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1885
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Nr. 2ÄS Zweites Blatt Sonntag den 18. October 188S
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Wochen - Ueberficht.
GieHen, 17. October.
Die erfolgte Uebernahme des Statthalter-Postens von Elsaß-Lothringen durch den bisherigen Botschafter des deutschen Reiches in Paris, Fürsten Chlodwig v. Hohenlohe-Schillingssürst, und die in allernächster Zeit zu erwartende Wahl des Prinzen Albrecht von Preußen zum Regenten von Braunschweig Seitens des braunschweigischen Landtages bildeten in der abgelaufenen Woche zwei Themata, Die von den Blättern vielfach besprochen wurden. Neue Anschauungen sind hierbei im Allgemeinen nicht zu Tage getreten, was ja bei Fragen, welche schon so lange aus der politischen Tagesordnung stehen, nicht Wunder nehmen kann. Was die Ernennung dcs Fürsten Hohenlohe zum Statthalter des Reichslandes anbelangt, so hat dieselbe gleich von vornherein allgemeine Billigung gefunden und darf man überzeugt fein, daß Fürst Hohenlohe das Vertrauen des Kaisers, welches ihn aus seinen neuen verantwortungsreichen Posten berufen hat, vollkommen rechtfertigen wird. Auch die Präsentation des Prinzen Albrecht von Preußen, des Neffen unseres Kaisers, als künftigen Regenten Braunschweigs, findet die Zustimmung aller der Kreise, in denen man die Lösung der braunschweigischen Regentschafts-Frage in einem den Jntereffen des Reiches nicht widersprechenden Sinne wünscht und kann man zuversichtlich hoffen, daß die Wahl des ritterlichen Prinzen auch die Zustimmung der braunschweigischen Bevölkerung selbst finden wird.
Prinz und Prinzessin Wilhelm von Preußen sind am Mittwoch früh von ihrem Besuche beim kronprinzlichen Paare von Oesterreich wieder in Potsdam eingetroffen. Daselbst sah man am Donnerstag auch der Rückkunft der kronprinzlichen Herrschaften von ihrer schweizer und italienischen Reise entgegen.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck leidet seit einigen Tchgen wieder an seinem alten Uebel, an rheumatischen Gesichtsschmerzen. — Aus Straßburg wird zur Uebernahme des Statthalterpostens durch den Fürsten Hohenlohe osficiell gemeldet, daß derselbe die landesherrlichen Befugnisse vom 15. d. Mts. ab wahrnehme. Bezüglich der übrigen Geschäfte wird der neue Statthalter während seines bis Ende October reichenden Urlaubes durch Staats- secretär v. Hofmann vertreten sein.
Zum deutsch-spanischen Streite liegt endlich wieder eine Meldung vor. Dieselbe besagt, daß die deutsche Antwort auf die jüngste spanische Note in Madrid übergeben worden sei. Die Antwort Deutschlands soll indessen in den Madrider Regierungskreisen keine besondere Befriedigung heroorgerusen haben, da sie die Hauptfrage, ob Deutschland oder Spanien zuerst von der Znsel Yap Besitz genommen habe, nicht klarlege. Man nimmt daher an, daß nunmehr die vermittelnde Action des Papstes beginnen werde, um so mehr, als demselben in diesen Tagen die auf die Karolinenfrage bezüglichen Acten durch Herrn v. Schlözer übergeben worden sind.
Die österreichischen Finanzen scheinen bester zu sein, als ihr Rus, denn wenn oas finanzielle Exposö, welches Herr v. DujanewSki dem österreichischen Abgeordnetenhause am Mittwoch gab, keine Schönfärbereien enthält, so hat sich der Stand der Finanzen Cisleithaniens entschieden gebestert. Ein Deficit ist freilich immer noch^ vorhanden — in welchem Staatswesen ginge es heutzutage ohne ein solches ab! — und beträgt dasselbe für das Budget pro 1880 6,642,992 Fl., was aber gegenüber dem vorjährigen Deficit eine Verringerung um 8,630,355 Fl. bedeutet. Auch diese ordentlichen Staatsausgaben haben sich gegen das Jahr 1885 um 2,772,080 Fl. vermindert, während die ordentlichen Staatseinnahmen um 1,793,800 Fl. gestiegen sind. Wenn man diesen weiteren Ausführungen des Herrn Finanzministers trauen darf, so ist für 1886 eigentlich gar kein Manco, sondern sogar ein Ueberschuß von 260,956 Fl. vorhanden, der sich ergiebt, wenn man „die Beträge für Investitionen und Ausgaben ecceplioneller Natur aus Dem diesjährigen Erfordernisse eliminirt", wie sich Herr v. Dujanewski etwas mysteriös ausdrückte. Jedenfalls hatte er die Genugthuung, daß sein Expose vom Hause wiederholt mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde; das Haus nahm schließlich noch Delegationswahlen vor.
