Rr. 86 Mittwoch deu 15 April 1886
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mtt Bringtrtofau Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P.
Erscheint täglich mit »«»nähme deö Montckgs.
Wmreg«e vchulstraße 7.
zu bezeichnen:
Berlin, den 13. März 1885.
1) alle zum Schießen aus Jagd- oder Scheibengewehren oder zu Sprengungen in Bergwerken, Steinbrüchen u. s. w. dienenden, au» Salpeter, Schwefel und Kohle hergeftellten Pulversorten; .. . ... . ... ... , ... . ...
2) die zur Entzündung von Gewehrladungm dienenden Sprengstoffe, foroett fie in Zündhütchen für Gewehre oder Zundspiegeln für dergleichen verarbeitet sind;
3) die Vereinigung der unter 1 und 2 genannten Stoffe in fertige Gewehr-, Pistolen- oder Revolverpatronen, einschließlich der unter Ver- wendung von Knallquecksilber ohne Pulver hergestellten Patronen für Teschingewehre, Pistolen oder Revolver.
Der Stellvertreter des Reichskanzlers, von Boetticher.
Die nachstehende, in Rr. 10 des Reichsgesetzblatts vom 20. März 1885 enthrttene Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 13. März 1885 wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, am 10. April 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmaun.
(Nr. 1593.) Bekanntmachung, betreffend das Gesetz gegen den v-rbr-ch-rische« «nd gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen. Vom 13. März 1885.
Auf Grund des § 1, Absatz 3 des Gesetzes gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen vom 9. Juni 1884 jReichS-Gefetzbl. S. 61]*) hat der Bundesrath beschloffen, die nachfolgenden Sprengstoffe als solche, welche vorzugsweise als Schreßmittel gebraucht werden,
- Der envJ^JctC£^c^^ sowie die Eir'uchrung derselben aus dem Auslande ist unbeschadet der bestehenden sonstigen
^^^er^ sich ^nüt Ver HersteOllung^^der ^dem ^Vertrie^be von^prengstoffen besaßt, hat ein Register zu führen, aus welchem die Mengen der hergestellten, aus dem Auslände eingeführten oder sonst zum Zweck des Vertriebes avgeschafften Sprengstoffe, sowie Die Bezugsquellen und der Verbleib derselben ersichtlich fern müssen. Dieses Register ist der zuständigen Behörde auf Erfordern jederzeit vorzulegen.
Auf Sprengstoffe, welche vorzugsweise als Schießmittel gebraucht werden, finden vorbehaltlich abweichender landesrechtlicher Vorschriften die Bestimmungen des ersten und des zweiten Absatzes keine Anwendung. Die Bezeichnung diesLr Stoffe erfolgt durch Beschluß des Bundesraths. ,
Insoweit Sprengstoffe zum eigenen Gebrauch durch Reichs- oder Landesbehörden von der zuständigen Verwaltung hergestellt, beseffen, emgefuhrt oder vertrieben werden, bleiben die Vorschriften des ersten und^fiveiten Absatzes etenW, ausgeschlossen."
Berlin, 12. April. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: „In Folge drr Nachricht von einer aus den Sammlungen zu dem 70. Geburtstage des Reichskanzlers zu gründenden Stiftung sind bereits so viele Gesuche an den Fürsten Bismarck eingegangen, daß es schon jetzt unmöglich geworden ist, dieselben geschäftlich zu behandeln oder auch nur den einzelnen Petenten eine Ant- ivort zugehen zu laffen. Bisher ist übrigens eine Stiftung noch gar nicht mstent geworden. Es steht selbst noch nichts über den Zweck derselben fest; nur soviel scheint unzweifelhast, daß die gesammelten Gelder nicht zu allgemeiner Äildthätigkeit verwendet werden und einer Erleichterung der Armenlasten dienen iGÜen. Die zahlreichen Gesuchsteller, welche von dieser salschen Voraussetzung ausgehen, werden daher auch in Zukunst auf einen Bescheid nicht rechnen dürfen." __________________________
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz-Burea«.
Paris, 13. April. Eine Depesche Bridre's zeigt den Empfang des Befehls zur Einstellung der Feindseligkeiten an und theilt umfassende Maßregeln mit, die getroffen sind, Uebcrraschungen und Mißverständnisse zu vermeiden. .
