Ausgabe 
15.10.1885 Erstes Blatt
 
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starben 2 au Lungenschwindsucht, eine an Bauchfellentzündung, eine an Knochenfraß. Ein Kind starb im Alter von 4 Wochen an allgemeiner Abzehrung, von drei schon älteren Kindern starb eins an Nbachitis, eins erlag einer Hirnentzündung und eins, welches von einem benachbarten Orte hierhergebracht worden war, der Diphtherie.

Gießen, 14. October. ^Turnerisches.^ Es ist schon lange ein warmer Herzens­wunsch aller Freunde der Turnsache, daß für bedürftige beim Turnen verunglückte Turner durch Gründung turnerischer Unfallskassen gesorgt werde; dennoch ist dieser Wunsch bisher ein frommer geblieben dadurch, daß die kleineren Turngemeinschaften den größeren, die größeren den kleineren Initiative und Ausführung zugeschoben haben. Für unseren hiesigen Turnverein ist nun endlich dieser Wunsch um einen bedeutenden Schritt seiner Erfüllung näher gebracht.

Von einer ^ammlung nämlich, welche zu Gunsten eines bedürftigen, kranken Mitgliedes vor einigen Monaten innerhalb des hiesigen Turnvereins vorgenommen worden mar, ist nur ein Theil verbraucht morden. Zu gleichem Zwecke wurde ge­legentlich des diesjährigen Stiftungsfestes des hiesigen Turnvereins eine Festzeitung herausgegeben, welche 10 JL Reinertrag abwarf. Diese Summe übermachte der Ver­fasser, da der unterstützungsbedürftige Turner inzwischen verstorben mar, dem Vor­stande _ des Turnvereins mit der Maßgabe, daß diese 10 JL. den Grundstock eines Ilnsallsonds (in obigem Sinne) bilden sollten. Um nun über die Verwendung des Nestes aus der Sammlung mit 79.10 JL zu entscheiden, hatte der 1. Sprecher des Turnvereins, Herr Ph. Uhl die Geber zu einer Besprechung vorgestern Abend in den Frankfurter Hof" eingeladcn. Nachdem Herr Uhl den Erschienenen über das schon verwendete Geld Rechnung gelegt hatte, wies er daraus hin, wie die Geber jetzt Ge­legenheit hätten, einen namhaften Grundstock zu einem Unfallsfonds zu legen. Nach einer eingehenden Debatte mürbe beschlossen:

1. dem Vorstande des Turnvereins Gießen 50 zur Gründung eines Fonds zur Unterstützung bedürftiger beim Turnen verunglückter Turner zu über- iveisen, unter der Bedingung, daß der Turnverein Gießen für die Unter­haltung des Hofmann'schen Grabes sorge;

2. den Vorstand des Gießener Turnvereins zu ersuchen, für die Restsumme von 29.10 X einen Grabstein für Hofmann fertigen zu lassen.

Wiederholt wurde während der Discussion der Gedanke ausgesprochen, der Vor­stand des Turnvereins möge eine sofortige Verstärkung des Fonds dadurch herbei­führen, daß er eine dahin zielende Liste unter den Mitgliedern und Freunden des hiesigen Turnvereins circuliren lasse.

Indem wir hoffen, daß der Vorstand des hiesigere Turnvereins die Gelegenheit, mit gutem Beispiele seinen Brudervereinen voranzugehen, freudig ergreifen wird, wünschen wir dein neu entstandenen turnerischen Uufallsfond möglichst viele Zuschüsse und möglichst gar keine Unfälle.

Gießen , 14. October. sVeteranen-Verein.j Bald naht der Winter. So ein alter Veteran spürt ihn schon, wenn er auch nur seine Boten gesandt hat. Um so wohlthuender ist es dem alten Krieger, wenn sein Herz aufthaut, wenn es ihm warm wird in der Brust. So auf der letzten Monats-Versammlung des Veteranen - Ver­eins Gießen.

Der geschäftliche Theil bietet wenig für's Herz; dort hat der Verstand zu urtheilen, was dem Wohle deS Ganzen frommt. Und daß dies leitenden Ortes ge­schehen war, bezeugte der allgemeine Anklang, den die gestellten Anträge fanden: sie sprachen aus, was Aller längst gehegter Wunsch war. Und in der Entwickelung des Vereins bezeichnen sie einen neuen Fortschritt, denn in ihnen sand das Ziel des Ver­eins seinen bestimmten Ausdruck.

