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Mittwoch den IS. November
1885
mer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglickr mit Ausnahme des Montags.
Bnreanr Schulftraße 7.
Die Kammer
einen Ausflug bereitet wurde. 16. November,
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljnlirlich 2 Mark 50 Pk.
von Straßburg aus der Stadt Metz einen Besuch ab und gedenkt daselbst bis zitin Mittwoch zu verweilen.
Die Thätigkeit der seit Vertagung des Reichsrathes in Wien versammelten österreichisch - ungarischen Delegationen neigt sich ihrem Ende zu und wird wahrscheinlich im Laufe dieser Woche zum Abschluß gelangen. Noch in voriger Woche hat bie ungarische Delegation die beiden wichtigsten Theile des Etats, die Ersordernifle des Heeres und der Marine, bewilligt, ohne irgendwelche Abstriche gemacht zu haben. Ueberhaupt sind die Verhandlungen in' beiden Delegationen im Allgemeinen recht glatt verlausen, von Differenzen Mschen ihnen ift bis jetzt nicht die Rede gewesen und so wird denn die Regie- nmg des Grasen Taaffe mit Befriedigung auf die Delegations-Session zurück- blicken können. Die Delegationen selbst werden wiederum durch die Einzel-
Politische tteberficht.
Gießen, 17. November.
Der Kaiser hat der am Freitag und Samstag in der Letzlinger Haide stattgesundenen Hofjagd in Folge einer Erkältung nicht beigewohnt und war der Kronprinz bei derselben mit der Vertretung des kaiserlichen Jagdherrn beauftragt. Von Fürstlichkeiten nahmen an der Jagd außerdem die Prinzen Wilhelm und Heinrich von Preußen, die Herzöge von Sachseu-Altenburg und Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin Theil, an welche sich noch eine ganze Reihe oistinguirter Persönlichkeiten, wie Fürst Anton Radziwill, Prinz Hugo zu Schönburg-Waldenburg, Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, die Minister v. Putlkamer, Dr. Lucius und Bronsart v. Schellendorf u. s. w. schloß.
Der Reichstag wird bei seinem Zusammentritte am nächsten Donnerstag, Dank der angestrengten Thätigkeit, welche der Bundesrath in den lehren Wochen entwickelt hat, schon ein hinreichendes Arbeitsmaterial vorsinden. Der Reichshaushalts Etat vor Allem läßt sich nunmehr in seiner Gesammtheit übersehen. Die Summe aller Ausgaben beziffert sich hiernach auf 626,929,302 JL, Die fortdauernden Ausgaben belaufen sich auf 82,339,558 «X, die einmalige Gesammtausgabe weist gegen das Vorjahr ein Plus von 82,145.060 Jt. auf, worunter ein Mehrbetrag von Überweisungen an die Einzelstaaten von 53,565,000 JL an Zöllen u. s. w. Von dem noch 28,580,060 <X betragenden Mehrbedarf des Reiches sind 24.960,498 -X durch Matcicular-Beiträge zu d.cken, um welche Summe also sich die Matricalar-Beiträge diesmal noch erhöhen. — Von weiteren Vorlagen, die dem Reichstage nach seinem Zusammentritte vom Bundesra-He alsbald zugehen werden, oder die ersterer schon vorfinden wird, sind zu erwähnen die Vorlage über die Ausdehnung der Unfallversicherung aus Beamte und deren Hinterbliebene, der Gesetzentwurf, betr. die Ausübung der Rechtspflege in den deutschen überseeischen Schutzgebieten, uno die Vorlage über die Erbauung des Nordostsee-Kanals. Die auf Grund des Gesetzes bezüglich der Ausübung der Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten e lassencn Verordnungen sollen dem Bundesrathe und dem Reichstage gleichfalls tunlichst bald zugehen. Die Begrün' ung des Entwurfs erörtert dre Nothwen- dlgkeit unter Bezugnahme auf die Seitens Frankreichs, Englands, Spaniens und Portugals in dieser Beziehung getroffenen Anordnungen.
