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Rr. 216 Donnerstag den 17. September 1884
E-ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. -
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Erscheint täglich mit «»»nechme krf Montag».
Wrei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brin Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark
Politische Uebersicht.
Gießen, 16. September.
Die Kaiser-Manöver in Baden sind aus's Glänzendste verlausen, wenngleich sich bei denselben der wechselnden Witterung wegen öfters veründer.e Dispositionen nothwendig machten. Der Kaiser ist überall bei seinem Erscheinen von der Bevölkerung aus das Enthusiastischste begrüßt worden, so namentlich bei der großen Parade de- 14. Acmee-Corp- am vorigen Freitag; das Befinden des hohen Herren ist ein vorzügliches und durch die regnerische und kühle Witterung der letzten Tage nicht im Mindesten beeinträchtigt worben. Am kommenden Freitag beabsichtigt der Kaiser nach Stuttgart abzureisen, um den Manövern des württembergischen Armee-Corps beizuwohnen. Den Rest des Monats gedenkt der Kaiser in Baden-Baden zu verbringen, woselbst auch der Geburtstag der Kaiserin am 30. September in herkömmlicher Weise gefeiert werden wird.
Rach längerem Zögern ist nun der Termin sür die Neuwahlen zum preußischen Landtag bekannt gegeben worden; die Urwahlen finden am 6. November, die Wahlen der Abgeordneten selbst am 12. November statt. Es ist dies etwas später, als man gewöhnlich angenommen hatte, und der Beginn der parlamentarischen Arbeiten wirb dadurch mehr als nöthig und wünschenSwerth dinausgeschoben. Die Wahlbewegung wird nun durch das Bekauntwerden des Wahltermins etwas kräftigeren Anstoß und frischeres Leben empfangen. Sie hatte sich bisher in sehr ruhiger Weise vollzogen, und an vielen Orten sind die Vorbereitungen noch sehr im Rückstand; in der Mehrzahl der Wahlkreise sind die Ausstellungen der Candidaten, die Entschließungen der verschiedenen Parteien über das tactrsche Vorgehen noch nicht beendigt. Das wird jetzt ohne weiteren Verzug geschehen müssen. Im Allgemeinen ist durch den bisherigen Verlauf der Wahlbewegung die Annahme verstärkt worden, daß sehr wesentliche Aenderun- gerr in der Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses nicht zu erwarten sind. Das Gefühl der Sicherheit, bezw. der Aussichtslosigkeit trägt viel dazu bei, daß ein rechter Wahlkampf sich nur an den wenigsten Orten entwickelt. Was die Wahlvorbereitungen der einzelnen Parteien anbelangt, so ist bis jetzt die national- Liberale Partei am thätigsten gewesen und hat am ersten in größeren Versammlungen die GestnnungS - Genossen berufen. Nunmehr sind indessen auch die Deutschsreisinnigen aus dem Plan erschienen und haben am Samstag und Sonntag in Breslau einen Parteitag abgehalten.
Fürst Bismarck gedenkt im Laufe dieser Woche sein hinter- Pommer'sches Tusculum zu verlassen und nach Berlin zu kommen. Verschiedene Angelegenheiten der inneren Politik, wie die vorbereitenden Arbeiten sür die Reichstagesession, die preußischen Landtagswahlen, die Enquete über die Sonntagsarbeit u. s. w., dann aber jedenfalls auch die Karolinenfrage dürsten es dem leitenden Staatsmann angezeigt erscheinen lassen, Varzin mit dem Centrum der politischen Geschäfte zu vertauschen. Wie lange der Reichskanzler in Berlin zu verweilen gedenkt, ist noch unbekannt, auf alle Fälle wird er aber noch einen Aufenthalt in Friedrichsruhe nehmen.
Die „Nordd. Allg. Zeitung" enthält in ihrer Abend'AuSgabe vom 12. September einen scharfen Ausfall gegen den „Manchester Guardian" wegen defftn antideutscher Haltung in der Karolinen - Angelegenheit. Das osficiöse Blatt führt dieselbe darauf zurück, daß sich das genannte englische Blatt im Besitze der Familie John Bright s befinde und das Interesse der großen Fabrikanten, Exporteure und Rheder vertrete, für welche jeder Krieg in geschäftlicher Beziehung vortheilhast sei.
