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Sir. 237. Zwkit-s B!-tt Sonntag den 11. Oktober 1885
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
- ., . ... - .. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Vrinqerlohn.
Vttrearr: Schulftraße 7. Erscheint täglich imt Abnahme des Montags. ®Urrf) bie $oft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pk.
Amtlicher Hheit.
Gießen, am 8. October 1885.
Betreffend: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobilmachung.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Cormmssion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter Ihrer Gemeinden, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobilmachung innerhalb 14 Tagen bei uns einzureichen sind. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden.
In den Gesuchen ist anzugeben:
1) Civilstellung,
2) Vor- und Zunamen,
3) Militärcharge und Truppengattung,
4) Genaue Angabe des Truppentheils, Regiment, Compagnie re., bei welchem der Eintritt erfolgt ist und Datum des Letzteren,
5) Bezirk des Landwehrbataillons. J x
Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche bereits früher bei uns reclamtrt haben, bedarf es der Angaben 1—5 nicht, es genügt hier einfache
^Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.
Dr. Boekmann. .
Großherzogliches Steuer-Commissariat Gießen. - Süffert.__________
Das Großherzoglichc Steucr-Commissariat Gießen
an die Großherzoglicheu Ortsgerichtsvorsteher des Bezirks.
Wir benachrichtigen Sie hierdurch, daß der Großherzogliche Geometer I. Cl., Herr Wießner, bis auf Weiteres von uns mit der Fortführung der Orundbuchskarten beauftragt worden ist.
Gießen, 28. Sept. 1885.
Wochen - Uebersicht.
Gießen, 10. October.
Zwei bedeutsame Ereignisse heben sich unter den Vorgängen auf dem Gebiete der auswärtigen Polink in dieser Woche besonders ab: Die An- Erkennung der Personal-Union Bulgariens mit Ost-Rumelien unter dem Fürsten Alexander durch den Sultan und die sranzöstschen Wahlen. Erstere Nachricht bringt die „Agence Havaö" aus Philippopel, wo das SLadthaupt die auf die Vorstellungen der Botschafter hin erfolgte Anerkennung der bulgarischen Union Seitens des türkischen Herrschers durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht hat. Hiermit ist die unter den Vorgängen auf der Balkan-Halbinsel bis jetzt am meisten hervorgetretene Frage: Wie sich die Pforte zum ostmmelischen Ausstande stellen werde? in einfachster Weise gelöst worden. Abdul Hamid beugt sich den vollzogenen Thatsachen und erkennt die Vereinigung Bulgariens mit Ost'Numelien unter dem Bulgaren-Fürsten als ein Factum an und somit wird wenigstens das Blutvergießen an der bulgarischen Grenze verhindert. Aber freilich — hiermit ist die Ruhe auf der Balkan-Halbinsel noch nicht wieder hergestellt, denn gerade jetzt, wo die Bulgaren am Ziel ihrer Wünsche angelangt sind, werden Griechenland und Serbien ihre Ansprüche auf „Compensation" starker erheben. Jenes reflectirt bekanntlich auf türkische Gebietstheile an der Hriechischen Grenze und aus Kreta und Serbien reclamirt Alt-Serbien für sich. Beide Länder sind vollkommen bereit zum Losschlagen und vielleicht giebt bie Vereinigung Bulgariens mit Ost-Rumelien hierzu das Stichwort. Die diplomatischen Bemühungen der Mächte in Athen und Belgrad zur Verhütung eines kriegerischen Vorgehens der Griechen und Serben haben bis jetzt anscheinend nur einen sehr geringen Erfolg aufzuweisen und unter solchen Umständen spielt dann auch die Botschaster-Conferenz in Konstantinopel eine ziemlich klägliche Nolle. Ob die österreichischen und russischen Kriegsschiffe, deren Ankunft in den griechischen Gewässern signalisirt wird, den Eintritt ernster Ereignisse verhindern werden.'muß man noch abwarten. — Was nun die Neuwahlen zur französi- scheu Deputirtenkammer anbelangt, so erregt ihr Ausgang fast noch mehr Interesse, M die Balkankrise. Das Charakteristikum der diesmaligen Wahlen in Frankreich ist der glänzende Wahlsieg der vereinigten Monarchisten, welche gleich im ersten Wahlgange 174 Candidaten durchgebracht haben, während im Ganzen nur etwa 145 Republikaner gewählt wurden. Falls die Monarchisten bei den am nächsten Sonntage stattsindenden Stichwahlen noch etliche Erfolge erringen — und daran ist kaum zu zweifeln — so wird ihre Zahl in der neuen Kammer zum Mindesten 200 betragen. Wahrscheinlich werden sie alsdann im Stande sein, mit den Radikalen eine — wenn auch unnatürliche — Majorität zu bilden und wie sich dann ein Cabinet lange halten soll, ist unerfindlich; jedenfalls ist für Frankreich durch die Wahlerfolge der monarchistischen Parteien eine ernste innere Krisis hereingebrochen. Daß die Republikaner durch ihre Uneinigkeit, besonders aber durch ihre Mißwirthschast ihre Niederlage selbst verschuldet haben, liegt auf der Hand; offenbar geht heute ein starker monarchisti- fcher Zug durch Frankreich und mit gerechter Besorgniß mögen die Männer, welche heute an der Spitze der französischen Republik stehen, den kommenden Ereignissen entgegensetzen.
