Nr 36 Ersted Blatt. Tonuerstag den 12. Februar 188S
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeil,eblatt für den Kreis Gießen.
Bert** t Schulftraße 7.
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Darmstadt, 10. Frdruar. Die eoangrlische LandeSsyttode tret heute zur Fott- j.tzuva ibrir B-ralyungen zusammen. Nach Bertünbigung der neuen Einläufe begann die Berathaag deS Budgets. NamenS der Commission erstattet Synodale Brand Bericht. Dte Lage der Finanzen ist eine frhr erfreuliche. Die Einnahmen find gestiegen, die Audgadeu gesunken, der Betrieb ist schuldenfrei geworden. Dte Lage gestaltet nicht nur, die Anforderungen Großh. OberconsiaortumS zu bewilligen, sondern auch über dtesilden hinaus dte Wtttwenpevfionen zu erhöhen und die Scala der geistlichen Gehauer völlig durchzuführrn.
3n erster Lesung werden hteravs die Pofitionen der Ausgabe nach den Vor- schlögen der Commission bewilligt. E ne lebhaste Debatte entsptunt sich nur bet Pos. 14: wiar Unierfiützung evang. geistlicher-, bet Pos. 15: ,zur Unterstützung der Studtrendrn der Theologie und zu Pos. 22: .Beitrag zur Wtttwevkafie." k t .
Zu Pos. 14 wtrd größtmögliche Strenge und genaueste Prüfung der eingelaufenen Gesuche allseitig gewünscht.
Zu $of. 15 wünsch« Sy-odnl- SB tiff ent a* «bonlichstt Setmtibung non Cumulattuoen. Synodale Stamm macht darauf aufmerksam, daß e« sich empfehle, bet Bewilligung von Stipendien an Gymnasiasten vorsichtig zu sein, dam t nicht ungeeignete Elemente zum Studium der Theologie herbetgezogen würden. Abgeordneter Dteffen d ach spricht seine Freude darüber auS. daß die bete. Stipendien auch an nicht zu Gießen Studirende gegebrn würden. Freizügigkeit sei um der geistigen Anregung willen nothwendig. Am liebsten würde er etz sehen, wenn Retsesttpendien gegeben würden. Auf Güßen könne man dte Stipendien nicht bischrünken. da ja dort die Möglichkeit n'cht auSgeschlofien sei. daß einst vielleicht einmal lutherische Lehre dort nicht do Händen sei. Abgeordneter Stade bemerkt, der Wuusch, Cumulat'vnen zu verm »den, fände seine Beschränkung an den betreffenden StistungSbeftimmuvaen. zudem sei diese Sache wegen der Unrinheit der Stipendien unerheblich. In der Ver- l.ibuna von Sttprnd'en an Gymnasiasten finde er keine fittliche Gefahr. Neigung zu einem bestimmten Studium sei sehr oft schon recht früh vorhanden. Wünschenswerth s.i besondere Rücksichtnahme aus die Tüchtigkeit; die besten Köpfe seien zum geistlichen Amt eben gerade gut gmug. Bet der jetzigen Lage scheine ihm dte Gefahr, daß einst in Gießcn keine lutherische Lehre vorhandm sei. in weiter Ferne, wo nicht im Monde zu liegen, eher glaube er, datz sich dte der lutherischen Confession nicht zugehörigen Glieder der Landeskirche beschweren könnten, daß dost zu viel lutherische Lehre vor, Händen sei. Rctsest'pendten fden sicher nützlich, doch unter einem andern Titel zu bewilligen. Dte geforderten 20000 A (gegen 6400 JL in voriger Periode) werden bewilligt.
Zu Pos. 22 liegt ein Antrag Dorn setff-Bickenbach vor. statt 26 618 JL bloS 19618 JC, dafür aber 7000 X zur Unterstützung von Pfarrerwittwen mit minorennen Kudern zu bewilligen. Doch beschließt dte Synode nahezu einst mmlg nach dem Bnttage der Commission.
Nächste Sitzung am 11. Februar. V»10 Uhr.
