Ausgabe 
12.4.1885 Zweites Blatt
 
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Woche« - Ueberficht.

Gieße», 11. ÄpriL

Das Charakteristicum der nunmehr abgelaufenen Osterwoche war bezüglich der inneren Politik der absolute Mangel an irgendwelchen Ereignissen, welcher Umstand allerdings durchaus zu der österlichen Ruhe paßte. So muß- len denn allerhand ältere Themata herhalten, um die politischen Spalten der Blätter zu füflen. Eine Hauptrolle spielten hierbei die Betrachtungen über die Frage der Neubesetzung der erzbischöflichen Stühle von Köln und Posen. Mit großer Bestimmtheit trat das Gerücht auf, daß der Bischof Crementz von Errn- Land da;ü au-ersehen sei, der Nachfolger des Erzbischofs Paulus Melchers von Köln zu werden, bis dato fehlt es aber immer noch an authentischen Mitthci- lungen darüber, ob dem wirklich so ist, wenngleich die rheinische klerikale Prefle ebenfalls an die bevorstehende Ernennung eines neuen Erzbischofs von Köln glaubt. Man wird daher gut thun, die weitere Entwickelung dieser Angelegen­heit in Ruhe abzuwarten. Daß Dr. Crementz in Berlin der angenehmste Can- didot für den Kölner erzbischöflichen Stuhl wäre, wird allerdings allseitig ver- sichert und gilt er bei Hose, wie auch beim Reichskanzler als persona graiis- sima, wobei bemerkenswerth erscheint, daß Dr. Crementz 20 Jahre lang Pfarrer in Coblenz, der bevorzugten Sommer-Residenz der Kaiserin, war. Was die .Neubesetzung de- erzbischöflichen Stuhles von Posen-Gnesen anbelangt, so hat 'diese Frage in letzter Zeit so gut wie keine Fortschritte gemacht und stößt an- ILeinend die von der preußischen Negierung begünstigte Eandidatur Wanjura hei der Kurie auf unüberwindliche Hindsrnifle.

Der Reichskanzler ist von seinem Oster-Ausflugs, welcher der Besichtigung seines kostbarsten Geburtstags-Angebindes, des Gutes Schön­hausen, gewidmet mar, am Mittwoch wieder nach Berlin zurückgekehrt. Fürst Bismarck hat das Stammgut seiner Väter in bestem Zustande gefunden und seinen Empfindungen, wieder in Besitz deflelben zu sein, m einem von der Nordd. Allg. Ztg." veröffentlichten Schreiben Ausdruck verliehen.

Im socialdemokratischen Lager scheint ein tieferer Gegensatz sich geltend machen zu wollen. Die socialistische Fraktion des Reichstages, deren Haltung in manchen Fragen, namentlich aber gegenüber der Postdampser-Bor- lage, in demSocialdemokrat", dem m Zürich erscheinenden Hauptorgan der deutschen Socialdemokraten, wiederholt einer sehr absälligen Kritik unterzogen worden war, erläßt in dem genannten Blatte gegen diese Angriffe eine gehar- nischte Erklärung. Jntereffant ist aus letzterer der Paffus, in welchem die Frak- Hon sich als moralisch verantwortlich für den Inhalt de«Socialdemokrat" er­klärt und betont, daß nicht das Blatt die Haltung der Fraktion, sondern letztere die Haltung des Blattes zu controliren habe. Schließlich wird die Redaction desSocialdemokrat" ermahnt, im Interesse der Einigkeit der Parteigenoffen derartige Angriffe künftig zu unterlaßen. Man darf gespannt fein, ob sich der Socialdemokrat" diesem Machtgebot der socialdemokratischen Reichstags-Fraktion so ohne Weiteres fügen wird.

