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Re. 138. Donnerstag den 18. Juni 1883

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

- Schu!ft5°ß-7. Erscheint «»glich mit Ausnahme de- M°itt-gS. ^-jihrttch

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Politische Ueberstcht.

Gießen, 17. Juni.

Der Gesundheitszustand Kaiser Wilhelms hat sich nach man­cherlei Schwankungen in der letzten Woche doch so gehoben, daß der Monarch mred-er seinen gewohnten Beschäftigungen obliegen kann, nur die Besichtigung der Grrde-Negimenter mußte er diesmal ganz dem Kronprinzen überlassen. Kaiser Wilhelm hat durch den Tod seines Neffen, des Prinzen Friedrich Karl, einen seiner ersten Heerführer verloren und das Volk trauert mit dem Kaiserhause um den Entschlafenen.

Wenn der Bundesrath nicht noch Sitzungen hielte, würde auf dem Gebiete der inneren Politik nahezu absoluter Stillstand eingetreten sein. Mei­stens sind es auch nur Verwaltungs-Angelegenheiten, mit denen sich der Bundes- ralh in letzter Zeit beschäftigte und von der Berathung über die noch schwebende Lrrirnfchweigische Erbfolgesrage ist etwas Neues aus dem Bundesrathe noch nicht in die Öeffentlichkeit gedrungen.

Ueber den Conflict Deutschlands mit dem Sultan von Zaizibar dringen jetzt recht seltsame Nachrichten in die Öeffentlichkeit. Nach der einen soll England, resp. der englische Consul in Zanzibar Den ganzen EoGict durch Aufhetzung des Sultans gegen Deutschland verursacht haben. Nach einer andern Mittheilung soll es indessen gar nicht wahr sein, daß die Soldaten des Sultans von Zanzibar das Gebiet derDeutsch - Ostasrikanischen Gesilllschast" besetzt hätten, sondern Emwohner von Zanzibar hätten nur einen, Einern Mitglieds dieser Gesellschaft gehörigen Garten zerstört. Hoffentlich bringen an Ort und Stelle geführte Untersuchungen bald Licht in diese Widersprüche.

Die Socialdemokraten wollen ihren zwischen den verschiedenen Parl:eirichtunzen ausgebrochenen Streit auf dem nächsten Socialisten-Congreß Wichten. Es wird sich dann zeigen, ob dieUnversöhnlichen" unter Bebel und Kollmar, oder dieGemäßigten" unter Hasenclever und Frohme die Oberhand -'üeKten.

Am Montage sind in Berlin die Vertreter der Innungen des deutschen Handwerkes zu einem Jnnungstage zujammengetreten, um die der- Wig-e. Nothlage des Handwerkerstandes und die Mittel zur Abhülfe derselben zu ckraihen. Es ist nicht zu verkennen, daß ein kräftiger Ausbau des JnnungS- ^e|em§ manchen Hebel für die Besserung der Lage des Handwerkerstandes ab- ^bem könnte, doch dürsten die Innungen deshalb keine Zwangs-Institute werden, Adern ihr corporatives Streben nur auf Hebung der Handwerker-Ausbildung Mb Befreiung des Handwerkes von dem lähmenden Drucke der Groß-Industrie Ächten. In diesem Sinne wünschen wir dem Jnnungstage in Berlin Erfolg.

Nachdem in Oesterreich die Reichsraths-Wahlen beendigt finb, haben auch die Regierungsparteien alsbald ihr Programm proklamirt und Mangen danach hauptsächlich Wahlresormen, Wirthschaftsreformen und Gesetze Hr die Erhaltung der einzelnen Nationalitäten in Oesterreich. Wenn die Lhchen, Polen, Slovenen und Klerikalen sich dabei aber auch erinnern wollen, daß es in Oesterreich auch noch eine deutsche Nationalität giebt, die auch An- smch auf Schutz ihrer Stellung hat!

Die günstige Lösung, welche einige wichtige Fragen in Frankreich $|imben haben, wie jene des Listenscruünismus und des Friedens mit China, Abm neuerdings die öffentliche Discussion auf den Zeitpunkt der allgemeinen Wahlen gelenkt. Vielfach ist die Ansicht verbreitet, den günstigen Eindruck, mlhsn insbesondere der Abschluß des Friedens mit China hervorgerufen hat, .zu benutzen und die Wahlperiode so viel als möglich abzukürzen, das heißt, die Wahlen früher als ursprünglich beabsichtigt wurde, vorzunehmen. Nach einer Mheüung des XIX. Siöcle hätte der Conseils-Präsident, Herr Brisson, gegen Mhrere Mitglieder der Majorität geäußert, daß es eigentlich nur zwei mögliche Mn gebe, nämlich den 16. August und den 27. September. Nach dem Ge- ch über das Listenscrutinium müßten die Wahlen zwischen dem 14. August .mb dem 14. October erfolgen.