Der Geist der gemüthlichen Kameradschaftlichkeit fand diesen in der nun folgen­den geselligen Vereinigung. Der Vorsitz war bewährten Händen anvcrtraut und unter dieser Leitung entwickelte sich Freude und Frohsinn immer mehr mit dem Wachsen der Stunde. Auch der Nothleidenden wurde gedacht. Der gefüllte Teller war der Beweis der Freigiebigkeit der Alten.

So hat der Verein, was sein Ziel ist, ausgesprochen und den Geist, der in ihm wohnt, offenbart; möge er beiden in der Zukunft treu bleiben, so wird er wachsen und gedeihen.

Gießen, 14. October. Wir erlauben uns, das kunstsinnige PublikulnM)ießens auf den abermals mit neuen und interessanten Photographien gefüllten SMoukästen des Herrn G. Backofen in Berlin an Stein's Restauration aufmerksammachen Zunächst intereffirt uns der Afrikareisende Dr. Peters, der nicht nur VoMnd der Berliner deutsch-ostafrikanischen Handelsgesellschaft, sondern auch am Platze selbst Vor­steher des Ganzen ist. Nachdem Peters an verschiedenen deutschen Hochschulen Ge­schichte, Jurisprudenz, Nationalökonomie und Philosophie studirt batte, ging er nach London, um dort als independant gentleman in praktischerer Weise volkswirthschaft- licke und politische Studien zu treiben. Hier legte er den Grund zu seinem um­fassenden .colonialpolitischen Wissen. Daneben lernte er durch mannigfache Reisen Land und Leute kennen. Als in Deutschland die Eolonialbestrebungen sich zu regen begannen, hielt ihn nichts mehr in England. Eine glänzende Stellung ausschlagend, verließ er London, wo ihn ohnehin das widerwärtige Verhalten der Deutschen und ihr Mangel an Nationalbewußtsein anwiderten. Im April 1884 regte er die Be­gründung der Gesellschaft für deutsche Colonisation an, deren Leistungen wir kennen, und deren Vorsitzender er ward. Dann ging er als Chef einer Expedition nach Ost­afrika, wo er durch zwölf bündige Verträge mit zehn unabhängigen Sultanen ein fruchtbares Gebiet von 2500 Ouadratmeilen erwarb. Des weiteren intereffirt uns der Schwiegersohn des Fürsten Bismarck, Graf Rantzau, Ulanenreserveofficier. Un­gleich mehr jedoch was Herr Rantzau wohl nicht übel nehmen wird, da es ihm wahrscheinlich ähnlich geht die berühmte Schauspielerin Franziska Ellmen- reich. Ferner bemerken wir die allererste Prima-Donna an der Königlichen Oper in Berlin, Frl. Renaud, Vertreterin der gleichfalls hochberühmten Lilli Lehmann, die dieser Tage einen viennonatlicken Urlaub zu einem Gastspiel in Amerika antritt. Die übrigen Bilder stellen einige weitere erste Mitglieder von Berliner Bühnen dar. -- Herr Gustav Backofen wird am 16. d. M. von Berlin zu mehrtägigem Aufenthalt hier eintreffen.

UniverfitätS - Chronik.

Zum Unioersitätsrichter in Berlin, dessen Amt durch den Tod des Geh. Justizraths Schultz frei geworden war, ist der Staatsanwalt am Landgericht I., Dr. P. Dau de, ernannt worden.

Der Beneficiat Dr. Schöcmek in Eibelstadt bei Ochsenfurt hat einen Ruf als Professor nach Breslau angenommen.

Die Privat - Docenten Dr. Rudolf Emmerich und Dr. Hans Buchner in München haben sich im Auftrage der Staatsregierung behufs Weiterführung ihrer Untersuchungen über die Aetiologie der Cholera nach Palermo begeben.

