Ausgabe 
16.4.1885 Zweites Blatt
 
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-was bleibt beim bem übrig, als eine wilde Jagd nach sinnlichen Genüssen, die allein -ihn noch mit diesem Vtben versöhnen können /"

Tas soll aber anders werden. (Einerseits durch entschiedene Unterdrückung solcher Verbrecherischer Agitationen, andererseits durch gesetzliche Bestimmungen des Staates, welche das Loos des Arbeiters erleichtern sollten. Es sind die Pläne der Krankhcirs-, Unfall- und Altersversicherungen, die Organisationen, deren Berechtigung und Noth- wendigkeit der Kanzler in unvergeßlichen Worten nachwies.Wer Aussicht auf Pension für das Alter oder die Invalidität hat. sei sie auch noch so klein, der fühlt sich wohler und zusiiedener mit seinem Schicksal, der ist viel williger und leichter zu behandeln als der, welcher in eine ungewisse Zukunft blickt."

Als man entgegnete, die großen Summen, welche erforderlich wären, seien schwer zu beschaffen, erwidert Bismarck:Auch dreihundert Millionen würden mich nickt abschrecken. Es müssen Mittel beschafft werden, staatlich freigebig zu sein gegen die Armuth, die unversckuldete, nicht in Form eines Almosens. Die Zufriedenheit der besitzlosen Klassen, der Enterbten, ist auch mit einer sehr großen Summe nicht zu theuer erkauft. Sie müssen einsehen lernen, daß der Staat auch nützlich ist, daß er nicht blos verlangt, sondern auch gibt. Vor dem Verhungern ist der invalide Arbeiter durch unsere heutige Gesetzgebung geschützt. Tas genügt aber nicht, um den Mann mit Zu­friedenheit auf sein Alter und seine Zukunft blicken zu lasten.

Und es liegt in diesem Gesetz auch die Tendenz, das Gefühl menschlicher Würde, welches auch der ärmste Deutsche meinem Willen nach behalten soll, wach zu erhalten, daß er nicht rechtlos als reiner Almosenempfänger dasteht."

Praktisches Ehristenthum" nannte Bismarck diese seine gewiß edlen Pläne und machte dazu die Bemerkung,aber sans phrase, wobei wir die Leute nicht mit Redens­arten bezahlen, sondern ihnen wirklich etwas gewähren wollen. An eben dieses Ehristen­thum appellirte er auch später; er sagte unter Anderem:Ich möchte gerne, daß ein Staat, der in seiner großen Mehrheit aus Christen besteht, von den Grundsätzen bei Religion, zu der wir uns bekennen, namentlich in Bezug auf die Hülfe, die man dem Nächsten leistet, in Bezug auf das Mitgefühl mit den Schicksalen, dem alte leidende Leute entgegengehen, sich einigermaßen durchdringen ließe." Trotz aller Opposition wurde die sociale Reform wenn auch gehemmt und in ein langsameres Tempo gebracht nicht aufgehalten.

Das warme und innige Empsinden des großen Staatsmannes für die Armen und Schwachen, das sich nicht in wohlfeilen Beileidsphrasen erschöpfte, sondern unter mannigfachen Schwierigkeiten inmitten erdrückender Arbeitslast, inmitten argen Ver­kennens und groben Undankes gerade aus Kreisen, denen er die helfende Hand bot, unermüdet und unbeirrt auf das Rettungswerk hin arbeitete, ist gewiß ein untrüg­liches Zeichen für Bismarcks tiefes Verständniß der Zeit, wie für fein edles Herz'.

Doch kleine Maßnahmen, Palliativmittel, Zeitgewinnen und dergleichen arm­selige Auskunftsversuche landläufiger Dutzendpraktiker find nicht nach seinem Geschmacke. Er hat Alles in großem Style gemacht und so verbinden sich mit den oben er­wähnten Gesetzesvorlagen die Steuerreform, die Zollorganisationen und das Kühnste und Ueberraschendste, oas wir in neuester Zeit geschaut, die deutsche Colonial- Politik!