Die bayerische Abgeordnetenkammer hat in vorige Woche zwei bemerkmswerthe Sitzungen abgehalten. In der ersten handelte es sich um den bayerisch- russischen AuSlieserungs-Vertrag, welcher von mehreren Abgeordneten einer scharfen Kritik unterzogen wurde. Der Minister des Auswärtigen, o. Crailsheim, übernahm tu eingehender Weise die Vertheidigung des Vertrages und stutzte er sich hierbei einerseits darauf, daß die Zunahme der anarchistischen Bewegung derartige Verträge nothwendig mache, anderseits darauf, daß vom deutichm Reiche kein solches Abkommen abgeschloffen worden sei und daß daher die Einzelstaaten hierzu berechtigt seien. Nachdem der Minister noch den pceußlsch-russischen Auslieferungs-Vertrag als Beispiel angeführt hatte, versicherte er, daß der Gedanke zu dem Vertrag zwischen Bayern und Rußland nicht von Berlin aus, sondern von der russischen Regierung angeregt worden sei. In der zweitkn Sitzung, als die Position „Gesandtschaften" bei der Debatte über den Aal des Ministeriums des Auswärtigen berathen wurde, kam die Frage der römischen Propaganda zur Sprache, indem Abg. Dr. Slamminger anfrug, ob die bayerische Regierung in der Sache der römischen Propaganda (bekanntlich versteht man hierunter die in Rom unter dem Vorsitze des Papstes bestehende < Gesellschaft zur Ausbreitung des Katholicismus, und zwar hauptsächlich unter den Heiden, Anm. der Red.) ihren Gesandten beim Quirinal in Action gesetzt habe. Der Minister des Auswärtigen erwiderte hierauf, daß er die Propaganda als ein hochwichtiges Cultur-Jnstitut betrachte, an dem auch die bayerische Regierung volles Interesse nehme. Da es sich hierbei um Vollziehung italienischer Gesetze und den Ausspruch eines Gerichtes handle, so könne Bayern ebensowenig wie anoere Staaten officielle Schritte thun. Der bayerische Gesandte im Vatikan habe aber mit den Vertretern der italienischen Regierung die Sache mündlich und in freundschaftlichster Weise verhandelt und habe gleich den Gesandten der andern katholischen Mächte den Wunsch angeregt, die gesetzlichen Hindernisse möchten beseitigt werden, welche der Propaganda in Italien noch mtgegenstehen. Diesem Wunsche solle auch durch einen dem italienischen Par-
Telegraphische Depeschen.
WoLff'K IrLegr. Eorrespondeirr - Brrrearr.
Berlin, 16. November. Se. Maj. der Kaiser empfing heute Mittag den Chef des Civilcabinets, Wilmomski, hierauf den Minister-Vice-Präsidenten v. Putt- kamer zum Vortrag.
— Die „Köln. Ztg." bringt ein bulgarisches Rundschreiben, worin die Regierung unter detaillirter Darlegung des Sachverhalts die Priorität des Angriffs Serbien zuschreibt und jede Verantwortlichkeit für den Krieg ablehnt. Bulgarien bot alles auf, den Streit zu vermeiden, es hielt sich, wie die Truppenaufstellung beweist, in der Defensive. Bulgarien ruft die Unparteilichkeit und Billigkeit des Urtheils der auswärtigen Regierungen an.
Basel, 16. November. Der Große Rath vom Canton Basel - Stadt nahm ein Gesetz, betreffend die unentgeldliche Beerdigung für sämmtliche Einwohner, an.
Wien, 16. November. Nach der „Polit. Corr." schließt die den Vertretern der Mächte in Belgrad übergebene serbische Circularnote mit den Worten: „Es liegt in keiner Weise in den Absichten Serbiens, den Rechten des Sultans einen Nachtheil zuzufügen. Serbien, welches stets Achtung vor Verträgen bekundete, vermag in der ihm aufgezwungenen Lage nur ein mit seiner Würde im Einklang stehendes Ziel zu erreichen." c
Paris, 16. November. Kammer der Deputrrten. In der von dem Ministerpräsidenten Brisson verlesenen Erklärung heißt es, daß die Majorität und die Regierung sich Allem hingebend widmen werden, was die Vereinigung aller Republikaner erfordert.
Landtage abgelöst und da wird man wohl aus dieser und jener Landstube bald wieder von bewegten Scenen hören. — Die Meldungen englischer Blätter Über Concentrationen österreichischer Truppen in der Herzegowina werden von Wien aus als vollständig unbegrünvei bezeichnet.
