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Nr. 163 Freitag den 17 Juli 1883

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

»wre** t Schurstraße 7.

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Durch die Pott bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Uebersieht.

Gießen, 16. Juli.

Kaiser Wilhelm hat am Dienstag seinen Aufenthalt in EmS beendigt und ist noch am Nachmittag des genannten Tages nach Koblenz zu einem zweitägigen Besuche seiner erlauchten Gemahlin abgereift. Auch die diesjährige Emser Trink- und Bade-Kur ist dem greisen Monarchen aus's Treff­lichste bekommen und haben die in EmS anwesenden Kurgäste täglich Gelegen­heit gehabt, die Rüstigkeit zu bewundern, mit welcher sich der hohe Herr auf seinen Promenaden bewegte. Am Freitag Abend gedenkt der Kaiser auf der Bodensee-Jnsel Mainau, der Sommer-Villegiatur der Grobherzoglich Badischen Herrschaften, einzutreffen, um hier einen oder auch mehrere Tage zu weilen, worauf die Weiterreise nach Gastein erfolgt.

Die Ausbeute an politischen Neuigkeiten wird immer magerer, je weiter wir in den Sommer hineinkommen und dies vocumentirt sich beson­ders hinsichtlich der inneren Angelegenheiten. Die Hartnäckigkeit, mit welcher die Preßorgane der verschiedensten politischen Richtungen an gewissen Thematas sesthalten, und ihnen immer neue Seiten abzugewinnen suchen, ist wohl der beste Beweis für die gegenwärtig herrschende politische Ebbe. So wird nament­lich die Angelegenheit des Poderborner Studien-Erlasses immer wieder erörtert und scheint dieselbe diesmal wahrhaftig die Rolle der publicistischen Seeschlange zu spielen, welche alljährlich beim Beginn der heißen Zeit in Gestalt eines be­stimmten Themas sich durch die Spalten der Blätter zu schlängeln pflegt. Jetzt ist bte Polemik aus die Frags concentrirt, ob der Paderborner Bischof den Erlaß nur formell oder thatsächlich wieder zurückgezogen habe, welche Frage wir indessen aus sich beruhen lassen wollen, die ganze Affaire ist nicht mehr interessant genug, um noch weiter des Langen und Breiten erörtert zu werden.

Dr. G. A. Fischer ist in Zanzibar wieder eingetroffen. Ein in Berlin lebender Bruder desselben hat derNat.-Ztg." einen Auszug aus einem vom 8. Juni datirten Bries an ihn zur Verfügung gestellt, der einige Auskunft über den Grund der Abberufung von Gerhard Rohlfs gibt. In dem Briefe heißt es:Die Verhältnisse hier in Zanzibar haben sich in politischer Beziehung sehr geändert, seitdem ich nicht wieder gesehen. Früher war Deutschland bei dem Sultan sehr beliebt, jetzt ist es ihm ver­haßt. Bei seinem Eintreffen in Zanzibar wäre es Gerhard Rohlfs noch ein Leichtes gewesen, den Sultan zu bewegen, sich unter deutsches Protectorat zu stellen, denn damals war die Uffagara - Erwerbung noch ein Geheimniß, jetzt ist sie es natürlich nicht mehr, und hat sich der Sultan ganz den Engländern in die Arme geworfen. Die englische Marinestation zur Ueberwachung des Sclavenhandels ist aufgehoben. Es werden in Folge dessen wieder mehr Sclaven eingeführt, obwohl es des Sultans Pflicht ist, es zu verhüten. Die Preise der Sclaven sind in weiterer Folge sehr gesunken. Kirk, der englische Generalconsul, der früher gehaßt und gefürchtet war, gilt jetzt alles. Die Herren der deutsch - ostafrikanischen Gesellschaft gehen jetzt von allen Küsten­plätzen aus vor. Dr. Jühlke ist von Tangani zum Kilima-Ndjaro, zwei andere Forscher von Lemir zu dem Massokomo gegangen. Der Sultan hat überall seine Flagge gehisst und Militärposten eingerichtet, so auch an der Formosa-Bai. Ein Eonflict kann nicht ausbleiben, besonders wegen Witu, doch kann es ja nichts helfen, der Sultan muß nachgeben. In Uffagara ist noch gar nichts geschehen, nicht einmal ein Haus ist gebaut. Gras Pfeil's Hütte haben die Araber in Brand gesteckt."