Vermischtes

Mainz, 10. October. Ein schrecklicher Unglücksfall hat sich gestern Nachmittag gegen 6 Uhr tn dem Hause des Herrn Specereihändlers F. auf der Augustinergasse zugetragen. Um diese Zeit war der Hausbursche in den Keller gegangen, um eine Quantität Spiritus abzufüllen. Kaurn hatte er damit begonnen, als ein dumpfer Knall ertönte, eine mächtige Flamme aus der Kelleröffnung, die in den Laden selbst geht, emporschlug und mehrere Fensterscheiben in Trümmer gingen. Wenige Augen­blicke später stürzte aber auch der Hausbursche, am ganzen Körper brennend und laut jammernd, die Kellertreppe herauf. Einige Umstehende sprangen nun zwar sofort herzu und suchten die Flammen zu löschen, aber nur mit ihren Händen, was natürlich nicht gelang; erst als der Unglückliche auf die Straße rannte, waren einige Leute so be- sonnen, ihre Kleider über ihn zu decken und so das Feuer zu ersticken. Ziigleich wurden ihm die noch immer glimmenden.Kleidungsstücke in Fetzen vom Körper ge­rissen und er dann in ein Nachbarhaus getragen, von wo er später nach dem Hospital geschafft wurde. Der Zustand des Unglücklichen, dessen Körper über und über mit Brandwunden bedeckt ist, ist derart, daß an seine Heilung kaum zu denken ist. Wie es zugegangen, daß die Explosion entstand, ist noch nicht aufgeklärt, da er alleinzu- gegen war und darüber Auskunft geben könnte, er aber bis jetzt nicht darüber ver­nommen werden konnte. Er hantirte bei der Arbeit nicht mit offenem Licht, sondern mit einer Sicherheitslampe. Wahrscheinlich kam er mit einem brennenden Streichholz dem Spiritus zu nahe, während er sehen wollte, ob er genug abgefüllt habe. In dem

Keller hatten mittlerweile die übrigen brennbaren Gegeiffkände Feuer gefangen, so daß die Feuerwehr herbeieilte, welcher es erst nach 1 </2ftünbigev Thätigkcit gelang, jede Gefahr zu beseitigen. Der Verunglückte, Johann Ritter mit Namen, ist ein scbr braver Mann, verheirathet und Vater dreier Kinder. Erst vor Kurzem hatte er das Unglück, daß ihm eines seiner Kinder unter die Räder der Pferdebahn gerieth und demselben ein Bein abgequetscht wurde. Wie wir nachträglich erfahren, soll der Verunglückte heute Nachniittag feinen Leiden erlegen sein.

Mainz, 12. October. In der Mordaffaire Herbst-Wothe wurde heute Nach­mittag eine wichtige Entdeckung gemacht. Bei dem Entleeren des Abortes in der Brauerei zurStadt Mainz" fand man nämlich in ein Lederfell eingehüllt den rechten Oberschenkel eines Menschen. Der Knochen des oberen Theiles desselben war zu drei Viertheilen abgesägt und das andere Viertel abgebrochen. Daß der Schenkel zil dem seiner Zeit aufgefunbenen Rumpf gehört, wurde sofort zur Evidenz dadurch festgestellt, daß Bruch und Schnitt des Schenkels genau auf den Knochen des gefundenen Rumpfes passen. Die in dem Abort sofort vorgenommeneil weiteren Untersuchungen haben vorerst noch ein Lederfell, ein Geldtäschchen mit einem Schlüssel und einem Ning, sowie ein bei der Familie Wothe veruiißtes Halstuck zu Tage gefördert. Weitere Nachforschungen werden morgen vorgenommen. Wenngleich die zweite Lederschürze und das Halstuch das weitere Auffinden von Körpertheilen, die in dieselben eingewickelt gewesen, ver- muthen läßt, so läßt das Lokal des Fundortes, das einen unbemerkten Durchgang gewährt, doch darauf schließen, daß Herbst, der inuthmaßliche Mörder, hier nur einige Th eile beseitigt und nachher an anberen ähnlichen ihm geeignet erscheinenden Stellen bic übrigen Theile bei Seite geschafft hat. Daß ber gemachte Fund hier viel Aufregung beröorgerufen, ist leicht begreiflich, und war bas EtablissementStabt Mainz" bis in die späten Abeubstunben von einer zahlreichen Menschenmenge umlagert. (F. Z.)

