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15.11.1885 Zweites Blatt
 
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Nr. 267* Zweites Blatt Sonntag den 15. November 188K

ießmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Betreffend: Die Viehpreisverthellung in Hungen vom 26. August l. I.

Erscheint-lich mit B«Sn«chme deS Montag-.

Bekanntmachung.

Diejenigen, welche bei der letzten Viehpreisverthellung in Hungen Prämien erhalten haben, können die hierüber ausgefertigten Diplome ohne irgendwelche Kosten auf der Registratur des Großh. Kreisamts Gießen in Empfang nehmen, oder durch hierzu Beauftragte abholen lassen.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, die Interessenten hierauf gefälligst aufmerksam zu machen.

Gießen, 12. November 1885. Der Vicepräsident des landwirthschafllichen Vereins der Provinz Oberhessen.

Nover.

Wochen - Uebersicht.

Gießen, 14. November.

Die Woche gehörte in Bezug auf die inneren Angelegen­heiten in erster Linie den Vorbereitungen für die bevorstehende neue Reichs­tagssession an, die mit nächstem Donnerstag eröffnet wird. Selbstverständlich ruht der Schwerpunkt dieser vorbereitenden Arbeiten im Bundesrathe und hat derselbe die Etatsberathungen bereits so weit gefördert, daß der Reichstag un­mittelbar nach seinem Zusammentritte den ReichshaushaltS-Etat in Händen haben wird. Die hauptsächlichsten Ziffern desselben sind zur Zeit bekannt und läßt sich hiernach wenigstens in allgemeinen Zügen ein Bild des Reichsbudgets pro 1886/87 construiren. Zusammen ergieot sich eine Ausgabensteigerung von etwa 36 Mill. Jl. gegenüber dem Vorjahr, von welcher Summe der Löwenantheil auf den Militär-Etat mit 22 Mill. «X entfällt, wovon wiederum 7 Mill. «X. auf dauernde, 10V2 Mill. <X auf einmalige und 41/2 Mill. «X. aus außerordentliche Ausgaben entfallen. Die nächstgrößten Mehrausgaben enthalten der Etat des Staatssecretariats des Innern mit 4,580,000 cX. und der Marine-Etat mit 4,300,000 cX. an dauernden und 1,800,000 cX. an einmaligen Ausgaben. Die Mehreinnahmen gegen das Vorjahr belaufen sich auf 58V4 Mill. und zwar marschirt an der Spitze der Etat der Zölle und Verbrauchssteuern mit 44 Mill. <X, dann folgt derjenige der Stempelsteuern mit 9,900,000 «X., der Etat der Reichspost mit einem Ueberschuß von etwa 1,300,000 u. f. w. Da nach den Voranschlägen zur Deckung der Ausgabe-Erhöhungen 25 Mill. «X aus den Einnahmen zu nehmen sind, so bleiben also von der Gesammtsumme der Mehreinnahmen etwa 33 Mill. <X mehr als bisher für die Vertheilung an die Einzelstaaten übrig. Dieses erfreuliche Plus refultirt aus den Zoll- erhöhungen und der Börsensteuer, indessen muß man auch hierbei bedenken, daß sich im neuen Etatsjahr die Matrikular-Beiträge zur Deckung der laufen­den Deficits nicht unwesentlich erhöhen dürsten, so daß von jenem an und für sich ja befriedigenden Plus wohl nicht allzuviel übrig bleiben wird. Im Reichstage selbst wird die Etatsberathung die vier Wochen bis zu den Weih- nachlöserien in der Hauptsache ausfüllen. Was die Vorlagen über die weitere Ausdehnung des Unsallversicherungs'Gesetzes anbelangt, so werden dieselben dem Reichstage ebenfalls bald nach seiner Eröffnung zugehen. Ueber die wichtigsten Vorlagen, die Verlängerung des Socialistew Gesetzes und des Militär-Septenats, verlautet noch nichts Bestimmtes und nimmt man jetzt daher an, daß sich der Reichstag mit diesen Angelegenheiten erst im zweiten Abschnitte seiner Session befassen wird.

