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Samstag den 18. Juli

Nr. 1651

Erscheint täglich mit **6ne$me bes «antag».

Bstmui SchuIHraße 7.

Prei4 vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit BrinqerlvH Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pt.

hat sich darum schon veranlaßt gesehen, die an den Bahnhöfen zum Verkauf ausgebotenen Exemplare des genannten Blattes zu confisciren. In den leiten­den Kreisen trug man sich sogar mit dem Gedanken einer gerichtlichen Verfol­gung derPall Mall Gazette", doch ist man, wie der Staatsseccetär des Innern, Croß, im Unterhause aus eine Anfrage mittheilte, von dieser Absicht, alsnicht rathsam". wieder zurückgekommen, offenbar, weil eine gerichtliche Ver­folgung des Blattes den Scandal nur vergrößern würde. Uebrigens sollen die haarsträubenden Schilderungen derPall Mall Gazette" durchaus der Wahrheit entsprechen und wird somit wieder einmal eine der Nachtseiten der Metropole an der Themse enthüllt.

Die Pariser haben am Dienstag in der herkömmlichen Werfe das französische Nationalsest, den Jahrestag der Erstürmung der Bastille, durch Freivorstellungen in den Theatern, volkstümliche Belustigungen aller Art und reichliches Effen und Trinken begangen. Den Glanzpunkt des Festes bildete natürlich wiederum die Parade der ca. 24,000 Jungen umfassen» den Schul-Bataillone von Paris, dem Stolz und der Hoffnung der Pariser Arbeiter und Kleinbürger, oem Aerqer aller militärischen Autoritäten und ernster denkenden Männer. An Revanche-Reden und aw. ähnlichen antideutschen Demon- strationen wird es ebenfalls nicht gefehlt haben, darin sind ja die Franzoscn bei solchen Gelegenheiten groß. Im Uebrigen scheint die Nationalseier ohne be- sondere Störungen vorübergegangen zu fein.

Der todtgesagte Mahdi ist den Engländern zum Trotz doch noch am Leben und soll sogar eine Expedition nach Ober-Egypten vorbereiten. Die Voff. Ztg." läßt sich hierüber Folgendes berichten: Nach den neuesten uns aus Kairo zugegangenen Nachrichten stehen dort bedeutsame Ereigniffe bevor. Unser Correfpondent meldet: Der Mahdi soll sich mit seinen Anhängern auf bett Oasenwegen der lydischen Wüste in der Richtung nach der oberegytüchen Stadt Sint befinden und von den Engländern thatsächlich dort erwartet werden. Die Engländer sollen in keiner Weise mißvergnügt über die Ankunst des falschen Propheten sein, da sie durch die kostspieligen Expeditionen im Sudan und die klimatischen Schwierigkeiten der Sorge überhoben sind, besondere Vorbereitungen zu. dieser kriegerischen Begegnung zu treffen. Sint ist die Hauptstadt cbep Egyptens der südlichste Punkt des Eisenbahnnetzes und ein durch seinen sruheren Handel mit dem Sudan wohlbekannter Ort. Bereits in den früheren Zetten bildeten die Oasen die vielbesuchte Handelsstraße, auf welcher die Sclaven- und Handels-Karavanen von Kordosan und Dongola nach Egypten sich bewegten. Aus der Provinz Dongola selber hat die egyptische Regierung 12,000 Don- qolaaen herausgezogen, die ihr treu geblieben sind unb bett Engländern tm Kampfe gegen den Mahdi zur Seite stehen sollen. Die Stadt Kairo selber ist überfüllt mit Flüchtigen und den Familien der ehemaligen Garnisonen >m Sudan und an der Küste des Rothen Meeres. Nie gesehene Typen der schwarzen Be« völkerung des Sudan, der Mehrzahl nach Nubier, erfüllen gegenwärtig bte Straßen der Hauptstadt Egyptens und erinnern an die Zeiten des Alterthums, m welchen die Aethiopier aus dem innersten Sudan mitten unter der egyptischen Bevölkerung ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Trotz der unglücklichen Lage, m welcher sich in Folge der englischen Mißwirthschast das Land Egypten befindet, hat dennoch im vergangenen Jahre die Gesammtsumme der Einkünfte dos erstaunliche Resultat von 9*/s Mill. Pfd. Sterl. ergeben, eine Summe, die nur im glücklichsten Jahre unter der Regierung der Khedive Ismail erreicht wor- den ist. ___________________________

Politische Ueberstcht.

