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Nr. 189. Zweites Blatt Sonntag den 16. August 188S
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Bekanntmachung.
Mit Rücksicht auf den Verlauf der ReichstagSverhandlungen über die Abänderung des $ 105 der Gewerbe-Ordnung soll durch eine sachgemäße Erhebung festgestellt werden, in welchem Umfang thatsächlich die Beschäftigung gewerblicher Arbeiter an Sonn- und Feiertagen vorkommt, sowie ob und in wie weit eine Beschränkung derselben ohne Schädigung berechtigter Interessen möglich ist.
Die vorzunehmende Untersuchung soll alle Gewerbszweige einschließlich der Handelsgewerbe und des Handwerks umfassen, in welchen überhaupt eine Beschäftigung gewerblicher Arbeiter an Sonn- und Festtagen vorkommt. — Aus einem Fragebogen wurden diejenigen Fragen zusammengestellt, um deren Beantwortung es sich bei der vorzunehmenden Untersuchung handelt. — Zur Beantwortung dieser Fragen sind, außer den vorhandenen Organen des bewerbe- und Handelsstandes und sonstiger freien Vereine von Industriellen und Handwerker, auch einzelne Gewerbetreibende und insbesondere auch Arbeiter «ingeladen.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat uns mit der Vornahme und einheitlichen Leitung der ftaglichen Erhebungen für das Großherzogthum beauftragt. Indem wir darauf aufmerksam machen, daß Exemplare des bemerkten Fragebogen-Formulars sowohl von den Großherzoglichen Kreisämtern, den Großherzoglichen Handelskammern, dem Grobherzoglichen Fabrik-Jnspector, dem Vorständen der Localgewerbvereine, als von uns ausgegeben werden und von diesen Stellen bezogen werden können, richten wir an alle Diejenigen, welche sich bei der vorzunehinenden Erhebung betheiligen wollen, das «ergebene Ersuchen, die Ausfertigung und Rückgabe der Fragebogen bis längstens zum 1. September l. I. bewirken zu wollen. — Insbesondere ersuchen wir auch die Vorstände von Innungen, die Vorstände von Arbeiter-Krankenkaffen, soweit diese nicht Betriebskrankenkaffen sind, um Betheiligung an der angeordneten Untersuchung, und bemerken noch, daß bis zum 1. September l. I. auch auf unserem Bureau — Neckarstraße Nr. 3 — mündliche Erklärungen zu den Fragen abgegeben und protokollirt werden können.
Darmstadt, den 4. August 1885. Großherzogliche Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbverein.
Fink. Busch.
Wochen - Ueberficht.
Gießen, 15. August.
Der Besuch, welchen der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, in Varzin beim deutschen Reichskanzler abgestattet hat, bildete in dieser Woche den Krystallisationspunkt der politischen Betrachtungen. Natürlich kann man nur Vermuthungen darüber hegen, was die beiden Staatsmänner mit einander besprochen und „ausgemacht" haben; indessen wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß u. A. die schon des Oefteren erörterte Frage des deutsch-österreichischen Zollbündnisses in Varzin mit besprochen worden ist. Im Uebrigen bildet aber die Begegnung zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky die natürliche Ergänzung zu der Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef und beweist in eclatanter Weise das fortdauernde innige Einvernehmen zwischen dem deutschen Reiche und der österreichisch-ungarischen Monarchie, welches so sichtlich zur Erhaltung des europäischen Friedens beiträgt. Bedeutungsvoll ist es auch, daß die Varziner Entrevue fast genau mit der Heimkehr Kaiser Wilhelms von seinen diesjährigen Badereisen zusammensällt; der österreichische Minister, welcher soeben der Gast des leitenden deutschen Staatsmannes gewesen, begrüßt an diesem Samstag auch den erhabenen Schirmherrn des deutschen Reiches in dessen Residenz und diese erfreuliche Thatsache bedarf wohl keiner näheren Beleuchtung, sie spricht allein schon für die ungetrübte politische Freundschaft zwischen Deutschland und Oesterreich. Von der Varziner Minister-Couferenz hinweg wendet sich der Blick einem kommenden, nicht minder interessanten Ereignisse zu, der Zu- lammenkunst zwischen dem Kaiser Franz Josef und dem Kaiser Alexander 111. in Kremsier, mit welcher die Unterredung zwischen dem deutschen Kanzler und dem Leiter der auswärtigen österreichischen Politik in einem ebenso unverkennbaren Zusammenhänge steht, als wie mit der Monarchen-Begegnung in Gastein. Denn die Vermuthung liegt zu nahe, als daß sie von der Hand gewiesen werden sollte, daß die Minister der beiden eng verbündeten Staaten sich über Mancherlei zu verständigen gehabt haben, worüber Klarheit in dem Augenblicke herrschen muß, in welchem der Czar sich einem der Verbündeten nähert und dadurch mit dem Bunde selbst in engere Beziehungen tritt. Diese Verständigung kann aber nur im Geiste jener Friedenstendenz ausgefallen sein, die sich so klar in dem deutsch-österreichischen Bündnisse ausspricht und unter ihrem Einflüsse wird sicher auch die bevorstehende Begegnung des österreichischen Herrschers mit dem Czaren stehen.
Kaiser Wilhelm ist am Donnerstag von seinen diesjährigen Badereisen im besten Wohlsein zurückgekehrt und wird für die nächste Zeit auf Schloß Babelsberg residiren.
