Ausgabe 
16.8.1885 Zweites Blatt
 
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Das russische Kaiserpaar ist in dieser Woche von seiner finn­ländischen Reise, auf welcher ihm uon der Bevölkerung die herzlichsten Ovationen dargebracht worden sind, wieder nach seiner Sommerresidenz'Peter- Hof bei Petersburg zurückgekehrt. Der Aufenthalt daselbst wird aber wohl nur ein kurzer sein, da ja die Reise nach Kremsier bevorsteht: bis zur Stunde ist es jedoch noch immer unbekannt, welche Reiseroute die russischen Majestäten nehmen werden.

Das englische Parlament ist am gestrigen Freitag geschloffen worden und wird sich jetzt im britischen Jnselreiche die politische Thätigkeit in der Hauptsache auf die Vorbereitungen zu den im Herbste stattfindenden Neu­wahlen zum Parlamente concentriren. Neues über die afghanische Grenz frage an und für sich ist nicht zu melden, dagegen muß der Beschluß der anglo­indischen Negierung, bei Lahore ein befestigtes Lager für 50,000 Mann zu errichten, als ein Zeichen betrachtet werden, daß dieselbe der Verteidigung Indiens das regste Jntereffe widmet.

Aus Cochinchina werden entsetzliche Massenschtächtereien man kann es nicht anders bezeichnen unter den Christen gemeldet. Dieselben erheischen die energischste Intervention Frankreichs und es schreibt denn auch derTemps", daß die Christenmaffacres in Annam und Cochinchina ein exemplarisches Einschreiten Frankreichs gegen die Verbrecher erforderten, welche durch die ihnen seit 1883 gewährte Straflosigkeit ermuthigt seien.

Die Welt-Telegraphen Conseren?.

Am Montag sind in Berlin aus allen Welttheilen Mitglieder desAllge­meinen Telegraphenvereins" zur sechsten internationalen Telegraphenconferenz zu­sammengetreten zweiundfünfzig Jahre, nachdem der große Mathematiker, Astronom und Physiker Carl Friedrich Gauß zwischen der Sternwarte und dem physikalischen Cabinet in Göttingen den ersten electrischen Telegraphen hergestellt hat. Einer der gewaltigsten Geister der Neuzeit, gewöhnt, unermeßliche Fernen zu durchdringen und endlos weit in die Zukunft vorauszuschaucn, war Gauß doch nicht im Stande, die rasend schnellen Fortschritte zu ahnen, welche seine Erfindung und mit ihr jedes, durch dieselbe beglückte Volk vollzogen hat. Es werde, schrieb er, doch einmal möglich letn, auf einen Schlag von Göttingen nach Hannover oder von Hannover nach Bremen zu telegraphiren. . , _ , , ' . , ,

Und heute sind alle fünf Welttheile durch Telegraphen miteinander verbunden, in denen täglich 400,000 bis 500,000 Depeschen mit der Schnelligkeit des Lichtes den Wohnorten der Empfänger zueilen. Der Gedankenaustausch kennt keine Entfernungen mehr, denn er überspringt Wüsten und Oceane. Jeder Pulsschlag des öffentlichen Lebens in Amerika, in China weckt ein Echo im verstecktesten Winkel Europas; an den Kämpfen in Afghanistan, den Vorgängen in den australischen Parlamenten, emer Rebellion an den canadischen Seen nehmen die Stationen unseres Continents Theil, wie einst die Zuschauer der römischen Arena an den Gladiatorenspielen zu ihren Füßen

