Einzelbild herunterladen

Nr. 162 Donnerstag den 16. Juli 188S

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

t Vchulftraße 7.

Politische Uebersicht.

Gießen. 15. Juli.

Ein Berliner Telegramm aus hochdiplomarischer Quelle wendet sich gegen russische und französische Blätter, welche der Haltung Deutschlands ge^en England unzutreffende Motive unterlegen. Den französischen Blättern und namentlich gewissen in Paris lebenden Berichterstattern englischer Zeitungen wird nachgesagt, daß sie fortwährend den Versuch machen, Deutschland bei England zu verdächtigen, indem sie dem Fürsten Bismarck die Mißerfolge der englischen Politik zuschreiben. Aus den russischen Blättern wild entnommen, daß man in Petersburg einer Verbindung zwischen England und Deutschland entgegensetze, deren Spitze gegen Rußland gerichtet sein würde. Beides, besagt das Telegramm, sei unrichtig. Deutschland lebe in guten Beziehungen sowohl zu Rußland, wie zu England, und es liege kein Grund vor, weshalb es die Einen zu Gunsten der Andern ausopfern sollte. Die Ereignisse werden auch diesmal wieder den Verdächtigungen Unrecht geben, denn es werde sich schließlich zeigen, daß Deutsch­land in allen jetzt schwebenden Fragen es als einen der großen Zwecke der -deutschen Politik im Auge behalten werde, den Frieden Europas aufrecht­zuerhalten.

Es verlautet jetzt mit Bestimmtheit, daß dem im October wie­der zusammentreterden braunschweigischen Landtage Seitens des RegentschastS- rathes der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Heinrich VII. Reuß, an erster Stelle als Regent vorgeschlagen werden solle. An zweiter und dritter -Stelle werden noch, um der Form zu genügen, ein Angehöriger eines norddeutschen und ein solcher eines süddeutschen Fülstenhauses vorgeschlagen werden, doch dürfte es ganz unzweifelhaft sein, daß Prinz Reuß der Erkorene sein wird. Diese Lösung der Tyronsolgefrage wirkt in Braunschweig insofern enttäuschend, als man bedauert, daß wieder ein Provisorium, wie es doch einmal eine Regent­schaft ist, eintreten soll. Man tröstet sich indessen mit der Hoffnung, daß das Provisorium der Regentschaft nur wieder ein kurzes Uebergangs-Stadium zur definitiven Regelung der Thronfolgefrage sein werde.

Zu den Candidaturen um den durch den Tod des Frhrn. v. Man­teuffel erledigten Statthalter-Posten von Elsaß-Lothringen ist jetzt wieder eine hinzugekommen, die des deutschen Botschafters in Paris, des Fürsten Hohen­lohe-Schillingsfürst. Es sind allerdings in dieser Frage schon so viele Namen genannt worden, daß die Nachricht von der Ernennung des Fürsten Hohenlohe zum Nachfolger Manteuffel's noch mit einiger Reserve auszunehmen ist.

Die Angelegenheit des Paderborner Studien-Erlasses kann noch immer nicht zur Ruhe kommen, wenngleich derMoniteur de Rome" versichert, daß die Affaire beigelegt sei. DieGermania", welche selbst die Meldung von der erfolgten Zurückziehung des Erlasses gebracht hatte, sieht sich nachträglich genötbigt, diese ihre Meldung auf Grund von Nachrichten, die ihr aus Paderborn zugegangen sind, zu widerrufen. Das leitende ultramontane Blatt bedauert dies im Jntereffe der katholischen Sache und der bischöflichen Behörde von Paderborn. Schließlich sagt dieGermania", es werde zwischen Rom und Paderborn unterhandelt. Jedenfalls müsse Weiteres geschehen. DieKreuz- Zütung" hat guten Grund, zu bezweifeln, daß die Zurückziehung des Erlaffes überhaupt erfolgen werde. Die Curie werde mcht geneigt sein, die freundlichen Anknüpfungspunkte für eine Verständigung mit Preußen durch rigoroses Auf­treten gegen einen mit der Staatsregierung in bestem Einvernehmen stehenden Bischof wieder preiszugeben. Außerdem bringt das letztgenannte Blatt die Mel­dung, daß die bischöfliche Administration in Paderborn im Begriff sei, ihr eigenes Priesterseminar und ihre philologisch-theologische Lehranstalt'demnächst roieber zu eröffnen, d. h. also, der gesetzlichen Staatsaufsicht zu unterwerfen. DieGermania" wüthet darob förmlich gegen den Paderborner Bischof:Es wird sich", ruft sie,kein Bischof finden, der lhäte, was die Kreuz-Zeitung ongekündigt hat. Fände sich aber einer, so wäre es nur ein Unglück für ihn: losgelöst vom Felsen Petri, würde sein Schisflein, verlassen von allen Begleitern, elend zerschellen und Gott möge sich dann der armen Seele erbarmen!"

