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Samstag den 12. September
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schukchrsße 7.
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Drei» vierteljithrlich 2 Mark 20 Pf mit Brin-erl Durch >« Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark AO P
Mifsionsfest.
Freitag den 18. September: ^KisstonSfest in Lang-Göns. Anfang des Gottesdienstes um 10 Uhr. Prediger: Herr Pfarrer von Seydewitz und Herr Missionar Thumm von Frankfurt.
Wegen Fahrgelegenheit beliebe man sich an Herrn Pfarrer Dr. Naumann zu wenden.
Lang-Göns, den 11. September 1885. Dr. Strack, Dekan.
Politische Ueberflcht.
Gießen, 11. September.
Der Kaiser wohnte am Montag und Dienstag in Begleitung der königlichen Prinzen den Manövern des Garde-Corps bei Buch bei und reift; am Mittwoch Abend per Extrazug nach Baden-Baden ab, wo die Kaiserin schon am Dienstag eingetroffen ist. Das Befinden des Kaisers wird fortdauernd als ein günstiges bezeichnet, so daß man zuversichtlich hoffen darf, der greise Monarch werde sich auch den Anstrengungen der kommenden Manövertage in Süddeutschland gewachsen zeigen.
Unsere auswärtige Politik, ja, man kann sagen, die gesammte europäische Politik, wird fortdauernd durch den Streit mit Spanien um die Karolinen-Inseln beherrscht. Die Besitzergreifung der Insel Dap durch das deutsche Kanonenboot „Iltis" und die hierauf folgenden Pövel-Exceffe vor dem deutschen Gesandtschasts-Gebäude in Madrid drohten dem Conflict eine acute Form zu geben, inzwischen hat derselbe wieder eine Wendung zum Besseren genommen. Die energischen Dispositionen, welche die Regierung des Königs Alfonso zur Verhinderung fernerer antideutscher Demonstrationen getroffen hat, mögen hierzu wohl auch das Ihrige mit beigetragen haben, jedenfalls ist es aber in erster Linie oas Verdienst oer deutschen Regierung, wenn es in Folge der jüngsten Ereignisse in Madrid noch nicht zu Verwickelungen zwischen Deutschland und Spanien gekommen ist. Mit einer Ruhe und Würde, die nur das Bewußtsein des guten Rechts einerseits, sowie das Gefühl des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren zu erzeugen vermögen, hat die Reichsregierung die Pro- oocalionen der spanischen Nation ertragen, ja, sie hat sogar noch nicht Genug- thuung für den der deutschen Flagge in Madrid zugesügten Schimpf gefordert und im Gegentheil der spanischen Regierung die versöhnlichsten Erklärungen zugehen lassen. Dieselben haben denn auch in allen urteilsfähigen Kreisen der spanischen Hauptstadt einen sehr beruhigenden Eindruck gemacht und findet daselbst das freundschaftliche correcte Auftreten Deutschlands dankbare Anerkennung. Mit besonderer Genugthuung verdient der Umstand hervorgehoben zu werden, daß die auswärtige Presse fast ohne Ausnahme sich zu Gunsten Deutschlands ausspricht, sogar die französischen Blätter schließen sich hiervon nicht aus und mahnen die Spanier zur Mäßigung. Es scheint, daß diese Mahnungen von sreundnachbarlicher Seite auch nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sind, wenigstens kommen nur noch vereinzelte Meldungen von antideutschen Kundgebungen über die Pyrenäen. Ueber die Frage eines Schiedsgerichts in der Karolinen-Angelegenheit ist noch immer keine bestimmte Meldung zu verzeichnen. Rur wird wiederholt versichert, daß Deutschland erklärt habe, sich einem Schiedssprüche unterwerfen zu wollen, wenn sich keine andere friedliche Lösung der Karolinen-Frage ergebe, dagegen liege von Spanien noch keine diesbezügliche Aeußerung vor. Was die ferneren Meldungen anbelangt, nach denen der Kaiser von Oesterreich, resp. der König der Belgier als Schiedsrichter zwischen Deutschland und Spanien in Aussicht genommen seien, so sind dieselben gleichfalls noch unverbürgt.
