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Nr. 267. Erstes Blatt. Sonntag den 15 November
1885
ießemr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
Amtlicher Höei l.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar! 50 Pfi
Gießen, am 12. November 1885.
Betreffend: Gebühren der Feuervisitatoren für die Revision genehmigungspflichtiger Bauten und Feuerungsanlagen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme von Gießen.
Nach § 102 der Ausführungsverordnung zur allgemeinen Bauordnung haben die Feuervisitatoren ganze Tagesgebühren zu beanspruchen, wenn das Geschäft, einschließlich der Hin- und Herreise, mehr wie einen halben Tag erfordert.
Unter einem halben Tag ist dabei unseres Erachtens eine Arbeitszeit von vier Stunden zu verstehen, welche auf das Nevisionsgeschäst sammt den erforderlichen schriftlichen Arbeiten, Gängen und Reisen entfallen sein muß.
Sie wollen sich danach bei Anweisung der Gebührenrechnungen bemessen.
Dr. Boekmann.____________________________________________________
Gefunden: 1 neues Testament, 1 Kinderkragen, 1 Manschettenknopf, 1 Paar Handschuhe, 1 Brille mit Futteral, 1 Pferdeteppich, 1 Hundehalsband, 1 Taschenmesser, 1 Soldbuch, 1 Stickerei, 1 Hutflor, 1 Boa, 1 Pelzmütze, 1 Regenschirm und 1 Schloß (auf dem Stadtpostamt stehen geblieben) und mehrere Schlüssel.
Gießen, am 14. November 1885. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutschland.
Effeu, 12. November. Die „Rhein.-Westf. Ztg." meldet: Die Gelsener Bergwerks - Gesellschaft zeichnete zu den Grunderwerbskosten des Rhein-Ems- Kanals 100,000 JL mit der Bedingung, daß der Kanal in ganzer Ausdehnung bis zum Rhein ausgeführt werde und zu der von ihr gezeichneten Summe die übrigen Zechen mindestens 900,000 ausbringen, damit neben der von der Bergwerkschastskasse des Oberbergamtsbezirks Dortmund in Aussicht genommenen Summe Seitens der einzelnen Zechen eine zweite Million für Bodenerwerb der Regierung zur Verfügung gestellt werde.
Hesterreich.
Wien, 13. November. Die von englischen Blättern aus Cattaro verbreiteten Meldungen über österreichische Truppen - Concentratiouen in der Herzegowina werden zuständigerseits als vollständig unbegründet bezeichnet, mit Hinweis auf die sehr bestimmte Erklärung des Reichsfinanzministers v. Kallay, daß die Occupations-Truppen nicht vermehrt wurden und durchaus kein Nachtrags- Kredit nothwendig sei.
Frankreich.
Paris, 13. November. Der hiesige Municipalrath beschloß heute eine Resolution wegen Amnestirung aller politischen Verbrecher. Dem Vernehmen nach werden die Intransigenten in der Kammer demnächst einen ähnlichen Antrag einbringen.
Rußland.
Petersburg, 12. November. Ein Befehl des Kriegsministers vom 21. October a. St. ordnet an, daß der Bestand an Osficieren der Infanterie- Regimenter , welche im Wilnaer, Odessaer, Kiewer Militärbezirk garnisoniren, sowie mehrerer Infanterie-Regimenter des Warschauer Militärbezirks vom 1. Januar 1886 um je zwei, resp. einen Osficier vergrößert werde.
Türkei.
Konstantinopel, 13. November. In der gestrigen Sitzung der Conserenz stellte die Pforte folgende Anträge: 1) Die Pforte soll gemeinsam mit den anderen Mächten den Fürsten Alexander auffordern, Rumelien mit seinen Truppen zu verlassen; 2) der Sultan würde sodann einen außerordentlichen Commissar mit der Zustimmung der Mächte nach Rumelien senden, um daselbst bis zur Wahl eines definitiven Gouverneurs die Autorität auszuüben und 3) eine gemischte Untersuchungs-Commission soll die Wünsche der Rumelier während der Dauer dieser provisorischen Verwaltung prüfen. Es gilt als wahrscheinlich, daß über die beiden letzten Vorschläge eine Einigung der Mächte ;u Stande kommt, daß aber hinsichtlich des ersten Punktes Frankreich und England dabei bleiben, daß die Aufforderung an den Fürsten lediglich im Namen der Pforte erfolge.
— Die für Samstag anberaumte Sitzung der Conferenz wurde wegen Unwohlseins Nelidoffls aus Sonntag verschoben.
Hriecherrlarro.
Athen, 13. November. Delyannis lehnte das Verlangen ab, über die Angelegenheit des griechischen Consulats-Kanzlers in Canea, dessen Abberufung die Pforte verlangt, in der Kammer Erklärungen abzugeben.
— Da« Amtsblatt veröffentlicht das Gesetz, welches die Militärbehörden ermächtigt, während der Mobtlisirung des Heeres Requisitionen vorzunehmen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorrespondenz - Brrrearr.