All' das soll einem Zwecke dienen, dem Wohlstände der deutschen Ration, dem Aufschwünge seiner Industrie und maritimen Macht, der Eindämmung der englischen Suprematie, der Besserung deS Looses der arbeitenden Klassen. Ich stehe nicht an, diese Seite der Thätigkeit Bismarcks in gewissem Sinne mit der Arbeit Richelieus und Eolberts zu vergleichen, Bismarck zeigte aber auch in seinem Wirken während des letzten Deeenniums, daß er stets verkannt, daß er, wie alles wahrhaft Große, von der seichten Turchschnittsbildung falsch aufgefaßt werde. Wie selbstgefällig versicherten nicht blos eitle TageSgrößen der parlamentarischen Opposition und gewisse Zeitungen, der Kanzler werde alt, er werde müde und verstehe die Zeit nicht mehr auch wohl­meinende, befreundete Stimmen behaupteten in boctrinärcr Verblenbung, man müsse froh sein, wenn der Kanzler das Reich Zusammenhalte. Weiteres müsse er seinen Nachfolgern überlassen.

Wie hat er sie Alle Lügen gestraft! Keine Spur von Ermüdung ober Schlaff­heit ! Immer neue, immer größere Ziele und Aufgaben sind es, die er sich gesetzt Nichts aber in ihnen von dem falschen Flittergold jener Gloire des ersten und zweiten

Kaiserreiches; nichts von der frevelhaflen Verletzung anderer Nationen, wie sie bnr vierzehnte Ludwig geübt; nichts von eitlem, selbstgefälligem Vordrängcn der eigenen Persönlichkeit; kein Vabanquespielen mit Gut und Blut der Nation, nein: den Frieden Europas zu wahren, das eigene Volkstdum zu krästiaen und gesund zu erkalten, das ist die Aufgabe jenes Lebens, welches jeder gute Deutsche bis an die äußerste Grenze der menscklicken Existenz verlängert wünscht. Denn gegen alle Feinde des Deutsckthums ist Bismarck stets mit offenem Vifir kampfbereit gestanden. Ob es gegen denErbfeind" galt oder die alten Gegner deutscher Einheit, immer war Bismarck, wie man ihn in diesen Tagen so oft und mit Recht genannt hat Deutschlands ge treuer Eckhart!

Mochten auch an seinem Iudeltage die Gegner des deutschen Geistes in ver­bissenem Grolle sich zurückziehen die Gesammtdeit der Ration war dock einig in ihrer bewundernden Dankbarkeit. Sie war einig in ihrer Liebe, in ihrem Vertrauen zu dem, welcker statt des alten, so lange unbeachteten Imperativs: Seid einig! den strammen Indikativ: Wir sind einig! machtvoll gesetzt.

Ja wohl, an Bismarcks Iudeltage hat es sich wieder in ergreifender Größe gezeigt: Deutschland ist einig! An die herzerquickendsten Scene» der Geschickte ge mahnte die schlichte, einfach menschliche und eben darum so rührende Weise, in welcher Kaiser Wilhelm seinem großen Kanzler dankte. Und wie dieser den Dank wieder auf­nahm, rote bas ganze Volk in seinen wahren und echten Vertretern, in der Zierde der Wissenschaft, bem arbeitenden Bürgerthum, der emporwachsenden akademischen Jugend, in feinen Beamten und seiner Armee dieses Fest beging - wie es Bismarcks Geburtsfest ohne Theaterpomp, so reckt aus bem Herzen heraus als ein trautes Familienfest feierte bas war wieder die liebe, treue, heimische Art ein erhebender Beweis für die kernige Gesundheit des deutschen Stammes!

Wieder zog es durch unser Inneres, wie in jenen unvergeßlichen Tagen, in denen die französische Kriegserklärung so mannhafter Einmüthigkeit begegnete, in denen die Siege der deutschen Heere freudiges Selbstgefühl erweckten.