Die Rückblicke der Blätter über die Ergebnisse und den Charakter der diesmaligen preußischen Landtagswahlen sind nunmehr ebenfalls beendigt. In der Hauptsache stimmen die Urtheile darin überein, daß das Gesammt- Resultat der Wahlen eine weitere Verschiebung des Schwerpunktes im preußi­schen Abgeordnetenhause nach rechts bedeutet und daß sich die Wahlen unter großer Lauheit und Theilnahmlosigkeit der Bevölkerung vollzogen haben. Je rach dem Partei-Standpunkte der einzelnen Blätter werden die Ursachen dieser Erscheinungen einer eingehenden Erörterung unterzogen, doch können wir an dieser Stelle von einem Resumä der bezüglichen Preßbetrachtungen absehen, da sie doch nur längst bekannte nochmals vorführen. Von sonstigen Wochen- Ereignissen sind der Zusammentritt des sächsischen und badischen Landtages zu erwähnen, nachdem vor einigen Wochen in Sachsen wie in Baden Ergänzungs- wählen zur zweiten Kammer stattgefunden hatten.. Auch der vereinigte Landtag der beiden Mecklenburg ist am Mittwoch in Sternberg wieder eröffnet worden.

Ueber den Karolinenstreit lausen die Meldungen noch innrer kraus durcheinander. Während die von mehreren Seiten gebrachte Nach­richt, daß Deutschland dem Papste einen Gegenvorschlag gemacht habe, von zu­ständiger Berliner Seite bis jetzt weder bestätigt, noch dementirt worden ist, weiß der römische Correspondent derNeuen Fr. Presse" neuerdings zu melden, daß der den Cabincten von Berlin und Madrid vertraulich mitgetheilte 23er» mttelungsspruch des Papstes von beiden Parteien angenommen worden sei. Man wird eben auch diese Mittheilung einfach nur zu registriren und ihre Be- ßcitigung abzuwarten haben.

In Oesterreich ruhte auch für diese Woche der politische und varlamentarische Schwerpunkt ausschließlich in den Delegationen. Das Haupt- Interesse erregten diesmal die Verhandlungen des Budgetausschusses der öster­reichischen Delegationen, in welchen eine Reihe von Fragen, wie die Orient- Mik Oesterreich-Ungarns, die Ausweisungen der Polen aus Preußen, die Verhältnisse in den occupirten Provinzen und die Armeesprache, mehr oder

weniger eingehende Debatten hervorriesen. Einer eingehenden Besprechung wurde von den österreichischen Blättern der Wechsel im Unterrichts-Ministerium für Cisleithanieu unterzogen, dessen Leitung bekanntlich von Baron Conrad auf Herrn v. Gautsch übergegangen ist- Im Allgemeinen lauten die Urtheile über den neuen Unterrichts-Minister und seine künftige parlamentarische Stellung noch sehr zurückhaltend, jedenfalls wird aber Herr v. Gautsch selbst bald finden, daß in Oesterreich ein Unterrichts-Minister nicht auf Rosen gebettet ist. Die De­mission Baron Conrad's hatte das Gerücht hervorgerufen, daß auch der Handels- Minister Baron Pino und der Ackerbau-Minister Gras Falkenhayn demnächst von ihren Posten abgehen würden, doch wird dieses Gerücht jetzt vomFrem- denblatt" formell dementirt. Schließlich ist noch der Ausgang des vor dem Königgrätzer Gerichtshöfe gegen die Urheber der antideutschen Exceffe in Köni- ginh^f angestrengten Proceffes zu erwähnen. Die große Mehrzahl der Ange- klagc^l wurde verurtheilt und zwar bewegten sich die Strafen zwischen 3 Tagen strengem Arrestes als Minimum und 18 Monate schweren, verschärften Kerken^ als Maximum. Sämmtliche Vertheidiger haben die Nichtigkeitsbe- jchwer^eingereicht.