Auf österreichischem Gebiete hat am Ostermontag eine Feier ihren Anfang genommen, die ihren Wiedcrhall weit über die Grenzen des Kai- serstaates hinaus findet. Es handelt sich um das tausendjährige Gedenk fest der Slaven-Apostel Methodius und Cyrillus, welches am'H. April in Welehrad in Mähren, der Stätte, in welcher Methodius meist residirte und wo er auch begraben liegt, begonnen hat und welches fein Ende erst am 4. Octbr. finden wird. Die ganze slavische Christenheit ist zu dieser Feier eingeladen, aber sie verlor den Charakter eines großen national-slavischen Verbrüderung«. Feste« von dem Zeitpunkte an, an welchem die Polen das Fest in die Wege einer römisch-katholischen Slavenseier lenken wollten. Dieses Bestreben stieß auf den entschiedenen Widerspruch der Griechisch-Orthodoxen und find dieselben auch nicht in Welehrad erschienen, sondern sie werden die Methodiusfeier für sich begehen. Wie es scheint, hat man denn doch auch in den Wiener Regie- rungskreisen an der Stempelung der Welehradfeier zu einem panslavisiischen VerbrüderungSsest Anstoß genommen und so dürfte dieselbe weit mehr Die kirch- liche, als die national-slavische Seite herauSkehren. Der Kronprmz und die Kronprinzessin von Oesterreich sind am Mittwoch zu einem Besuche 0e« belgi­schen Königspaares, Den Eltern der Kronprinzessin Stefanie, in Brüffel einge- troffen und von der Bevölkerung enthusiastisch empfangen worden.

Die Osterwoche hat der französischen Republik mit dem Cabinet Brisson wieder eine Regierung und außerdem mit der Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien mit China noch ein höchst angenehmes Ostergeschenk gebracht. Die parlamentarische Einführung des neuen Cabinet« ist durch die vom Ministerpräsidenten Brisson in der Kammer verlesene Erklärung, welche die Grundzüge enthält, nach denen er zuregieren" gedenkt, in durchaus befriedigender Weise von Statten gegangen und sanden Tue Worte Briffon'« keinerlei Widerspruch. Die Kammer hat dem neuen Ministerium auch sofort einen sehr schätzenSwerthen Vertrauensbeweis durch Bewilligung des für Tongking geforderten 150 Millionen-Credits gegeben, dessen aber das Cabinet Briffon jetzt wohl kaum mehr benöthigen wirb, nachdem die Dinge in Ostasien eine so unerwartete rasche friedliche Wendung genommen haben; hoffentlich ist es den Chinesen mit ihren Friedenüabsichten auch Ernst. Gleichzeitig mit der Erneuerung des Ministenums in Frankreich hat auch die Deputirtenkammer die Neuwahl ihres Präsidenten an Stelle Briffon'« vor­nehmen müßen. Es wurde Floquet, welcher ziemlich rabicalen Anschauungen huldigt, mit 179 Stimmen gewühlt, währenb der Opportunist Fälliges mit 175 Stimmen in ber Minorität blieb; bie Kammer ging hierauf ein -wenig posl fesUim in die bis zum 4 Mai dauernden Osterferien, die ihr mach den Aufregungen ber letzten Wochen auch zu gönnen finb.

Jenseits de« Canals zieht ein Ereigniß bie Aufmerk­samkeit der englischen Nation von ber egyptischen Frage unb von ben Verhandlungen mit Rußland zeitweise ab die Irland fahrt des Prinzen von Wales. Der Besuch des englischen Thronfolgers auf ber grünen Insel" ist entschieden al« ein politische« Ereianiß zu betrachten, bie englische Regierung bietet hierburch dem grollenden Irland gleichsam die Hand zur Versühnung und in der That scheint die irische Bevölkerung nicht ab­geneigt zu fein, den Besuch de« Prinzen von Wale« al« ein Zeichen de« Ent­gegenkommen« Englands zu acceptiren. Wenigsten« berichten Telegramme aus Dublin, wo der Prinz nebst seiner Gemahlin am "Mittwoch eingetroffen ist, daß der Empfang, welchen bie Dubliner den hohen Gästen bereiteten, ein vfefyr herzlicher war. Eine Burgerdeputation überreichte dem prinzlichen Paare eine Adreffe, jubelnde Menschenmaßen begrüßten dasselbe und aus dem Wege -zum Schloße wurde dem erlauchten Paare wiederum die freudigste Begrüßung

zu Theil; vielleicht, daß von diesem Besuche em neuer Abschnitt ix den Bs- ziehungen Irlands zu England batirt.

