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fir« 213 Zweites Blatt Sonntag den 13 September
Wochen - Ueberficht.
Gießen, 12. September.
Am heutigen Tage, den 12. September, feiert unser allergnä- digster Landesherr seinen 48. Geburtstag. Möge es dem allverehrten Fürsten noch recht lange beschieden sein, sein treues Heffenvolk in Frieden und Segen zu regieren. Das walte Gott!
Nachdem Kaiser Wilhelm den Manövern des 3. Armee-Corps beigemohnt. ist er am Mittwoch Abend nach Baden-Baden, resp. Karlsruhe ab- gereist, um den Manövern. zunächst des badischen und dann des württembergi- schen Armee-Corps beizuwohnen. In der Begleitung des Kaisers befindet sich auch Prinz 'lrnulph von Bayern, welcher gelegentlich seiner Anwesenheit bei den Uebungen her oben genannten preußischen Armee-CorpS zum Ches des 6. Brandenburgischen Jnsanterie-RegimentS Nr. 52 ernannt worden ist. In Karlsruhe begrüßt sich der Kaiser mit dem Kronprinzen und der Kronprinzessin von Schweden, welche daselbst am Dienstag eingetroffen sind; die Kronprinzessin von Schweden ist bekanntlich die Tochter des Grobherzogs und der Großherzogin von Baden.
Den Brennpunkt der gesummten politischen Dtscufslon bildete in der abgelaufenen Woche die Erörterung des deutsch spanischen Streit- falles, wie er sich nach der Besetzung der Insel Yap und den Pöbel-Exceffen in Madrid gestaltet hat. In allen deutschen Blättern spiegelt sich die Zuversicht wider, daß es den so versöhnlichen Dispositionen der Neichsregierung gelingen werde, den Conflict mit Spanien wegen der Karolinen-Jnseln in gütlicher Weise beizulegen und auch die auswärtige Presse ist des Lobes über die überaus besonnene und maßvolle Haltung voll, welche man maßgebenden Orts in Berlin trotz dcr Prooocationen der spanischen Nation und ungeachtet der jüngsten Zwischenfälle in her ganzen Affaire fortgesetzt entnimmt. Jenseits her Pyrenäen selbst scheinen sich die hochgehenden Wogen der nationalen Erregung etwas geglättet zu haben und stehl zu hoffen, daß es der Energie, welche die Regierung des König- Alfonso jetzt entwickelt, gelingen werde, wettere antideutsche Kundgebungen zu unterdrücken. Einiges Befremden hat es allerdings erregt, daß Deutschland 110$ immer keine osficielle Genugthuung Seitens der spanischen Regierung für die Beschimpfung der deutschen Flagge in Madrid zu Theil geworden ist. In- dessen trägt die deutsche Regierung der überaus schwierigen Sage, in welcher sich König Alfonso und fein Ministerium befinden, volle Rechnung und unterläßt es einstweilen, auf Gewährung dieser Genugthuung zu bringen; es wird wohl Niemand wagen, düses Verhalten her Reichsregierung als eine Schwäche aufzufassen. Im Uebrigen liegt heute zur Karolinen-Affaire nichts Neues von öebeutung vor; auch über hie ferneren Vorgänge auf her Insel Dap ist absolut nichts bekannt. Die Nachricht, baß hie heutigen Consuln in Barcelona und Saragossa ermordet worden seien, wird als gänzlich unbegründet bezeichnet, zumal da in Saragossa überhaupt gar keine consularische Vertretung des deutschen Reiches existirt- In Madrid war einem Telegramm des „Temps" zufolge die Garnison noch immer in den Kasernen confignirt und dauerten die polizeilichen Vorsichtsmaßregeln fort; die Ruhe soll nicht wieder gestört worden sein. Als ein Zeichen der beginnenden Ernüchterung jenseits her Pyrenäen ist auch der Vorschlag des angesehenen Madr.der Journals „Epoca" anzusehen, das Wappen am deutschen Gesandtschafts-Gebäude feierlich wieder anzubringen.