In der inneren Politik herrscht noch immer eine gewisse Ebbe und wird das politische Leben jedenfalls erst mit dem Wiederzusammen- tritl der Parlamente voll und ganz erwachen. Am meisten Interesse erregen zur Zeit die bevorstehenden Neuwahlen zum preußischen Landtage; doch werden die Vorbereitungen hierzu noch immer mit einer merkwürdigen Gelassenheit betrieben, die den Schluß zuläßt, daß der eigentliche Wahlkampf wohl keinen besonders hitzigen Charakter annehmen werde. Vielleicht, daß indessen die Veröffentlichung des Wahltermins, welcher man tagtäglich cntgegensieht, der Wahlbewegung etwas mehr Lebhaftigkeit verleiht. Fast zugleich mit den Landtagswahlen in Preußen finden auch im Königreich Sachsen solche statt, da ein Drittel der Abgeordneten zur zweiten Kammer ausscheidet. Die sächsischen Wahlen verdienen deshalb ein besonderes Interesse, weil diesmal die Socialdemo- kraten in einer ganzen Reihe von Wahlkreisen Candidaten aufgestellt haben und es ist gerade nicht sehr unwahrscheinlich, daß sich die Zahl der socialdemokrati- schen Abgeordneten in der sächsischen zweiten Kammer, welche gegenwärtig 4 beträgt, bei den bevorstehenden Wahlen vermehrt. Wenigstens giebt die auf Seiten der Ordnungsparteien herrschende Lauheit unter den Wählern und die daselbst leider zu^constatirende Uneinigkeit den Socialdemokraten eine gewisse Chance für den Sieg. So bekämpfen sich beispielsweise in jedem der 3 Wahlkreise der Hauptstadt Dresden 3 Candidaten der Ordnungsparteien und in jedem Wahlkreise ist außerdem noch ein socialdemokratischer Candidat ausgestellt, und aus dem achten ländlichen Wahlkreise wird das Curiosum gemeldet, daß daselbst nicht weniger als 4 conservative Candidaten aufgestellt sind.
Der im Anfang Juni neugewählte österreichische Reichsrath ist durch kaiserliches Decret auf den 22. September einberufen worden. Wenn Alles nicht trügt, wird der Nationalitätenhader in der kommenden Session zu heftigen parlamentarischen Kämpfen führen und besonders die deutsch
böhmischen Abgeordneten sind entschlossen, die czechischen Gewaltthätigkeiten vor das Forum des Reichsrathes zu ziehen. Die bekannten Vorgänge in Königinhof werden da mit eine Hauptrolle spielen und wird von deutscher Seite hierbei auch die merkwürdige Langsamkeit hervorgehoben werden, mit welcher die Gerichte die Untersuchung gegen die Urheber der czechischen Excesse in Königinhos betreiben.
Der österreichische Thronfolger, Kronprinz Rudolf, ist dieser Tage von einem Unfälle betroffen worden, der für ihn leicht sehr ernste Folgen hätte haben können. In der Nähe des Lustschlosses Laxenburg gingen plötzlich die Pferde des kronprinzlichen Wagens durch, letzterer wurde umge- worsen und der Kronprinz herausgeschleudert. Glücklicher Weise kam derselbe mit einer leichten Verstauchung der linken Hand davon.
Der Termin für die Neuwahlen zur französischen Deputirten- kammer ist nunmehr laut osficieller Bekanntmachung auf den 4. October festgesetzt worden, was allerdings keinerlei Ueberraschung bedeutet, da dieser Termin ja schon längst bekannt war. Kaum 3 Wochen liegen demnach zwischen heute und dem Tage, an welchem die französischen Wähler zur Urne gehen werden und diese nur noch kurze Frist hat die verschiedenen Parteien zur Beschleunigung ihrer Wahlvorbereitungen veranlaßt. Die herrschenden republikanischen Gruppen stellen ihre Listen gemeinsam auf; die monarchistische Coalition hat erst einen Theil ihrer Candidaturen sestgestellt und kämpft mit großen Schwierigkeiten, Sonne und Wind zwischen den einzelnen concuxrirenden Richtungen annähernd gleich zu vertheilen. Das Ministerium Brisson fährt einstwellen noch fort, zu „temporisiren."
