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Mittwoch den 12 August

Nr. 18S

1886

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Uebersicht.

Gießen, 11. August.

Kaiser Wilhelm gedenkt an diesem Dienstag, den 11. August, seine Gasteiner Kur zu beendigen und am folgenden Tage Die Rückreise nach Berlin onzulreten. Nach dem vorläufigen Prograurm roirb der Kaiser die Fahrt in Salzburg unterbrechen, daselbst übernachten unb am nächsten Morgen die Reise direct nach Berlin, resp. Neu-Babelsberg, fortsetzen.

Die jüngste hochpolitische, nach Paris gerichtete Kund­gebung derNordd. Allg. Ztg." hat daselbst eine für die Gesinnnng Der Pariser Presse bezeichnende Aufnahme gefunden. Der betr. Artikel des Berliner officiösen Blattes wird von den meisten Zeitungen nur als ein Manöver der deutschen Regierung bezeichnet; darauf berechnet, bei den bevorstehenden allge­meinen Wahlen in Frankreich eine Rolle zu spielen. Andere Blätter meinen, diesen Ausfall derNordd. Allg. Ztg." solle die öffeniliche Meinung in Deutsch­land für die neuen Opfer vorbereiten, welche von Dem deutschen Reichstag ver­langt werden würden. In Berlin ist man über diese Commentirung keineswegs überrascht, da man darauf vorbereitet war, daß ein Theil der französischen Presse den Spie6 umkehren und Deutschland anklagen würde, Beunruhigungen hervorrufln zu wollen. Man übergeht somit in Frankreich die Thallache, daß erst die französischen Wühlereien und Hetzereien, leider nur zu genügenden Grund zu Beunruhigungen gegeben. Im Auslande wird man sich über diese Art des Borgehens französischer Blätter nicht täuschen, und auch derjenige Theil der sranzösfichen Bevölkerung, für den dasselbe hauptsächlich wohl in erster Linie bestimmt war, wird sich durch die Verdrehung des Thatbestandes, wie dies jetzt in Frankreich versucht wird, nicht irre führen lassen.

In Berlin ist am Montag die internationale Telegraphen- Conscrenz eröffnet worden, zu welcher fast sämmtliche civllisirte Nationen ihre Vertreter entsendet haben. Dieselbe gewinnt dadurch ein besonderes In­teresse, daß auf ihr Deutschland mit seinen reformatorischen Vorschlägen auf dem Gebiete des internationalen Telegraphenwesens, die es schon auf der Lon­doner Telegraphen-Conferenz im Jahre 1879 machte und welche damals in Folge fiskalischer Bedenken nicht durchdrangen, wiederum hervorgetreten ist. Dieselben bezwecken eine weitere Vereinfachung des im internationalen Depeschen- verkchr bestehenden Tarifsystemü, und zwar wird deutscherseits für jedes Tele- g.ramm eine Gcundtaxe von 50 Centimes und eine Worttaxe von 20 Centimes rorgeichlagen, wobei für Beförderung mittelst Seekabels eine Zuschlagstaxe hin­zutreten kann. Die Transit'Gebühren sollen in Land- und Seetransit-Gebühren zsrfallen und hierbei die ersteren für die eigentlichen Transit-Länder, wie Belgien, Dänemark, Griechenland, Schweiz u. s. w. 2 Centimes für stdes Wort, für Deutschland, Frankreich, Oesterreich-Ungarn, England, Italien, Rußland u. s. w. 4- Centimes für jedes Wort betragen. Den Anträgen ist eine Begründung beige!egt, welche in klarer, überzeugender Weise den deutschen Vorschlägen namentlich vom finanziellen Standpunkte aus gemachten Einwendungen entgegen­tritt und man darf daher wohl erwarten, daß die dMschen Anträge in Anbe­tracht dessen, daß sie eine bedeutendere und allgemeinere Ausdehnung des Telegraphen-Verkehrs zwischen den Ländern Europas bezwecken, als dies bisher der Fall war, diesmal auf der Berliner Telegraphen-Conferenz den wünschens- werthen Erfolg haben werden.

