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Mr. 265 Freitag den 13. November 18S5

ießmer Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. . . ., , .. - «x>A-*AAa. PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mrt Ausnahme des MontagS. £ur$ bie P^st bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Amtlicher Hheil.

Betreffend : Die Ernennung der Feuervisitatoren für den Kreis Gießen. Gießen, am 10. November 1885.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien Allertshausen, Beltershain, Climbach, Geilshausen, Gobelnrod, Grunberg- Harbach, Keffelbach, Lauter, Lindenstruth, Londorf, Lumda, Odenhausen, Oueckborn, Reinhardshain, Nuddtngshausen, Saasen, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain und Weitershain.

Wir haben an Stelle des seitherigen Feuervisitators Conrad Bock zu Grünberg, welcher im Hinblick auf sein vorgerücktes Alter und unter Anerkennung der von ihm während einer langen Reihe von Jahren mit Eifer und Treue geleisteten guten Dienste von uns dieser Funktionen enthoben worden ist, den Bezirksbauausseher Maringer zum Feuervisitator für die vorstehend genannten Gemeinden ernannt.

Dr. Boekmann. _____

Politische Ueberficht.

Gießen, 12. November.

Nachdem die preußische Wahl-Campagne nunmehr zum defini­tiven Abschluß gelangt ist, zieht die bevorstehende Reichstags-Session die Aufmerksamkeit wieder in erhöhtem Maße aus sich. Zwei Fragen sind es namentlich, mit denen sich der Reichstag wohl bald nach seinem Zusammentritte zu befaffen haben wird, ja, die man als die Höhepunkte der Session bezeichnen kann: die Verlängerung des Socialistengesetzes und die Fest­setzung der Friedens.Präsenzzisser des Reichsheeres. In Bezug aus letztere Frage heißt es wenigstens wird in einem Theile der Preffe diese Behauptung ausgestellt daß die Militär-Verwaltung beabsichtige, eine Ver­mehrung der Friedens-Präsenz des Reichsheeres anzustreben. Dieses Bestreben ist an und für sich durchaus berechtigt und den bezüglichen Bestimmungen der NeiLsoerfassung entsprechend, denn dieselben setzen die Friedens-Präsenzziffer auf 1 p§t. der Bevölkerung fest und da die Bevölkerung des deutschen Reiches seit 1881, in welchem Jahre die letzte Vermehrung des HeeresstandeS erfolgte, um ca. zwei Millionen Kopse zugenommen hat, so würde dies auch eine Erhöhung der Truppenstärke bedingen. Anderseits muß zugegeben werden, daß der Grund- satz der allgemeinen Wehrpflicht nur dann folgerichtig durchgesührt werden kann, wenn wirklich so viel Mannschaften zur Einstellung gelangen, als Dienstpflichtige vorhanden find. Es ist bei uns aber bisher nie möglich gewesen, alle Dienst, pflichtigen wirklich einzustellen und aus dieser Unmöglichkeit resultirte z. B. die militärische Ausbildung der Ersatzreserve 1. Klasse schon im Frieden. Die Gründe für diese Beschränkung sind vorwiegend finanzieller Natur; indeffen darf man überzeugt sein, daß unsere Militär-Verwaltung bei ihrem anerkannten Streben, die Ausgaben des Reiches für die Wehrkraft aus das Nothwendigste zu beschränken, auch fernerhin darauf bedacht sein wird, erforderliche MehrauS« gaben in möglichst engen Grenzen zu halten. Nun, olle diese speciellen Fragen werden bei der Berathung über die Friedens-Präsenzziffer des Heeres im Reichs­tage jedenfalls zur eingehendsten Erörterung gelangen, man darf aber wohl erwarten, daß das Parlament keinerlei Beschlüsse fasten wird, die geeignet wären, die Wehrkraft des Reiches auf Jahre hinaus in bedenklicher Weise zu schwächen. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß das Ordinarium des Militär-Etats pro 1886/87 mit einem Plus von 5% Mill. Jl. an fortdauernden und etwa 8 Mill. Jt. an einmaligen Ausgaben gegen das Vorjahr abschließt. Von dem- selben kommen 7 Mill. für Vervollständigung des Waffenbestandes als ein­malige Ausgabe und 3 Mill. JL für Verpflegung in Betracht. Das Extra- ordinarium weist ein Plus von etwa 4J/2 Mill. gegen das Vorjahr auf und beträgt im Ganzen ca. 25 Mill. «X, die zum größeren Theile aus dem Festuvgsbausonds mit etwa 10% Mill. JL durch eine Anleihe und mit circa 2 Mill. aus den ordentlichen Reichs-Einnahmen eingebracht werden sollen. Was nun die Verlängerung des Socialfftengchtzes anbelangt, welches be- kanntlich im Herbste nächsten Jahres abläust, so sieht man der Entscheidung des Reichstages hierüber mit besonderer Spannung entgegen. Das letzte Mal gaben im Reichstage bei der Abstimmung über die Vorlage, welche die Ver- längerung des Socialistengesetzes forderte, nur wenige Stimmen den Ausschlag für dieselbe und bei der eigenartigen Zusammensetzung des Reichstages schwankt diesmal die Entscheidung mehr als je. Darüber, ob das Gesetz in der That einen praktischen Nutzen hat, sind die Meinungen sehr getheilt. Wer indeffen dm Stand der Dinge reiflich prüft, der wird trotzdem, daß die socialdemokca- tische Bewegung von ihrer inneren Kraft noch nicht merkbar eingebüßt hat, dennoch finden, daß eine Aushebung des Socialistengesetzes von den bedenklichsten Cor.sequenzen sein müßte, denn es würde hiermit der zügellosen, fanatischen Agitalion mancher modernen Volksbeglücker, wiederum ThürZund Thor geöffnet werden und einer solchen Eventualität gegenüber würde ein die Außerkrast- schling des Socialistengesetzes bezweckender Beschluß des Reichstages nur tief zu beklagen sein.

