Ein Iahrmarktsfest.
(Von unserem Frankfurter Correspondenten.)
Frankfurt a. M., 13. November.
Es ist eine bekannte Thatsacke, daß ein Appell an die Mildthätigkeit und Opferwilligkeit der Einwohnerschaft Frankfurts immer offene Herzen und Hände findet, mag es sich nun darum handeln, einen Einzelnen unverschuldetem Elend und dringender Noth zu entreißen oder zur Abwehr und Linderung allgemeinen socialen Elends bei- zutra-en. Das beweist wieder einmal auf's Glänzendste der „Große Jahrmarkt zum Besten der Feriencolonien" für arme kränkliche Schulkinder, der am vergangenen Mittwoch Nachmittag im großen Saale des Saalbaues eröffnet wurde.
Schon mehrere Tage vor der Eröffnung wußte die Lokalpresse von den Vorbereitungen zu diesem originellen Feste gar interessante Einzelheiten zu berichten, wodurch die ohnehin schon recht beträchtliche Neugier des guten Frankfurters noch in erheblichem Grade gesteigert wurde.
Und wahrlich, selbst die hochgeschraubtesten Erwartungen sollten übertroffen werden und der alte Rabbi Ben Akiba, der vor längerer Zeit einmal die denkwürdige Behauptung aufgestellt haben soll, daß „Alles schon einmal dagewesen" sei, würde mit derselben in Bezug auf den Jahrmarkt im Saalbau schmählich abfahren müssen. Schon der Eröffnungsact an sich war in seiner Weise originell. Kann mir Einer ein zweites Beispiel nennen, wo ein derartiges Fest, besonders wenn es zu mildthätigen Zwecken gefeiert wird, nicht mit ellenlangen Reden eingeleitet wird? Ich glaube kaum! Die erschienenen Ehrengäste, Herr Oberbürgermeister Dr. Miquel, Herr Generallieutenant v. Böhn, Herr Polizeipräsident v. Hergenhahn und andere, begnügten sich damit, mit dem Comitä an der Spitze und unter den Klängen fröhlicher Musik einen Rundgang durch den Saal zu machen, der bald von der dichtgedrängten Menge des Publikums dicht gefüllt war. War das wirklich noch der alte Saalbausaal, einem jeden Frankfurter aus Anlaß des Besuches lustiger, pikanter Maskenbälle oder langathmiger Reden socialistischer Reichstagsabgeordneten so wohl bekannt?
Emsige Künstlerhänoe hatten daraus über 5?ad)t ein farbenprächtiges Wunder geschaffen. Das nüchterne Weiß der Wände war verschwunden, geschmackvolle Verkaufsbuden von oft sehr origineller Form und reichgeschmückt mit bunten Teppichen und kostbaren Stoffen aller Art füllten die Längswände und waren sehr geschickt in die Architektonik des Saales hineingebaut. An die Stelle des Podiums waren eine russische Theestube und eine italienische Osteria getreten und im Hintergründe darüber erblickte man das von einem mächtigen Valerium überspannte Cafö, das einen türkischen Karawansereihof darstellt. Gleich am Eingänge hatte der duftigste aller Verkaufsstände, die Blumenbude, ihren Platz gefunden und die schönsten lebenden Blumen, schöne Frauen und Mädchen, an denen unsere Stadt so reich ist, boten ihre vielgesürbten duftigen Schwestern den Kommenden in liebenswürdigster Weise zum Kaufe an.
Was es aber noch Alles zu sehen und anzuschauen gab, das erzählt auf sehr originelle Weise ein Gedicht, welches ich in dem „Führer durch den Jahrmarkt" finde und im Auszug hierher setze:
Herrrschaften! Immer herrreinspaziert!!!