Berlin, 10. Februar. (Reichstag.) Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung des RochStagS stand dte erste Berathung der Zolltarif-Novelle. Dte Tribünen waren dicht gefüllt und namentlich viel Mttgl eder der ©etretbcbßrfe bemerkbar, dte schon heute eine Entscheidung erwarteten; noch mehr alS fünfstündiger Debatte, In die auch Fürst BtSmarck etngriff, wurde dteVerhandlung blS morgen vertagt; allem Anscheine nach wtrd auch der Schwerpunkt der Verhandlungen tn den noch bevorstehenden Reden liegen.
Der heutige erste Redner war der Abz. Rickert (bfr ). Ders-lbe bezeichnete die Vorlage nicht allein von finanzieller, sondern auch von socialer Bedeutung; der sociale Frieden steht in Frage und deßhalb erheben wir energischen Protest. Mit dieser Vorlage, dte man nicht einmal einer Commi'fion zur Vorberathung überweisen will, ist die Tb»orte der ehrlichen Probe verlassen. Der Kern der Vorlage ist der Grtreidezoll, alles andere ist Beiwerk. Der Zweck derselben ist die Vertheuerung deS nothwendigften Lebensmittels deS Volkes, ernzelne besitzende Cloffen wollen sich auf Kosten des Ganzer, bereichern. Die Begründung der Vorlage der Getreidezölle ist absolut unstichhaltig. W nn das Geschrei über den Nothstand der Lavdwtrtbschaft N'cht aushört, mögen die Großgrundbesitzer doch einmal ihre Bücher vorlegen. Der Schutzzoll für dte Landwirth- schast ist an dem Tage zum Tode verurtheilt, an dem er hter beschloffen wird. Der Holzzoll tst nicht so bedeutungsvoll, wie der Gelreidezoll; aber tr spiegelt am besten bte j.tzige Strömung wieder. Durch den Holzzoll wtrd das Recht der Waldbesitzer aus eine Rente proclamirt. daneben schädigt er aber auf das Empfindlichste dte Tausende in der Holzindustrie beschäfttgten Arbeiter, und für dte Ostseestädte sind dtese Zölle geradezu vernichtend. Wenn Steuern gebraucht werben, warum wtrd denn der Schnaps rrci gelassen. warum geht eS mit der Zuckersteuer nicht vorwärts? Wir werden gegen dte UngerechrigkUl und für die Erhaltung dcS socialen Friedens etntreten. Diese Vorlage, so schließt der Redner, ist doS TodeSmthul der gessmmten neuen Wirth» schaftSpoltlik.
Min ster Dr. LuctuS bezeichnete dte Klagen der Landwtrthfchaft nicht alS locale, sondern als allgemetnc; dte Lanowtrihschaft befinde sich in einer schwere« Krise, ja, tn einem Nothstanbe. der zunächst durch mehrere ungünstige E-Nbim hervorgerufen sei. Die wichtigsten Produkte der Landwtrthschast fönnen, zumal bei den erhöhten Pro- ductiontzkosten. nur ungenügend verwendet werden. E'n Un versalmtttel für die Land- wtrthfchaft gibt eS nicht, da müffe Staaishülfe und Selbsthülfe zusammenwtrken. D'e Erfahrung feit 1879 Hot bewiesen, daß diese Zölle eine fühlbare Vertheuerung der Pre'se nicht herdeigeführt haben; bcimHolzzoll wie beim Getreidezoll sei die Erfahrung gemacht, daß wenigstens ein Theil derselben vom AuSlande getrogen wtrd. Zwar wird der Landwirthschaft nut diesen Zöllen nicht vollständig geholfen w-rden, aber mit der Annahme derselben wtrd ihr auch schon eine Kräftigung erwachsen.
Adg. Dr. Frege (conf.) sch ldert dte Nothlage der Landwtrthschast, dte Linke vertrete nur dte Ansicht der Großstädte, dagegen nütze der j.tzt verlangte Zoll auch den kleinen Luten; für dte deutsche Müllerei sei ein noch höherer Schutzzoll nöthig. aI5 hier Vorschlägen werde. Der Redner weist den Dorwurf zurück, daß der Zoll nur d.'n Großgrundbesitzern zu Gute komme; gerade den Pächterixlstevzen werde dadurch aufgeholsin werden.