London, 13. April. Unterhaus. Gladstone theilt mit, daß Lord Dufferrn's Bericht über den Meinungsaustausch mit dem Emir von Afghanistan eingetroffen sei • Er könne keine Einzelheiten angeben, aber der Meinungsaustausch sei ein voller und gänzlich befriedigender gewesen. Eroß kündigt an, er bekämpfe den Antrag auf Eintritt in die Specialdebatre der egyptischen Anleihe-Bill durch einen Unterantrag, der b:e Weitcrberathung der Vorlage ablehne, bis die Suezcanal - Eonvention dem Hause «i:getheilt sei. — Hartington beantragt, eine Adresse antwortlich der königlichen Botst» ast, betr. Einberufung der Reserven, zu vertagen und will eine Darlegung der Politik bis zur Diskussion desCredits für den Sudan und die Verstärkung für Indien, b.T Montag oder Dienstag dem Hause vorgclegt wird. — Auf verschiedene Anfragen, b neffenb die Vorgänge an der afghanischen Grenze, antwortet Gladstone: Es sei sflicht Englands, auf einer eingehenden Untersuchung zu bestehen: dieselbe sei bereits iil Gange und die Negierung hoffe, sie werde die Thatsachen vollständig ausklären, kis dahin sei es nicht vortheilhaft, auf Einzelheiten einzugehen. Zur geeigneten Zeit werbe der Schriftwechsel dem Hause vorgelegt werden. Was den Meinungsaustausch fischen Lord Dufferin und dem Emir betreffe, auf den die Negierung unter den gegenwärtigen Umständen die größte Rücksicht nehmen müsse, so sei die Regierung im Besitze riires vollständigen Berichtes Dufferin's; derselbe betreffe selbstverständlich auch ins- i.sondere den jüngsten Conslict, wovon der Emir vollständig unterrichtet gewesen, sowie die übrigen jetzr schwebenden Fragen. Das Haus möge jetzt keine Details erwarten; -die zwischen Duffer in und dem Emir auSgetaufchten Ansichten seien erschöpfende und völlig befriedigende gewesen. Was den Bericht Komaroffs anlange, so differire derselbe wesentlich von den bisher bekannten Mittheilungen englischer Officiere. Von Lumsden werde ein ausführlicher Bericht erwartet. Die Regierung werde ihr Möglichstes thun, die eingeleitete Untersuchung erschöpfend und vollständig zu machen. Der Zeitpunkt, wann die Antwort Rußlands und Lumsden's zu erwarten, sei noch unbestimmt. Bisher ist es nicht möglich gewesen, eine Antwort Rußlands auf die wesentlichen Punkte tiiid Vorstellungen Englands zu erhalten; der Regierung ging keine Nachricht vom Vormarsch der Russen längs des Murghab-Flusses zu, man habe nur gerüchtweise davon ach.ört. Ebensowenig habe die Regierung erfahren, daß die russische Regierung den Befehlshabern an der afghanischen Grenze Belohnungen und Decorationen verliehen habe. Fitzmaurice'erklärt, Lumsden befinde sich jetzt in Tirpul und werde alles auf- flebeten, den Telegraphen zwischen Teheran und Meshed wieder herzustcllcn.
London, 13. April. Oberhaus. Granville erwiderte auf eine Anfrage Salis- ^iiry's, er habe den jüngsten Erklärungen Gladstone's bezüglich der Vorgänge an der
afghanischen Grenze nichts hinzuzufügen. Der russische Botschafter Staal habe die bereits bekannten Erklärungen Komaroffs mftgetheilt. Die Regierung habe keinen Grund, den Gerüchten vom Vorrücken der Russen längs des Murghab-Flusses und der Besetzung Herats Glauben zu schenken.
— Der heute abgehaltene Cabinetsrath dauerte zwei Stunden. Während desselben erging nach Liverpool die Ordre, der Dampfer „Oregon", der als Transportschiff verwendet werden sollte, sei als Kriegsschiff auszurüsten. Nach dem Cabinetsrath hatte Granville eine Besprechung mit Carolyi und Hassan Fehmi.