Unter den Begebenheiten in den inneren Angelegenheiten stehen diesmal die gerichtlichen Erkenntniffe in zwei bekannten Processen voran. An ein und demselben Tage, am Mittwoch, ist in Berlin das Urtheil
im Proceffe Gräf und in Chemnitz im Socialisten-Procesie gesprochen worden. Dasselbe lautete in beiden Fällen freisprechend für sämmtliche Angeklagte. Einen Commentar zu beiden Processen, von denen derjenige gegen den Professor Gräf ein eigenthümliches Bild von gewissen socialen Zuständen in Berlin entrollte, müssen wir uns hier versagen. Nur hinsichtlich des Chemnitzer Socia- listen-Processes sei bemerkt, daß sich die Freisprechung darauf gründet, daß keiner der vier zur Verurthellung gemäß der Anklage unumgänglich nothwendigerr Thatbestands'Momente als durch die Ergebnisse der Beweis-Aufnahme erbracht anzusehen sei.
Von sonstigen politischen Notizen ist diejenige von Interesse, daß der Reichstag im November einberusen werden soll. Aus der Wahlbewegung zu den preußischen Landtagswahlen ist als ein eigenthümliches Moment der Umstand hervorzuheben, daß die conservative Partei in der Provinz Hannover zum ersten Male mit selbstständigen Candidaten hervortritt. Es kann allerdings keiner Partei das Recht bestritten werden, Candidaten aufzustellen, wo es ihr beliebt, nur kommt es hierbei auf die obwaltenden Verhältnisse an. In Hannover nun führen bekanntlich die Nationalliberalen einen erbitterten Kampf mit den Welfen und bleibt es bedauerlich, daß die dortigen Conservativen durch ihr selbstständiges Auftreten die Chancen der nationalliberalen Partei gegenüber der Partei der Welfen, die vom Fürsten Bismarck selbst als reichsgefährlich bezeichnet worden ist, herabmindern. — Auf den baldigen Ausgang der braunschweigischen Regentschafts-Frage deutet eine officiöse Mittheilung aus Braunschweig mit Bestimmtheit hin, wonach der braunschweigische Landtag am 19. ober 20. d. Mts. zusammentritt, um zunächst die Wahl eines neuen Regenten vorzuneh- men. — Endlich ist noch aus Ost-Afrika die erfreuliche Nachricht zu verzeichnen, daß dort die ca. 500 deutsche Quadratmeilen große und äußerst fruchtbare Küstenlandschast Usaramo mit dem besten Hafen der Ostküste von Central-Afrika durch Kauf von der deutsch-ostafrikanijchen Gesellschaft erworben worden ist.
Der Nationalitäten-Kampf in Böhmen ist nun vor das Forum des neugewählten österreichischen Reichsrathes gebracht worden. Seitens der Linken ist eine Interpellation über die künftige Haltung der Regierung gegenüber den nationalen Kämpfen in Böhmen eingebracht worden. Ebenso ist von den Czechen durch ihren Haupt-Wortführer, Dr. Rieger, eine Interpellation wegen der Excesse in Böhmen eingebracht und zugleich die Anfrage gestellt, worden, welche Maßregeln die Regierung zu nehmen gedenke, um den ungestörten Verkehr beider Nationalitäten sicher zu stellen. Gras Taaffe wird hierauf natürlich erwidern, daß die Regierung nach wie vor bemüht sein werde, Czechen wie Deutschen volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber man weiß schon, wie sich diese Gerechtigkeit in praxi ausnimmt. Die Czechen bekommen^ den Sonnenschein und die Deutschen den Schatten. Uebrigens versuchen jetzt die Czechen-Blätter alles Mögliche, um den Deutschen die Schuld an dem rm czechl» schen Club-Local zu Dux verübten Dynamit-Attentat in die Schutze zu schieben, indessen steht bereits mit ziemlicher Gewißheit fest, daß es sich um einen Akt der Privatrache gegen den Wirth des Lokals gehandelt hat. — Aus dem kroatischen Landtag sind die üblichen Scandalscenen zu melden, die zur Ausschließung von fünf der ärgsten oppositionellen Schreier geführt haben. Endlich ist aus d-m ungarischen Abgeordnelenhause als Curiosum die Meldung zu verzeichnen, daß der Aba, Olav an den Ministerpräsidenten wegen der bekannten Vorgänge ! auf dem Dresdener Turnfeste eine Anfrage gerichtet und sich speciell darnach