Die parlamentarische Situation in Frankreich ist noch immer ziemlich schleierhaft. Nur das Eine ist gewiß, daß die Ultra-Radikalen unter Rochefo.t, dem „Laternenmann", nicht gewillt sind, den gemäßigteren Radikalen unter der Führung, Clemenceau's Heeresfolge zu leisten und daß jene in ihrem unversöhnlichen Hasse gegen die Opportunisten beharren. Dieser Haß hat sich gleich bet der provisorischen Wahl des zweiten Vicepräsidenten der neuen Kammer gezeigt; hierbei hatten die Opportunisten Spuller, den ehemaligen Intimus Gambetta's, als Candldaten ausgestellt und für ihn stimmte auch ein Theil der Radikalen. Aber die übrigen Radikalen, die äußerste Linke und die Monarchisten vereinigten ihre Stimmen, wie bekannt, auf den Alterspräsidenten Blanc, der denn auch gewählt wurde. Die Opportunisten sind über diesen Beweis „panischer Treue" der Rochefort und Genoffen mit Recht empört, da ja die Opportunisten, obwohl sie die stärkste republikanische Partei bilden, bei der Wahl des Kammerpräsidenten voll für den Radikalen Floquet stimmten. Aber auch Clemenceau äußerte seine Entrüstung über das Verhalten der Extrem- Radikalen, durch welches das Zustandekommen einer compacten republikanischen Regierungsmehrheit tn der That gefährdet erscheint. Lockroy, Clemenceau und die anderen Größen unter den Gemäßigt-Radikalen haben sich denn auch in den letzten Tagen alle Mühe gegeben, um eine feste republikanische Vereinigung gegenüber den Monarchisten und den Intransigenten endlich zu Stande zu bringen. Inwieweit dieser Versuch geglückt ist, wird man ja aus der Abstimmung über das Vertrauensvotum ersehen, welches das Cabinet Briffon-Freycinet am letzten Montag von der Kammer fordern wollte.
Jeder neue Tag bringt aus England neue Wahlreden und die Redehochfluth wird sich eben erst mit Dem Aage der Parlamentswahlen, dem 24. November, verlausen. In der letzten Woche bildete die Edinburgher Rede Mr. Gladstone's den Gegenstand allgemeinen Interesses, namentlich wegen des Passus, der auf Irland Bezug hat. Ob Die Liebenswürdigkeit, welche der greise Führer der Liberalen gegen die Iren entwickttt, bei den Wahlen ihre Früchte tragen wird, ist indessen immer noch abzuwarten.
In London sind weitere Nachrichten über ben Conflict, oder vielmehr den Krieg mit Birma, eingetroffen. König Thibaud hat eine Proklamation erlassen, in welcher der Krieg wegen dec Unannehmbarkeit der Vorschläge Englands für unvermeidlich erklärt und Das brrmanische Volk ausgefordert wird, für Vaterland und Religion zu kämpfen. Aus der sehr zuversichtlich gehaltenen Kundgebung ist weiter Der Befehl hervorzuheben, die in Birma befindlichen Europäer vorläufig noch nicht zu belästigen. Es geht hieraus hervor, daß die Nachricht von Der Niedermetzclung aller in Mandalay, der birmanischen Hauptstadt, befindlichen Europäer sich glücklicherweise nicht bestätigt hat. Freilich ist eine solche Möglichkeit nicht ausgeschlossen, weshalb auch viele Europäer Mandalay schon verlassen haben. Von Vertretern fremder Mächte soll nur noch der italienische Consul in Mandalay weilen.
In Egypten scheint sich eine zweite Auflage des sudanesischen Aufstandes vorzubereiten. Gegen 40,000 Sudanesen sollen im Vormarsch gegen die Grenze Ober'Egyptens begriffen fein, ja, es heißt sogar, daß schon ein Zusammenstoß zwischen ihrer Avantgarde und englischen Truppen stattgefunden habe. Unter diesen Verhältnissen wird es mit der Ausführung der Mission Sir Drummond Wolsfts am Nll seine großen Schwierigkeiten haben.
Den Conferenz-VerHandlungen wie zum Hohn lauten die Meldungen aus Sofia wie aus Risch durchaus kriegerisch. Wir verweisen bezüglich derselben auf die telegraphischen Nachrichten an anderer Stelle d. Bltts.
Die texanische Hafenstadt Galveston ist von einer großen Feuersbrunst heimgesucht worden. 52 Häuserkomplexe mit 300 hölzernen Häusern sind niedergebrannt und 500 Familien obdachlos geworden. Abgesehen von einigen kleineren Magazinen waren alle zerstörten Häuser Wohngebäude mit' einem Schaden von 1,500,000 Dollars geschätzt.
lamente jetzt oorgelegtcn Gesetzentwurf entsprochen werden, erklärte sich durch diese Darlegung als befriedigt.
Prinz Albrecht machte am Freitag von Braunschweig nach Wolfenbüttel, wo dem Regenten ein begeisterter Empfang — Der Statthalter Fürst Hohenlohe stattete am Montag, den