Aus London liegt die osficielle Meldung jetzt vor, daß Lord Salisbury i '!! Bildung des neuen Cabinets angenommen hat und mit den Häuptern der Tsiy-Partei darüber unterhandelt, welche Derselben noch in das neue Cabinet ^treten sollen. Lord Salisbury soll die Bildung des Cabinets übrigens mit Vorbehalte angenommen haben, daß die Mehrheit des Unterhauses in den mjtigen schwebenden Fragen bis zu den im November stattfindenden Neu- mjlen die neue Regierung unterstütze. Danach würde zunächst im Gange der -»chischen Politik nicht viel geändert werden.

In den Beziehungen Englands zu Rußland wegen der afgha- - luiitjetn Frage dürfte sich durch den englischen Cabinetswechsel nicht viel ändern. MePendjeh-Affaire ist so gut wie geregelt und das neue englische Cabinet wird -faul) (ein, wenn es mit Achselzucken darüber Hinwegkommen kann, was Gladstone -imprincipe mit Rußland über die Regulirung der afghanischen Grenze verein- 4 bchi «hat. Die russischen Blätter theilen diese Ansicht, da das neue Ministerium »chws zu thun hat, um Englands Heer und Flotte in einen besseren Stand zu 1 und etwas für die Vertheidigung Indiens zu thun.

Die auswärtige Politik des rtalienischen Cabinets ist schon \ lait (tüngerer Zeit in einer nichts weniger als angenehmen Lage. Als Herr I Widm sich bereit finden ließ, Geld, Kriegsschiffe und Mannschaften an die eErpHion nach Dem Rothen Meere zu senden, handelte er unter Voraussetzun- öRiiiber deren Hinfälligkeit jetzt wohl weder innerhalb noch außerhalb Italiens iirgent) eine Meinungs-Verschiedenheit bestehen dürfte. Wie Herr Mancini

zu wiederholten Malen eingestanden hat, sollte die von ihm an der Seite Eng­lands und im engsten freundschaftlichen Einverständnisse mit dieser Macht unter* nommeParallel-Action" zur Förderung hervorragend nationaler Ziele des Staates dienen; er suchte den Schlüssel zu der italienischen Machtstellung am Mittelmeere im Rothen Meere, und ließ fich auf die Occupation der dortigen Küstenplätze Maffanah, Affab u. s. w. nur em, weil er sich überzeugt hielt, daß Italiens Beihülfe den Engländern in ihrer damaligen bedrängten Lage unentbehrlich sei, England sonach auch nicht umhin können werde, Italien den ausbedungenen oder noch auszubedingenden Preis zu zahlen. Aber England hat inzwischen den Sudan im Sttche gelassen und wird dies auch mit Italien thun.

Die spanische Regierung ergreift mit pstichtmäßigem Ernste alle Maßregeln, um dem Fortschreiten der Cholera Einhalt zu thun. Einstweilen hält sich denn auch die Krankheit noch in relativ bescheidenen Grenzen unir schlimmer als der birecte Schaden, den sie anstiftet, ist die Panik der Bevölke­rung, welche in dem fluchtartigen Abfluß der bemittelteren Gesellschaftsklassen, sowie in dem planlosen Verhalten des großen Haufens zu Tage tritt. Es ist daher vollkommen gerechtfertigt, wenn die Behörden ein scharfes Augenmerk auf die Presse richten und nicht dulden, daß sich letztere zum Sprachrohr in's Unge­heuerliche übertreibender Gerüchte macht.

Danustadt, 16. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 16. Juni dem Oberamtsrichter bei dem Amtsgerichte Alsfeld, Karl Bornemann, in Anerkennung seiner 50jährigen mit Eifer und Treue geleisteten Dienste, das Ritterkreuz 1. Klaffe des Luoewigs-Ordens zu verleihen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correfpondenz* Bureau.

Berlin, 16. Ium. Nach dem soeben publicirten Erkenntniß in dem Procest gegen Baecker wepen Beleidigung des Hofpredigers Stöcker wird Baecker unter Annahme mildernder Umstande zu 3 Wochen Gefängniß verurtheilt; gleichzeitig werden demselben die Gerichtskosten auferlegt.