Premier-Lieutenant Friedrich vom Eisenbahn-Regiment wird sich in den nächsten Tagen nach der Republik Chile in Süd-Amerika begeben. Die chilenische Regierung hatte sich vor einiger Zeit durch ihren Berliner Gesandten Matta an die preußische Regierung um Ueberlaffung eines Militär- Jnstructeurs gewandt, da sie beabsichtigt, die allgemeine staatliche Wehrpflicht nach deutschem Muster einzuführen. Die Wahl ist auf Friedrich gefallen, da derselbe fertig spanisch spricht. Derselbe begibt sich zunächst auf 5 Jahre nach Chile und erhält außer allen dienstlichen Competenzen, freier Station, freier Uebersahrt 2C. rc., 15,000 «X Gehalt jährlich. Der Rücktritt in unsere Armee ist ihm vorbehalten geblieben. Hauptmann Charlier vom Eisenbahn- Regiinent hat sich vor Kurzem nach Angra Pequena begeben.

Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß die allgemeinen Ausweisungs-Maßregeln in-den preußischen Ostprovinzen, die bisher fast nur gegen russische Unterthanen zur Anwendung gekommen sind, demnächst auch gegen­über den Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie Platz greifen sollen. In Oberschlesien und weiterhin längs der Grenze bis zum Königreich Sachsen wohnt eine nicht unansehnliche Bevölkerung aus Oesterreich eingewanderter Czechen und Polen, die jetzt vielleicht auf die Ausweisungsliste gelangt. Die Gemeindebehörden in der Grasschaft Glatz haben bereits die Aufforderung erhalten, ein Verzeichniß dieser Personen einzureichen. Gegen die in Deutschland eingewanderte czechische Arbeiter-Bevölkerung hat sich der nicht ungegründete Verdacht erhoben, daß unter ihr die socialistisch- anarchistischen Bestrebungen einen fruchtbaren Boden finden, wie sich dies z. B. bei dem aufgelöstenCzesky- Club" in Dresden zur Evidenz herausgestellt hat und daß sich Deutschland solcher bedenklichen Elemente fremder Staatsangehörigkeit nach Möglichkeit zu enlledigen sucht, darf nicht auffallend erscheinen. Anderseits revanchirt sich Oesterreich freilich, indem es die Wittwen und Waisen solcher preußischer Unter» lhanen, die ihren Familien keine genügenden Subsistenzmittel hinterlassen haben, Msweist.

Die Consusion in den Nachrichten über die angeblich von Oester­reich Ungarn angestrebte Zoll-Union mit Deutschland wird immer größer. Jetzt sangen nun auch die officio)en Wiener und Pesther Blätter an, gegenseitig ihre Mittheilungen über diesen Punkt zu dementiren, wodurch die ganze Angelegen­heit geraoe nicht an Klarheit gewinnt. So hatte neulich derPesther Lloyd", dem man nahe Beziehungen zur ungarischen Regierung nachsagt, gemeldet, die letztere habe der österreichischen Regierung eine sorgfältig ausgearbeitete Denk­schrift zugestellt, welche, fußend auf dem vom Fürsten Bismarck s. Z. angeregten Gedanken eines pragmatischen Verhältnisses zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland, eine Einigung der beiden großen Staatengebiete über einige der vitalen Punkte Der Zollpolitik in's Auge fasse. Auch brachte derPesther Lloyd" im Anschlüsse hieran eine flüchtige Skizzirung des angeblich von der ungarischen Regierung gemachten Vorschlages. Jetzt versichert nun das gleich­falls officiöse WienerFremdenblatt" auf Grund eines ihm von zuverlässiger Seite aus Pesth zugegangenen Telegramms, daß das Wiener Cabinet von Der ungarischen Regierung keine derartige Note erhalten habe und Daß die unga­rische Regierung auf den Minister-Conserenzen mit keinem auf eine Zoll-Union mit Deutschland bezüglichen Promemoria heroorgetreten sei. Der Jrrthum kläre sich dadurch aus, daß die ungarische Regierung bereits viel früher einen hieraus bezüglichen Schriftwechsel mit dem Minister des Auswärtigen führte.

