gesundheitsrücksichten demissionirt und ist zu seinem Nachfolger General- (iieiitenant v. Heinleth, bisher Commandeur der 4. Division in Würzburg, ennannt worden.
Der österreichische Reichsrath wird osficiösen Meldungen zufolge (Utn 22. d. Mts. durch eine Thronrede feierlich geschloffen werden, eine formelle Sitzung des Abgeordnetenhauses findet bei dieser Gelegenheit nicht statt. Nachdem somit die sechsjährige Legislatur-Periode des gegenwärtigen Reichsrathes i|r officielles Ende gefunden haben wird, ist alsdann das Feld für die Vorberei
tungen zu den Neuwahlen vollständig rein. Alle Parteien rüsten bereits eifrig zu der vermuthlich nicht mehr ollzufernen Wahlcampaqne, von deren Ausgang es abhängen wird, ob die Slaven in Oesterreich künftighin noch mehr bominircn werden, als dies schon jetzt der Fall war.
Ueber die Frieoens-Verhandlungen zwischen Frankreich und China laufen noch immer widersprechende Gerüchte um und die „Times" läßt sich sogar aus Hongkong die Nachricht von dem Stocken dieser Verhandlungen melden. Eine Bestätigung dieser Nachricht liegt indeffen nicht vor, im Gegentheil hat die chinesische Regte,ung durch die Veröffemlichung des Dekrets über die Friedens-Präliminarien und die Entsendung höherer Beamten behufs Einleitung der Räumung Tongkings durch die chinesischen Truppen bekundet, daß es ihr mit den Verhandlungen mit Frankreich Ernst ist. Ebenso wird jetzt die Nachricht wiederholt bestätigt, daß die Feindseligkeiten zwischen den chinesischen und den französischen Truppen vollständig eingestellt sind und steht einem baldigen definitiven Friedensschlüsse somit nichts mehr im Wege. Um aber allen möglichen „Zwischenfällen" vorzubeugen, hat die französische Regierung beschloffen, die für Tongking bestimmten Verstärkungen trotz alledem abgehen zu laffen und wird sich auch der neue französische Oderbefehlshaber, General de Courcy, am 30. April dorthin einschiffen.
Aus Spanien kommt die jetzt bei dem bevorstehenden Eintritte der wärmeren Jahreszeit doppelt unangenehme Kunde von dem Wiederausbruche der Cholera. In der Dienstagssitzung der spanischen Deputirtenkammer erwiderte der Minister des Innern in Beantwortung verschiedener Interpellationen betreffs der Cholera, die Regierung werde die erforderlichen Maßregeln ' reffen, um einer Verbreitung derselben vorzubeugen, insbesondere werde sie die inficirten Ortschaften durch Sanitätscordons absperren. Die Epidemie ist in der Provinz Valencia, also im südlichen Spanien, aufgetreten und sind daselbst bis jetzt nur vereinzelte Cholerafälle mit tödtlichem Ausgange vorgekommen. Hoffentlich gelingt es der spanischen Regierung, die mörderische Krank- heit noch im Keime zu ersticken.
Die Streitigkeiten der central amerikanisch en Republiken sind durch einen vorläufigen Friedensvertrag beendigt; auf einem zu Acajutla abzuhaltenden Congreffe seitens der Bevollmächtigten Oer verschiedenen Staaten soll bann der definitive Friedensabschluß erfolgen.
In der afghanischen Streitfrage schwankt das Zünglein der Waage beständig zwischen Krieg und Frieden. Die letzten Nachrichten aus London lauten wieder friedlicher; allerdings sind die Londoner Finanz- und Handelskreise der Ansicht, die russischen Staatsmänner wollten den Streit herbeiführen und träfen die entsprechenden Maßregeln. Dagegen herrscht der „Times" zufolge in amtlichen Kreisen der täglich stärker werdende Glaube, daß der Krieg vermieden werden dürste. Weiter weiß der „Standard" zu melden, daß die in London beglaubigten Botschafter der Großmächte ihre Regierungen verständigten, daß der Bruch zwischen England und Rußland ihres Erachtens voraussichtlich vermieden wird. Die „Daily News" erfahren: Die englische Regierung erwog die am Dienstag eingegangenen modificirten Vorschläge Rußlands bezüglich der Grenzfrage eingehend und sandte am Mittwoch Abend die Antwort nach Petersburg ab. Alles zusammengenommen, bedeuten diese Mittheilungen eine friedliche Wendung der afghanischen Frage, welche auch durch eine neuerliche Meldung Komaroff's nicht widerlegt wird. Dieselbe tautet: Die Reste des afghanischen Detachements flüchteten nach Herat- Um der Anarchie vorzubeugen, ist in Pendjey eine temporäre Verwaltung organi- firt. Ein russisches Detachement bleibt in Teschkepu; zur Vorwärtsbewegung besteht einstweilen keine Nothwendigkeit.___________________________________________
Universität-- Chronik.
— Der ordentliche Professor an der Universität München, Dr. Ad. Baeyer, wurde in Anerkeirnung seiner hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen in den erblicken Ritterstand des Königreichs Bayern erhoben. .
_ Der Bundesrath hat denjenigen Candidaten der Medicm, welche vor dem Sommerhalbjahre 1885 ein bayerisches Lyceum besucht haben das Lycealstudium als Universitätsstudium im Sinne des 8 4, Absatz 4, Ziffer 2 der die Arztprusung betreffende Bekanntmachung vom 2. Juni 1883 anzurechnen beschlossen.
Mainz. Die hier erscheinende „Allg. Wein-Revue" veröffentlicht das^Schreiben, von welchem die aus dem Rheingau dem Reichskanzler zum 70. Geburtstage übersandte Collection edler Weine begleitet war, und die vom 25. Marz datirte Amwort des Reichskanzlers, in welcher u. a. gesagt ist: „Ich bedauere, datz mir mch. vergönnt ist, jedem, einzelnen der Herren in seine,n eigenen GewachteBeizu thun aber ich bitte Sie, versichert zu sein, daß ich auch m der Ferne der liebenswürdigem Geber nicht minder herzlich gedenken werde, v. Bismarck. ,. dlatt latzt
dann eine Aufzählung der einzelnen Weinsorten folgen. Als älteste Gewächse erscheinen hier die Gaben der bekannten Firma A. Wilhelm, in Hattenheim nämlich 2 Flaschen 1738er Rüdesheimer Berg, 2 Flaschen 1783 Diarkobrunncr, 2 Flaschen 1811er Steinberger und 2 Flaschen 1822er- Rüdesheimer Berg. Aicher diesen ganz alten und seltensten Weine stehen auf der Präsentliste Wilhelm,s noch 2 Flaschen 18o9er Markobrunner, feinste Auslese, und 2 Flaschen 1861er Dlo^?^"r'A"Slese aus versch^denen der besten Lagen des oberen Rheingaues (Krone des Rheingau). Als kostbare Rarität erscheint ferner eine Flasche 1804er non Baron Dr. jur. n Zw,erlern m Geisenheim. 3m Ganzen figmiren nicht weniger als 424 Flaschen der edelsten Gewächse des Mem- gaues auf dem Verzeichmß der Festgaben; unter diesen heben wir noch hervor: Sechs Flaschen des köstlichen Schloß Johannisberger Gabmet, Weißlack, 3 »laschen 1868er Rüdesheimer Berg, Riesling, allersein,te Anslese lEhrentrunk Sr. Ma, des «a.sers, 3 Flaschen 1870er Rüdesheimer Rottland feinste Auslese (rote im Grundstein des