Unter dem Eindrücke der Varziner Minister-Begegnung traten die Wochen-Begebenheiten auf dem Gebiete der inneren Politik bedeutend zurück und dies um so mehr, als diesmal in der That nichts Erhebliches zu registriren ist. Dagegen zieht die Colonialpolitik Deutschlands wieder mehr die Aufmerksamkeit auf sich, und zwar durch die Entwickelung der Zanzibar-Frage, welche durch die Ankunft des deutschen Geschwaders vor Zanzibar in ein neues Stadium getreten ist. Es hat den Anschein, als ob man deutscherseits diese An- zÄegenheit mit aller Energie betreiben will, denn es verlautet ganz bestimmt von einer Verstärkung des vor Zanzibar liegenden Geschwaders um vier weitere Kriegsschiffe, und einer solchen Betätigung der deutschen Macht gegenüber wird es der Sultan von Zanzibar wohl kaum länger säumen, sich mit Deutschland wieder aus freundschaftlicheren Fuß zu stellen. (Inzwischen geschehen. Red.) Man darf dies auch deshalb erwarten, weil neuerdings England das Vorgehen Deutsch- lailds in Ost-Afrika mit günstigeren Augen betrachtet. Die „Times" schreibt nämlich bezüglich Zanzibars, wenn auch England nicht wünschen könne, die Unabhängigkeit Zanzibars bedroht oder die Cioilisation dieses Landes vernichtet zu seihen, so liege es doch andererseits weder im Interesse Englands, noch auch in
dessen Wünschen, neue Civilisations-Projecte zu hindern oder gar den Sultan von Zanzibar aufzuwiegeln und vage Ansprüche desselben auf sernliegende Theile seiner nominellen Besitzungen aufrecht zu erhalten. Hiernach darf man annehmen, daß der englische Einstuß nicht weiter gegen die Ansprüche Deutschlands in Zanzibar geltend gemacht wird.
Das österreichische Bundesschießen in Innsbruck ließ in der abgelaufenen Woche die Politik im Donau-Kaiserreiche weniger hervortreten und erfreulicher Weise ist auch letztere selbst auf dem Innsbrucker Feste so gut wie gar nicht zur Geltung gelangt. Es sind in der Hauptstadt Tyrols gelegentlich des Schützenfestes viele und dabei treffliche Reden gehalten worden, aber der Kernpunkt aller war, daß der Oesterreicher fest und treu zu Kaiserhaus und Vaterland steht, der Nationalitäten-Hader kam — und dies mit Recht — nicht im Mindesten zur Geltung und mit Befriedigung dürfen deshalb Die Theil- nehmer des Innsbrucker Schützenfestes aus dasselbe zurückblicken, zumal dasselbe noch durch die Gegenwart des Kaisers.verschönert wurde.
Sir Drummond Wolfs, der außerordentliche Gesandte Englands nach Egypten, hat aus seiner Reise, die ihn zunächst nach Konstantinopel führt, in Wien Station gemacht. Er traf daselbst am Mittwoch ein und reiste erst am Freitag weiter und dieser lange Aufenthalt, den der englische Staatsmann in der österreichischen Hauptstadt genommen hat, deutet darauf hin, daß England bei seinem neuen diplomatischen Feldzuge in Egypten auch Oesterreich mit in den Bereich seiner Combinationen zieht. Offenbar ist es dem Cabinet Salisbury darum zu thun, durch Oesterreich die Mission Sir Drummond's beim Sultan, als dem Oberherrn Egyptens, befürworten zu lassen und dies ist immerhin ein schmeichelhaftes Anerkenntniß für den österreichischen Einfluß.
Der Fürst von Bulgarien, welcher kürzlich in Wien weilte, ist vom Kaiser zu den in Böhmen stattfindenden Manöver» eingeladen worden und wird auch dieser Einladung Folge leisten.
Frankreich steht vollständig im Zeichen der Wahlbewegung, deren Umrisse immer schärfer hervortreten. Augenblicklich bildet das Tagesereigniß die Programmrede, welche Herr Ferry, der ehemalige Ministerpräsident und nunmehr unbestritten das Haupt der opportunistischen Partei, am Sonntag in Lyon gehalten hat. Die Rede Ferry's ist entschieden ein oratorischer Erfolg, und mit Genugthuung darf daher Ferry die Glückwünsche entgegennehmen, welche ihm die opportunistische Presse in reichstem Maße spendet. Bemerkenswerth sind bei den Auslassungen Ferry's diejenigen Stellen, welche er den Radicalen widmet und in denen er ein Bündniß mit den letzteren empfiehlt, während er aber zugleich vor den „Unversöhnlichen", den Intransigenten, warnt. Jetzt ist nun wieder der Rivale Ferry's in dem Werben um die Gunst der Wählermaffen, Herr Clemenceau, an der Reihe und wird er wohl demnächst wieder etwas von sich hören lassen.
Die Cholera-Epidemie in Marseille scheint diesmal einen müderen Character zu tragen, als im vorigen Jahre. Die höchste Zahl der bisher gemeldeten täglichen Cholera-Todesfälle war 35 und neuere Meldungen zeigen sogar eine verhältnißmäßig bedeutende Verminderung. So sind am Mittwoch nur 12 Personen in Marseille der Cholera erlegen; freilich schließt dies nicht aus, daß die Seuche mit einem Schlage in voller Heftigkeit austreten kann. In Spanien wüthet sie mit unveränderter Stärke fort. Unter der Zahl ihrer Opfer befindet sich nun auch der Erzbischof von Sevilla. Der Marineminister hat verfügt, daß die Marine - Akademie in Cartagena der Cholera wegen geschlossen werden soll und die gesammte Presse verlangt aus dem Grunde auch die Schließung der Artillerieschule in Segovia In Granada ist die Seuche neuerdings wieder heftiger aufgetreten. General Salamanca, Director der Heeresverwaltung, und Roda, Decernent für das Gesundheitswesen im Ministerium des Innern, sind dort angekommen, Letzterer in Begleitung mehrerer Aerzte und mit Unterstützungsgeldern versehen.


