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Nr. 264 Donnerstag den 12. November iss®

Gießener Anzeiger

Amts- und

für dm Kreis Gießen.

Bureaor Schulstraße 7.

Erscheint ILglich mit Ausnahme des Montags.

PrriS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 11. November.

Nun die preußischen Landtagswahlen vollständig vorüber sind wenn man die wenigen Nachwahlen, welche sich in Folge von Doppelwahlen, Ungültigkeits-Erklärungen von Wahlen u. s. w. nöthig machen, unberücksichtigt läßt fehlt es natürlich nicht an den üblichen Epilogen. Fast allgemein wird in den der LandtagSwahl-Campagne gewidmeten abschließenden Preßbetrachtungen die große Lässigkeit und Theilnahmlosigkeit hervorgehoben, unter welcher sich die Wahlen an vielen Orten vollzogen; die Erscheinung, daß kaum 10 pCt. der Wähler stimmten, wurde häufig beobachtet. Gewiß liegt in diesem Umstande ein Zeugniß für das schwindende Jntereffe an den politischen Vorgängen, es kommt aber noch hinzu, daß bei dem in Preußen herrschenden Klaffenwahl- System, welches das Schwergewicht der Entscheidung in die oberen besitzenden Klaffen der Bevölkerung legt, in den unteren Volksschichten sich Theilnahmlosig­keit und Gleichgültigkeit bemerkbar machen muß. Charakteristisch für die preußi­schen Landtagswahlen ist es daher, daß sich die Socialdemokratie denselben fern* hält, während sie doch bet den Reichstagswahlen in ausgesprochenem Maße zur Geltung kommt. Ferner trägt auch die Schwerfälligkeit, mit welcher sich das Wahlgeschäst vollzieht, mit zu der Maffenenthaltung von demselben bei, denn der Apparat fungirt bei den Landtagswahlen viel schwerfälliger, als bei den Reichstagswahlen und es gehört in der That ein nicht gewöhnlicher Grad von Eifer und Pflichtgefühl dazu, sich den mancherlei Mühseligkeiten zu unterziehen, welche mit den Wahlen zum Landtage verbunden sind. Ob die preußische Regierung ge­willt ist, in dieser Beziehung die von allen Seiten als nothwendig anerkannte Remedur zu schaffen, ist noch nicht bekannt, man darf aber wohl annehmen, daß MK sich auch in den leitenden Berliner Kreisen der Einsicht nicht entziehen wird, iW eine Reform in dem Landtagswahl-System nur zeitgemäß ist.

Die Wahlmännerwahlen in der Stadt Görlitz, welche im Sinne der Nationalliberalen und Conservativen ausgefallen sind, sind wegen falscher Eintheilung der Urwähler in den Abtheilungs^Listen cassirt worden.

Die Ernennung des Grafen Herbert Bismarck zum Staats­sekretär im auswättigen Amte ist beschlossene Sache woran ja auch nicht zu zweifeln war und soll sie sofort nach der Entscheidung über den künf­tigen Unterstaatssecretär des Nachfolgers des Grasen Bismarck veröffent­licht werden.

Von mehreren Seiten wird aus Rom berichtet, daß die deutsche Regierung dem Papste zur Lösung der Karolinenfrage einen Gegen­vorschlag gemacht habe. Falls diese Meldung begründet ist, wäre danach fest* gestellt, daß ein erster Vermittelungs-Vorschlag des Papstes der deutschen und der spanischen Regierung mitgetheilt worden ist; die deutsche Regierung hätte ihn aber nicht annehmbar gesunden.

Die Ausweisungen von Polen österreichischer Nationa­lität aus Preußen wurden in der Samstagü-Sitzung des Budget-Aus­schuss es der österreichischen Delegation von polnischer Seite zur Sprache gebracht Die Delegirten Szerkawski und Hausner, welche eine hierauf bezügliche Inter­pellation stellten, richteten hierbei die Frage an die gemeinsame Regierung, ob dieselbe irgendwelche Schritte thun werde, um eine Zurücknahme, bezw. Ein­stellung der Ausweisungs-Maßregeln zu erwirken. Der Minister des Auswär- tigen, Graf Kalnoky, behielt sich vor, diese Interpellation bei einer späteren Gelegenheit zu beantworten. Da bekanntlich der österreichischen Regierung aus eine von ihr schon vor einiger Zeit gestellte Ansrage bezüglich Der Ausweisungs- Naßregeln Seitens der preußischen Regierung der Bescheid geworden ist, daß es sich hierbei lediglich um eine interne Angelegenheit handle, so dürfte die zu erwartende Antwort des Grafen Kalnoky nichts besonders Wesentliches enthalten.