Auf dem Gebiete her inneren Angelegenheiten sinb Ereignisse von größerer Bedeutung nicht zu verzeichnen. Hervorzuheben ist jedoch die in Eisenach stattgesundene 39. Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins, welche in thren Beschlüssen und Verhandlungen ein erfreuliches Zeugniß von dem in prolestantisch-kirchlichen Kreisen waltenden lebendigen Geiste abgelegt hat. — Längere Erörterungen in den Zeitungen rufen noch immer die Ausweisungen russischer und österreichischer Staatsangehöriger aus den östlichen Provinzen Preußens hervor; fast ausnahmslos wird von dieser Maßregel das polnische Element betroffen und handelt es sich hierbei offenbar um ein planmäßiges Vorgehen her preußischen Regierung. Von Interesse ist in biefer Frage auch eine Erklärung her sächsischen Regierung, wonach in Sachsen domicilirende russische Untertanen nicht befürchten müssen, ausgewiesen zu werben, so lange sie sich keiner sociali- stischen'und anarchistischen Umtriebe verdächtig machen, dagegen finden die aus Preußen Ausgewiesenen auch in Sachsen keine-Aufnahme. — Aus der nur langsam in Fluß kommenden Wahlbewegung in Preußen anläßlich der Landtagswahlen ist als erste Kundgebung der Deutschfreisinnigen ein am 12. und 13. d. Mts. in Breslau stattfindender Parteitag zu registriren.
Bei Kiel ist ein Torpedoboot her deutschen Marine in Folge eines Zusammenstoßes mit einem andern Torpedoboote gesunken, wobei ein Maschinistenmaat den Tod in den Wellen fand. Die Schiffe „Blücher" und „Ulan" sind mit Prähmen von Kiel abgegangen, um Hebeversuche vorzubereiten.
Die Einberufung des österreichischen Reichsrathes auf den 22. September gicbt den österreichischen Zeitungen Anlaß zu eingehenden Betrachtungen über hie bevorstehende Session, hie besonders in den deutsch-liberalen Organen ziemlich pessimistisch klingen. Das neugewählte Parlament tritt allerdings unter keineswegs günstigen Auspicien zusammen, denn schroffer als je entbrennt Der Nationalitäten-Hader im Kaiserstaate und sicherlich wird er seine Wirkungen auch im ReichSrathe äußern. Das hervorragendste Feld des nationalen Kampfe» ist nach wie vor Böhmen, in hochgradiger Erbitterung stehen stch hier Deutsche und Czechen gegenüber und die blutigen Zusammenstöße zwi
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
schen den Angehörigen beider Nationalitäten mehren sich in bedenklicher Weise- Selbst in die Armee nistet sich der Geist der nationalen Zwietracht ein, wie die Raufereien zwischen deutsch-böhmischen und czechischen Soldaten gelegentlich Der Pilsener Manöver beweisen und es müßte schlimm um Oesterreich stehcn, wenn es nicht gelingen sollte, aus seiner Arme?, diesem letzten Hort des österreichischen Staatsgedankens, die nationalen Gegensätze wieder zu bannen.
Die officielle Bekanntgebung des Termins für hie Neuwahlen zur französischen Deputirtentammer, hie bemnach am 4. October fiatt» inben werben, hat fast unmittelbar zwei bemerkenswerthe Äunbgebungen nach sich gezogen. Die eine betreiben besteht in einer Wahlrebe, welche der Ministerpräsident Brisson auf einem Banket zu Paris gehalten hat und in der er das Programm der Regierung entwickelte. Als Hauptpunkte dieses Programme» erscheinen die Steuerreform, Befolgung einer friedlichen, aber würdigen Politik nach Außen gUnh Abschluß Der colonialen Action und deckt sich sonach das Programm her Regierung im Allgemeinen mit demjenigen der Opportunisten. Die andere Kundgebung aus der französischen Wahlbewegung bildet eine am Dienstag Abend in Pans stattgefundene allgemeine Delegirten-Versammlung der Monarchisten. Aus derselben wurde ein Partei-Programm angenommen, in welchem nach Darlegung der Beschwerden gegen die Republik eine ständige starke Staats- gemalt gefordert wird, hie burch Wiederherstellung des religiösen Friedens und durch Handhabung einer vorschauenden auswärtigen Politik Frankreichs Gedeihen be* örbere. Das Programm stellt nicht hie Frage Republik ober Monarchie, son- bern verlangt nur die Wiederherstellung oes Artikels Der Verfassung. welch r gestattete, hie Regierungsform zu discuttren.
