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Freitag de» IS. Juni

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Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Mo^tngs.

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L>\ Dle französische Deputirtenkammer zeichnet sich gegenwärtig mH große Ruhe aus. Sie nahm nach unerheblicher Debatte den Gesetzentwurf, I. E. bie Wiedereinführung des Listenscrutiniums, mit den vom Senate beschlösse- Modificationen an. Der Gesetzentwurf ist somit definitiv genehmigt. ' ^Dongking-Affaire wird nach und nach friedlich aus der Welt geschafft. Der -GMche Ober.Commandirende Li-Hung-Chang theilte dem französischen Ge- f fatal Patenotre eine Depesche des Vicekönigs aus Canton mit, wonach Liu- -ÄPHuoce, der Chef der Schwarz-Flaggen, Vorbereitungen treffe, auf Amman j luh zmrückzuziehen und Tongking zu räumen.

Die technische Commission der in Rom tagenden internationalen Gesundheits-Conferenz hat ihre Arbeiten vollendet, so daß in diesen Tagen die Conferenz zu einer Plenarsitzung zusammentreten und die internatio­nalen Vereinbarungen zum Schutze gegen die Verschleppung ansteckender Krank- heiten festsetzen kann. Da alle Länder ihre besähigsten Forscher nach Rom gesandt haben, so darf man hoffen, daß die Thätigkeit der internationalen Gesundheits-Conferenz eine ersprießliche sein wird. Der Stand der GesundheitS- Verhältnisse in Europa, wie auch in den angrenzenden Ländern ist zur Zeit ein guter, nur in der spanischen Provinz Valencia ist die Cholera ausgebrochen, hat aber bis jetzt glücklicher Weise einen gefährlichen epidemischen Charakter nicht erreicht.

Man erwartet immer noch zwischen England undRußland die endgültige Beilegung des afghanischen Grenzstreites, welche bekanntlich noch fehlt. ES ist wahrscheinlich, daß über Nacht die englische Regierung die betr. Erklärungen abgiebt, es ist aber auch möglich, daß irgend ein Zwischenfall die Lösung des englisch-russischen Conflictes verschiebt. Glücklicher Weise hat sich die angebliche Ermordung des Emirs von Afghanistan nicht bestätigt, dieses Gerücht besagt aber, welcher Ereignisse man sich in dem halbcultivirten Afgha- nistan unter Umständen zu versehen hat. In London ist die regierungsfreund­liche Presse wüthend über das Auftreten des Generals Lumsden, des aus Afghanistan heimgekehrten englischen Ober-Commiffars. Die Regierungsblätter beschuldigen Lumsden direct der Jndiscretion und des Ungehorsams, den er als Beamter der Regierung schuldig sei. Thatsache ist auch, daß Lumsden als Grenz-Commissar nicht streng gewissenhaft war und den Namen der wichtigen Grenzstadt Pulikisti mit einem anderen verwechselt, diese erst den Russen zuge­sprochen und dann für die Afghanen reklamirt hat, und vielleicht allein dadurch den blutigen Zusammenstoß zwischen Afghanen und Russen verursachte. Aber Sir Lumsden ist weit entfernt, seine fehlerhafte Vertretung der englischen In­teressen in dem Grenzstreite einzugestehen, sondern schiebt die Schuld an der Verwickelung dem unprovocirten Vorgehen der Russen und der Schwäche der englischen Regierung zu. Man kann sich daher denken, mit welchen gemischten Gefühlen Sir Lumsden in London ausgenommen worden ist. Heber den englisch-russischen Conflict schreibt ein Londoner Correspondent derNeuen Fr Presse" übrigens, daß derselbe so gut wie gelöst sei, auch bezüglich der Grenzt frage. Der einzige Punkt, worüber man sich noch nicht ganz einigte, ist mehr ein politischer, ein principieller. Rußland erhebe gar keine Einwendungen da­gegen, daß Herat befestigt werde, allein die russische Regierung verlange, daß man in Zukunft, falls irgendwelche Unruhen zwischen den Afghanen und Turk­menen ausbrechen sollten, die russische Negierung direct mit England darüber auseinanderzusetzen habe. Rußland stellt den Grundsatz auf, es könne den halb­wilden Stämmen jener Gegenden gegenüber nicht die Rußland ergebenen Stämme steten Angriffen und Beunruhigungen aussetzen und wolle sich daher nicht ver­pflichten, die eben sestgestellte Grenze genau einzuhalten, falls jene halbwilden feindlichen Stämme durch Provocationen eine thatsächliche Abwehr nothwendig machen würden. Dadurch würden stets neue Verwickelungen, wie die von Pendjeh, möglich gemacht, vielleicht sogar hervorgerufen werden. Anders würden sich die Verhältnisse jedoch gestalten, wenn England direct die Verantwortung für die Erhaltung der Ordnung in jenem Theile Afghanistans übernähme, der nach der neuen Grenzregulirung an Rußland grenzen werde. Kurz die russische Regierung will sestgestellt wissen, entweder England habe in jenem Landstriche zwischen dem Kuscht und dem Paropamisus eine directe Gewalt und das Recht, die Ordnung in dem Grenzlande aufrecht zu erhalten, wie dies an den Grenzen civilisirter Völker überhaupt immer stattfindet, oder England solle erklären, jenes Land liege außerhalb seiner Machtsphäre, dann werde Rußland schon allein die Ordnung zu erhalten übernehmen. Man muß dieser Forderung Rußlands inso­fern gerecht werden, weil sie Klarheit in die afghanischen Grenzverhältnisse zu bringen sucht. Eine Zustimmung Englands zu dieser Forderung der russischen Regierung ist aber noch nicht bekannt geworden.