Nachdem nunmehr die Gasteiner Begegnung des Kaisers Wil­helm mit Kaiser Franz Josef wieder der Vergangenheit angehört, zieht die bevor­stehende Zusammenkunft zwischen dem österreichischen und dem russischen Herrscher Die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich. Dieselbe findet bekanntlich in der - zweiten Hälfte dieses Monats in dem mährischen Landstädtchen Kremsier statt, - welches somit durch das in seinen Mauern bevorstehende Ereigniß urplötzlich aus seinem bisherigen stillen Dasein heraustritt. Bereits werden in Kremsier l die nöchigen Vorbereitungen getroffen; die dortigen Hotels sind von einem Be­amten des Wiener Obersthofmeister-Amtes für die Zeit vom 15. bis zum 30 August gemiethet und die Renovirungs-Arbeiten im dortigen sürsterzbischöf- üchen Schlosse, wo jedenfalls die Besprechungen zwischen den beiden Kaisern und den sie begleitenden Ministern vor sich gehen werden, sind nahezu vollendet. Roch im Laufe dieser Woche wird ein Infanterie-Regiment in Kremsier erwartet and soll dasselbe in den Baulichkeiten der Reitschule einquartirt werden. Da vas russische Kaiserpaar für den 24. August in Kiew erwartet wird, so dürfte die Zusammenkunft in Kremsier noch einige Tage vor diesem Termine stattfinden. Lzar Alexander, welcher zur Zeit mit seiner Gemahlin in Finnland weilt, wird ich, wie man vernimmt, von Helsingfors zunächst nach Warschau und dann nach Kremsier begeben, von wo aus die russischen Majestäten die Weiterreise nach Südrußland und Kiew sortsetzen. Herr v. Giers, der russische Minister ies Auswärtigen, welcher in voriger Woche zur Kur in Franzensbad einge- Iroffen ist, sowie Graf Kalnoky, der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns, und Ministerpräsident Gras Taaffe werden nach den bis- lerigen Dispositionen in Kremsier mit anwesend sein und dieser Umstand allein deutet schon auf den hochpolitischen Charakter der Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joses und Kaiser Alexander III. hin.

Die parlamentarische Session in Frankreich ist am vorigen Donnerstag geschlossen worden, nachdem noch kurz vorher eine ganze Reihe von Vorlagen Seitens der Kammern in aller Hast erledigt worden war. Da die Neuwahlen für die Deputirtenkammer auf den 4. October anberaumt worden smd, so liegt zwischen dem Schluß Der Session und den Wahlen ein Zeitraum

von gerade zwei Monaten und in Anbelracht dieser verhältnißmäßig kurzen Frist werden die französischen Parteien jedenfalls nunmehr mit allen Kräften in die Wahlbewegung eintreten und diese wird sonach in den kommenden Wochen die politische Situation in Frankreich vollständig beherrschen.

Wie im vorigen Jahre, so kommen nun auch jetzt wieder täglich Cholera-Bulletins aus Marseille, der sicherste Beweis, daß sich die Marseiller Behörden nun doch zur amtlichen Anerkennung be£ Ausbruches der Seuche haben gezwungen gesehen.

Die Cholera-Epidemie in Spanien trägt einen ungemein hefti­gen Charakter, wovon die Zahl der täglichen Erkrankungen und Todesfälle ein leider nur zu beredtes Zeugniß ablegt. So wurden beispielsweise am 5. August 4113 Erkrankungen unö 1668 Todesfälle an Cholera osficiell gemeldet; diese Ziffern umfassen aber nur 17 Provinzen, da aber d'.e Epidemie fast das ganze Königreich ergriffen hat, so stellt sich die Zahl der täglichen Erkrankungen und Todesfälle an der Cholera jedenfalls noch weit höher. Namentlich schwer heim- gesucht wird gegenwärtig die Provinz Barcelona, während in Den Provinzen Murcia und Valencia die Seuche nahezu erloschen ist.