In Frankreich stand die zu Ende gegangene Woche ausschließlich unter dem Zeichen der am Sonntag vorzunehmenden 270 Stichwahlen. Die beiden größten republikanischen Parteien, die Opportunisten und die Radikalen, haben sich vereinigt, um wenigstens bei den engeren Wahlen die Scharte, welche die gesammt-republikanische Partei am 4. October erlitten, wieder auszuwetzen. Aber auch die Monarchisten sind nicht müssig, um auch bei den Stichwahlen noch so viel wie möglich für sich herauSzuschtagen und ist in den republikanischen Journalen von starken Umtrieben der Conservativen die Rede, durch welche die letzteren die Wähler angelegentlich zu beeinflussen versuchen. Die Regierung selbst scheint Derartiges anzunehmen, denn sie hat alle beim Wahlgeschäfte bethei- (igten Beamten aufgefordert, am 18. October die correcteste Haltung zu beobachten und reactionären Mcmövern unnachsichtlich entgegenzutreten. Ja, es heißt sogar, daß sofort nach den Wahlen eine „Reinigung" des französischen Beamtenpersonals von allen zweifelhaften, nicht unbedingt als republikanisch gesinnt bekannten Elementen vorgenommen werden solle. Mit solchen kleinlichen Mitteln werden die gegenwärtigen Rathgeber in Frankreich wohl am wenigsten den offenbaren Niedergang Des republikanischen Prestiges aushalten können!
An diesem Samstag oder Sonntag wird der Czar aus Dänemark in Petersburg zurückerwartet und die Idylle von Fredensborg erreicht Hiermit ihr Ende. Heber das geheimnißvolle „Attentat", welches angeblich im I
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Parke von Fredensborg gegen den russischen Herrscher versucht worden ist, ist keine Aufklärung erfolgt. Vermuthlich wird es aber nicht sehr ernster Natur gewesen sein, denn im andern Falle würde Alexander 111. bei seiner bekannten mißtrauischen Natur schwerlich noch so lange nach dem Vorfälle in Fredensborg geweilt haben.
Das Abkommen, welches Sir Drummond Wolff mit der Pforte wegen Egypten geschlossen hat, ist nach langer, langer Zeit wieder einmal ein bemerkenswerther Erfolg in der auswärtigen Politik Englands. Ob sich die kühnen Hoffnungen, welche man in London an das englisch- türkische Arrangement knüpft, erfüllen werden, ob durch dasselbe das Prestige Albions nicht nur am Nil, sondern überhaupt im Orient wiederhergestellt werden wird, muß freilich erst die Zukunft lehren. Inzwischen ist der englischen Negierung ein neuer und anscheinend ernster Zwist an den Ostgrenzen des anglo-indischen Reiches erwachsen. Der König von Birma hat dem Ober- commissar von Britisch-Birma in einer an und für sich unbedeutenden Streitfrage zwischen der indischen Regierung und Birma eine höchst beleidigende Antwort zugehen lassen. Der König verweigert jedes Zugeständniß und lehnt überhaupt eine weitere Erörterung der Sache ab; die Birmanen haben bereits ihre Grenztruppen verstärkt. Der Dbercommiffar bat in Kalkutta telegraphisch um 8000 Mann Truppen; nach deren Ankunft soll ein Ultimatum nach Mandaley, der birmanischen Hauptstadt, abgehen. Wenn der birmanische Herrscher nicht nachgibt, dann könnte der dann folgende Feldzug der Engländer gegen ihn leicht zur vollständigen Einverleibung Birmas in das anglo-indische Reich führen; denn dieser Gedanke ist schon seit Jahren von der englischen Regierung erwogen worden.
