Ausgabe 
15.11.1885 Erstes Blatt
 
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[3BinterIjöfIid)feit] Ein ebenso originelles, wie zeitgemäßes Inserat bringt dasDemminer Tageblatt":Bei eintretender Kälte muß ich wieder militärisch grüßen und bitte um Gegenseitigkeit. Sanitätsrath Dr. Pfeiffer."

Theater.

*** Gießen, 13. November 1885.

Sardou versteht es meisterhaft, Effekte zu erzielen und Familienscenen auf die Bühne zu bringen, die das innerste Mark des Zuschauers erschüttern.

Seine Odette ist eine echte Pariser Frauengestall aus der sogenannten feinen Welt, eine jener bunten Schmetterlinge, die so lange ins Licht flattern, bis sie mit verbrannten Flügeln ihre Leichtsinnigkeit mit dem Leben bezahlen. Daß natürlich dem gleichnamigen Drama alle jene Zweideutigkeiten inne wohnen, ohne welche ein Pariser Sittenbild einfach unmöglich wäre, ist selbstverständlich. Odette ist eine dunkle Er­scheinung, die ihrem Gatten die Treue bricht und dafür hart in die Schule genommen wird, der Autor läßt keine rührende Versöhnung eintreten^ er schürzt das ganze Ge­webe des Stückes zu einem unlösbaren Knoten und zum Schluß schneidet er denselben unbarmherzig entzwei, die Dissonanzen enden mit einem schrillen Accord. Odette macht ihrem Leben ein Ende durch den Sturz in die Wellen und sorgt somit, daß die Ueber- lebenden von ihrer lästigen Gegenwart befreit werden.

Frau Charlotte Lange gab die Titelheldin mit ganzer Seele, mit aller Hin­gebung, die nur einer mit vorzüglichen Mitteln ausgestatteten Künstlerin eigen ist. Wärme, Innigkeit und die Würde des beleidigten Stolzes wechselten meisterhaft in ihrer Darstellung und wirkten überwältigend auf das Publikum. Man verdammte die leichtsinnige Gräfin und bemitleidete die arme, tiefbetrüblc Mutter von ganzem Herzen. Selbst einige Anfangs störend wirkende Lacher im Publikum, die mit der größten Fadheit ihre Witze losschlagen mußten, konnten sich später eines Gefühls der Rührung nicht erwehren und das war jedenfalls viel, sehr viel!

Von den hiesigen Mitgliedern trat Max Wieland (Philippe La Hoche) be­sonders in den Vordergrund und zeigte sich als ein Schauspieler, der maßvoll und repräsentationsfähig ist.

Auch Willy Zehl spielte seinen Bächamel mit vortrefflichem Humor, er war das erheiternde Element des Stückes und nahm ein gutes Recht des Beifalls in An­spruch; wir verzeihen ihm aern, daß er allzusehr Berliner Bonvivant war. Marie Wollmann (Börangdre) darf etwas besser memoriren, damit sie sich dienöthige Reife für ihre Rolle aneignet.

Hermann Flachs land, dem eine sehr schwere Aufgabe als Gatte der Odette obliegt, wird ebenfalls seine Rolle noch einmal genau ansehen und hier und da die Feile anlegen, damit er mehr Würde, oder besser gesagr mehr Feuer und Energie seiner gediegenen Partnerin gegenüber an den Tag legt.

Wenn diese unsere Rathschläge nicht in den Wind gesprochen sind, darf die am Sonntag stattfindende Wiederholung des Stückes dein theaterliebenden Publikum an- gelegentlichst empfohlen werden.a

Mit der gestrigen Vorstellung hat die Direction ihre diesmaligen energischen Anstrengungen belohnt gesehen! Obschon bis zum letzten Augenblicke durch einige dem Unternehmen nicht gerade freundlich gesinnte Personen verbreitet wurde, Frau Char­lotte Lange würde aus diesen und jenen Gründen nicht kommen, hielt unsere beliebte Künstlerin an ihrem Versprechen der Direetion gegenüber fest.

Vorgestern um 5 Uhr begannen die von Frau Lange selbst geleiteten Proben, welche bis in die Nacht hinein dauerten, nachdem die Mitglieder bereits Stunden vor­her allein probirt hatten. Mit liebevollster Sorgfalt setzte die geniale Künstlerin das Stück in Scene, arbeitete mit dem heimischen Ensemble, in Rücksicht auf Decoration, Requisiten u. s. w. Alles bis in's Detail heraus und so kam denn eine Vorstellung zu Stande, welche dem großen Talente unserer Gästin und der geschehenen Arbeit unseres ständigen Personals das glänzendste Zeugniß ausstellte. Wir freuen uns, die Lei­stungsfähigkeit unseres Theaters anstandslos constatiren zu können und indem wir hosten, mehr solche Vorstellungen zu sehen, machen wir auf die Repetition vonOdette" am Sonntag, zu der Frau Lange ihre Mitwirkung wiederum zugesagt hat, besonders aufmerksam.

