Rr. 217 Freitag den 18. September 188$
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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des Conserenz-Bezirks Lich-Hungeo: Mittwoch den 2 3. d. M-, Vormittags 10 Uhr, in Lieh Gießen, am 17. September 1885. Büchner, Kreis-Schulinspector.
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>le der Realschule eD 18. SepteM. >ends 8 Uhr. Hochachtiingsve!! Louise Schmier, lterolst.
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Politische Uebersicht.
Gießen, 17. September.
Der Bundesrath hat am Dienstag eine Plenarsitzung ab» 5.halten, in denen er sich mit den Beschlüssen seiner Ausschüsse bezüglich der Ausführungs-Bestimmungen zum Börsensteuer-Gesetze beschäftigte. Das Plenum hat diesen Beschlüssen in allen Punkten beigestimmt; Es galt dies noch nicht al- ganz feststehend, da einzelne Regierungen die Möglichkeit voraussetzten, im Plenum noch erhebliche Abänderungen zu beschließen. Hiermit brachte man auch den Umstand in Verbindung, daß Bevollmächtigte einzelner Bundes-Regierungen, die bereits in die Heimalh zurückgereist waren, sich zu der DienStagS- ßtzung wieder einfinden wollten.
Der ehemalige preußische Finanzminister, Karl Hermann Bitter, ist am Samstag nach längerem Leiden in Berlin verschieden. Der Verewigte, welcher das preußische Finanzministerium vom Juli 1879 bis zum Juli 1882 inne hatte, durfte aus eine 49jährige Dienstzeit im CivilstaatSdienst Mückblicken, in welcher er, ehe er an die Spitze des Finanzministeriums vor- riidte, eine gleiche Reihe hervorragender Posten, zuletzt den des RegierungS- Ärästdenten in Düsseldorf und dann den des UnterstaatSfecretärs im Ministerium b?6 Innern, in ehrenvollster Weise bekleidete.
Die Arbeiten der Berliner Telegraphen - Conferenz werden noch in dieser Woche zum Abschluß gelangen. Am Montag erledigte die Conserenz in zweiter Lesung den Reglements-Entwurf und nahm die Bedingungen Brasiliens für die Ermäßigung der Telegraphen-Gebühren an. Eine längere Debatte tiefen die Transit-Tarise Indiens und die Terminal-Tarife der Türkei hervor. Die am Dienstag stattgesundene Sitzung hat eine Verständigung hierüber ergeben. Die Conferenz ertheilte auch schon der Geschäfts- sihrung des internationalen Bureaus, unter einstimmiger Anerkennung der Verdienste desselben, mit einem Dankesvoturn für die schweizerische Verwaltung, Decharge.
liebet den am vorigen Samstag in Breslau abgehaltenen Parteitag der deutsch-freisinnigen Partei Schlesiens erfährt man, daß derselbe zahlreich besucht gewesen ist. Die Abgg. Alexander Meyer, Träger, Zelle und Rickert hielten mit außerordentlichem Beisalle aufgenommene Ansprachen an die Versammlung; Eugen Richter war noch in letzter Stunde durch Unpäßlich- liit verhindert worden, auf dem Parteitag zu erscheinen.
Im Königreich Sachsen haben am Dienstag nach einer im Allgemeinen ziemlich gemäßigten Wahlbewegung die Ersatzwahlen für 33 Mitglieder der zweiten Kammer, deren Mandat abgelaufen war, statt gesunden. Es candi- batirten 27 Conservative, 3 Freiconservative, 7 Nationalliberale, 6 Fortschrittler, 12 ©ocicolbemotraten, 3 Liberale, die keiner bestimmten Parteirichtung angehören, und 1 Antisemit. Hervorragende Gesichtspunkte hatte die Wahlbewegung nicht zu verzeichnen und trug sie fast in jedem Wahlkreise einen anderen Charakter; außerdem zeitigte sie verschiedene Eigenthümlichkeiten, von denen namentlich die hervorzuheben ist, daß sich in einem Wahlkreise, im 8. ländlichen, nicht weniger als 4 conservative Candidaten gegenüberstanden. Ein Ueberblick über das Gesammt-Resultat der Wahlen läßt sich wegen der Ausdehnung mancher ländlichen Wahlkreise noch nicht ermöglichen. Erwähnen wollen wir noch, daß die zweite Kammer bisher aus 50 Conservativen, 9 Nationalliberalen, 17 Fortschrittlern und 4 Socialdemokraten zusammengesetzt war. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß die socialdemokratischen Mandate durch die Wahlen am Dienstag eine Vermehrung erfahren haben werden.