Die Orientkrisis nimmt sich heute wieder düsterer denn je aus. Nachdem erst in diesen Tagen behauptet worden war, England, Deutschland, Rußland und Oesterreich-Ungarn seien einig geworden, die bulgarische Personalunion anzuerkennen, aber den Anmaßungen Serbiens und Griechenlands entgegenzutreten , tritt jetzt wiederum das Gerücht von ernsten Differenzen zwischen Rußland und Oesterreich auf. Freilich ist dieses Gerücht noch ein recht unverbürgtes und hat um so weniger innere Wahrscheinlichkeit für sich, als gerade jetzt die Kunde von einem neuen gemeinsamen Schritte der Mächte aus Konstantinopel kommt. Reuter's Bureau meldet nämlich, daß die Botschafter der Pforte eine Mittheilung zugehen ließen, welche die Verletzung des Berliner Vertrags durch Bulgarien und Rumelien mißbilligt und die friedliche Haltung der Pforte anerkennt, die Haltung der Rumelier aber tadelt. Es deutet dies fast darauf hin, daß man der Pforte freie Hand zur Wiederherstellung des Status quo in Bulgarien lassen will und besagt wiederum, daß ein Appell an die Waffen beinahe nicht mehr zu umgehen ist. Von den Serben befürchtet man überdies jeden Tag, daß sie die türkische, vielleicht auch die bulgarische Grenze überschreiten, und was Griechenland anbelangt, so melden die Athener Abendzeitungen vom 14. ds. Mts., daß die Kretenser die Vereinigung Kretas mit Griechenland proklamirt hätten. Die Katastrophe im Südosten Europas scheint also vor der Thür zu stehen.
Mehr frische §nst in unsere Häuser!
Kein mit offenen Sinnen und richtigem Verständniß Begabter vermag die tief betrübende Thatsache zu leugnen, daß in den ärmeren Elassen unserer Bevölkerung durchschnittlich die Zahl der Erkrankungen und die Sterblichkeit eine weit größere ist, als in den bemittelteren Kreisen. Es sind dies leider die Folgen der gewissermaßen mit der Armuth unzertrennbar verbundenen Schädlichkeiten, wie zu enge und schlecht ausgestattete, keine oder nur geringe Ventilation zulassende Wohnräume, mangelhafte und unpassende Ernährung, schlechte, den Witterungsunbilden nicht widerstehende Kleidung und endlich auch manche mit der Beschäftigung verknüpfte üble Einflüsse. Alles dies sind Factoren, welche Erkrankungen begünstigen und die Sterblichkeit steigern müssen. Es ist daher unsere Pflicht, alle Kräste aufzubieten, jene verderblichen Einflüsse von den ärmeren Elassen, soweit als nur irgend möglich abzuwehren.
Wie aber kann dies nun geschehen, wo soll angefangen, wie soll vorgegangen werden?
Für die Wohlfahrt der ärmeren Elassen ist in den letzten Jahren ganz bedeutend viel geschaffen worden; es möge hier nur erinnert werden an das Krankenversicherungsgesetz mit seinen weitgreifenden Wohlthaten, das Unfallversicherungsgesetz, an die Fabrikordnungen ?c. Alles dies sind Gesetze, die von Seiten der Regierung ausschließlich zum Wohle der arbeitenden Bevölkerung erlassen worden sind.
Eins aber giebt es, wo wir selbst verbessern und Hand anlegen können, wo wir durch gutes Beispiel, guten Rath, thätige Beihilfe bei den betheiligten Kreisen fördernd einzuwirken im Stande sind. Dieses Eine ist Herbeischaffung von und Aufklärung über gesunde Athemluft.
Es ist schon längst festgestellt, daß der Aufenthalt in gesunder und reiner Luft auf die geistige und körperliche Entwickelung des Menschen einen ungeheueren Einfluß ausübt. Es muß deshalb unsere Hauptsorge sein, daß der Zustand der Luft in unseren Häusern, in denen wir den größten Theil unseres Lebens zubringen, den Anforderungen der Hygieine genügt.
Leider muß aber eonstatirt werden, daß namentlich von den beregten Elassen selbst sehr viel gesündigt wird, indem dumpfige Hofwohnungen weit lieber bezogen werden, als die in den Vorstädten ebenso billigen, aber mit gesunder Luft versehenen Dach- logis. Es mag hier nicht erörtert werden, was hieran die Schuld trägt, die Unwissenheit oder die Bequemlichkeit oder Faulheit jener Leute, traurig genug, daß dem so ist. Umsomehr aber ist es unsere Pflicht, immer und immer wieder auf die Fähr- lichkeit schlechter Luft hinzuweiscn.
Die bei jedem Athemzug im menschlichen Körper' entstehende Verschlechterung der Luft ist so bedeutend, daß diese Luft den Namen Exkrement ebenso gut verdient, als die festen und tropfbarflüssigen Ausscheidungen unseres Körpers. Wir stoßen bei jedesmaligem Athmen Kohlensäure aus — das Resultat der in der Lunge mit dem
Erscheint tLgttch mit A«s»shme de8 MontagS.


