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Rr. 283 Mittwoch den 11. November 1883
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Politische Ueberficht.
Gießen, 10. November.
Der Bundesrath ist scharf bei der Arbeit, um dem Reichstage bei seinem Zusammentritte sofort reichliches Material zugehen lasten zu können. In seiner am Donnerstag abgehaltenen Plenarsitzung erledigte der Bundesrath eine ganze Reihe von Einzel-Etats zum Reichshaushalts-Etat pro 1886/87 und überwies dann die Vorlage bezüglich des Nordostfee-Kanals den betr. Ausschüssen zur Vorberathung. Der preußische Antrag aus Abänderung von § 22 des Preßgesetzes ging dem Justizausschuß zu. Unter den weiteren Beschtüsten des Bundesrathes von diesem Tage ist derjenige hervorzuheben, wonach der BundeS- rath bei seinem ablehnenden Votum bezüglich des vom Reichstage im vorigen Jahre genehmigten Antrages Windthorst auf Aushebung des sog. Expatriirungs- ÄesetzeS beharrt.
Der preußische Fiskus hat schon wieder einen „Diätenproceß" — welcher diesmal gegen den freisinnigen Reichstags-Abgeordneten Lerche angestrengt war — verloren.
Dem neuen Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürsten von Hohenlohe, ist bei seinem Einzuge in Straßburg und der hierauf erfolgten Uebernahme der Statthalterei - Geschäfte ein warmer und würdiger Empfang bereitet worden, an dem sich allerdings die eingewanderte altdeutsche Bevölkerung vorwiegend betheiligte. Am Donnerstag Abend empfing der Fürst die Vorstände der Vereine, welche ihm eine Serenade dargebracht hatten und betonte in seiner Ansprache, wie richtig die Straßburger Schützen-, Turn-, Gesang- und Krieger-Vereine ihre Aufgabe erfaßt hätten, die für die ersteren beiden in der Pflege alter deutscher Sitte, für die Gesang-Vereine in der des deutschen Liedes, für die Krieger-Vereine aber in der Mehrung der Liebe und Treue sür den Kaiser bestehe. Bei der am Freitag Vormittag erfolgten Vorstellung der Beamten äußerte der Statthalter, wie sehr er die Ehre schätze, der Nachfolger eines Mannes zu sein, der als Staatsmann und Feldherr in langer Lausbahn seinem Kaiser und Könige treu gebient habe.
„Es rast der See und will seine Opfer haben." Die slavische Hochfluth in Oesterreich bespült schon die Füße der Minister-Sessel und hat soeben den Unterrichts-Minister, Baron Conrad, verschlungen. Der Unglückliche hatte sich den Zorn der slavisch-klerikalen Neichsraths - Mehrheit namentlich dadurch zugszogen, daß er sich vor der Abstimmung über den famosen Adreß- Entwurf der Majorität aus dem Hause entfernte. Eine derartige Opposition — wenngleich sie nur stillschweigend war — dursten die Führer der slavischen und der klerikalen Re chsraths-Clubs nicht dulden und den hinter den parlamentarischen Coulisien inscenirten Jntriguen hat Baron Conrad weichen muffen. An seiner Stelle wurde der Hofrath und Director der Theresianischen und Orientalischen Akademie, Gantsch von Frankenthurm, vom Kaiser zum Unter» riLtr-Minister ernannt. Vielleicht wird auch der Kriegs-Minister, Graf Bylandt- Reifferscheid, bald deffelbigen Weges, wie sein gewesener Kollege im Unterrichts- Ministerium, fahren, da sich der Kriegs-Minister durch die Besorgnisse, welche er neulich in der österreichischen Delegation bezüglich der deutschen Sprache in der Armee äußerte, das höchlichfle Mißfallen der Czechen und Polen zuge- zogen hat.
Die gegenwärtige politische Situation in Frankreich, wie sie sich nach den Wahlen darstellt, wird wohl am besten durch den Umstand charakterisirt, daß Clemenceau, der Führer der Radikalen, in voriger Woche dem Präsidenten der Republik, Herrn Gr^vy, einen längeren Besuch abstattete und auch bei Grövy dinirte. Es deutet dies offenbar darauf hin, daß Herr Clemenceau berufen ist, entweder in dem neu zu conftituirenben Cabinet Brisson ober in der neuen Kammer eine Rolle zu spielen und hierzu ist er nach beiden Richtungen hin durch die Wahlersolge seiner Partei berechtigt. Die heutige französische Regierung kann also nicht umhin, sich mit den Radikalen in's Einvernehmen zu setzen und das ist für den gemäßigten Republikanismus in Frankreich allerdings ein bedenkliches Eingeständniß von Schwäche. — Herr de Frey- einet empfing am Freitag privatim den bulgarischen Abgesandten Geschoss, welcher um die Unterstützung Frankreichs behufs Aufrechterhaltung der Union Bulgariens mit Ostrurnelien bat, Selbstverständlich konnte der Minister dem Abgesandten keinerlei Versprechungen machen.