Gegenüber der vomPesther Lloyd" gebrachten Meldung, daß die ungarische Regierung der österreichischen am 20. Juni den VorMag zu einer Einigung zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland über eine gemein­same Zollpolitik vorgelegt habe, welchen beide Regierungen als discussionssähig anerkannt hätten, erhält dasFremdenblatt" von zuverlässiger Seite aus Pesth ein Telegramm, nach welchem die ungarische Regierung an das Wiener Cabinet keine Note wegen einer Zoll-Union mit Deutschland gerichtet habe. Der Jrr- thum kläre sich dadurch auf, daß die ungarische Regierung bereits viel früher einen hieraus bezüglichen Schrittwechsel mit dem Minister des Auswärtigen führte; in den Minister-Conserenzen sei Ungarn mit einem Promemoria in dieser Frage nicht hervorgetreten.

Das veröffentlichte Manifest der gemäßigt-republikanischen Grup- ven Frankreichs ist die Frucht der hierüber zwischen den Fractionen der gemäßigt-republikanischen Partei geführten Verhandlungen. Letztere haben nur bezüglich der Trennung der Kirche vom Staat zu keiner Verständigung geführt, indessen geht das Manifest mit einer gewandten Wendung über diesen Punkt L nweg, indem es sagt, man könne einig sein über eine Politik, welche die Ge­wissensfreiheit achte, aber doch den Kamps gegen den Klerikalismus entschieden ausnehme. Die Fassung ist weit genug, um den Männern des lmken Centrums keinen Anstoß zu geben; leider aber auch herzlich unbestimmt. Die weiteren Hauptpunkte des Wahlprogramms: Herabsetzung der Militärdienstzeit, Steuer-

Prei- vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit SringerMn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Reformen, Herstellung des Gleichgewichts im Staatshaushalte werden wohl innerhalb der republikanischen Partei auf keinen Widerspruch stoßen. Im Ganzen erscheint das Manifest etwas dürftig, indessen ist möglicherweise die Knappheit des telegraphi chen Auszugs an diesem Eindrücke schuld und vielleicht entschädigt ein schwungvoller Styl für die Magerkeit des Inhalts.

Gerade jetzt, wo aus Egypten die Nachricht von dem angeb­lichen Tode des Mahdi eingetroffen ist, wird von dem PariserJntransigeant" eine andere sensationelle Nachricht veröffentlicht. Nach derselben soll der Mahdi dem ehemaligen Diplomaten Billing vor Der Einnahme von Khartum ange­boten haben, General Gordon gegen ein Lösegeld von 1,250,000 Frcs. zu den englischen Vorposten zurückzuschicken. Billing habe diesen Vorschlag dem engli­schen Botschafter in Pans, Lord Lyons, unterbreitet, derselbe sei aber vom englischen Ministerium auf Verlangen Lord Granoille's abgelehnt worden. Diese Meldung klingt vorläufig sehr unglaubwürdig, wenn man bedenkt, daß sich die Pariser radikalen Blätter wegen des Todes Olivier Pain's in eine förmliche Wuth gegen die englifche Regierung hineinaeredet haben und daß ihnen kein Mittel zu schlecht dünkt, um letztere in der öffentlichen Meinung Europas herabzusetzen.

Die spanischen Cortes sind am Samstag mittelst königlichen Dekretes vertagt worden. Ob den Cartes noch zuvor von der Regierung Mit­theilungen über den Stand der Cholera-Epidemie gemacht worden sind, ist nicht bekannt, privaten Meldungen zufolge ist jedoch die Epidemie in mehreren Städten der Provinz Valencia im Abnehmen begriffen. Daß der Procentsatz der Cho- lera-Todten aber noch immer ein unverhältnißmäßig hoher ist, beweist z. B. die Meldung vom 10. Juli, nach welcher an dem genannten Tage in der Provinz Valencia 484 Personen an der Cholera erkrankten und 216 starben.