Prinz Albrecht, der Regent von Braunschweig, wird feinen Aufenthalt vorläufig wieder in Hannover nehmen, bis die nöthigen baulichen Veränderungen im braunschweigischen Residenzschloste erfolgt sind. Ueber die Abreise des Prinzen Albrecht von Braunschweig find indeffen noch keine festen Bestimmungen getroffen, dagegen ist seine Gemahlin am Montag Nachmittag über Berlin nach Camenz i. Schl, abgereist, um dort etwa eine Woche zu ver* wellen und dann nach Hannover überzufiedeln.

Zur Angelegenheit der Neubesetzung des erzbischöflichen Stuh-es von Posen-Gnesen liegt eine bemerkenswerthe Notiz vor. DerKuiyer Poznanski" veröffentlicht eine Zuschrift des Kardinals, Grafen Ledochowski, in welcher derselbe seine volle Ucberzeugung ausspricht, daß er, Der Hirte, zu seiner verlastenen Heerde zurückkehren werde. Das genannte Blatt folgert hieraus, daß Graf Ledochowski an eine Resignation auf den erzbischöflichen Stuhl von Posen-Gnesen gar nicht denke. Sollte Graf Ledochowski wirklich in sein früheres Amt eingesetzt werden, so müßte entweder er sich in seinen Gesinnungen ge­waltig geändert haben, oder aber die preußische Regierung zur vollständigen Nachgiebigkeit gegenüber den Forderungen der römischen Curie geneigt fein; beides jedoch ist schwer denkbar. Aus Straßburg i. E. wird gemeldet, daß der neue Statthalter am Samstag auch den Coadjutor Stumps nebst dem Dom­kapitel empfing und auf die begrüßende Ansprache des Herrn Stumpf erwiderte, wiejgroßen Werth er, der Statthalter, darauf lege, die guten Beziehungen zu pflHm und zu erhalten, die zur Zeit seines Vorgängers zwischen der Staats­gewalt und der katholischen Kirche bestanden hätten. Fürst Hohenlohe betonte hiM^ei, daß er selbst der letzteren angehöre.