In den Kreisen der französischen republikanischen Wäh­lerschaft verhält man sich gegenüber dem republikanischen Wahlmanifest wider Erwarten ziemlich gleichgültig. Um die Sache nun besser in Schwung zu bringen, ist von den republikanischen Gruppen der Deputirtenkammer ein Aus­schuß niedergesetzt worden, um Zustimmungs-Adressen zu dem Wahlmanifeste zu sammeln, der Erfolg bleibt abzuwarten. Ueberhaupt steht hinter dem Wahl­aufruf keineswegs die Gefammtheit der republikanischen Gruppen des Parlament«, von den Radikalen ganz abgesehen. Der größere Theil des linken Centrums des Senats mißbilligt die Kundgebung und Aehnliches verlautet von einer An­zahl republikanischer Deputirten und geht die allgemeine Meinung in der Kammer dahin, daß dieMacher" des Wahlmanifestes mit demselben in den Kreisen der republikanischen Wählerschaft keine besonders glänzenden Geschäfte machen werden.

Lord Lyons, der englische Botschafter in Paris, soll von seinem Posten abberufen und durch Lord Lytton ersetzt werden, was wohl als eine Nachwirkung des Ministerwechsels in London zu betrachten sein würde.

In Huö ist die Situation unverändert, doch erscheint nach den letzten Depeschen General Courcy's jede Gefährdung der französischen Besatzung Huös ausgeschlossen. Vom Minister Freycinet ist General Courcy angewiesen worden, seine Action innerhalb der durch das Protectorat geschaffenen Grenze zu halten, jedoch diejenigen anamit'ischen Beamten, welche birect an dem Ausruhr theilnahmen, streng zu bestrafen. Die Nachrichten über eine bevorstehende Ab­berufung des Generals Courcy werden von derAgence Havas" entschieden dementirt.

Die innerhalb des spanischen Ministeriums Canovas del Castillo schon seit längerer Zeit herrschenden Zwistigkeiten sind durch den Austritt des Ministers des Innern und des Marineministers aller Welt offenkundig geworden. Beide Minister galten als energische Verfechter der ultramontanen Strömung in der Regierung, durch welche das Cabinet Canovas del Castillo nicht nur mit der im Allgemeinen liberalen Anschauungen huldigenden öffent­lichen Meinung des Landes, sondern sogar auch nach Außen hin in Conflict zu gerathen drohte. Außerdem scheint speciell bei der Demission des Ministers des Innern, Romero be Robledo, der Umstand noch mitgewirkt zu haben, daß feine gegen die Cholera-Epidemie ergriffenen Maßregeln bis jetzt nur sehr fragliche Erfolge zu erzielen vermochten. Uebrigens ist die durch den Austritt beider Minister entstandene Lücke im Cabinet rasch wieder ausgesüllt worden, indem der König den Contre-Admiral Pezuela zum Marineminister und den Civil-Gouvet- neur von Madrid, Villaverde, zum Minister des Innern ernannte.

Auf der Balkan-Halbinsel droht die Sommerstille durch einenCon­flict zwischen der Pforte und der griechischen Regierung unterbrochen zu werden. Letztere hat olle griechischen Consulate in der Türkei aufgehoben, da sich die Pforte beständig weigerte, verschiedenen griechischen Consular-Functionären das Exequatur zu ertheilen. Bei den lebhaften Handelsbeziehungen Griechenlands zur Türkei ist die Einziehung aller griechischen Consulate in der Türkei eine sehr empfindliche Maßregel auch für die griechischen Kaufleute und Handels- treibenden und erscheint dieselbe fast als ein übereilter Schritt des griechischen Cabinets.

Im ganzen Westen der nordamerikanischen Union scheinen sich die Indianer wieder auf dem Kriegspfade zu befinden. Die durch die Roth- häute gehende kriegerische Bewegung erstreckt sich bis nach Texas, wo ein bluti­ger Zusammenstoß zwischen Indianern und Rinterhirten stattgefunden hat, bei welchem von ersteren 60, von letzteren 12 Mann tobt auf dem Platze blieben. Auf Befehl des Kriegsministers ist sofort eine Truppenabtheilung von 3000 Mann nach Fort Reno im Jndianergebiet aufgebrochen und hat man demnach das genannte Fort als den Mittelpunkt der militärischen Operationen der Unions- Regierung gegen die Indianer zu betrachten.

In Bezug aus die afghanische Grenzfrage ist die aus indischen Regierungskreisen stammende Nachricht zu registriren, daß die Verhandlungen zwischen England und Rußland keineswegs ruhen, sondern einen befriedigenden Fortgang nehmen. Was die Punkte in der Pendjeh-Angelegenheit anbetrifft,