Näher getreten, ganz ungenirt! Das muß ja jeden interessiren, Was man ihm hier wird vor Augen führen! Kasperltheater und Akrobaten, Russische Schaukeln und Morithaten, Lachkabinette und Panoramen, Dreiköpfige Kälber und Riesendamen,
Schieß- und Zucker- und Waffelbuden, *
Kamerunneger und Botokuden, 1
Viele sonstige Kannibalen, "t
Armlose Mädchen, die sticken und malen. *
Ist das nicht genug?! Aber noch lange nicht alle Herrlichkeiten sind-^DS«sem « „Führer durch den Jahrmarkt" aufgezählt und das staunende Auge weiMoirLich manchmal nicht, wohin es zuerst blicken, wo es haften bleiben soll. Gar^'d entwickelte sich denn auch in dem großen Saale, der sich fast zu klein erwies Mr die Menge der Besucher, ein buntgestaltiges, lustiges, ächtes Jahrmarkttreiben. Die schlanken und zierlichen Gestalten der Blumen- und Loose-Verkäuferinnen, die sich behende durch die Menge drängten, gaben natürlich die angenehmsten und lieblichsten Ruhepunkte für das staunende Auge ab, aber bald wurde man weitergedrängt und, ehe man sich's versah, bekam man von einer braunlockigen Türkin eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt und eine üppigschöne Tirolerin präsentirte dazu den üblichen Eognac. In den verschiedenen Wirthschasten wimmelte es geradezu von den wunderschönsten Frauen- und Mädchengestalten, denen man absolut nichts abschlagen konnte, selbst wenn der Magen sich energisch gegen die Imputation eines Durcheinander von Kaffee und Cognac, Kuchen und Eaviar, darauf etwa Chocolade und fünf Minuten später kaltes Bier noch so energisch sträubte und wenn man für die sonstigen, auf die liebenswürdigste Weise von reizenden Verkäuferinnen feilgebotenen Sächelchen absolut keine Verwendung wußte. Für die Weiterbeförderung der angekauften Maaren, wenn etwa der Besitzer noch länger verweilen wollte, sorgte ein Postbureau mit reizend costümirten weiblichen Bediensteten, denen man ohne Sorge seine für schweres Geld erworbenen Schätze übergeben mochte und die sie dann, gegen Entrichtung einer Francaturgebühr von 50 Pfennigen, mittelst des „Expreßdienstes des Jahrmarkts zum Besten der Feriencolonien" in die Wohnung des Käufers bringen ließen.
Und wer sich auch noch so fest vorgenommen hatte, allen Reizen und Lockungen standhaft zu widerstehen, seine Vorsätze schwanden dahin wie ein Nebel vor dem frischen Morgenwind, wenn etwa plötzlich eine der reizenden Blumen-Händlerinnen vor ihm auftauchte und mit schelmischer Freiheit ein duftiges Veilchenbouquet in sein Knopfloch heftete, wofür dann natürlich recht anständige Preise gezahlt wurden. Er mochte sich nachher auf der in einer stillen Ecke aufgestellten Körperwaage wiegen lassen und con- statiren, daß sein Geldbeutel erheblich im Gewichte gesunken sei. Es fehlte eben zur Illustration eines echten Jahrmarktes nichts. Sogar ganz echte Taschendiebe hatten sich eingefunden und sollen ziemlich reiche Beute gemacht haben, welche wohl schwerlich zum Besten der Feriencolonien verwendet werden dürfte.
„Unter solchen Umstanden konnte es nicht ausbleiben, daß das finanzielle Re- sultat des Unternehmens ein ungemein günstiges war. Es wurden durchschnitt- llch täglich 35,000 eingenommen.
erüfcrtgt nur n»ch, die Namen einiger Künstler hier lobend zu erwähnen, welche sich um das Arrangement des Ganzen besonders hervorgethan haben, und die durch feinfühligen Geschmack und vollendeten Kunstsinn zusammcngewirkt haben, so prächtige Effecte zu erzielen. Es könnte zwar ungerecht scheinen, aus der Fülle des Gebotenen Einzelheiten als besonders gelungen herauszugreifen, aber wir möchten es uns nicht versagen, speciell auf die italienische Osteria zurückzukommcn, die Maler Norbert Schrödl so stimmungs- und reizvoll arrangirt hat, daß man sich nur schwer loszureißen vermochte von diesem sarbenbunten Bilde italienischen Lebens und Treibens. Ganz vorzüglich hat auch Maler Wilhelm Beer seinen russischen Tractir bis in's kleinste Detail charakteristisch auszustatten vermocht, und das internationale Cafö, welches Herrn Professor Luthmer und Herrn von Hoven seine reizvolle Ausstattung verdankt, krönt das Werk in edler Schönheit.