Das englische Parlament erledigt die noch übrigen Gesetzvorlagen jetzt in einem Tempo, welches darauf schließen läßt, daß es Die ehrenwerthen Parlaments-Mitglieder allgemein nach Meeresbrise und Hochlandsluft zieht und daß das Ende der Session unmittelbar bevorsteht. Von wichtigeren Vorlagen sind in den letzten Tagen vom Unterhause noch angenommen worden: Die Mäd- cheuschutz-Bill, der irische Landkauf-Entwurf, die australische Bundesraths-Bill und zuletzt das vom Staatssecretär für Indien, Churchill, vorgelegte indische Budget. Von Interesse sind die Erklärungen,-welche Churchill bei letzterem abgab und die zunächst die Mehrausgaben beim indischen Budget hauptsächlich durch die beträchtliche Verstärkung des anglo-indischen Heeres begründen. Dann aber hat Lord Chürchill eine förmliche parlamentarische Untersuchung des bis­herigen Verwaltungs-Systems in Indien für nächste Session angekündigt und scheinen demnach tiefgreifende VeränDerungen in der Verwaltung des anglo-indi- schen Reiches in Aussicht zu stehm.

In der afghanischen Grenzfrage herrschen wieder einmal fried­liche Klänge vor. DieMorning Post" erfährt, daß die neuesten von Peters­burg in London eingelaufenen Depeschen höchst versöhnlich seien und die Aussicht auf eine möglicherweise unverzügliche Lösung der afghanischen Frage eröffneten. DenDaily News" zufolge betrachtet man im Londoner auswärtigen Amte die Frage des Schiedsgerichts in der Pendjeh - Angelegenheit als definitiv fallen gelassen.

Keutschland.

Berlin, 10. August. DerReichs-Anzeiger" schreibt: Von der Kreu­zerkorvetteAugusta", welche mit den Ablösungs-Commandos für die australische Station an Bord in der Nacht vom 1. zum 2. Juni die Insel Perim im Rothen Meere verließ, um nach Albany in Westaustralien zu gehen, sind seit­dem Nachrichten hier nicht eingegangen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Schiff mit demCyclon", der am 3. Juni von Bombay kommend, Aden er­reicht hatte, in Berührung gekommen ist. Wenn hiernach auch zu schließen ist, daß das Schiff durch widrige Umstände verhindert wurde, die Reise in der ge­wöhnlichen Weise durchzuführen, so liegt doch kein Grund vor, anzunehmen, daß das Schiff nicht noch sein Reiseziel aus einer weiteren, die Zone des Südost- monsoons umgehenden Tour erreichen wird.

England.

London, 10. August. Im Unterhause erklärte Bourke, der Regierung lägen keine Nachrichten vor, welche die Mittheilungen derTimes" über deutsche Annexionen in der Nähe von Zanzibar bestätigten; im Gegentheil, die Häupt­linge jenes Gebietes seien gegen den Sultan loyal gesinnt und erkennten die Souveränität desselben an. Von einer Einschüchterung des Sultans von Zan­zibar Seitens Deutschlands ist Bourke nichts bekannt.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correspondenz-Bureau.

Darmstadt, 10. August. Fürst Alexander von Bulgarien, der mehrere Tage in Jugenheim bei seinem Vater, dem Prinzen Alexander von Hessen, verweilt hat, ift gestern über Wien nach Bulgarien zurückgereist.

Berlin, 10. August. Die internationale Telegraphenconserenz wurde heute durch Dr. Stephan eröffnet. 33 Staaten und 17 Kabelgesellschaften sind durch 72 Delegirte vertreten. Aus Vorschlag Englands wurde Stephan zum Präsidenten^ General-Telegraphen-Director Hake zum Vicepräsidenten gewählt und die Geschäfts­ordnung der Londoner Conferenz angenommen. 2 Commissionen für Tarife und für Betrieb und Technik wurden eingesetzt, welche sofort ihre Arbeiten beginnen. Wegen des sehr umfassenden Materials dürften die Berathungen 4 bis 6 Wochen erfordern. Der Vorsitzende gedachte mit warmen Worten der Verstorbenen, zu deren Andenken sich die Versammlung erhob. Der norwegische Generaldirector Kielsen gab eine Ueber­sicht über die Ergebnisse der bisherigen Conferenzcn. Ter Chef des internationalen Bureaus Curchow berichtet über die Vorlage betreffend die Statistik elektrischer Messungen, atmosphärischer Ströme und Blitzschläge. Morgen Sitzung.

Berlin, 10. August- Tie Rede, mit welcher staatssecretär Dr. v. Stephan die internationale Telegraphen-Conseren; eröffnete, lautet:

Meine Herren! Durch den Beschluß der auf der Londoner Coirferenz vom Jahre 1879 vertreten gewesenen Regierungen ist Deutschland die Ehre zu Theil geworden,