Gießen, 17. Juli.

Mit dem am Dienstag beendigten Ausenthalte Kaiser Wilhelm» in Ems hat der erste Theil der diesjährigen Sommer- und Bade- Reisen des «reifen Herrschers seinen Abschluß gesunden, und zwar einen recht biftiebigenben, denn die Emser Kur ist dem «reifen Monarchen nach osficiellen wie privaten Mittheilung in erwünschtestem Maße bekommen, so daß fein Be- finiten etn vortreffliches ist. Schon seil Jahren pflegt sich an Den Emser Ausent- halt die gewohnte Nachkur in Bad Gastein anzulchließen und dieser ihm heb- gewordenen Gewohnheit ist der Kaiser auch in diesem Jahre treu geblieben, aber wie bereits früher, so erfolgt auch diesmal bie Weiterreife nach Gastein Nicht unmittelbar von Ems aus unb nicht birect. Vielmehr weilte Kaiier Wil- Helm eist noch zwei Tage in Koblenz, ber von feiner erlauchten Gemahlin besonders bevorzugten Sommer - Residenz, wo er bis zum letzten Donnerstag verblieb. Von Koblenz aus hat der hohe Herr die Reife zunächst nach der Bodensee-Jnfel Mainau sortgefetzt, um aus diesem idyllischen Fleckchen Erde im Kreise der Großherzoglich Badischen Famllie noch einen ober zwei Tage zu verbringen. , p

An rein politischen Nachrichten auf dem Gebiete der inneren Angelegenheiten sieht es auch heute *ehr dürftig aus. Die einzige Frage, welche noch einigermaßen interefsirt, ist diejenige des Paderborner Studien- Erlasses, aber Behauptungen und Dementis über die Paderborner Vorgänge löten sich in so bunter Reihenfolge ab, daß es augenblicklich unmöglich ist, sich ein klares Urtheil über ben Staub biefer Affaire zu bilden, welch- nun schon seit Wochen die gesammte Preffe beschäftigt. In dieser Zeit der politischen Ereignißlofigkeit dürfte darum das allgemeine deutsche Turnerfest, welches in diesen Tagen in der schönen Residenzstadt an der Elbe seinen Anfang nimmt, das Interesse auch weiterer Kreise doppelt aus sich ziehen, zumal die Betheiligung an dem Feste eine ganz großartige zu weiden verspricht. Nicht nur aus allen deutschen Gauen werden die Jünger Jahn's zahlreich in Dresden erscheinen, sondern auch aus Oesterreich, der Schweiz, aus Belgien, Holland, ja aus den Vereinigten Staaten von Amerika sind deutsche Turnvereine aug/ meldet, sogar vom fernen australischen Continent, aus Melbourne, soll ein deut­scher Turnverein nach der sächsischen Residenz unterwegs sein. Man mag vielleicht über die Zweckmäßigkeit solcher nationalen Feste in der Gegenwart streiten leugnen läßt sich aber doch nicht, daß sie dem deutschen Volke sozu­sagen in Fleisch und Blut übergegangen find, und wenn den Turner-, Schutzen- und Sängerfesten auch ihre frühere politische Bedeutung in Folge der fnegerv schen Ereignisse von 1866 und 1870 verloren gegangen ist, so sind sie doch noch sehr wohl geeignet, den über den ganzen Erdball zerstreuten Angehörigen des deutschen Reiches immer wieder zu einem Sammelpunkte zu werden. Daß es aber bei derartigen Festen nie an patriotischen Anregungen und an Auffor­derungen fehlt, allzeit in Liebe und Treue zu Kaiser und Reich, zum ange­stammten gemeinsamen Mutterlands zu stehen, bas, hat sich bei allen solchen Anlässen noch immer gezeigt und so wird denn hoffentlich auch das Dresdener Turnerfest dazu beitragen, den nationalen Gedanken zu stärken und zu heben.