^Jn der niederländischen Arbeiterwelt machen sich gegenwärtig wieder agitatorische Einflüsse bemerkbar. Am Sonntag begaben sich in Amster­dam einige Hundert Arbeiter, von Socialdemokcatm zusammenberufen, in ge­schloffenem Zuge zum Bürgermeister nach dem Stadthause, um Arbeit zu ver­langen. Hier wurde ihnen eröffnet, daß das Stadthaupt keine Deputationen empfange, die in dieser Weise kämen. Alsdann sandten die Arbeiter zwei Delegirte, die der Bürgermeister ebenfalls nicht empfing, und zwar mit Rücksicht auf die stattfindende Sitzung. Die vor dem Rathhause angesarnmelte Menschen­menge konnte nur durch die Polizei zerstreut werden. Da Tumulte befürchtet werden, so haben die Behörden die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Die Frage Der Armeesprache kann in den in Wien versammelten Delegationen nicht zur Ruhe kommen. In der Generaldebatte, die in der Mon- tagsfitzung der österreichischen Delegation bezüglich des Kriegs- und Marine- Budgets stattfand, gab der Kriegsminister neuerliche Erklärungen über die Armeesprache. Gras Bylandt führte aus, daß für kleine Truppenkörper die Kenntniß der deutschen Sprache freilich nicht nothwendig sei, wohl aber in der Armee im Großen und als Verständigungsmittel im Kriege. Die gesammte Mannschaft brauche ja nicht deutsch zu verstehen, wohl aber der Eine und der Andere. Wie könnten sonst fruq der Minister Patrouillen sich verstän­digen und Meldungen machen? Diese wiederholten Erklärungen des Knegs- ministers sind ein entschiedener Beweis, daß die österreichische Regierung wenig­stens nicht an der deutschen Armee- und Commando-Sprache gerüttelt wissen will, dieselbe ist ja in der That so ziemlich das einzige Band, welches die österreichisch-ungarische Armee als Ganzes noch zusammenhält.

Je näher der Tag der englischen Parlamentswahlen der 24. November heranrückt, desto häufiger werden die Agitationsreisen besonders der Parteiführer. Jetzt hat Herr Gladstone eine derartige Reise nach Schottland angetreten der Wahlkreis des früheren Premiers liegt in Schott­land um in Edinburgh mehrere Wahlreden zu halten. Schon unterwegs, in Chester, hat Mr. Gladstone einen kleinen Speech gehalten, in welchem er versicherte, er gehe weniger nach Schottland, um wiedergewählt zu werden, als- um die Lehre von der< Einigkeit in der liberalen Partei zu predigen.

König Thibo von Birma hat auf das englische Ultimatum in unbe­friedigender, zum Theil sogar feindseliger Weise geantwortet; die englischen Truppen werden daher ehemöglichst die birmanische Grenze überschreiten und sind vier Regimenter auf Dampfern bereits dem Jrrawaddy hinaufgegangen.

|f Darmstadt, 11. November. Se. Königl. Hoheit der Großherzog wohnte heute Vormittag 10 Uhr mit dem Erbgroßherzog und den Erbprin- zessinnen-Töchtern, sowie den gesummten übrigen Großh. Herrschaften der Ein­weihung der neuen evangelischen Martinskirche bei, welche von einem Privaten für den nordöstlichen Stadttheil, der nunmehr eine eigene kirchliche Gemeinde, die Martinsgemeinde, bildet, sammt Pfarrhaus und Dotation der Pfarrstelle gestiftet worden ist. Der Stifter hat etwa eine Viertel Million «X darange­wendet. Die Kirche und das Pfarrhaus sind im frühgothifchen Styl erbaut und machen einen höchst malerischen Eindruck. Die Einweihung der Kirche verlief unter Anwesenheit der Geistlichkeit, der staatlichen und städtischen Behör-