— sTelegramm des „Reuter'schen Bureaus".) Die Geschwader in China und Australien sollen durch Panzerschiffe verstärkt werden; behufs Vervollständigung der Ausrüstung für die neuen Kreuzer „Amerika" und „Oregon" wurde in mehreren Werkstätten des Arsenals von Woolwich auch gestern gearbeitet. Als Befehlshaber eines zu bildenden Ostsee-Geschwaders wird Admiral Hornby genannt. Nach den im Kriegsministerium aufgestellten Anschlägen würden für den Dienst im Auslande 52,672 Ni an n Truppen von allen Waffengattungen disponibel sein.
— Dem „Standard" wird aus Tirpul vom 7. d. M. telegraphirt: Wir erhielten die Meldung, daß die Russen das Murghabufer entlang vorrücken. — Für diese Mittheilung des „Standard"-Correspondenten, der sich bei der Lumsden'schcu Mission aufhälr, liegen anderweite Bestätigungen bis jetzt nicht vor.
— sReuter - Meldung.^ Lumsden soll eine strategisch bedeutende Position bei Tirpul am Heri-Nud besetzt haben, um einen etwaigen Handstreich der Russen auf Herat zu verhindern.
— Die „Pallmall Gazette" hält die Erklärungen des Generals Komarofs für beftiedigend, da seine Lage am 29. v. M. eine ernste war und ihm Umzingelung durch eine dreifache Uebermacht drohte. Das Blatt hält den durch das Vorgehen Komaroffs hervorgerufenen Zwischenfall für beendet, falls nicht die Behauptung, daß die Afghanen über die am 17. März innegehabte Stellung vorgerückt seien, widerlegt werde. Die Gazette hofft, die Antwort des Capitän Bäte werde ebenso befriedigend, ivie diejenige Komaroffs ausfallen und behält sich weiteres Urtheil vor. Der „Globe" hält dagegen die letzte Depesche Komaroffs für eine noch größere Entstellung der Thatsachen, als man erwarten konnte. Weiteres Unterhandeln sei Zeitvergeudung. Der Kaiser von Rußland müsse sich entschließen, ob er lieber den Krieg wolle oder sein Prestige in Asien durch Zurückziehung der Truppen von dem afghanischen Gebiete aufs Spiel setzen. Im ersteren Falle sei der Krieg je eher desto besser für England. Die ,,St- James- Gazette" meint, selbst wenn Zkomaroffs Depesche wahrheitsgetreu, sei, treffe ihn doch der Vorwurf, die Afghanen angegriffen zu haben. Das Blatt bespricht die Eventuau- täten eines Krieges und hebt die Wichtigkeit für England hervor, die erste bcdeutenoL Schlacht zu gewinnen, da sonst die Treue des Emirs und der afghanischen klammer fraglich sei.
Territet (Schweiz), 13. April. Heute Vormittag 11 Uhr 25 Minuten: wurde Hierselbst ein heftiger Erdstoß in der Richtung von Süd nach vcoro wahr- genommcn.
Petersburg, 13. April. Der militärische Mitarbeiter der deutschen „^t. Petersburger Zeitung" sagt in einer Besprechung der Komoroff'fchen L.epeiche. ,,-L>lese Depesche ist augenscheinlich die Antworr auf die von Petersburg verlangre Rechr-- fertigung der Handlungsweise Komaroffs. Seine Erklärungen haben um io höherem Werth, als sie sich mit denen des Gegners decken. (Lriehedle letzte epesche Lumsdens.^ In neuttalen Zonen besetzt man keine vortheilhaften Stellungen; thut man es, riskirt man, aus diesen verjagt zu werden. Aus der L-epeiche Komaroffs gehe jedoch hervor, daß ein von afghanischer tocite systematisch geplante) Angriff vorlag. Was wäre geschehen, wenn die Afghanen das ruffische Detachement umzingelt und vermöge ihrer Ueberzahl einen Waffenerfolg davongetragen halten. r ie lofortige Kriegserkläruirg seitens Rußlands wäre unvermeidlich gewesen."
Kairo, 13 April. General Wolseley geht demnächst nach Suakim, wird ober - auch von dort aus die Vorbereitungen zu dem Herbstfeldzuge im Sudan fortsetzen. Aus Dongola wird gemeldet, daß der Aufstand m Kordosan gegen den Mahd: um lidj