Das Schreiben des Bischofs von Soissons, in welchem der­selbe den Bestrebungen des Grasen Mun. in der französischen Deputirtenkammer lvie im Lande eine festgegliederte, entschieden katholische Partei zu bilden, ent­gegentritt, findet auch außerhalb Frankreichs Die gebührende Beachtung. Be­sonders charakteristisch in dem bischöflichen Schreiben ist folgende Stelle: »Das ist eine den Intentionen des Papstes und der Bischöfe zuwiderlaufende lln'ernehmung und Sprache. Es ist nicht erlaubt, den Katholicismus mit diesem oder jenem System solidarisch zu erklären; es heißt ihn erniedrigen und halten, wenn man aus ihm eine Parteisache macht. Der Katholicismus als solcher steht keiner Partei entgegen, welche die Gerechtigkeit und folglich die Kirche achtet. In allen Parteien erkennt er seine rechtschaffenen und religiösen ÄTiber. In einem katholischen Lande namentlich verbieten es Billigkeit und Barmherzigkeit, Die Kirche und einen Theil ihrer Kinder durch den Graben des Parteiwesenü zu trennen. Die Kirche allein kann von Einzelnen sagen:Sie Chören nicht zu mir." Es ist auch nicht erlaubt, die Sache der Kirche, des Evangeliums und Seelenheils mit der irdischen Monarchie zu verquicken, so ehrwürdig und wünschenswerth sie auch erschiene. In Frankreich mehr als Werwo ist die Bezeichnungkatholische Partei" eine nicht glückliche." Das Kd in der That beachtenswerthe Worte!

Ein eigenthümlicher Proceß ist dieser Tage vor dem Londoner C-Hwurgericht zur vorläufigen Entscheidung gelangt. Der Chef-Redacteur der Hall Mall Gazette", Stead, in welcher die bekannten Enthüllungen über den Langsrauen-Tribut des modernen Babylons" veröffentlicht wurden, wollte den faktischen Beweis liefern, daß die Entführung eines jungen Mädchens aus Dem Ärrlichen Hause in London gar nicht so schwer sei. Aus seine Veranlaffung

I wurde die 13jährige Eliza Armstrong aus ihrer Familie entführt und in einem öffentlichen Hause untergebracht, allerdings unter fortwährender Aufsicht eines Bevollmächtigten Stead's. Die Krone strengte nun gegen Stead und die an­deren in diese sonderbare Affaire verwickelten Personen Booth, denGeneral" der sog. Heilsarmee, einen gewissen Jasques und eine Frau Jarret, einen Proceß an, in welchem am Samstag nach 12tägigen Verhandlungen das Verdict der Geschworenen ergangen ist. Daffelbe lautet bezüglich Stead's und der Frau Zerret aus Schuldig, bezüglich der beiden anderen Angeklagten auf Nichtschuldip, Das Urtheil wird indeffen erst gefällt werden, wenn die Geschworenen ihr Verdict über den anderen Gegenstand der Anklage die anstößige Untersuchung der Eliza Armstrong abgegeben haben werden. Für die eigenthümlichen sittlichen Anschauungen, welche jenseits des Kanals zu herrschen scheinen, ist der Proceß Stead merkwürdig genug.

Von russischer Seite ist man jetzt bemüht, den Fürsten Alexander von Bulgarien nach Kräften zu verketzern. Eine Correspon- denz des russischenRegier.-Anz." führt aus, daß Fürst Alexander schon längst das Vertrauen seines Volkes wie Rußlands verloren habe und um seine kritische Lage zu verbeffern, sei auf seine Veranlaffung die ostrumelische Revolution in- scenirt worden. Die Correspondenz wirft dem Fürsten vor, daß er seine Freude über den Austritt der russischen Ofsiciere aus der bulgarischen Armee gar nicht verhehlt und öffentlich verächtlich vom russischen Militär gesprochen habe. Nun, man weiß ja, was man von der Preß-Campagne der Petersburger Officiösen gegen den Bulgaren-Fürsten nach Deffen Streichung aus den russischen Armee- Listen zu halten hat!