Die glänzenden Festlichkeiten und Schaustellungen. »Hebe die anglo-indische Regierung dem Emir von Afghanistan tu Ehren in Rawul-Pinbi veranstaltete, haben ihren Eindruck auf den afghanischen Herrscher nicht verfehlt. Abdurrahman hielt am Mittwoch einen feierlichen Durbar (Empfang) ab, bei welchem ber Vicekönig von Indien, Lord Dufferin, zur Rechten und der Herzog von Connaught zur Linken des Emir» Platz ge­nommen hatten. In einer Rede gab derselbe sodann feiner Dankbai leit und Ergebenheit für bie Königin, für ben Vicekönig unb für England Ausdruck. Was ihm England für dieseErgebenheit" bezahlt, ist noch nicht ganz iest- gestellt, für nichts unb wieder nichts wird aber ber Afghanenfurfi sich gewiß nicht auf Englanbü Seite schlagen, falls wirklich besten Streit mit Rußland einmal zum Austrag gelangen sollte. Dieser Zeitpunkt ist aber vielleicht rascher herangenaht, al« nach der jüngsten friedlicheren Wendung der afgha­nischen Grenzfrage anzunehmen war. Rach officiösen Petersburger Berichten hat am 18. März ein blutiger Zusammenstoß zwischen Russen und Afghanen am Kuschkfluffe stattgefunden, in welchem die Afghanen zur Räumung ihrer Positionen gezwungen wurden. Sie verloren in dem Gefecht gegen 500 Tobte, bie gelammte Artillerie, 2 Fahnen unb das ganze Lager nebst dem Fuhrpark Die Rusten wollen nur 11 Tobte unb 32 Vcrwunbete gehabt haben; auffällig erscheint e« jedoch, daß sie trotz ihres Erfolges wieder in ihre früheren Positionen am Kuschkfluffe zurückgegangen sind.. Auch der Standard" veröffentlicht eine Depesche über diesen Zusammenstoß, der aber am Murghabfluffe ftattgefunben haben soll unb sollen hierbei von beiden Seiten 500 Mann gefallen fein; außerdem meint derStandard", daß der Ursprung der Depesche daraus hindeute, daß die Ruffen im Nachtheil geblieben feien, lieber dieses erste Gefecht zwisch-.n den russischen unb den afghanischen Vortruppen finb demnach nähere Berichte abzuwarten; jedenfalls droht aber baßelbe alle Kombinationen über den friedlichen Ausgang der englisch-rufstfchen Affaire mit einem Schlage über den Hausen zu wersen.

Arbeitskalender

für den Gemiise- und Blumengarten, ttpril.

Der April stellt sowohl an den Gärtner als an den Blumenliebhaber die größten Anforderungen von Arbeitskraft. Hatte der Februar und März wenig schöne Tag«, ft müssen die zurückgclassenen Arbeiten eben im April verrichtet werden.

Im Gemüsegarten werden die frühen, mittelfruhen und späten Erbten, Kraut, Wirsing, Kohlartcn gelegt, Kohlrüben auf zubereiteten Beeten in's Freie biinn gesäet. Kraut und Braunkohl werden später gesäet. Man bestellt xohl und Steck

rüden , Schnittkohl, Bindcsalat und Sommersalat. Bei kleinem Bedarf werden

die Korner der Beete iSalatrübe, rothe Rübe) in dem Garten, bei größerem Bt trnrfc in'S Feld gesäet, ebenso die Runkelbrübe. Alle, zeitig in's Freie auf geschützte Beete ober in's Mistbeet gesäcten Gcmusearten werden m'ü Freie gepflanzt, für no* kommende Fröste hält man Töpfe bereit, um diese über die Pflanzen zu stülpen. Sämintliche Mistbeete müssen ost und reichlich gelüftet und aeiätet werden; von den Frühgemüscn, als Salat, Radieschen, Caroltcm werden die stärksten gezogen unb für die Küche verwendet. Gurken, Kürbisse und Melonen sind um Mitte des Manat«' in Töpfe oder ins Mistbeet zu bringen. (Mitte Mai dann in's Freie gepflanzt.» Bon dieser Zeit bis Ende des Monats werden auch die früheren Lorten von Brechbokmen gelegt. Von Stangenbohnen legt man drei arabische Sorten und die russische weige Riescnbohne. Gegen Ende des Monat« wird es auch schon notbrornbig Kin, einige Gemüsesorten zu behacken und anzuhäufeln, ebenso ift das Unkraut fleißig zu jäten, leer gewordene Beete sind umruarbeitcrr unb neu zu bepflanzen.