Es lag eine epische Größe in diesen Erinncrungstagen, die Jeden besser machte, der sick in die Betrachtung des einziaen Mannes vertiefte. So aber wird es auch bleiben für und für! Wärme und .Kraft werden stets bem Bilbe des Gewaltigen ent­strömen, und die spätesten Geschlechter roerben das Wort ein Wahrwort nennen, das ein Engländer über Bismarck gesprochen.Er steht da, ein Koloß mit einem Welttheil als Sockel!"

Verwischtes.

Darmstadt, 13. April. [26. Allgemeine deutsche Lehrerversammlung.j A» nun definitiv aufgestellte Programm lautet auszugsweise: Montag de» 25. Mai, Abends 8 Uhr: Vorversammlung; Dienstag den 26. Mai, Vormittags 9 Uhr: erste Hauptversammlung, Nachmittags 5 Uhr Festessen, Abends 8 Uhr gesellige Vereinigung; Mittwoch den 27. Mai, Vormittags 7 Uhr, ^>ectionssitzungen, 10 Uhr zweite Haupt Versammlung, Nachmittags 3 Uhr turnerische Vorführungen, Abends 7 Uhr, festliche Vereinigung; Donnerstag den 28. Mai, Vormittags 8 Uhr, dritte Hauptversammlung, Nachmittags Ausflug in die Bergstraße. Die Hauptversammlungen und Festlichkeiten finden im Saalbau, die turnerischen Vorführungen in der städtischen Turnhalle statt, die Locale für die Sectionsfitzungen roerben noch bekannt gegeben.

Wetzlar, 12. April. DerRhein. Cur." enthält in seiner neuesten Ausgabe eine Eorrcspondenz aus Braunfels, von beren Inhalt roir unseren Lesern unter aller Reserve Kenntuiß geben. Danach roäre der Leibarzt detz Fürsten Bismarck, Herr Pro fessor Schwenningcr, mit Sr. Durchlaucht dem Herirn Fürsten zu Solms Brauittel* in Verbindung getreten behufs Uebernahme der Leitung einer Kuranstalt, welche in Braunfels errichtet und in der vorzugsweise die Sckwenninger'scke Methode angcrornbet werden soll. Se. Durchlaucht der Fürst intereffirte sick lebhaft für Die Sache und habe bereits Plane anfertigen lassen, die Herrn Schwenninger zur Begutachtung Vorgelegen hätten. Als Bauplatz sott eine an der rechten Seite der Straße von Braunses naro Weilburg gelegene waldige Höhe in Aussicht genommen sein. Die Inangriffnahme des Baues hänge nur von der Aufbringung des 'Baukapitals ab, welches auf 30,000 .* veranschlagt durch Ausgabe von Actien herbeigesckafft werden soll.

Donnerstag den 16. April 1885,

Mittags 2 Uhr.

werden im früheren Psandlvkal

Möbel, Bettroerk, Weißzeug, Fraucn- fieiber und verschiedenes Hausgeräth freiwillig versteigert

Gießen, den 11. Avril 1885.

Grvßh. Ortsgericht.

2683________________Lüdettng.

Mobiliar-Versteigerung.

Die zum Nachlasse des verstorbenen Herrn Fr. Winheim gehörigen Mobi­liargegenstände, als:

Betten, Möbel, Hans- n. Küchen- geräthe, Weißzeug, Bettzeug, Glas, Porzellan, 1 Gewehr, Kleidcrschränke rc.

sollen auf Antrag der Erben

Donnerstag den 18. und Freitag den 17. April,

jedesmal Nachmittags 2 Uhr anfangend, in dem Haufe

Liebigstraße 47 II dahier (Riegelpfad) öffentlich gegen Baarzahlung versteigert roerben.

Gießen, ben 11. April 1885.

Bühner,

2667 Gerichtsvollzieher.

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Wetzlar, im März 1885. 2324

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