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Str. 159
Zweites Blatt
Sonntag den IS. Juli
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint täglich mit «uSnehme des Montags.
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Wochen - Ueberflcht.
Gießen, 11. Juli.
Die vom besten Erfolge begleitete Kur unseres Kaisers in Ems neigt sich ihrem Ende zu und wird seine Abreise von Ems im Lause der nächsten Woche erfolgen. Von dort aus gedenkt sich der Kaiser noch au' ein paar Tage zum Besuche seiner erlauchten Gemahlin nach Koblenz zu begeben, um alsdann die Reise nach Gastein anzutreten. Die Gerüchte, nach denen Kaiser Wilhelm auf ärztliches Abrathen von der gewohnten Nachkur in Gastein diesmal Abstand genommen habe, sind demnach hinfällig geworden und ist auch bereits in dem genannten österreichischen Kurorte die osficielle Nachricht eingetroffen, daß die Ankunst des deutschen Kaisers daselbst am 21. Juli erfolgen werde. Daß alsdann auch die traditionelle Begegnung Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef erfolgen wird, darf wohl als selbstverständlich betrachtet werden, wenngleich Zeit und Ort derselben noch nicht genau sestzustehen scheinen.
Seit der Vertagung des Bundesrathes macht sich in unserer inneren Politik die „saison morte“ in ihrem vollen Umsange geltend und so trug denn auch die abgelaufene Woche den Stempel der Ereignttzlosigkeit. Allerdings wirst die braunschweigische Frage noch ihre Wellen empor, aber irgend eine Entscheidung in ihrer weiteren Entwickelung ist vor dem Wiederzusammentritt des Bundesrathes und des braunschweigischen Landtages und überhaupt vor dem 18. October d. Is. nicht zu erwarten, an welchem Tage bekanntlich erst die Vollmachten des braunschweigischen RegentschaftSratheS ab- laufen. Die Blätter veröffentlichen jetzt das Protokoll über die „geheime" Sitzung des braunschweigischen Landtages vom 20. v. Mts., welches indessen zur Zeit ziemlich belanglos erscheint, da ja bereits das „Braunschw. Tagebl." unmittelbar nach der „geheimen Sitzung" die bekannten Mittheilungen über den Verlauf derselben brachte und da überdies die Affaire des Herzogs von Cumberland durch die Entscheidung des Bundesrathes ihre Erledinung gefunden hat. Auch eine Angelegenheit, die viel Staub aufwirbelt, ist die des bekannten Studien-Erlasses des Paderborner General-Vicariats und hat der Umstand, daß eine Bekanntmachung des General-Vicariats jenen Erlaß erheblich modificirt, der in dieser Angelegenheit entbrannten hitzigen Zeitungs-Polemik noch keinen merkbaren Eintrag geihan. Neuerdings ist auch die Frage der Ausweisung russisch.polnischer Unterthanen aus Deutschland durch ein Entrefilet der „Nordd. Allg. Ztg." wieder angeregt worden. In demselben thellt das ossiciöse Blatt mit, daß in der beregten Angelegenheit kürzlich Con- ferenzen der Oberpräsidenten der Grenzprovinzen mit den beteiligten Beamten stattgefunden hätten, zu denen auch Ministerial-Commissarien hinzugezogen worden seien. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." weiter meldet, haben diese Conserenzen zu dem Resultat geführt, daß sowohl über die Rothwendigkeit der in Rede stehen- den Maßregel, als auch über die Art und Weise ihrer Ausführung unter den mit den Verhältnissen vertrauten Beamten im Wesentlichen übereinstimmende Auffassungen bestehen. In Folge dessen sind weitere Maßnahmen behufs energi# scher und confequenter Durchführung der AussührungS-Maßregel zu erwarten.