Auch bas Gemüse für den Winter, als Kraut, Kohlrabi ?c., ist nochmals zu de stellen. Sinb bie Frühkartoffeln noch nicht gelegt, so bat dies glc.ch im Beginne des MonatS zu geschehen. Bei sehr trockenem Wetter, besonders bei Oft und Rordwinden, wolle man die Erdbeeranlagen täglich durchgießen lassen.

Im Obstgarten sind, wenn es nicht schon im März geschehen, gleich Aniangt Bäume zu beschneiden und Spalierbäume anzuoinden. Ist der Wein noch nicht auf- gedeckt, so hat die« gleichfalls Anfangs des Monats zu geschehen.

Im Blumengarten sind alle im Vormonate gemachten Aussaaten zu lüflrw und Abends zu bespritzen: die Beete sind vom Unfraut zu reinigen. Sind die An­saaten zu eng, so sind btc hervorkeimenden Pflänzchen in 3 dis 4 Eentimeter Ent­fernung von einander in das Mistbeet oder auf geschützte Beete des Gartens zu pflanzen. Zuerst sind sic geschloffener, später luftiger zu halten, da man hierdurch kräftige Pflanzen erzielt, die das spätere Verpflanzen in'S Freie gut vertragen. Tu Aussaaten der harten Sommergewächse müssen in diesem Monate oorgenommen werden. Aussaaten von feineren Sommergewachsen finb gleichfalls vorzunehmen und säet man entweder in's Mistbeet oder in Töpfe und Näpfe, die man in's Rim nur stellt und nach dem Erscheinen durch Herausbringen an die Vuft adhärtet. Für den "Mai kann man nun die Aussaat der gefüllten und einfachen Zinnien, Baifamlnen und TazeteS verschieben. Sind die Rosen noch nicht ausgcdeckt, so hal^ies gleichiallv. im Anfänge des Monat« zu geschehen und sind sie zu deschnciden. Schlingpflanzen sind anzubinden und die Ranken gleichmäßig zu oertheilcn. Topfpflanzen sind oft in« Freie zu bringen und, wenn keine Nachtfröste zu befürchten sind, ganz im Freien zu lasten. Ebenso muß daü Verpflanzen unb Aufdinden der Topfpflanzen oorqr nommen werden und ist für reichlichere« Begießen Sorge zu traaen. Gegen Ende de« Monats April fängt man an, die Gladiolen zu legen und wiederholt diese Ardeir von vierzehn zu vierzehn Tagen, um eine längere Flor dieser prächngen Blumen V erzielen. Die Knollen von Miradili«, Eomelina, Orali«, Tigrlbia werden vor Ende diese« Monat« bi« Anfang« Mai gelegt. Ist das Wetter günstig, so sann man gegen Ende April die angettiebenen Georginien Knollen in'« Freie pflanzen, sonst Anfang» Mai. Dir harten Kalthaus- und Orangeriepflanzen kann man gegen Ende de« Monat» in« Freie bringen, doch vergeste man der drei Eismänner nicht und beachte wohl, baS starker Frost diese Pflanzen schädigt. Den oerblüdten Eamelien und Azaleen gebe man helle Plätze, damit sich die jungen Triebe gut ausbilden können. Nadelholzbäume und Eonifcrcn müssen, bevor der Trieb beginnt, gepflanzt werden.

Vermisedte».

-- fZunahme der Schiff« Geschütze England« vom Jahre 18771884] Für die englische Marine sind an Geschützen beschafft:

Vorderlader Hinterlader'

1877 100

1878 115

1879 54

1880 108

1881 39 38

1882 19

1883 03 186

438 318

Im Jahre 1884 wurden 10 Hinterlader von je 43 Tonen Gewicht, 2 dto wn 18 Tonnen unb 3 dto. von 11 Tonnen und außerdem eine größere Anzabl von 12,70 Em. (5 8oll englisch» unb 15,24 Em. (6 Zoll englitch) Hinterlader

Die Gesammt-Ausgabe für die Beschaffung dieser Kanonen betrug für die Vorderlader unb 4,942.600 x für die Hinterlader. DK Turchschn.ttsausgav« pro Jahr während der letzten acht Jahre betrug somit für <^chin. * 1 amv< run 1,200,000 v*