Adg. Holtzmann (natl.) spricht für denjenigen Theil seiner Partei, die gegen die Grtreibezölle zu sttmm.'N beabfichtigeo, dte Ansicht aus. daß dec jetzige Niedergang kein bauernder tst, sondern daß eS sich nur, rbte bet anderen Gewerben, am eine Krisis handelt, bei der nicht gleich die Gcsetzgebung etnzugreifen brauche.
Fü^st BtSmarck wendet sich gegen dte Ausführungen deS Vorredners und bestreitet dtffen Angabe, daß der Export von Holz nach Holland und Belgien leiden würde; schwedische Hölzer sollen in rohcm Zustande, unbearbeitet, aber nicht tn Brettern emgksühlt werden; daS wesentliche Ziel des HolzzolleS solle sein: den Nutzender Waldungen zu vergrößern und dadurch die Landwirthe zu rationellen AuSforstungen zu ermuntern; die Absicht, mit den Zöllen dte Holzvretse zu steigern, bestände nicht. — Bor sechs Jahren find von allen Rednern, die Gegner der Vorlage waren, dieselben E nwendungen gemacht worden. Die wetteren Redner werden daS auch thun, und da- aüss.n sich doch alle sagen, wie sehr sie sich getäuscht haben. Warum wdt denn der
Austurm sv sehr g'gen die Getretdezölle? — Stt.f.l, Kleiber und sonstige vedürfntffe sind doch auch für den Arbeiter notdwendig. was Hilst denn da wohlfeile-Brod allein? Wenn tn unserem constitut-ooellen Reiche eiwaS zu schützen geeignet ist. so ist e- doch baS. woran die Majorität das größere Jntenffe hat; S e (zur Linken gewendet) halten ja sonst so viel von Majoritäten, hier tu diese Mojor'iüt die Lavdwirthschast, — warum imponirt JHN'N denn nicht diese Majorität des Dolkctz? Wir bestreben uns. den Bauer vom Drucke der gegenwärtigen G-sitzgedung zu befreien, so wie efl Hardenberg — von brm der Abgeordnete Rickert sprach — seiner Z<1t vom Drucke der damaligen gethan hat-
Wer d'e Absichten, so schloß Fürst BiSmarck mit großer L-bhostizkett, der Reich«- regieruvg anders als in dem von ihm entwickrlten Sinne darstelle, der begehe eine Entstellung der Wahrheit und eine Aufhetzung der besitzlosen Klaffen, wie die« den KewohnheitSrednern zur zweien Natur geworden sei. ES ist eine Erfindung und eine Unwahrheit, wenn die Ziele der Regierung so hingestellt werden. alS wenn damit etw,« Andere- bezweckt werden solle, al« der Schutz deS nationalen Gesammtoermögev«, nicht der Schutz einer einzelnen Klasse oder gar die Benachtheiligung einer anderen, sondern der Schutz der Armen und der Reichen.
Danach sprach noch der Abg. v. Sch alscha (Cir.) im Sinne der Vorlage, deren Annahme bezüglich Getreide- und Holzzölle er im Plenum empfahl, und polemifirtc in sehr heftiger Wetse gegen den Abg. Rickert.
Nächste Sitzung morgen. ______________________
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. (Eerttf»onbcni /»„trau.
London. 10. Februar. ..Daily Telegraph" berichtet au» Gubat, daß Gordon an» Morgen deS 27. Januar getödtet wurde.