*Die Erde ist klein", sagte Columbus zu den Gegnern seines Planes, auf dem Wege westwärts nach Indien zu gelangen. Und damals war in der Vorstellung der Menschen die Erde noch der Mittelpunkt der Welt, um den sich alle Gestirne huldigend und dienend drehten, hatte das Fernrohr noch nicht den Sternenhimmel mit seinen Nebelflecken gelichtet und zahllose Welten erforscht, neben denen nicht nur unsere Erde, selbst unser ganzes Sonnensystem als Staubkörnchen erscheint. In unserem Jahr­hundert haben vollends Eisenbahnen, Dampfschiffs, Telegraphen und Telephone die Theile der Erdoberfläche, welche einst unerreichbar weit von einander getrennt waren, in unmittelbare secundenschnelle Verbindung gesetzt. Tie Erde wird täglich kleiner, doch in demselben Maße wird die Ideenwelt größer, in welcher der Mensch heimisch ist Was die weitcstschauenden Seelen nicht ahnen können, wird binnen weniger Jahre zur Wirklichkeit; das Kürzen der irdischen, das Wachsen der geistigen Größe, wohin die menschliche Fortentwickelung noch führen wird, Niemand vermag es zu berechnen oder auch nur zu träumen.Kühne Seglerin Phantasie Wirf ein muth- l0' bricht Zukunftsphantasien, sondern recht prosaische Anlässe freilich haben den Zusammentritt der Welt - Telegraphenconferenz in Berlin veranlaßt. Der electrstche Telegraph ist nachgerade für bald jegliche menschliche Thätigkeit, für Ackerbau, Berg- und Hüttenwesen, Industrie, Handel und namentlich für die Presse; er ist auch für das Familienleben, weil er den räumlich getrennten Menschen die schnellsten gegen­seitigen Mitlheilungen ermöglicht, zum unentbehrlichen Hülfsmittel geworden. Der Entfaltung seiner vollen Segnungen stehen aber die noch nicht ganz ausgeglichenen Verschiedenheiten in der Zeichensprache und in der Dienstordnung und die Höhe der Tarife entgegen, welche das Telegraphiren nur einer Minderheit der Menschen mög­lich niachen. An der Beseitigung jener Verschiedenheiten wird seit 1850 gearbeitet, da Preußen, Oesterreich, Bayern und Sachsen und bald darauf auch die andern deutschen Staaten und Holland zum deutsch-österreichischen Telegraphen-Verein zusammentraten. Fünfzehn Jahre später bildeten dann alle Staaten des europäischen Festlandes (Eng­land blieb damals noch fern) denAllgemeinen Telegraphen-Verein", welchem jetzt ganz Europa, Egypten, Persien, Ostindien, Holländisch-Persien, Japan, Australien und Brasilien angehören. ________________

In diesem weiten Gebiete, zu welchem leider Nordamerika (wo die Telegraphen Prioatunternehmen und Ausbeutungsapparate der Monopolisten sind) nicht gehört, herrscht beinahe Einheitlichkeit der Einrichtungen, nicht so der Tarife. Die auf der Petersburger Conferenz (1875) und auf der Londoner (1879) vom Staatssecrctär der deutschen Neichspost - Verwaltung, dem Schöpfer des Welt - Postvcreins eingebrachlen Neformvorschläge, welche namentlich auf Ermäßigung der Tarife hinausliefen, sind nicht durchgedrungen. Diese auf Hebung und Erleichterung des internationalen Depeschenverkehrs gerichteten Vorschläge der deutschen Reichs - TelegraphenoerwaltunK sind nun erneuert worden. Im Interesse der Befriedigung deS allgemeinen Derkehrs- bedürfnisses und der Fortentwickelung der Telegraphie darf man um so mehr gespannt darauf sein, welche Stellung der gegenwärtig versammelte Congreß zu den erneuerten Rcformanträgen einnehmen wird. Belgien und die Schweiz werden sie voraussichtlich aus dem Grunde bekämpfen, daß diese Länder wegen ihrer geographischen Lage eine ganz bedeutende Einnahme aus den Transitdcpeschen beziehen. Ebenso dürfte Ruß­land, wie auf dem Londoner Congressc, die gedachten Reformen aus fiskalischen Gründen bekämpfen, obgleich die Erfahrung gezeigt hat, daß eine Ermäßigung der Taxen die Einnahmen der Staaten aus dem Telegraphenverkehr» nicht schmälern, sondern im Gegentheil eine Erhöhung derselben herbeiführt. Der in Aussicht ge­nommene Anttag auf Ermäßigung der Taxe für Zeitungstelegramme ist namentlich für die deutsche Presse von großer Wichtigkeit.

Trotz dieser bedeutenden Schwierigkeiten, welche durch ganz bestimmte Jnteressen- kreise hervorgerufen werden, darf man die Hoffnung nicht aufgeben, daß es der Ber­liner Conferenz mit ihrem bewährten Leiter an der Spitze gelingen wird, die Tarif- fraae einer Lösung entgegenzuführen, welche das schnellste Verkehrsmittel der Gegenwart in Den Stand setzt, seine Culturaufgaben ersprießlicher für die weitesten Kreise zu erfüllen.