Während die innere französische Politik zur Zeit vollständig durch die Wahlbewegung beherrscht wird, zieht nach Außen die französische Colonialpolitik durch verschiedene Vorgänge Die Aufmerksamkeit aus sich. Vor Allem ist die Lage in Anam eine ziemlich ernste; der aus Huö entflogene junge König zieht mit Thuyet, dem Oberanführer der anamitischen Truppen im Lande umher und ruft die Bevölkerung zum Ausstande gegen die französischen Fremdlinge aus.' Der Ausbruch bedenklicher Unruhen ist die Folge dieser Machina- Üonen gewesen, und daß Die Dinge in Anam in der That heikel stehen müssen, äeht am besten daraus hervor, daß General Courcy, der Oberbefehlshaber der militärischen Streitkräfte der Franzosen in Anam, von seiner Regierung unurn- ichränkte Vollmachten erhalten hat. Bereits ist denn auch von General Courcy ein neuer Herrscher, Namens Chan-nong, eingesetzt worden, welcher am Montag feinen feierlichen Einzug in das königliche Palais zu Huö gehalten hat; die Krönung soll nächsten Samstag vor sich gehen. — Unter der anamitischen Bevölkerung fordert die Cholera zahlreiche Opfer. — Zu gleicher Zeit drohen ben Franzosen auf Madagaskar abermals kriegerische Verwickelungen. Nach einer dem Standard" von dort zugegangenen Depesche sind die Verhandlungen zwischen beit Franzosen und den Howas vollständig gescheitert und haben die ersteren in Folge dessen die Stadt Narraguva bombarbirt. Endlich verdient noch die Nachricht von einer Erweiterung des französischen Colonial-Besitzes in Nord-Afrika verzeichnet zu werden, indem Der Sultan von Marokko die ihm tributpflichtige Oafe Figuig, am Rande der Sahara gelegen und bekannt als Zufluchtsort der Unzufrieoenen und Aufständischen, freiwillig an Frankreich abgetreten hat.
Die Cholera-Epidemie in Toulon kann man jetzt als erloschen betrachten, da daselbst seit Sonntag kein neuer Cholera-Todesfall mehr vorge- fommen ist. Die Kaufläden werden daher wieder geöffnet und die Einwohner kehren zurück. Auch in Marseille scheint die Seuche dem Erlöschen nahe zu fein, da die Zabl der täglichen Cholera-Todessälle meist nur noch zwischen 3 und 6 öariirt. Dagegen breitet sich die Epidemie in dem benachbarten Ober- Italien langsam, aber stetig aus und ist von ihr jetzt u. A. auch Nizza ergriffen worden.
Wie schon angekündigt, ist der Kreis fürstlicher Gäste, welcher sich um die dänische Königüfamilie auf Schloß Fredensdorg versammelt hat, am Montag durch den Herzog von Chartres und dessen Familie, sowie durch den englischen Thronfolger, den Prinzen von Wales, vermehrt worden. Die Tochter des Herzogs von Chartres, bekanntlich eines der orleanistischen Prinzen, ist die Verlobte des Prinzen Waldemar von Dänemark und erklärt sich wohl hieraus der Besuch des Herzogs und feiner Familie am dänischen Hofe. Was den Prinzen von Wales anbelangt, so bildet sein Besuch in Fredensborg den Abschluß des Ausfluges, den er zuerst nach Norwegen und dann nach dem mittleren Schweden unternommen hatte und welche in der Hauptsache der Abhaltung von Jagden gewidmet war.