London, 10. Februar. General Newdcgale wird den Beseh! über da« für Suakim bestimmte Expeditions-Corps übernehmen und General Greaoes der Chef des Generalstabes des CorpS sein. Das Corps soll in der Richtung nach Berber vormarschiren und dort die Verbindung mit Wolseley herzustellen suchen. Man rechnet darauf, daß die Operationen von Suakim Mitte März beginnen können. f
— Es heißt, die Regierung beabsichtige von den Reserven 10,000 Mann Infanterie einzuderusen. Die WaffcndepotS sind zur Lieferung der erforderlichen Ausrüstungs-Gegenstände angewiesen,
- Die formellen Anordnungen der Regierung zur Absendung von Trup- penverst8irkungen nach Egypten sind Nunmehr ergangen, die Garde-Bataillone schiffen sich nächsten Samstag ein und gehen direct nach Suakim. Der Abgang der Verstärkungen wird, so weit nur immer möglich, beschleunigt.
— Dem „Reuter'schen Bureau" wird aus Suakim von heute gemeldet, daß ungefähr 10,000 Insurgenten von Agig nach dem Lager Osman Digmas bei Tamai herangezogen wären. Einer Meldung deffelben Bureaus aus Bombay zufolge würden auch drei Regimenter Infanterie und ein Regiment Kavallerie eingeborener Truppen in der nächsten Zeit nach Egypten eingeschifft werden.
— Rach einem Telegramm aus Korti von gestern sind Sir Charles Wilson und seine Begleiter durch den Dampfer „Lord Beresford" von der in der Rahe des Kataraktes von Shabluka gelegenen Insel, wo sie Schiffbruch erlitten, gerettet worden. Wilson ist bereits in Korti eingetroffen und wird dem General Wolseley über die Einzelheiten der RecognoLcirung von Khartum Bericht erstatten. Während der Reise wurde der Dampfer bei Gubat durch die Aufständischen angegriffen, die letzteren wurden jedoch zurückgeschlagen.
Paris, 10. Febr. Gestern Abend drang ein aus etwa hundert jungen Leuten bestehender Haufen, nach Zertrümmerung des Schaufenster«, in den Laden eine« Waffenhändlers in der Rue Lafayette ein und raubte dort mchrere Gewehre und Revolver. Mehrere der Plünderer, darunter der 18jährige Führer derselben, wurden von der Polizei verhaftet. In dem Laden eines Optikus auf dem Boulevard Poiffonniore wurden von Ruhestörern gleichfalls die Fenster eingeschlagen.
— Im Laufe des gestrigen Abends wurde eine große Anzahl von Verhaftungen vorgenommen, etwa 30 der Verhafteten wurden in Hast behalten, die übrigen wurden wieder in Freiheit gesetzt. Um Mitternacht herrschte überall völlige Ruhe.
Konstantinopel, 10. Februar. Wie die „Agence Hava«' meldet, übergab die Pforte den Mächten die Erklärung des Khedive, worin er über dre üalienische Occupation am Rothen Meere klagt; auch hätte die Pforte tn Rom Beschwerde erhoben. Ä .
London, 11. Februar. (Prioat-Depesche). Aus Kortt wtrd gemeldet, daß Sir Wilson bei General Wolseley eingetroffen tst und letzterem Bericht über den Fall Khartums und den Tod Gordon's erstattet hat. Ein vom Oberst Boscawen in Gubat abgesandter Bote meldet, dav em verrat Herrscher Pascha die Garnison Khartums in der Richtung nach Omdurman marschtren ließ, vorgebend, er werde hier den Angriff des Mahdi erwarten^ Wahrend dessen öffnet ein anderer Pascha die Thore von Khartum. Dte AutNandtschen dränge^ zahlreich ein. General Gordon erhielt, als er das Gouvernement-Haus verließ, einen Dolchstoß.____-
Lokales.
triebe«, 11. Februar. [3. Sitzung der Großh. Handelskammer am Domierstoz bett 22 -Januar 1885J Gegenwärtia waren der Präsident Herr Ed^ SUbereiseu und ÄL>rrtn S- Heichelheim, C Kltngspor, R- Scheel, Hch. Schirmer, A j
ging ein von des Ottsvorstehern und Gemeind er Sthen der Orte Grsß- Linvtu, Leihgestern, Hochelheim und Hörnsheim unterreichneteS und an dm Minister