Der Kreis her fürstlichen Gäste, welcher sich um hie dänische Königsfamilie in Schloß Fredensborg versammelt hat, erweitert sich zusehends. Am Mittwoch ist daselbst die Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin em- getroffen und kommenden Montag erwartet man in Schloß Fredensborg den Herzog und die Herzogin von Chatres, sowie den Prinzen von Wales. Der Umstand, daß sich der englische Thronfolger mit seinem Kaiserlichen Schwager, dem Czaren, auf dänischem Boden begrüßt, darf wohl mit als ein Symptom der gegenwärtig zwischen England und Rußland herrschenden guten Beziehungen aufgefaßt werden.
Aus der Schweiz werden neue Ausweisungen von Anarchisten, vier Oesterreichern und eines Bayern, gemeldet. Man kann es nur dankbar anerkennen, daß der Schweizer Bundesrath fortgesetzt so energisch gegen die internationale Umsturzpartei vorgeht und deren Mitgliedern mehr und mehr die Anschauung benimmt, als sei der Boden der Eidgenossenschaft eine Heimstätte für die anarchistische Gesellschaft.
Die in verschiedenen italienischen Häfen, hauptsächlich in Palermo, getroffenen militärischen Vorkehrungen hatten zu verschiedenen Gerüchten Anlaß gegeben. Unter Anderem wurden jene mit neuen überseeischen Erpeditionen Italiens in Verbindung gebracht; dieser Anschauung tritt jetzt der „Popolo Romano" mit her Erklärung entgegen, daß alle Nachrichten über italienische Expeditionen nach Tripolis, Marokko, dem Sudan oder her Guineaküste gänzlich unbegründet seien- Wahrscheinlich handelt es sich nur um die gewöhnlichen Herbstmanöver der italienischen Flotte- — Die Cholera ist nun wiederum in Ober - Italien aufgetreten, wohin sie von Südfrankreich aus verschleppt worden ist. Bis jetzt zeigt die Epidemie einen müden Character. . y , r
Die afghanische Grenzfrage kann letzt her Hauptsache nach als gelöst gelten, da die englische Regierung die von Rußland bezüglich des Zul- ficarpasses gemachten Vorschläge, welche das hier zusammenstoßende rusfische und afghanische Gebiet abgrenzen, definitiv angenommen hat. Dem Cabmet Salisbury ist hiermit in seiner auswärtigen Politik eine große Sorge vom Hals genommen.
Die Mission Sir Drummond Wolffs in Konstantinopel scheint nicht recht vom Flecke zu wollen, denn es wird aus der türkischen Hauptstadt gemeldet, daß man in den Konferenzen Wolffs mit den türkischen Ministern noch nicht über die Vorfrage hinausgekommen sei.
In mehreren Bezirken des Unionstaates Ohio hat ein heftiger Wirbelwind große Verwüstungen angerichtet Man schätzt den Ge- sammtschaden auf 1 Mi«. Doll.; auch her Verlust zahlreicher Menschenleben ist zu beklagen. ,,
Der Tag des armen Mannes.
Des armen Mannes Tag (the poor man’s day) wird der Sonntag von dm Engländern genannt. Kein Volk hat es io verNanden wie das engluche, bic SßobU tbaien des Sonntags für das Ansrnhe^ von harter Arbeit und für das Sammeln neuer Kräfte auszunutzen. Schon am Samstag Nachmittag werden Fabrik, Werkstatt und Comptoir rechtzeitig geschlossen, um Alle in den Stand zu sehen, sich auf den Sonntag würdig vorzubereiten. Jeder kann eher als sonst daheim sein, nm gereinigt nnn htm Sckmutt der Woche in den Sonntag hinüber zu schlummern. Und beim Erw°ch7nM Sd^.°gm°rg-n st°r. Niemanden das Snmmen der Rader, da, Getöse dcr Hämmer und der Lärm der Niaschincn, es ruht auch die Feld- und Handarbnk, und der Knecht und Arbeiter kann ebenso rem und anstand.g m,e s-m Herr wenn auch vielleicht etwas einfacher g-kl-chet, .n der Krrcke erschemcn vor seinem Gott, vor dem es keinen Unterschied von Reich und Arm, von Hoch und Niedrig gicbt Und aus t>„ Kirche binaustritt ins Freie, dem wird auch die Natur feierlicher als sonst erscheinen Nur in Sngland konnte der verbannte Dichter Kinkel vom Sonntag fingen:
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j)laniatbtnloflis zu ______^oiUngailc 41/ uülienlogis un Worbti; ttlMMhcil bei 6. Aghv. ttes üofliS an stille tii:.
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MeiW 5 U. fttU ’M Dzrnutttjtn.
Z. Schmucker,