Der Zusammentritt der Weltconferenz behufs Regelung eines der wichtigsten Hülfsmittel des Weltverkehrs ist und bleibt ein hellleuchtendes Zeichen der Zeit, wenn man auch die Perspective als etwas zu weitgehend erachtet, welche jedes Telegramm im internationalen Verkehr zu einer vorausgeeilten Kunde des künftigen dauernden Friedens zwischen den Culturvölkern stempeln möchte.

Universität» - Chronik.

Die theologische Fakultät zu Straßburg hat den Professor Paul Schmidt in Basel, früher Redacteur derProtestantischen Kirchcnzeitung", für seine exegetischen Arbeiten honoris causa zum Doctor der Theologie ernannt.

Behufs Errichtung einer außerordentlichen Professur in der Stadt Mai­land für deutsche Sprache und Literatur hat sich das italienische Ministerium des Unterrichts an die deutschen Universitäten gewendet. In einem in italienischer Sprache abgefaßten Schreiben fordert dasselbe zur Bewerbung um jene Stelle auf, welche mit einer Dotation von 3000 bis 3500 Lire (etwa 2400 bis 2800 ^L) versehen werden soll. Die Bewerbungen sind spätestens bis zum 10. October d. I. an den Minister deS öffentlichen Unterrichts einzusenden.

Der bisherige Privatdocent Dr. Carl W ernicke in Berlin ist zum außerordentlichen Professor in der medicinischen Fakultät zu Breslau ernannt worden.

Dr. med. H. A. Landwehr aus Vegesack, z. Z. Assistent am physiologi­schen Institut zu Würzburg, ist als Privatdocent in die medicinische Fakultät da­selbst ausgenommen worden.

Vermischte-.

Eine neue Bürgerauszeichnung für besondere Verdienste um die Stadt und die Bürgerschaft hat die Stadtverlretung zu Franken berg beschlossen, und zwar die sog.Bürgerkrone". Es ist dies eine als Medaille zu tragende silberne Ehrenmünze in der Größe eines Zweimarkstücks, die Vorderseite trägt das Stadtwappen mit Um­schriftBürgerkrone Frankenberg i. S.", die Rückseite die jeweilige Widmungsauf­schrift (Namen und Tag der Verleihung). Eine vergoldete Mauerkrone, als Kopf der Medaille, gibt der Auszeichnung den obgedachten würdevollen Namen. In Aussicht genommen ist, daß nach dem Tode der damit ausgezeichneten Personen die Medaillen an Rathsstelle zurückzugeben sind, woselbst im Sitzungssaale dieselben an gut sichtbarem Platze zur Nacheiferung in allen Bürgertugenden für die lebenden Gene­rationen bewahrt werden sollen, zugleich auch ein öffentliches Denkmal der mit der Bürgerkrone" bedachten Bürger bildend.

Eine für Hundebesitzer beachtenswerthe Entscheidung ist kürzlich vom Amts­gericht I in Berlin gefällt worden:

In einer dortigen Gartenwirthschaft verunreinigte der Hund eines daselbst an­wesenden Gastes das Kleid einer mit ihrem Ehemonne ebenfalls anwesenden Dame. Der Ehemann forderte den^Gast auf, den durch den Hund angerichteten Schaden durch Bezahlung einer geringen Summe, die nur für einen Theil des beschädigten Kleides gefordert wurde, zu ersetzen. Dessen weigerte sich der Gast und mußte sich nun ge­fallen lassen, zur Feststellung seiner Verhältnisse mit nach der Polizeiwache zu gehen. Dort legitirnirte sich derselbe als ein Berliner Gerichts-Assessor. In dem gegen den Letzteren angestrengten Processe verlangte nun der für feine Ehefrau als Kläger aus­getretene Gatte nicht mehr Schadenersatz für den beschädigten Theil des KleideS, sondern Bezahlung für das ganze Kleid. Der Angeklagte, welcher seine ganzen juristischen Kenntnisse in's Treffen führte, um von der Ersatzpflichtigkeil sich frei zu machen, ist nach dein Anträge des Klägers zum vollständigen Ersatz des Schadens in Höhe von 96 JL unter Auferlegung der Kosten verurtheilt worden.

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