Zur Beschlußfassung des Budesrathes in der braunschweigischen Thronsolgefrage verlautet nachträglich noch Folgendes: Die Bundesregierungen trugen anfänglich Bedenken, auf den preußischen Antrag in seiner ursprünglichen Fassung einzugehen, da er nur auf der Störung des Friedens basirt war und die Ausschließung des Herzogs von Cumberland verlangte, auch wenn die Voraussetzung wegfiele, daß der Herzog Anspruch aus Gebietstheile des preußischen Staates macht. Man kam zu der Ueberzeugung, daß ein so allgemeiner Satz, wie „Störung des Friedens", zu unberechenbaren Consequenzen führen würde. In den Ansichten der Reichsverwaltung und deren Organen könne eine Wendung eintreten, und dann wäre es nicht ausgeschlossen, daß gegen einen Reichssürsten, der wiederholt Maßregeln, die von Reichs wegen geschehen, bekämpft habe, unter der gleichen Begründung ein ähnliches Verfahren einge- schlagen würde. Das hält man unter den Bundesstaaten für zu weitgehend, und in Folge dessen wurde der nunmehr genehmigte Antrag aufgestellt und der preußischen Regierung zur Annahme empfohlen. Abgesehen davon, daß derselbe den positiven Antrag Preußens ebenfalls zu dem feinen gemacht hatte, sprach für denselben noch der Umstand, daß er unzweifelhaft die große Mehrheit des Bundesrathes für sich hatte, während der preußische Antrag keine Aussicht auf Annahme mehr gehabt hätte. Die preußische Regierung zeigte sich, dem Vernehmen nach, dem neuen Vorschläge gegenüber sehr entgegenkommend, und so erfolgte rasch eine vollständige Verständigung. Der preußische Antrag wirkte Anfangs überraschend, da man nicht geglaubt hatte, daß der Widerspruch zwischen Preußen und den Welfen vor den Buudesrath werde zur Entscheidung gebracht werden. Nachdem dies aber in der bekannten Form geschehen, gingen die Bundesregierungen in loyalster Weise darauf ein, und vor Allem stellten sich sämmtliche größere Bundesstaaten sofort auf die Seite Preußens. Dagegen hat auch die Haltung der preußischen Regierung zu dem Abänderungs-Antrage auf die anderen Bundesregierungen den besten Eindruck gemacht.
In Wien haben am Dienstag die gemeinsamen Minister- Conferenzen ihren Anfang genommen und werden dieselben der inneren Politik des Kaiserstaates für die nächste Zeit ihr Siegel ausdrücken. Die Ver- Handlungen beziehen sich in der Hauptsache aus die Erneuerung des Zoll- und Handels-Bündnisses zwischen den beiden Reichshälften der österreichisch-ungarischen Monarchie und wird hierbei auch das zollpolitische Verhältniß Oesterreichs zum peuschen Reiche zur Sprache kommen. Es sind hierüber schon verschiedene Ge
rüchte in Umlauf gesetzt worden, welche man aber jetzt von Wien aus sämmtlich wieder bementirt, auch die Nachricht Pesther Blätter, es solle neuerdings aus diplomatischem Wege her Versuch gemacht werden, d^s politische Verhältniß zu Deutschland auf dem Vertragswege zu regeln. Hoffentlich werden die Wiener Verhandlungen hierüber zu einem für Oesterreich und Ungarn wie für Deutschland gleich annehmbaren Resultate führen.
In Frankreich wurde die Woche gänzlich durch das blutige Ereigniß von Huv beherrscht. Der hinterlistige Ueberfall, den die anamitischen Truppen in der Residenz ihres Herrschers aus die kaum erst angelangte schwache französische Abthellung unter General Courcy versuchten, mußte in Paris um so überraschender wirken, als man sich hier nach Beendigung des Feldzuges gegen China der Hoffnung hingeben durfte, daß nunmehr die Stellung der Franzosen in Ostasien eine gesicherte fei; daß dem aber keineswegs so ist, hat eben Die verräterische Schilderhebrmg der Anamiten gezeigt. Dieselbe ist jedenfalls auf die Umtriebe der franzofenfeindlichen anamitischen Mandarinen zurückzuführen, aus deren Veranlassung auch der König von Anam und dessen Mutter aus fiue geflohen sind. Die neuesten Depeschen General Courcy's lauten indessen durchaus beruhigend und ist er vollständig Herr der Situation in Hue. Er hat alle disponibeln Truppen, auch die noch in Tongking befindliche Marine- Infanterie-Brigade, nach der anamitischen Hauptstadt beordert, wo er weitere Instructionen feiner Regierung erwartet. Uebrigens hat her Zwischenfall von ©ue nicht verhindert, daß der Vertrag von Tientsin von der französischen Depu- tirtenkammer mit großer Majorität angenommen worden ist und auch die Zu- stimrnung des Senats gilt als sicher, da sämmtliche Mitglieder der zur Begutachtung des Vertrages gewählten Commission sich für denselben ausgesprochen haben.