Die egyptische Mission Sir Drummond Wolffs, welcher vorläufig noch immer in Konstantinopel weilt, droht durch einen unerwarteten Schachzug der türkischen Diplomatie durchkreuzt zu werden. Der Sultan soll nämlich beabsichtigen, ben Großvezier in einer geheimen Mission nach Egypten zu schicken und ist hierbei schwerlich anzunehmen, daß der türkische Premierminister Vie Aufgabe haben sollte, dem außerordentlichen englischen Botschafter am Nil die Wege zu ebnen. Wahrscheinlich hat man es wieder einmal mit dem beliebten alten Doppelspiele der Pforte fu thun, während Sir Drumrnond Wolff in Konstantinopel mit Den türkischen Ministern unterhandelte, soll der Großvezier nach Egypten gehen und mit der Regierung über den Kops Wolff's hinweg irgend ein Abkommen treffen. Dem gegenüber dürste Sir Drummond seinen Aufenthalt am goldenen Horn wohl bedeutend abkürzen. Uebrigens kommt die Nachricht aus Kairo, daß die Notabeln-Versammlung vertagt worden sei, die egyptische Regierung hat also bei ben bevorstehenden Verhanblungen mit dem Großvezier einer- und Sir Drummond Wolff anderseits völlig freie Hand. — Mit Befriedigung wird man dagegen in London das Dementi des ossiciösen „Journal de St. Pötersbourg" ausgenommen haben, wonach keinerlei politische Transactionen zwischen Rußland und Korea stattgefunden haben. Rußland hat lediglich einen Handelsvertrag mit Korea abgeschlossen, wie dies auch Seitens Englands und Deutschlands geschehen ist.
Zur Karolinen-Angelegenheit liegt als neueste Meldung die vom Eintreffen eines spanischen Cadinets-Couriers in Berlin vor. Derselbe hat die Antwort-Note seiner Regierung auf den bekannten Erlaß des Reichskanzlers vom 31. August überbracht und ist diese Note am Montag Nachmittag im auswärtigen Amte durch den spanischen Gesandten in Berlin, Grasen Benomar, Überreicht worden, lieber den Inhalt Der spanischen Antwort ist bis zur Stunde noch nichts in weitere Kreise gedrungen, es heißt aber, daß derselbe dem Berliner auswärtigen Amte vom spanischen Cabinet bereits vorher im Wesentlichen auf telegraphischem Wege übermittelt worden sei! Hoffentlich entspricht Die spanische Antwort den versöhnlichen Jntensionen der deutschen Regierung.
Aus Italien ist nunmehr das erste officielle Cholera-Bulletin eingegangen. Demselben sind zufolge vom 6. August bis zum 12. September in Italien im Ganzen 146 Cholera-Erkrankungen und 86 Cholera-Todesfälle vorgekommen. In Palermo wurden am Sonntag eine Cholera-Erkrankung und 4 Cholera-Todessälle constatirt, in der Provinz Parma 17 Erkrankungen und 5 Todesfälle.
Darmstadt, 15. September. Für die, bekanntlich vom Staate zu erbauende Nebenbahn Nidda-Schotten sind die Pläne nunmehr vollständig aus- gearbeitet und Dieser Tage von dem Großh. Finanzministerium genehmigt wor- öen. Die Trace ist im Felde abgesteckt, und die gemarkungsweise Cartierung nebst Berechnung der abzutretenden Geländeflächen für Bahnkörper, Zufuhrstraßen , Wegverlegungen rc. ist fertig gestellt. Auf Grund dieser Unterlagen wird jetzt alsbald unter Leitung der beiden Kreisämter die verordnungsmäßig vorgeschriebene Verhandlung mit den Gemeinden und Betheiligten über die Bahnanlage stattfinden, bei welcher Wünsche derselben wegen Aenderungen des Projects bezüglich der Wege, Zufahrten, Wafferläufe rc. entgegengenommen und erörtert werden. Alsdann kann sofort zu der Geländeabtretung an der Hand der vollständig fertigen Parzellenpläne geschritten werden, da die von deui Gesetze geforderte Bereiterklärung der Gemeinden zur unentgeltlichen Geländebeschaffung und zur Zahlung des Baarzuschusses von 25,000 cfl. nach einet Mittheilung der „Darmst. Ztg." bereits früher beigebracht worben ist.