Endlich verweisen wir auf die Besprechung vonOdette" von unserm Theater- Berichterstatter.

Handel und Vermehr.

Rl. Frankfu rter Börsen-Wochenbericht. Sonst, wenn der Bericht­erstatter sich anschickte, ein Resum6 über eine Geschäftswoche zusammenzustellen, da fand sich, wo er nur hinschaute, überreichlicher Stoff, fast jedes einzelne Effect hatte seine Begebenheit, es war von großen Coursfluctuationen Notiz zu nehmen, oft mehrere Anlehens-Emissionen gelangten an den Markt, an denen sich das Publikum mit Riesen­nummern betheiligte, kurz, allgemeine Emsigkeit deutete auf den Glanz unseres wirth- schastlichen Lebens, das Jeden mit Stolz erfüllte und die Zufriedenheit spiegelte sich auf allen Gesichtern wieder.

Heute aber, wo sind diese Zeiten hin? Wir haben sie meist miterlebt und em­pfinden um so unheimlicher die hemmenden Umgestaltungen, die der Verkehr in letzterer Zeit namentlich durch die Steuer erfahren hat, durch welche das Jahr 1885 in der Finanzgeschichte zu einer gewissen Berühmtheit gelangen wird.

Das Brod des armen Mannes ist zwar gerathen, aber der arme Mann schreit dennoch nach Brod.

Ueberall in der Industrie Stockungen, der Getreidehandel ist durch die Schutz­zölle nur noch auf den kleinen inländischen Markt angewiesen, die Vorräthe liegen aber trotzdem in der Scheuer des Landmannes, der die Ernte nicht los werden kann, alle Bezugs- und Absatzwege sind versperrt, der Consum in den meisten Artikeln ist auf das Nothwendigste reducirt, das Umsatzkapital liegt brach und in dem Gesammt- einkommen unserer Nation zeigt sich ein in bedenklicher Zunahme begriffenes Deficit. Unternehmungslust ist so viel wie gar nicht vorhanden.

Die Stempelabgabe, durch welche man in falscher Beurtheilung der Gepflogen­heiten eine solidere Geschäftswelt schaffen wollte, hat diesen Zweck nicht nur nicht zu erfüllen vermocht, indem der notorische Spieler sich durch sie gar nicht beirren läßt, sondern sie droht auch noch den letzten soliden Rest des noch bestehenden Geldgeschäfts, das mit waghalsiger Speculation absolut nichts zu thun hat, in fremde Canäle zu leiten, sie soll den Kapitalisten zum Kauf von Immobilien oder Territorial verleiten, wo ihm bei der gegenwärtigen Misöre doch nur unausbleibliche Verluste drohen.

Die Frankfurter Börse zehrt heute noch vom alten Fett, d. h. vom früheren Glanz und besitzt an dem süd- und westdeutschen Kapital noch immer eine reiche Stütze, wo aber die Zustände hinführen, wenn der Marasmus so länger anhält, ist unberechenbar.

Durch die fortgesetzten politischen Beunruhigungen, die leider viel mehr durch Entstellungen der Thalsachen als durch diese selbst hervorgerufen sind, gewinnt die gegenwärtige commercielle Störung noch ganz außerordentlich an Ausdehnung.

Mit der Financirung der noch schwebenden Anleihen muß zurückgehalten werden, denn die Häuser wollen sich nicht der Gefahr eines Fiascos aussetzen. Alles in Allem wir leben im Zeichen des Krebses, der Privatmann thut klug daran, seine Prioritäten und festverzinslichen heimischen Staatsfonds ruhig im Kasten zu behalten und abzuwarten, was uns die Zukunft, von der wir eine Besserung der Lage unent­wegt erhoffen, bringt, wann dieses Wiedererblühen eintreten soll und mit welcher Hilfe dies geschehen kann, ist uns indeß ein Räthsel.

Gießen, 14. November. Auf dem heutigen Markt kostete' Butter per Pfund 1.031.05, Hühnereier 2 Sick. 1315 H, Enteneier St. 00 Käse pr. St. 57 H, Käsematte 2-3 H, Erbsen pr. Liter 20 Linsen 32 H, Tauben per Paar 0,45 bis 0,60 H, Hühner per Stück at 0 851.10, Hahnen pr. Stück at 0.600.85, Enten per Stück at 1.501.80, Ochsenfleisch per Pfund 6264 H, Kuh- und Rindfleisch 5456 Schweinefleisch 5060 Hammelflestch 5664 Kalbfleisch 4850

Kartoffeln per 100 Kilo at 3.000.00, Milch per Liter 1218 Zwiebeln per Gentner

at. 4.000.00. Weißkraut pr. St. 38 X

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Auszug aus den Standesamtsregistern des Standesamts Gießen.