Allzubald wird im Gewoge der Großstadt und im Kampfe mit den großen und kleinen Sorgen, die das Leben von heutzutage dem großen Menschen bringt, die Erinnerung an eines der schönsten Feste, die der Verfasser dieses Berichtes mitzuerleben bis letzt in der Lage war, untergegangen sein. Aber eine um so bleibendere Erinnerung wird es bei den kleinen hinterlassen und zumal bei denjenigen, um derentwillen es gefeiert wurde, den armen und kranken. Und so ziehet denn hinaus, wenn des Winters Wüthen gebrochen ist und die Sonne wieder warm und mächtig vom blauen Himmel herniederscheint, lauschet dem vieltönigen Gesang der Vögel auf den Fluren und in den Wäldern, athmet in vollen Zügen die wonnige Luft des Tannenwaldes und erquickt und stärkt Euch von Neuem in den Armen der guten Mutter Natur und Euer Singen und Jauchzen ist ein feuriges Dankgebet für Diejenigen, deren Mild- thätigkeit und Güte zu so schönem Ziele geführt.
Otto Fr. Koch.
Haben die Verbrechen im Deutschen Reiche von 1882 bis 1884 zugenommen oder adgenommen?
Die Untersuchung der Frage, ob die Verbrechen zunehmen oder abnehmen, gehört jedenfalls zu den ernstesten Aufgaben der Statistik. Zwei hohe preußische Juristen, der Geh. Ober-Justizrath Starke und Geh. Oberregierungsrath Illing, sind der Frage für Preußen näher getreten und der erstere hat Abnahme, der letztere eine Zunahme des Verbrecherthums in der Zeit von 1854 bis 1884 behauptet.
Nach der soeben im Septemberheft der Statistik des Deutschen Reiches, Jahrgang 1885, erschienenen statistischen Zusammenstellung des reichsstatistischen Amtes über die in den Jahren 1882 bis 1884 von den deutschen Gerichten verurtheilten Personen betrug die Zahl der Verurtheilten wegen Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze überhaupt 1882: 329,968, 1883: 330,128 und 1884: 345,977. Die Zahl der wegen Verbrechen und Vergehen gegen das Strafgesetzbuch Verurtheilten betrug 1882: 323.839. 1883: 324,410 und 1884: 340,185 Personen.
Es muß jedoch, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, nicht nur die Zahl, sondern auch die Art der Verbrechen untersucht werden. Von allen Verur- theilungen kamen auf Verbrechen und Vergehen:
1882
1883
1884
gegen Staat, Religion und
öffentliche Ordnung
51,623
51,684
56,082
gegen die Person
107,398
112,237
125,299
gegen das Vermögen
169,354
164,590
162,898
im Amte
1,613
1,617
1,698
Innerhalb der großen Gruppen müssen
nun wieder
die schweren und leichten
unterschieden werden. Einige besonders zahlreiche und besonders schwere Verbrecken
zeigen folgende Zahlen der Verurtheilten:
1882
1883
1884
Einfacher Diebstahl
79,116
76,929
74,293
Schwerer Diebstahl
8.972
7,841
7,893
Beleidigung
38,971
39,911
42,616
Hausfriedensbruch
13,826
13,306
15,353
Gefährl. Körperverletzung
38,291
40,933
48,118
Mord
151
153
139
Todtschlag
169
164
131
Kindesmord
171
175
161
Fahrlässige Tödtung
476
521
567
Unterschlagung
14,577
14,568
14,630
Betrug
11,094
11,451
11,646
Betrug i. wiederh. Rückfall
875
936
1,044
Meineid
1,011
871
923
Ehebruch
70
92
94
Blutschande
314
330
323
Unzucht mit Gewalt rc.
2,851
2,737
2,755
Brandstiftung
644
627
609
Sachbeschädigung
11,639
11,153
12,379
Bei einer weiteren genauen
Prüfung
der interessanten neuesten officiellen
deutschen Statistik findet man bald bei leichten,
bald bei schweren Verbrechen eine Au-
nähme oder Abnahme in den letzten drei Jahren und kommt zu dem Schlüsse, daß
drei Jahre doch noch nicht ausreichen, um sichere Schlüsse
zu ziehen, und daß man
überhaupt bei Schlußfolgerungen aus statistischen Zahlen die
größte Vorsicht üben und
öle ganze Gesetzgebung und Verwaltung der
Staaten, sowie die Methode der Er-
Hebung, Bearbeitung und Gruppirung der Zahlen gewissenhaft in Betracht rieben
mutz. Man darf nie vergessen, daß
die Statistik nicht blos bei einer Veraleichuua
verschiedener Länder, sondern auch
bei einer
Vergleichung
verschiedener Zeiten mit
großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat und daß man allgemeine Durchschnitts- und Verhältnißzahlen nicht ohne genaue Prüfung als gleichwerthige Größen nebeneinander
stellen darf.
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