Die socialistische Agitation unter der österreichischen Arbeiter- Bevölkerung macht bedenkliche Fortschritte, wie die aus Trebitsch, einer Bezirkshauptstadt mit bedeutenden industriellen Etablissements, gemeldeten Vo^ gange beweisen. In Folge der Verhaftung zweier Socialisten versammelten sich am Montag Abend gegen 2000 Arbeiter vor dem Trebitscher Amtsgebäude, um die Verhafteten zu befreien. Die Gensd'armerie, welche von den Arbeitern mit einem Steinhagel angegriffen wurde, machte, nachdem eine dreimalige Auf­forderung zum Auseinandergehen erfolglos geblieben war, einen Bajonettangriff, der die Menge auseinandertrieb und wobei einige Verwundungen vorkamen. Das hierauf aus Jglau requirirte Militär stellte die Ruhe vollständig wieder Ijtr. Es steht zu erwarten, daß es gelingt, der Rädelsführer der Emeute hab- haft zu werden und daß denselben eine exemplarische Bestrafung zu Theil wird.

Die afghanische Frage ist jetzt in London wieder Gegenstand «ingehender Erörterungen. Wie der Unterstaatssecretär im auswärtigen Amte, Mr. Bourke, im Unterhause am Montag auf eine Anfrage erklärte, beschäftigt sich die Regierung fortwährend mit der afghanischen Angelegenheit und hält man englischerseits an der Herbeiführung eines Schiedsspruches in der Pendjeh- Affaire fest. Auch in der Dienstags-Sitzung des Unterhauses wurden wieder mehrere Anfragen wegen Afghanistans gestellt, deren Beantwortung der Staats- fecretär für Indien, Churchill, übernahm. Aus seinen Ausführungen geht hervor, daß mit dem Emir von Afghanistan wegen Errichtung einer englischen Eantonirung in Kandahar keinerlei Unterhandlungen gepflogen worden sind, daß sich aber die englische Regierung für verpflichtet halt, dem Emir unter Um­ständen militärische Hülfe zu gewähren, wenn er solche zur Vertheidigung von Kandahar für nöthig erachten sollte. Churchill sprach hierbei die Hoffnung aus, daß bie Politik jeder Regierung, die sich bann im Amte befinde, in dieser Be­ziehung eine bestimmte sein werde. In diesen Aeußerungen des englischen Ministers liegt unverkennbar eine versteckte Drohung gegen Rußland, falls das­selbe Absichten gegen Kandahar hegen sollte; an der Newa wird man indeflen diese Drohung wohl sehr kühl hinnehmen.

In London haben die Veröffentlichungen eines der angesehensten City- Blätter, derPall Mall Gazette", über die in der englischen Hauptstadt herrschende Unsittlichkeit gewaltiges Aussehen erregt und bie Londoner Polizei

London. 16. Juli. DerTimes" zufolge hätten fämmlliche Mächte mit Ausnahme von Rußlanb in bie Emission einer neuen egypttfchen Anleihe ® Der .Daily Telegraph" behauptet, bie englisch-russischen Unterhaus langen über bie afghanische Frage hätten eine ernste Wendung genommen, noch vor dem Rücktritte Glabstone's habe bie russisch-t Regierung Ansprüche erhoben auf eine Position, welche ihr bie thatsächliche Herrschast über den Zulficar- paß einräumen würbe. Das Cabinet Salisbury habe biefe Ansprüche als un­vereinbar mit einzelnen Bestimmungen bes zwischen Granville unb Gters vereln. barten Ausgleiches bezeichnet. In bem baraus erfolgten Meinungsaustausch hätte sich bie russische Regierung unnachgiebig gezeigt. Dieielbe habe vorge schlagen, biefe Frage ber Grenzcommssion zur Lv|ung zu unterbreiten, woraut Salisbury nach Ansicht besDaily Telegraph" schwerlich emgehen bürste. Der Ton ber englischen Note sei versöhnlich, aber sest.

icßcncr Anzeiger

Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorrespondenz-Bureau.

«»riin °tu[i Atn der heutigen Proceßverhandlung gegen den Hosprediger

gefprodren. Oberhaus nahm in dritter Lesung bie indische An-