Reben der braunschweigischen Frage giebt es bekanntlich auch eine „lippische Frag e" und haben die eigentümlichen Zustände im Fürstentum Lippe schon öfters den Gedanken nach der Zukunst des Ländchens angeregt. Hierüber findet sich jetzt in der „Lippe'schen Post" eine Erklärung des Reichstags'Abgeordneten Büxten bezüglich der Gestaltung der Verhältnisse in Sippe nach dem Ableben des zur Zeit regierenden Fürsten. In dieser Erklärung heißt es u. A.: „Nur unter der Bedingung, daß das Dominium ein unter die Verwaltung des Landes gestelltes Staatsgut wird, und daß der gegenwärtige großartige Regierung-.Apparat aushört, darf die Landesvertrelung in den Fort- bestand der Selbstständigkeit des Landes willigen, weil die Fortdauer der jetzigen Uebelstände, wie auch der Kurzsichtigste einsehcn kann, zum Ruin des Landes führen muß'." Im Falle aber der erbberechtigte Nachfolger sich nicht mit einer Civilliite zufrieden geben würde, bleibt nichts anders übrig, als daß die Landes- Vertretung das Aufhören der Selbstständigkeit des Landes und die Umwandlung in Reichsland ober in eine preußische Provinz erstreben müsse.
Der österreichische Kaiser wellt gegenwärtig in Croatien und Slavonien und wird dem geliebten Herrscher allerorten von der Bevölkerung ein wahrhaft begeisterter Empfang bereitet. Besonoers glänzend gestaltete derselbe sich in Pozega, wo Kaiser Franz Josef für einige Tage Aufenthalt genommen hat. Hier empfing er am Samstag auch eine Maffen-Deputalion aus Bosnien und der Herzegowina, bestehend aus 245 Mohamedanern, 136 Orthodoxen, 75 Katholiken und 11 Israeliten. Für die Mohamedaner sprach der Reis'Ul- lllema Hilmi Efendi, sür die Orthodoxen Fazil Pafic, Bürgermeister von Sera- jrwo, für bi? Katholiken Beg Alaj Begovic, Bürgermeister von Mostar und für die Juden der Oder-Rabbiner Finci. Sämmtliche Redner gaben den loyalsten Gefühlen und dem Danke sür die väterliche Fürsorge des Kaisers Ausdruck; die Bürgermeister von Mostar und Serajewo baten zugleich um einen Besuch dis Landesherrn in Bosnien und der Herzegowina. In seiner wohlwollenden
Erwiderung betonte der Monarch namentlich, wie es sein Wille sei, daß jede Confession ihren Glauben ungehindert ausüben könne und in den ihr zuftehen- ben Rechten von keiner Seite gehindert werde. Die Versicherung des Kaisers, daß er hoffe, den occupirten Provinzen sobald wie möglich einen Besuch abstatten zu können, wurde von der Deputation mit großem Jubel ausgenommen.
Frankreich hat in Nord-Afrika soeben eine neue territoriale Erwerbung gemacht. Von Marokko ist die an der Grenze der Sahara gelegene, ihm tributpflichtige Oase Figuig an Frankreich abgetreten worden, welchem hiermit allerdings ein großer Gefallen geschieht, denn Figuig diente den Aufständischen und Unzufriedenen immer als Zufluchtsort und ihnen kann man nun französischerseits scharf auf die Finger passen. Den Spaniern, welche sich als die politischen Erben Marokkos betrachten, wird der Vorgang freilich nicht sehr erwünscht kommen.
Die v erschiedenen über angebliche Transactionen zwischen Rußland und Korea umlaufenden Meldungen werden vom „Journal de St. P6- tersbourg" als unrichtig bezeichnet. Rußland habe in t Korea lediglich eine Handels-Convention abgeschlossen, welche in allen Punkten amlog derselben fei, wie sie andere Mächte, z. B. England und Deutschland, erlangt hätten.
Aus dem Ost-Sudan kommt nach längerer Pause wieder einmal die Meldung von einem Treffen zwischen den anglo-indischen Truppen und Den Aufständischen. Dasselbe hat in der Gegend von Suakim ftattgefunben, und zwar war hierbei bengalische Kavallerie betbeiligt, welche auf recognoscirenbe Mannschaften der Insurgenten stieß. Nach kurzem Gefecht wurden die Aufständischen in die Flucht geschlagen und verloren dieselben hierbei 4 Tobte und Verwundete. Von Beoeutung ist die Affaire also jedenfalls nicht gewesen.