Das russische Kaiser paar hat den projectirten Besuch am dänischen Hofe ausgesührt und gedenken die russischen Majestäten etwa einen Monat die Gäste der dänischen Königssamilie zu sein. Dieser ungewöhnlich lange Aufenthalt des Czaren und seiner Gemahlin in Dänemark dürste jedoch schwerlich auf Rechnung der hohen Politik zu setzen sein, denn große politische Entschlüsse werden in dem fürstlichen Familienkreise auf Schloß Fredensborg kaum gefaßt werden. Das ganze Geheimniß wird wohl darin liegen, daß es Alexander UL in dem prächtig gelegenen, von Buchenwaldungen und kleinen Seen umkränzten Schlosse Fredensborg außerordentlich gefällt, zumal da sich der russische Herrscher schon während seines vorjährigen Besuches am dänischen Hofe entzückt über das idyllische Fredensborg ausgesprochen haben soll.
Aus Italien kommt die überraschende Kunde von bedeutenden Truppen- zusammenziehungen, welche in den italienischen Häsen stattfinden. Die in den sicilianischen Häfen liegenden Flotten- und Transportschiffe erhielten Befehl, sich so schnell wie möglich in Palermo zu vereinigen. Der Zweck dieser plötzlichen kriegerischen Vorkehrungen ist noch total unbekannt, möglich, daß Italien in Hinblick aus den deutsch-spanischen Conflict Vorbereitungen für etwaige Ereignisse im Mittelmeere trifft. Es ist aber auch möglich, daß Italien an eine Wiederaufnahme seiner Operationen an der Küste des Rothen Meeres denkt, welche durch die beginnende kühlere Jahreszeit begünstigt werden würden. Vielleicht kann man auch die militärischen Maßnahmen in den italienischen Häsen mit dem dieser Tage gemeldeten Vormarsche des abyssinischen Heeres in Verbindung bringen, den dasselbe angetreten hat, um der egyptischen Garnison in Kaffala zu Hülfe zu kommen. Endlich muß noch eine anderweitige Version registrirt werden, wonach es sich nur um die gewöhnlichen Herbstübungen der italienischen Flotte handelt.
Jagdschloß Wolfsgarten, 9. September. Se. König!. Hoheit der Großherzog lassen für die beabsichtigte Gratulation danken, da Allerhöchst- dieselben Samstag den 12. d. Mts. nickt in Darmstadt anwesend sind, sondern dem Manöver beiwohnen, welche die Großh. (25.) Division unter dem Com- mando Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Heinrich gegen einen markirten Feind in der Gegend zwischen Groß-Umstadt und Spachbrücken — Reinheim ausführen wird.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 10. September. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht den amtlichen Erlaß des Reichskanzlers aus Varzin vom 31. August an den deutschen Gesandten in Madrid nebst dem Wortlaut der bereits bekannten deutschen und englischen Rote vom Mär; 1885 über die Hoheitsrechte auf den Karolineninseln. Der Erlaß des Reichskanzlers besagt: Graf Benomar verlaß am 19. August eine "Rote der spanischen Regierung in der Angelegenheit der Karolinen- und Palau-Inseln. Die spanische Regierung legt darin Verwahrung ein gegen das deutsche Vorgehen daselbst, beansprucht die Inselgruppe als spanisches Gebiet, behält sich die Beibringung der Beweistitel für die spanische Souveränetät vor und drückt ihre Ueberzeugung aus, die kaiserliche Reaierung werde von einem Act abstehen, der die Interessen Spaniens verletze. Auf den genannten Inselgruppen bestehen seit lange in der Voraussetzung, daß sie herrenlos sind, deutsche Handelsniederlassungen in großer Anzahl. Dies würde nicht der Fall sein,