Wien, 16. Juni. Die heutigen Morgenblätter widmen dem Prinzen Friedrich Carl von Preußen warme Nachrufe. DasFremdenblatt" sagt: Anser Kaiserhaus, welches in herzlicher Freundschaft dem Hause Hohenzollern verbunden ist, und Oester­reich-Ungarn, das sich in auftichtiger Sympathie mit dem großen Nachbarreiche vereint weiß, nehmen den innigsten Antheil an diesem Trauer^alle, der heute Berlin und Deutschland bewegt. Der Gegner von 1866 ist uns längst zum Freunde und Bundes­genossen geworden, mit ehrlicher Bewunderung war das österreichische Volk schon bei dem großen deutsch - französischen Ringen den Ruhmesthaten der deutschen Heerführer gefolgt und heute haben sich Die Glieder beider Armeen, der deutschen und der öster­reichisch-ungarischen, gerne daran gewöhnt, sich als Waffenbrüder und Freunde für alle Zukunft zu betrachten.

London, 16. Juni. Beinahe sämmtliche Morgenblätter widmen dem ver-- storbenen Prinzen Friedrich Carl von Preußen ehrende ^)tekrologe und Leitartikel, welche hervorheben, einen wie großen Verlust Deutschland durch das Ableben des Prinzen erlitten habe.

DieSt. James Gazette" sagt, es sei bis jetzt noch kein Fortschritt in deu Bildung eines conservativen Cabinets gemacht; es sei sogar noch nicht einmal aus­gemacht, daß die Conservativen die Negierung sogleich und bedingungslos übernehmen werden. Es seien von den jungen Mitgliedern der conservativen Partei zu große Schwierigkeiten erhoben worden; daher sei es sehr wahrscheinlich, daß man noch ein­mal auf die Liberalen zurückgreifen werde, um die Bildung eines Ministeriums an Stelle des Gladstone'schen Cabinets zu bewerkstelligen.

In einer Ausgabe meldet dieSt. James Gazette" dagegen, daß in Folge einer heute stattgehabten Conferenz der Führer der conservativen Partei sich die Schwierigkeiten, welche sich der Cabinetsbildung entgegenstellten, gemindert hätten.

Die Königin verließ Balmoral Nachmittags, um sich nach Windsor zu be­geben. Die Conferenz Salisbury's mit den Führern der Conservativen dauern der» ganzen 3tachmittag fort. Von unterrichteter Seite verlautet, daß Northcote eingewilligd hat, einen.Sitz im Oberhause anzunehmen. In diesem Falle würde Hicks-Beach die Führung der Conservativen im Unterhause übernehmen.

Rom, 16. Juni. Der König hat dem Kaiser' Wilhelm anläßlich des AblebenK des Prinzen Friedrich Carl sein tiefempfundenes Beileid ausgedrückt.

In der Kammer erklärt bei Berathung des. Budgets des Auswärtiger Mancini, die Lage sei seit dem dem Ministerium am 8. Mai ertheilten Vertrauensvotum unverändert. Die inzwischen eingetretenen Ereignisse bestätigten die Ansichten der Re­gierung. Die damals angekündigte Expedition sei in der Ausführung begriffen. Eecchi. befinde sich an den Mündungen des Juba, Capitän Bove am Congo; beide hätten Handels- und Freundschaftsverträge mit den betreffenden Häuptlingen abgeschlossen. Die Regierung werde sich in weitere Actionen am Rothen Meere nicht einlassen, ohne das Parlament zu befragen; aber man dürfe die Truppen nicht zurückziehen. Wenn die Kammer zeige, daß sie kein Vertrauen zur Regierung habe, werde er ihr Urtheil als alter Parlamentarier und Patriot respectiren. Bertani iäußerste Linke) und Cairoli (dtamens der Pentarchisten) erklärten, sie würden gegen die auswärtige .Politik der- Regierung stimmen. Depretis erklärt sich ^iainens des ganzen Cabinets mit der aus­wärtigen Politik Mancini's solidarisch. Schließlich wird mit 147 gegen 126 Stimmen die vorn Ministerium aceeptirte Tagesordnung angenommen, welche besagt, daß die Kammer von den Erklärungen des Ministers Act nimmt.

Lokales.

G. Gießen, 17. Juni. sSterblichkeit in Gießens 8Die Sterblichkeit war während der Woche vom 7. bis 13. Juni wiederum eine geringere, es ereigneten sich im Ganzen nur 6 Todesfälle, davon 5 bei Erwachsenen. Von diesen starben 2 Personen an Lungenschwindsucht, eine an Krebs, eine an Rückenmarksleiden und ein Mann erhängte sich im Gefängniß. Ein Kind im 2. Lebensjahre erlag einer Bronchien­entzündung.