Eheschließungen.

November: 11. Kaufmann Löb Katz von Frankfurt a. M. mit Bertha Wolf, Tochter des Handelsmanns Liebmann Wolf in Gießen. 11. Der Weichensteller an der Main-Weser-Bahn Johann Heinrich Feisel, Wittwer in Kleinlinden mit Anna Hinder, Tochter des verstorbenen Schäfers Adam Hinder in Günterod.

(Gebotene«

, October: 28. Dem Hautboist Karl Peter ein Sohn. November: 3. Dem Schmied Johann Ludwig Becker eine Tochter, Marie Susanne Henriette. 3. Dem Bäckermeister Heinrich Ludwig Faß eine Tochter. 4. Dem Schneider Wilhelm Hamel ein Sohn, Heinrich Lorenz Emil. 6. Dem Schuhmachermeister Theodor Kliffmüller eine Tochter. 7. Dem Schaffner an der Oberhessischen Bahn Johannes Port eine Tochter, Luise Helene. 8. Dem Revisor an der Oberhessischcit Bahn Ludwig Rullmann ein Sohn. 8. Dem Schlosser Georg Lenz eine Tochter.

Gestorbene.

November: 6. Der Bibliothekdiener i. P. Heinrich Ludwig Dorfeld, 59 Jahre alt. 8. Wilhelm Philipp Konrad Christian, 1 Jahr alt, Sohn des Realgymnasiallehrers Christian Albach. 9. Johanitette, 1 Jahr alt, Tochter des Johann Philipp Heinz in Altenkirchen. 12. Karl, 14 Tage alt, Sohn des Taglöhners Christoph Henß.

Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getraute.

Den 11. November. Johann Heinrich Feisel, Weichensteller an der Main- Weser-Bahn zu Gießen, ein Wittwer, und Anna Hinder, Tochter des zu Günterod ver­storbenen Schäfers Adam Hinder.

Getaufte.

Den 8. November. Dem Barbier Balthasar Melior eine Tochter, Anna Elisabeth Johanna, geboren den 9. September.

Denselben. Dem Schlosser Ludwig Klotz ein Sohn, Ernst Ludwig, geboren den 24. October.

Denselben. Dem Installateur Peter Walter ein Sohn, Louis Wilhelm Carl, geboren den 5. October.

Denselben. Dem Fabrikdirector Dr. Carl Eickemeyer ein Sohn, August Carl Rudolf, geboren den 12. August.

Denselben. Dem Schmied Friedrich Müller ein Sohn, Christian Julius Ludwig, geboren den 3. October.

Denselben. Dem Kaufmann Friedrich Wilhelm August Kurz eine Tochter, Emma, geboren den 16. October.

Denselben. Dem Kaufmann Georg Fuß ein Sohn, Werner Georg Carl, ge­boren den 3. September.

Denselben. Ein außereheliche Tochter, Lina, geboren den 14. October.

Denselben. Dem Bremser Johann Georg Spaar eine Tochter, Marie Katharine, geboren den 6. October.

Den 12. November. Dem Kaufmann Ernst Friedrich Blödner eine Tochter, Luise Antonie, geboren den 25. October.

Beerdigte.

Den 8. November. Heinrich Ludwig Dorfeld, Universitätsbibliotheksdiener i. P., alt 59 Jahre, starb den 6. November.

Brodpreise

vom 15. November bis 29. November 1885.

der Bäcker $

1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod .... 27

2 (4 Pfd.) Weißbrod .... 54

1 (2 Pfd.) Schwarzbrot) 1. Sorte 24

2 (4 Pfd.) Schwarzbrot) 1. Sorte 48

1 (2 Pfd.) Schwarzbrot) 2. Sorte 21

2 (4 Pfd.) Schwarzbrot) 2. Sorte 42

3 (6 Pfd.) Schwarzbrot) 2. Sorte

bei L- Keil K. Haas, 63

der Brodverkäufer 4

1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod , ... 27

2 (4 , ) ,, .....54

1 (2 ) Schwarzbrot» 1. Sorte 24

2 r (4 ) Schwarzbrot) 1. Sorte 48

3 (6 ) Schwarzbrot) 1. Sorte 1 (2 ) Schwarzbrot) 2. Sorte 21

2 (4 ) Schwarzbrot) 2. Sorte 42

3 , (6 , ) Schwarzbrot» 2. Sorte 63

Gießen, den 14. November 1885.

Großherzogliches PolizeiamL Gießen. Fresenius.

Allgemeiner Anzeiger.

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