Jenseits des Canals bilden selbstverständlich die Erklärungen, welche Lord Salisbury im Oberhause anläßlich des Wiederzusammentritts des englischen Parlaments am Dienstag abgegeben hat, das Ereigniß der Woche. Sie entwickeln das Programm des Tory-Cabinets hinsichtlich der afghanischen und ägyptischen Frage sowohl als auch hinsichtlich Irlands und werden von der Londoner Presse im Allgemeinen beifällig commentirt. Heber beide erstgenannte Fragen hat sich der englische Premier allerdings mit unverkennbarer Reserve, aber auch wiederum mit einer gewissen Festigkeit ausgesprochen, weich' letztere namentlich in seinen Ausführungen über Afghanistan zu bemerken war. Man folgert hieraus, daß die Lage nicht ganz wolkenfrei sei, denn wenn Rußland die Verhandlungen bis zum Herbst verschleppen wolle, um alsdann Herat wegzunehmen, so sei die Gelegenheit günstig. Da zudem ein Petersburger Telegramm der „Times" meldet, daß die afghanischen Truppen von Neuem an der Grenze concentrirt würden und daß der Emir Abdurrhaman entschlossen sei, bei der ersten passenden Gelegenheit Revanche für die Niederlage feiner Truppen am Kuschkflusse zu nehmen, so scheint sich die Lage in Afghanistan allerdings wieder ziemlich kritisch zu gestalten, wozu noch kommt, daß die unter russischer Oberhoheit stehenden Saryk - Turkmenen neuerdings wieder eine drohende Haltung gegen die Afghanen zur Schau tragen.
Im spanischen Volke ist noch immer der Eindruck mächtig, welchen )ie ebenso rasch beschlossene als ausgeführte Reife König Alfonfo's nach Aranjuez allenthalben gemacht hat. In allen Kreisen der Bevölkerung erzählt man es sich mit Stolz, wie der König in den Choleraspitälern Aranjuez' unerschrocken von Bett zu Bett gegangen sei und wie er hierbei für so viele Kranke ein tröstendes Wort gehabt und wie er sich überall selbst von den zur Bekämpfung der Epidemie getroffenen Maßregeln überzeugt habe. Sicherlich )at Alfonso XII. durch sein muthvolles Verhalten in Aranjuez für sich und eine Monarchie in wenigen Stunden mehr gethan, als dies sein Ministerium innerhalb zwei Jahren vermocht. Leider nimmt die Cholera in Spanien noch immer zu und sieht sich deßhalb in erster Linie Frankreich zur Vermehrung einer gegen die Verschleppung der Seuche getroffenen Maßregeln veranlaßt. Hierzu gehört die Entsendung von Aerzten, Die auf den Wegen, welche aus Spanien nach Foix, Toulouse und Perpignan führen, Beobachtungsposten einrichten sollen.
Die griechische Deputirtenkammer ist am Mittwoch zusammengetreten. Derselben wurde vom Ministerpräsidenten Delyannis, der zugleich die Finanzen verwaltet, das Budget pro 1885 vorgelegt. Delyannis unter- z og hierbei die Geschäftsführung seines Vorgängers Tricupis einer heftigen Kritik und machte denselben für die schlechte Finanzlage verantwortlich. Delyannis veranschlagt die Ersparnisse im neuen Budget auf 12 Millionen.
Fremdländische Ausstattung deutscher Fabrikate.
_ Nachdruck verboten.
Seil dein großen deutschen Kriege mit Frankreich in den Jahren 1870—71 ist auf dem Gebiete Der Ausstattung und Benennung der deutschen Erzeugnisse entschieden eine riesige Umwandlung zu verzeichnen. Allüberall hat man eingesehen, daß Die in Deutschland heroorgebrachten Fabrikate nicht besser werden, wenn sie mit französischen oder englischen, oder sonst welchen ausländischen Namen geschmückt wurden, oder, was noch toller war, wenn deutsche Erzeugnisse erst nach Paris und London gingen, um von dort als Pariser „Nouveaut^s“ oder Londoner „finest Quality“ nach dem Heimath- lande zu fabelhaften Preisen verkauft zu werden.
Die letzten Fälle dürften wohl in der Gegenwart zu den Seltenheiten gerechnet werden. Die Frage der Ausstattung jedoch besteht noch bei vielen Fabrikaten fort. Und auch das sollte und muß noch anders werden.
Die deutschen Maaren dürfen weder durch Verpackung noch Ausstattung durch Etiketten und dergleichen den Anschein eines ausländischen, namentlich französischen