Aus Tongking liegt wieder einmal eine Depesche des Generals Courcy vor, welche besagt, daß die französischen Truppen in Aussührnng einer cornbi- nirien Acücm zur Reinigung des Landes von den ausständischen Banden begriffen seien. Die letzteren schildert Courcy als zahlreich, aber schlecht bewaffnet, auch theilt er mit, daß bei der Einnahme von Thannoi eine größere Anzahl von Bandenführern, darunter der Oberbefehlshaber der Aufständischen, gefangen genommen worden fei. Weniger erfreulich ist der Schluß der Depesche, an dem es heißt, daß die französischen Truppen täglich 5 bis 6 Mann an der Cholera verlieren.
Darmstadt, 8. November. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 4. November den Ministerialrath i. P. Geheimerath Heinr. Fischer auf fein Nachsuchen von dem Amte eines Präsidenten und den Hofgerichtsdirector i. P. Dr. Friedrich Zimmermann auf sein Nachsuchen von dem Amte eines Vicepräsidenten des Vereins zur Unterstützung und Besserung der aus den Strafanstalten Entlassenen zu entheben, sowie den Oberlandesgerichts
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BringerUchrr.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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rath Emanuel Freiherrn v Ricou zum Präsidenten und den Landgerichtsrath am Landgericht der Provinz Starkenburg Johannes Heß zum stellvertretenden Präsidenten des genanten Vereins zu ernennen.
Darmstadt, 8. November. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 7. November die Ernennung des Ober-Amtsrichters bei dem Amtsgericht Hirschhorn Lukas Roos zum Ober-Amtsrichter bei dem Amtsgericht Lorsch auf dessen Nachsuchen zurückzunehmen und somit denselben auf seiner seitherigen Stelle zu belassen;
an demselben Tage den Ober-Amtsrichter bei dem Amtsgericht Laubach Alexander Röm Held zum Ober-Amtsrichter bei dem Amtsgericht Lorsch mit Wirkung vom Tag der Ernennung seines Dienstnachfolgers zu ernennen;
an demselben Tage den Landrichter bei dem Landgericht der Provinz Oßerhess-n Karl Pückel zum Landgerichtörathe bei diesem Gerichte zn ernennen.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'- telegr. «orrefpondenr- Bureau.
Berlin, 9. Noo. Die vereinigten Berliner Kaufleute und Industriellen versammelten sich heute Abend im Bürgersaale des Rathhauses auf Grund einer heute Vormittag im Saale des Aeltestenkollegiums stattgehabten Konferenz, worin folgende Resolution gefaßt wurde: Die Konferenz deutscher Industrieller entscheidet sich ein- stimnlig für eine deutsche nationale Gewerbeausstellung und erwartet davon eine kräftige Förderung des nationalen Gewerbefleißes, auch in Rücksicht auf den Export. Falls in Paris im Jahre 1889 eine internationale oder größere nationale Ausstellung stattfindet, soll für die deutsche Ausstellung das Jahr 1888 in Aussicht genommen werden. Wenn ein Theil der deutschen Großindustrie auf unmittelbaren Gewinn von der Ausstellung weniger rechnen kann, darf man doch von dem Patriotismus gerade dieser Gewerbetreibenden erwarten, daß sie zum Besten der Gesammtheit und zu Ehren der nationalen Arbeit dem Unternehmen nicht fern bleiben werden. Die Resolution wurde Abends einstimmig von den sehr zahlreich erschienenen Interessenten angenommen. Kommerzienrat!) Kühnemann war Vorsitzender. Referent Voigts gab eine Ueberst qt über die Agitation in dieser Sache. Zum Gruß vieler auswärtiger Mitgliedes darunter Henckels-Solingen, Siemens-Dresden, Pfitzer-Laurahütte erhob sich die Versammlung. 100,000 JL sind für die Vorarbeiten der Ausstellung vorn Aeltesten- Kollegium bereits bewilligt. Eine bedeutende Betheiligung ist namentlich aus dem Norden und Osten gesichert, wogegen der Westen und Süden noch schwach vertreten sind. Der Vorsitzende schloß mit einem Hoch auf die deutsche Industrie und das gesammte deutsche Vaterland.