Berlin, 14. September. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat die Staatseisenbahn - Directionen wissen lassen, daß von der Einführung des Fernsprechers im Eisenbahndiensie abgesehen wird, weil es bei den bisher mit demselben angestellten Versuchen als Verbindung In besagtem Dienste nicht zweckmäßig befunden worben ist.
<— Der Minister der Medicinal - Angelegenheiten läßt alle öffentlichen Jmpfärzte darauf Hinweisen, daß nach dem Gefttze alle öffentlichen Impfungen unentgeltlich zu geschehen haben und jede Zahlungs-Annahme für Impfstoffe ungesetzlich ist.
— Die Zahl der deutschen Kauffahrtei-Schiffe betrug Anfangs dieses Jahres 4257 (gegen 4315 zu Anfang des vergangenen Jahres.) Darunter waren 3607 Segel- und 650 Dampfschiffe. Die Abnahme^ um 58 Schiffe gegen das vorangegangene Jahr trifft lediglich die Segelschiffe, wogegen die Dampfschiffe zugenommen haben. Die Besatzung der deutschen Kauffahrtei- Schiffe ist etwas gestiegen, sie betrug 39,911 Mann oder 296 mehr als Anfangs 1884.
— Nachdem das „Militär-Wochenblatt" früher bereits Officiere für die erste Hülfeleistung bei vorkommenden Unfällen in den Truppentheilen vor- und ausgebildet wissen wollte, kommt es heute auf den Gegenstand zurück und macht den Vorschlag, die Milttärmusiker zu gleich m Zweck auszubilden. Wie es scheint, steht man in bestimmenden Kressen solchen Vorschlägen nicht geradezu ablehnend gegenüber, da diese Vorschläge sonst nicht in dem halbamtlichen Blatte zur Erörterung gebracht worden wären.
— Die Entlassung, welche der hiesige berühmte Kinderarzt, Geh. Mebi- cinalrath Professor Dr. Henoch, als Leiter der Klinik für Kinder-Krankheiten gefordert hat, wird jetzt allgemein mit dem Ausdrucke des gerechten tiefsten Bedauerns öffentlich besprochen. Henoch, eine wissenschaftlich anerkannte Größe seines Sonderfachs, steht der Klinik 27 Jahre als außerordentlicher Professor vor, und sein der meoicmischen Fakultät eingereichtes Gesuch, seine Ernennung zum ordentlichen Professor zu befürworten, ist von dieser mit Gründen abgelebt worden, welche Henoch nicht zu billigen vermochte. Man glaubt jetzt, daß der Unterrichtsminister die Ernennung Henoch's zum ordentlichen Professor beantragen werde, ohne daß demselben ein besonderes Fach zugetheilt werden würde. Ein solcher Ausweg wäre um so erfreulicher, als eine so bedeutende Kraft der Klinik für Kinder-Krankheiten erhalten bliebe. Bisher stand dieser Klinik allerdings noch kein ordentlicher Professor vor, doch thut eine solche Förmlichkeit Der Sache feinen Eintrag. Die Angelegenheit schwebt übrigens bereits seit einigen Monaten, und man nimmt an, daß sehr bald eine Entscheidung getroffen fein wird. ___________________________
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorrespondenz - Burea«.
Karlsruhe, 15. September. Se. Majestät der Kaiser, Allcrhöchstwelcher Mittags im besten Wohlsein vom Manöoerfelde zurückgekehrt ist, gebenft am Freitag den 18. d. M., Vormittags 11 Uhr, nach Stuttgart abzureiseu, woselbst dre Ankunft um 1 Uhr erfolgen wird. Der Aufenthalt in «Stuttgart dauert bis Aum 23. d. M., am genannten Tage findet Nachmittags 4</r Uhr die Abreise nach Baden-Baden, die Ankunft daselbst 7*/r Uhr AbendS statt. . , .
Karlsruhe, 15. September, AbendS. Se. Maiestat der Kauer bestchtigie heute Vormittag das freiwillige KrankenträgercorpS der Karlsruher Männer-HilfSvereine, sowie die Apparate desselben. Se. Majestät knüpfte dabei an die Worte der Anerkennung den Ausdruck der Hoffnung, daß daS Corps noch lange Jahre nicht genöthigt fern werde, die gewonnenen Kenntnisse im Kriege zu bewähren. — Heute Abend um 6 Uhr fand im hiesigen Schlosse Familientafel statt, an welcher die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften theilnahmen. Se. Majestät gedachte darauf der Vorstellung im Hosrheater beizuwohnen.