Berlin, 13. November. Das „Militär-Wochenblatt" veröffentlicht eine Notiz, der zufolge dem Prinzen Battenberg, Secondelieutenant ä la suite des 1. Garde-Regiments, der nachgesuchtc Abschied bewilligt worden ist.
Metz, 13. November. Zum festlichen Empfange des Statthalters Fürste« Hohenlohe, der Montag Mittag hier eintrifft und bis Mittwoch verweilt, werden Vorbereitungen getroffen. Am Dienstag findet Festvorstellung im Theater statt.
Wolffenbüttel, 13. November. Prinz Albrecht ist heute Vormittag 11 Uhr hier eingetroffen und enthusiastisch empfangen worden. Die Stadt ist festlich geschmückt.
Galveston, 13. November. Nachts brach eine Feuersbrunst aus, durch welche bisher etwa 50 Gebäude ergriffen wurden.
— Die in der verflossenen Nacht in einer kleinen Gießerei ausgebrochene Feuersbrunst breitete sich, von einem heftigen Sturme angefacht, auf eine anderthalb englische Meilen lange Strecke bis zum Seeufer aus. Bis jetzt sind mehr als 700 Wohngebäude eingeäschert. Zahlreiche Familien sind obdachlos. Der Schaden, soweit er sich bisher übersehen läßt, wird auf 4 Mill. Doll, geschätzt.
Chicago, 13. November. Eine Eonferenz der Freihändler nahm Resolutionen an, worin gegen die Erhöhung der Schutzzölle protestirt und der freie Import von Materialien für die Industrie befürwortet wird.
Kairo, 13. November. sMeldung der „Ag. Haoas".j Gerüchtweise verlautet, daß zwischen den Engländern und den Anhängern des Mahdi ein Zusammenstoß stattgefunden habe.
Nifch, 14. November. (Offieiell.) Der serbische Minister deS Aeußersn Garaschanin, wieS den Gesandten Rharrgabe in Sofia an, der bulgarischen Regierung zu erklären, dafi die serbische Regierung auf die bulgarische Herausforderung mit der Kriegserklärung antwortete. König Milan ist um 1 Uhr Nachts nach Pirot abgereist, um als Armee - Oberkommaudant den Truppenbefehl zu übernehmen.
UniverfitätS - Chronik.
— Der 20jährige Erbprinz von Waldeck hat sich in der juristischen Fakultät der Universität Leipzig immatrikuliren lassen.
— Professor Dr. Deutschmann ist als 1. Assistent des Professors Leber zu Göttingen ausgeschieden. An seine Stelle tritt Dr. Ransohoff, welcher bisher Assistent an der Augenklinik der Berliner Universität war.
Vermischtes.
— sAntwcrpener Weltausstellung.! Alles muß einmal ein Ende haben. — Bezüglich der Ausstellung scheinen indeß die Antwerpener, überhaupt die Belgier anderer Ansicht geworden zu sein. Alles wünschte, man möchte die Ausstellung noch verlängern und selbst an höchster Stelle scheint diese Ansicht vorgewaltet zu haben. Der König der Belgier hat von Anfang an ein großes Interesse für die Ausstellung gezeigt und dieselbe mit seinem Besuch sehr häufig beehrt und sich auf's Eingehendste mit den einzelnen Ausstellungen beschäftigt. Trotz der schlechten Witterung ist Se. Majestät in letzter Zeit stundenlang durch die Ausstellung gegangen, hat Einkäufe gemacht und durch seine Leutseligleit bewiesen, daß er nicht minder Freude an dem schönen Friedenswerke hat als seine Unterthanen. Gelegentlich einer Besichtigung der Congo-Abtheilung besuchte er auch den neben derselben gelegenen Pavillon der Compagnie Kemmerich und erkundigte sich der König eingehend nach der Fabrikationsweise und dem Vertrieb der dort ausgestellten Kemmerich'schen Producte — Fleischextract und Fleischconserven. Der König ließ sich eine aus Kemmerich's concentrirter Bouillon bereitete Tasse Bouillon reichen und drückte seine hohe Befriedigung über den angenehmen Geschmack dieses Productes aus. Von besonderem Interesse schienen demselben die vorgelegten Proben der neuesten Errungenschaft in der Fleischextract-Bereitung, das Kemmerich'sche Fleisch-Pepton zu sein, das bereits die wichtigsten Dienste auf dem Gebiete der Ernährungsfrage Kranker wie Gesunder leistet.
— Bekanntlich war gegen Rechtsanwalt Dr. Stulz in Frankfurt a. M. wegen seiner Manipulationen, die Verteidigung Lieske's übertragen zu bekommen, auch ein Disciplinaroerfahren eingeleitet worden. Das Urtheil, durch welches dieses Verfahren dieser Tage zum Abschluß gelangte, lautet gegen Dr. Stulz auf einen Verweis und auf 1000 JL Geldstrafe.