Berlin, 9. November. Bei der am Samstag in Potsdam abgehaltenen Schnitzeljagd stürzte der Herzog Günther von Schleswig-Holstein mit dem Pferde und brach ein Schlüsselbein.
— Eine Eorrespondenz aus Philippopel (aus bulgarischer Quelle) theilt mit, daß zwischen den Häuptern der Bewegung und Russen, unter denen sich der Leiter des Eonsulats, Graf Jgelström, befand, eine Begegnung stattgefunden habe, wobei alle Bemühungen aufgeboten wurden, die Rumelier durch Versprechungen zu gewinnen. Die Letzteren erklärten sich jedoch entschieden für den Fürsten Alexander und verzichteten auf weitere diesbezügliche Verhandlungen.
Braunschweig, 9. Woo. Die Prinzessin Albrecht reiste Nachmittags um 4 Uhr 52 Minuten über Berlin nach Kamenz. Dem „Braunschweiger Tageblatt" zufolge wird die Prinzessin sich dort nur etwa neun Tage aufhalten und dann nach Hannover übersiedeln, um dort mit dem Prinzen Albrecht Aufenthalt zu nehmen, bis die nöthigen baulichen Veränderungen im hiesigen Residenzschlosse vorgenommen sind. Uebcr die Abreise des Regenten sind bestimmte Festsetzungen noch nicht erfolgt. Dem gestrigen feierlichen Gottesdienste im Dorne wohnten der Prinz und die Prinzessin und auf Wunsch des Regenten der Hofstaat und die Spitzen der Militär- und Civilbehörden bei.
Straßburg, 9. November. Der „Landeszeitung" zufolge erwiderte der Statthalter beim Empfang des Eoadjutors und des Domkapitels am Samstag die Begrüßung des Bischofs Stumpf mit folgenden Worten: „Ich danke Ew. bischöflichen Gnade und dem Domkapitel für Ihren freundlichen Besuch. Ich freue mich, die Gelegenheit haben, dein Vertreter der katholischen Kirche in diesem Lande zu sagen, wie großen Werth ich darauf lege, die guten Beziehungen zu pflegen und zu erhalten, die zur Zeit meines Vorgängers zwischen der Staatsgewalt und der katholischen Kirche bestanden haben. Wenn mir dieses gelingen sollte, würde es mich mit um so größerer Befriedigung erfüllen, als ich selbst der katholischen Kirche angehöre, und als ich weiß, daß der größte Theil der Bewohner dieses Landes, deren Wohl meine Sorge ist, treue Söhne der katholischen Kirche sind."
Genf, 9. November. Bei der heutigen Staatsrathswahl wurden 5 Radicale und 2 Eonscrvative gewählt. „
Paris, 9. November. Eine Erklärung der Regierung wird morgen in der Kammer nicht abgegeben, sondern erst nach einigen Tagen, wenn die Kammer sich con- stituirt haben wird. — Die Ernennung des Senators Loubct zum Ackerbauminister und des Deputaten Gomot zum Handelsminister ist wahrscheinlich.
— „Temps" meldet: Loubet lehnte das Ackerbauministerium ab; der Depu- tirte Mun gab die Absicht der Organisirung der katholischen Partei auf, um keine Spaltung der Katholiken hervorzurufen. t .
Paris, 9. November. Der Schluß der Münz-Conferenz wurde, um Belgien eine Erklärung zu ermöglichen, auf Montag verschoben.
London, 9. November. Nach einer Mittheilung des „Standard" aus Sosia vom 8. d. M. mußte Dr. Stransky seine Enttassung nehmen, da er der Bestechlichkeit beschuldigt ist. , . r
London, 9. November. Gladstone nahm auf der Reise nach Edinburgh, woselbst er mehrere Reden an die Wähler halten wird,, in Chester eine Adresse von dem Ausschüsse der dortigen Liberalen entgegen, und äußerte, er gehe nach Schottland weniger, um seine eigene Wiederwahl zu sichern, als die Lehre von der Einigkeit der liberalen Partei zu predigen. r.^ , . , , , ar ,
Amsterdam, 9. November. Heute begaben sich einige hundert Arbeiter, welch? von den Socialdemokraten zusammenberufen worden waren, in geschlossener Ordnung zum Bürgermeister, um Arbeit zu fordern, wie dies in letzter Zeit wiederholt durch kleinere Arbeiteigruppen geschehen. Sie fanden jedoch das Gitter des Stadthauses geschlossen; ein Polizeicominissar eröffnete ihnen, daß der Bürgermeister die Deputattonen nicht empfangen werde, so lange dieselben ihre Forderungen in Form offent-
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.