> .HWMs politische Leben in Italien, welches während der letzten Mc^at^-rmlich stagnirte, wird mit der am 25. November erfolgenden Er- öffnuna^es Parlamenrs einen frischen Impuls erhalten. Jedenfalls wird man alsoann auch Aufschlüsse über die Haltung Italiens gegenüber den Er­eignissen auf der Balkanhalbinsel und über die italienischen Unternehmungen am Rothen Meere erhalten, denn nach beiden Richtungen hin hat das römische Cabinet schon seit längerer Zeit ein merkwürdiges Stillschweigen beobachtet.

Jenseits des Canals wird die Banketrede des Premiers Lord Salisbury, welche er auf dem Londoner Lord - Mayors - Essen gehalten hat, namentlich wegen seiner Erklärungen über die Lage aus der Balkanhalbinsel, von den Preßorganen vorwiegend günstig commentirt, zur Klärung der Situation hat die Rede Salisbury's aber auch nicht weiter beigetragen. Einen ergiebigen Stoff zu Betrachtungen gewährt den englischen Blättern die Wahlreise Gladstone's in Schottland, wo derselbe in Edinburg eine zur Einig­keit unter den Liberalen mahnende Rede gehalten hat. Mr. Gladstone er­klärte sich hierbei auch gegen alle Versuche, Irland von England loszureißen, er betonte aber die Nothwendigkeit, in Irland liberal und verständig zu handeln. Von dem Führer der irischen Nationalpartei, Parnell, ist hieraus der Wunsch geäußert worden und zwar in einer zu Liverpool gehaltenen Rede daß Gladstone selber in Bezug auf die Regierung in Irland den Wählern einen Plan unterbreiten möge, welcher die Einheit des Reiches nicht beeinträchtige. Das englische Kriegsministerium hat die Bildung von zehn neuen Linien - Infanterie - Bataillonen beschlossen und wird dem neuen Parlamente aus diesem Anlässe nach seinem Zusammentritte eine Bill zugehen.

Der Bruch zwischen der englischen Regierung und Birma ist nunmehr ein vollständiger. Dem Obercommissar in Britisch-Birma, Bernard, ist die Abschrift einer Proclamation des Königs Thibo von Birma zugegangen, in welcher derselbe befiehlt, alle Engländer umzubringen. Man befürchtet, daß alle Europäer in Mandalay getöbtet worden seien.

Von der Konstantinopeler Conferenz wird aus dieser Woche gemeldet, daß sie die Rechte des Sultans auf Bulgarien und Rumelien von Neuem anerkannt hat. Damit ist freilich die bulgarische Frage noch lange nicht gelöst, zumal die Mächte darüber nicht einig zu sein scheinen, ob dem Sultan auch gestattet werden solle, seine Oberherrlichkeit über die beiden Länder auch de facto wieder herzustellen. Die Nachricht, daß Fürst Bismarck sich bemühe, vermittelnd zwischen Rußland und England auszutreten, bestätigt sich. Die zwischen den Serben und den Bulgaren vorgekommenen Grenzbalgereien werden im Allgemeinen nicht tragisch genommen, zumal von serbischer Seite das Gerücht, Serbien beabsichtige demnächst, Bulgarien die Kriegserklärung zuzustellen, entschieden dementirt wird. Dagegen verschärft sich der auf Kreta zwischen dem dortigen türkischen Gouverneur und dem griechischen Agenten in Canea entstandene Conflict. Die Pforte hat den Gouverneur ermächtigt, alle 23eziehungen zu dem griechischen Agenten abzubrechen und zugleich an das Athener Cabinet die Forderung gestellt, den Agenten abzuberufen.