Friebberg, 8. October. Ein älterer Ehemann, welcher mit seinerbesseren Hälfte", bie ber Trunkenbolbenhaftigkeit mehr als thunlich zugethan war, immer im Streite lag, der öfter mit schlagenden Beweisen geführt wurde, ließ sich von derselben scheiden und fand auch bald ein anderes Wesen, das geneigt war, bic nun Fehlende ju ersetzen. Am vergangenen Sonntag sollten die Verlobten aufgerufen werden. Vor Beginn des Gottesdienstes hatte sich bie erste Frau eingefunben. Der alte, im Dienst ergraute Kirchenbiener rief, in richtiger Ahnung ber Dinge, bie da kommen sollten, einen Vertreter der Staatsgewalt, ber nun bald in Action treten sollte. Als ber Gottesbienst vorbei war und ber Pfarrer bie Verlobten aufrief, sprang bic erste Frau auf unb schrie laut:Herr Pfarrer, den copeliren Se net, des is mei Mann!" Ein Schreck bemächtigte sich ber anbächtig versammelten Gemeinbe ob solch' unerhörter Störung. Der Polizeibiener packte bie Frau, um bieselbe aus der Kirche zu führen, und da dieselbe nicht gutmütig hinausging, entspann sich eine Balgerei, bei welcher beide Kontrahenten zu Boden sielen. Daß diese komische Scene an ber sonst so ernsten Stelle auch komisch wirkte, läßr sich denken. Heute Morgen nun ging die Trauung vor sich. Damit aber nicht wieder Störung vorkomme, wurde ber größte Theil ber hiesigen Polizei aufgeboten unb vor bas Stanbesamt unb bie Kirche postirt. Unser sanftes Wesen muß keine Ahnung von bem Vorgang gehabt haben, denn eine Störung fiel nicht vor unb das Paar ist nun glücklich in ben Hasen ber Ehe eingelaufen. (Kl. Pr.)

Gau-Algesheim, 9. October. sDrei muthige Frauen, j Am Montag fuhren drei hiesige Frauen, welche mit Butter rc. Handel nach dem Rheingau treiben, bei Frei-Weinheim unter heftigem Wind in einem Kahn über ben Rhein. Der Schiffer wollte am Segel eine Arbeit vornehmen, als ein Winbstoß bas Schiffchen auf bie Seite warf unb ber Mann in's Wasser fiel. Er sank sofort, tauchte aber wicberholt auf unb unter. Bei einer solchen Gelegenheit gelang es einer ber Frauen, ben bem Ertrinken Nahen an ben Haaren zu fassen unb festzuhalten. Die beiben anberen Frauen griffen wacker mit an unb so gelang es enblich, ben Mann in beji Kahn zurückzubringen unb von einem elenben Tobe zu retten. Alle Achtung vor ben braven Frauen!

Hanau, 12. October. Der berühmte Kraftturner Bohlig trat dahier mit un­geheurem Erfolge auf. Mit Recht staunte man über bie brillanten Leistungen Bohlig's, welche sich nicht allein burch hohe Eleganz auszeichneten, sonbern auch von einer nicht geahnten Kraft zeugen. Wie wir Horen, wird Bohlig demnächst in Frank­furt unb Gießen auftreten.

Die berühmte St. Sebalbskirche in Nürnberg droht, wie verlautet, jetzt derartig zu verfallen, daß ber herrliche Dau nur noch burch einen Wiederherstellungs bau, dessen Kosten auf etwa 800,000 geschätzt sind, gerettet werden kann. Zur Aufbringung dieser (Summe hat sich in Nürnberg ein Verein gebildet, der um bie Ge­nehmigung zu einer Lotterie nachzusuchen unb bas Interesse weitester Kreise für bas schöne Denkmal mittelalterlicher Kunst wachzurufen gebenft.

Schwanen- unb Straußenfebern zu waschen, bereitet man zu diesem Zwecke aus lauwarmem Wasser unb guter Waschseife eine schäumenbe Lauge, schwenkt bie Feder recht oft darin durch, spült sie in reinem Wasser, drückt sie leicht aus unb zieht sic dann nochmals durch Wasser, in welchem etwas Berliner Blau aufgelöst worden. Leickt ausgebrückt, hängt man bie Febern zum Trocknen an bic Sonne ober gegen ben warmen Ofen.