Im englischen Unterhause hat das Cabinet Gladstone eine Niederlage erlitten, doch weiß man noch nicht genau, ob Gladstone dieserhalb

Politische Ueberficht.

Gießen, 11. Juni.

Wenn es mit der Spärlichkeit der politischen Begeben­heiten so weiter geht, wie in den letzten 14 Tagen, so werden wir binnen Kur zem in die stille, tobte Saison in einer Weise gerathen, wie es seit Jahren M der Fall gewesen ist. Immer spärlicher fließen schon jetzt die politischen Nachrichten und bald werden die wenigen noch schwebenden Fragen ruhen oder bis zum Herbst verschoben werden. Vorbereitungen für die Wahlen und das Stiilbium einiger neuen Gesetzentwürfe dürsten schließlich die einzigen Gegenstände fein, mit denen die innere Politik sich zu beschäftigen hat.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich der Bundesrath dem- Ml auch mit der Währungsfrage beschäftigen und Untersuchungen anstellen wird», ob vielleicht an Stelle der jetzigen Goldwährung die Doppelwährung zu lrete:n habe. Aus den Antrag Bremens ist dem Bundesrathe auch ein Gesetz­entwurf zugegangen, welcher Bremen ermächtigen soll, im Falle vom Hansastaate Nennen eine Regulirung der Unterweser vorgenommen wird, einen Schiffszoll von den betreffenden die Unterweser passirenden Fahrzeugen zu erheben. Unter Herren noch zu vereinbarenden Bestimmungen dürste der Bundesrath diesem Antirage Bremens seine Zustimmung gewähren.

Die Unfallversicherung, so wird uns berichtet, beschäftigt das Reichsamt des Innern ganz besonders; diese Aufgabe ist es, welche die neuer* iingö erfolgte Berufung weiterer Arbeitskräfte (Landräthe Barthels und v. Meinbaben) in dieses Ressort nothwendig gemacht hat, und noch weitere Berufungen nothwendig machen wird. Es haben sich bei der praktischen Anwen- v^ng. des Gesetzes so viel Mängel herausgestellt, daß man, wenn man auf eine chneßliche Wirksamkeit des Gesetzes rechnen will, keine Zeit verlieren darf, um diese Mängel abzustellen. Es wird deshalb eine Novelle vorbereitet, die ötnt Reichstage in der nächsten Session vorgelegt werden soll. Außerdem wird ck meuer Gesetzentwurf vorbereitet, welcher die Unfallversicherung auf die Weiter in der Land- und Forstwirthschaft ausdehnen soll und zu welchem der Ärichsregierung Material durch die Berathungen geboten wird, die in der lW Ilversicherungs - Commission des Reichstages in der letzten Session statt - Mriden.

Am Montage ist der Kaiser von Oesterreich in München ein* ^reffen und sogleich nach Feldafing zum Besuche seiner hohen Verwandten nriite rgereist.

Die französische Republik hat jetzt einen recht seltsamen Conflict ml Italien, der aber wohl nicht viel besagen wird. Nach einer Theater- MiMung in Tunis, in welcher eine talienische Operetten-Gesellschaft dadurch, bis tiie franzosenseindliche Gesinnungen zur Schau trug,einen Theil der Zu- ichwer verletzt hatte, schlug am Ausgange des Theaters ein Italiener, angeblich * selbst provocirt worden zu sein, einem französischen Officier in's Gesicht. Dr Angreifer wurde vor Gericht gestellt und zu 6 Tagen Gesängniß verurteilt, mr Strafe, Die im Hinblick aus die Schwere der Beleidigung allerdings gering deinen mußte. Der commandirende General Boulanger machte denn auch I'Äü dem Kriegsminister Anzeige und beschloß, den geschlagenen Officier mit ä schweren Strafe zu belegen, falls die Untersuchung ergeben sollte, daß er HMner Waffe hätte bedienen können. Zugleich erließ der General einen Ar mischten Tagesbefehl, durch welchen angeordnet wird, daß die Officiere in Mmft sofort bei der geringsten Provokation blank ziehen müssen.

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Betreffend: Nachforschungen nach einem zu Weißenburg im Elsaß aufgegriffenen unbekannten Knaben. ® e$en' Qm

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« bie Großherzoglichea Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme von Gießen.

Am 18. December 1884 wurde zu Weißenburg ein fremder Knabe ausgegriffen, welcher hinsichtlich seines Namens und seiner Herkunft die wider- sprschendsten Angaben machte und sich zuerst Adam Helfrich, später aber Adam Schmitt nannte.

Sollte der Knabe, der entschieden Hessischen Dialett spricht und dessen Signalement hier beigefügt ist, Ihrer Gemeinde angehören, oder sollten Sie in der Lage sein, über denselben irgendwelche Auskunft erthellen zu können, so wollen Sie alsbald an uns berichten.

Dr. Boekmann.

Signalement des Knaben Adam Helfrich: Alter: 11% Jahr. Größe: 1,37 Meter. Statur: mittelmäßig. Haare: blond und traus. Singen: braun. Nase: klein. Mund: gewöhnlich. Kinn: rund. Gesichtsform: rund. Gesichtsfarbe: blaß. Zähne: gesund. Besondere Kennzeichen eine Keine Verletzung am rechten Ohr. Bekleidung: eine blau-weiß gestreifte Jacke, eine grau-roth gestreifte Hose, ein Paar schlechte Zugstiefel, ein Paar baumwollene Strümpfe von grauer Farbe, eine wollene dunkele Weste und ein blau-roth gestreiftes Hemd.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit vrmßei

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 bi " »uw rji i,