Die Indianer-Gefahr in mehreren westlichen Staaten der Union, namentlich in Kansas, veranlaßt die UnionS'.Regierung zu außergewöhnlichen Maßregeln. Zu denselben gehört die sofortige Entsendung von 3000 Mann Soldaten nach dem im Jndianergebiet gelegenen Fort Remo. Einem aus Colo­rado-City in Texas kommenden Gerüchte zufolge hat in Neu-Mexiko ein Zu- s^mmenstoß zwischen Indianern und Hirten stattgesunden, bei welchem 60 Jncna- ner und 12 Hirten fielen. Es deutet dies darauf hin, daß die kriegerische Bewegung unter den amerikanischen Rothhäuten eine allgemeine ist und die Unions-Regierung wird daher gut thun, diese Bewegung so ernst zu nehmen, als sie es anschemend verdient.

Londoner Meldungen zufolge sollen jetzt die russisch-englischen Verhandlungen wegen der afghanischen Grenzfrage wieder ausgenommen worden sein und einen besriedigenden Fortgang nehmen. Uebrigens findet das Gerücht, die englische Regierung begünstige die Errichtung eines britischen Cantonnemenls in Kandahar in indischen Regierungskreisen keinen Glauben.

Deutschland.

Darmstadt, 13. Jul.. Auf Grund der Verordnung vom 6. Decem- ber v. Js., die Vorbereitung für den Staatsdienst in dem Finanzfach und den technischen Fächern betreffend, sind nach bestandener Staatsprüfung ernannt worden:

Finanzaccessist Konrad Bornscheuer von Bad Nauheim zum Steuer- affessor, die Forstaccessisten Karl Ruths von Darmstadt und Karl Wallen­fels von Gießen zu Forstaffefforen.

Hesterreich.

Brünn, 14. Juli. In Trebitsch sand in der vergangenen Nacht ein Auflauf von Arbeitern statt. Der Bezirkshauptmann requirirte Militär, und kam es bei der Wiederherstellung der Ruhe zu einigen Verwundungen.

lieber die in Trebitsch stattgehabten Unruhen wird weiter gemeldet: Gestern früh wurden daselbst zwei Socialisten verhaftet. Darauf versammelten sich des Abends über 2000 Arbeiter vor dem Amtsgebäude, um die Verhafteten zu befreien. Die Gensd'armerie, welche mit einem Steinhagel angegriffen wurde, trieb die Arbeiter, nachdem die Aufforderungen zum «Auseinandergehen erfolglos geblieben waren, mit dem Bajonnet auseinander, wobei einige Verwundungen vorkamen. Es wurde sodann Militär aus Jglau requirirt. Die Ruhe ist zur Zeit wieder hergestellt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorrespondenz - Bnrearr.

Ems, 15. Juli. An dem gestrigen Diner bei Seiner Majestät dein Kaiser nabinen Prinz Nikolaus von Nassau, Oberpräsident Graf zu Eulenburg, Regierungs­präsident v. Wurmb und Oberst v. Rosenberg Theil. Darauf nahm Se. Majestät den Vortrag des Wirkt. Geh. Legationsraths'v. Bülow entgegen, machte spater eine Spazierfahrt nach Dausenau und besuchte sodann das Theater. Au die heutige Brunnenkur schloß sich eine Promenade und später eine Spazierfahrt. Nach derselben nahm Se. Maj. die Vorträge des Hofmarschalls Grafen Perponcher und des Wirkl. Geheimrathes von Wilmowski entgegen.

Se. Maj. der Kaiser ist mit Gefolge um 4 Uhr Nachmittags mittelst Extra­zugs nach Eoblenz abgereist. Zur Verabschiedung am Bahnhofe ivaien anwesend: Regierungspräsident v. Wurmb, Landrath Rolshoven, Badecommissar Kammerherr v. Lepel-Gnitz, Bürgermeister Spangenberg, Geh. Samtatsrath Dr. Orth, Amtmann Schlosser, Polizeirath Bornbeim, Postdirector Kühns. Die Kriegervereine und viele Badegäste empfingen Se. Majestät mit begeisterten Hochrufen.

Erscheint tikglich mit »«Snichm« deS