Genf, 7. October. Ein schreckliches Verbrechen ist in Morges vorgekommen. Am Montag früh 7 Uhr bemerkte man aus bem von ben Eheleuten Perreteu be­wohnten Hause Rauch und Flammen auffteigen. Als bie ersten Leute in bas Haus einbrangen, bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick bar. Perreteu saß auf einem Stuhle unb hauchte eben seinen letzten Athemzug aus; in einer Blutlache laa ber fürchterlich zugerichtete Leichnam ber Frau. Perreteu war ein Säufer unb hatte oft Streit mit seiner Gattin. Dieses Mal scheint es auch roicber zu einem Zank ge­kommen zu sein, ber endlich in Gewaltthätigkeiteii ausartete. Der Manii ergriff ein Messer unb versetzte der Frau mehrere Stiche in das Gesicht unb ben Hals. Erst nach hartnäckigem unb heftigem Kampfe scheint bic Frau endlich unterlegen und unter ben furchtbarsten Qualen gestorben zu fein. Der Mürber, welcher sich an ben Hänben ebenfalls verwundet hatte, suchte die Spuren seiner Unthat zu vernichten. Er kleidete sich um, legte Reisig unter das Bett seiner Frau, goß Petroleum darüber unb steckte das Ganze in Branb. Da er akr selber zu viel Branntwein im Leibe hatte, scheint es ihm nicht möglich gewesen zu icin, rechtzeitig zu entfliehen; der Rauch hatte ihn offenbar betäubt. Der Mörder, welcher durch seine Trunksucht seinen Hausstanb rück­wärts brachte, war 56 Jahre alt, seine 54jährige brave Frau arbeitete stets fleißig unb war allgemein geachtet.

sEili Lebensbilb aus ber Weltstabt.j Die zufällig vor Gericht gescheheiie Wieberauffrischung eines längst vergessenen kleinen Fehltritts kann, wie aus bem nack- stehenb mitgetheilten Falle ersichtlich, das Lebensglück hoffnungsvoller Menschen total vernichten. Franz H., der Sohn bemittelter Eltern in Hannover, trat vor Jahren nach genossener sorgfältigster Erziehung als Lehrling in ein rcnommirtes Hamburger Handelshaus ein. Der Vater des jungen Mannes hielt denselben sehr knapp mit bem Taschengelbe, unb zwar so knapp, baß er deßhalb von seinen besser gestellten Collegcn arg gehänselt würbe, welche bie Freuden des Hamburger Lebens vollauf genießen fonnten. Demzufolge bemächtigte sich des Verhöhnten eine bittere Stimmung unb in einem unbewachten Augenblicke liefe sich ber Lehrling verleiten, aus ber offenstehenben Geschäftskasse einen THaler zu entwenden. Der kleine Diebstahl wurde noch an dem­selben Tage entdeckt unb bic Folge davon war bie Verurtheilung bes Thäters zu sieben Tagen Gefängniß, ba ber Principal bem übrigen Personal gegenüber ein Erempel ftatuiren zu müssen glaubte. Franz H. bereute den bösen Streich aufrichtig und nach Verbüßung der Strafe wandte er sich nach Berlin, beendete hier seine Lehrzeit in einem großen Geschäftshause ber Lanbesprobucten- und Getreidebranche unb zwar zur vollen Zufriedenheit seines Chefs, welcher ihn später mit hohem Gehalt als Buchhalter an- stellte. In biejem Hause lächelte dem Hannoveraner das Glück noch meiter, denn bald entfpann sich ein inniges Liebesverhältnife zwischen ihm unb ber einzigen Tochter seines Prinzipals, ber gern die Einwilligung zur Verlobung des glücklichen Paares gab. Dlestr Frcildcntag wurde mit großem Aufwande zu Weihnachten 1884 gefeiert. Wenige Wochen darauf geschah ein Diebstahl in jenem Handluugshause, als dessen Thätcr der Hausdiener ermittelt und unter Anklage gestellc wurde. Der verlobte Buchhalter Franz H. mußte als Zeuge gegen den ungetreuen Diener auftreten unb bei dieser Gelegenheit kam seine längst vergesseneöcftrafung an die Oeffentlichkeit. Der über- tricben rechtlich denkende Schwiegervater wurde davon aufs Höchste altcrirt, einen bestraften Menschen als feinen Eidam ernannt zu haben. Demzufolge löste er die Verlobung auf unb Franz H. würbe aufeerbem auf bie cntehicubstc Weise feiner Ver­trauensstellung enthoben. Die Braut bes fo jäh aus feinem Parabiefe vertriebenen jungen Mannes erklärte zwar ihrem Bräutigam, trotz des Vorgefallenen ihm treu.

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