Heber die Lage auf der Balkan-Halbinsel liegen heute keinerlei Nachrichten von erheblicher Bedeutung vor. Nur meldet der ^Standard" aus Sofia, daß Stransky, der fürstliche Commiffar bei der ostrumelifchen Regierung in Philippopel, seine Entlassung nehmen mußte, da er der Bestechung beschuldigt ist. In Griechenland dauert die kriegerische Stimmung fort, wie u. A. aus der Mittheilung zu ersehen ist, daß die Regierung beabsichtigt, eine große National-Anleihe zu machen und hat die Deputirtenkammer diesem Plane bereits ihre Zustimmung ertheilt.

Oesterreich.

Königgrätz, 10. November. Im Proceffe gegen die Königinhofer Excedenten wurde das Urtheil publicirt. Wegen öffentlicher Gewalttbätigkeit wurden Mandl, Lorenz uuo Halbich zu sechsmonatlichem, Bürgermeister Sip und Gemeinde-Ausschußmitglied Stuchlick zu dreimonatlichem, der Polizeimann Recina und Fleischer Mattig zu siebenmonatlichem schweren Kerker verurtheilt. Moller erhielt 5, Erndi 7, Watzak 2 Monate. Wegen Erpressung erhielten Jarolimek 18 Monate, Neumann und Tureck je 14 Monate, Kiltner 13 Mo­nate schwere verschärfte Kerkerstrafe. 17 Angeklagte erhielten wegen Auflaufs strengen Arrest von 3 Tagen bis zu 3 Wochen, Die drei Brüder Ruzicka, sowie Änderte und Wik wegen Steinwerfens schweren Kerker von 8 bis 13 Monaten. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.

England.

London, 10. November. In dem Proceffe wegen Entführung der Eliza Armstrong sind folgende Urtheile gefällt worden: Der Redacteur Der Pall Mall Gazette", Stead, zu 3 Monaten, die Jarret zu 6 und Jacques zu einem Monat Gefängniß ohne harte Arbeit, Mourez zu 6 Monaten Gefängniß mit harter Arbeit.

Nach Privat-Telegrammen aus Rangun ist der Krieg gegen Birma erklärt worden. (Frkftr. Ztg.)

Italien.

Rom, 10. November. DieGazzetta Ufficiale" veröffentlicht ein De­kret, betr. die Versetzung des Myengen Botschafters in London, Baron Nigra, nach Wien.

Serbien.

Belgrad, 10. November. Die Schanzen gegen eine Operation der bul­garischen Donau-Flotille von der Timok-Mündung aufwärts ist vollendet und mit schweren Positions'Geschützen armirt. Die Schumadja-Division besetzte mit 3 Regimentern die Berghöhen unmittelbar an der Grenze bei Zaribrod. In maßgebenden Kreisen wird fortgesetzt daran festgehalten, daß das Conferenz- Ergebniß abzuwarten sei.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'- telegr. Corresponderiz - Brrrearr.

Berlin, 10. November. Der Gesammtbetrag des Ordinariums des Militär­etats einschließlich des jetzt ebenfalls vorliegenden sächsischen und württembergischen Militäretats stellt sich auf 324,263,408 , also auf 15,600,523 JL mehr als im

Vorjahre.

Im Etat des auswärtigen Amtes betragen die fortdauernden Ausgaben JL 7,377,535; mehr gegen das Vorjahr 234,460, hauptsächlich veranlaßt durch neue Stellen bei der Centralverwaltung, Erhöhung der Repräsentationsgelder zweier Ge­sandten und Errichtung dreier neuen Consulatc. Die einmaligen Ausgaben betragen vM 615,000 (mehr gegen das Vorjahr JL 79,050) darunter JL 150,000 sirr Erschließung Centralafrikas und anderer Ländergebiete, welche Position bisher im Budget des Reichs­amts des Innern figurirte.