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Samstag den 11. April

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

eitfreAtl t Schulfiraße 7. Erscheint töglich mit Ausnahme des Montags.®?0.etl^tv

Amtlicher Hßeil.

Nr. 11 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 7. l. M., enthält:

(Nr- 1594.) Gesetz, betreffend den Beitrag des Reichs zu den Kosten des Anschlusses der freien Hansestadt Bremen an das deutsche Zollgebiet- Vom 31. März 1885.

(Nr. 1595.) Gesetz, betreffend Aenderung des Reichs-Militärgesetzes vom 2. Mai 1874. Vom 31. März 1885.

(Nr. 1596.) Bekanntmachung, betreffend die Zulassung als Schiffer auf kleiner Fahrt mit Hochsee-Fischereifahrzeugen. Vom 12. März 1885.

Gießen, den 10. April 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Uebersicht.

Gießen, 10. April.

Der Quell der politischen Neuigkeiten fließt, wenigstens, was die innere Politik anbelangt, noch sehr spärlich, da die Osterseiertage ihren Einfluß noch immer geltend machen. Erst die am kommenden Dienstag erfol­gende Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeiten im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhause wird der österlichen Ruhepause ein Ende bereiten, bis dahin müssen sich die Blätter in ihren politischen Betrachtungen mit dem vorliegenden mageren Stoff behelfen, so gut es eben geht.

Fürst Bismarck hat die Osterseiertage zur Besichtigung des :hm von der deutschen Nation zum Geschenk gemachten Gutes Schönhausen oerweüdet.

Der älteste inactive General der preußisch-deutschen Armee, Vogel von Falckenstein, ist am Ostermontag im Alter von 88 Jahren verschieden. Der Verewigte machte die Feldzüge gegen Frankreich in den Jahren 18131815 mit und errang sich in denselben durch seine außer­ordentliche Bravour das Eiserne Kreuz und das Premier-Lieutenants-Patent. Ja den folgenden Friedensjahren war er meist beim Berliner topographischen Bureau beschäftigt' am 18. März 1848 commandirte er im Straßenkampf zu Berlin das 2. Bataillon des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments und machte im folgenden Jahre den Feldzug gegen Dänemark mit. Im Kriege von 1864 gegen Dänemark befehligte Vogel von Falckenstein die in Jütland ein» dringenven preußischen Truppen und ward nach Abschluß des Feldzuges mit dem Commando des 7. Armee-Corps betraut. 1866 zum Oberbefehlshaber der preußischen Main-Armee ernannt, hatte er, nachdem die Hannoveraner bereits am 28. Juni bei Langensalza capitulirt, bedeutende Erfolgö gegen die süddeut­schen Bundestruppen zu verzeichnen, ward aber, da er mehrfach gegen die Ab­sichten des großen Hauptquartier handelte, am 19. Juli vom Öbercommando über die Main-Armee entbunden und zum Obercommandirenden in Böhmen ernannt. 1866 noch erhielt er das Commando des 1. Armee - Corps, wurde aber schon 1868 dieser Stellung enthoben und 1870 zum General-Gouverneur der deutschen Küsten-Provinzen ernannt, kam jedoch nicht zu kriegerischer Action, ward bann Gouverneur von Königsberg und 1873 zur Disposition gestellt. Seitdem lebte er auf seinem Gute Dölzig hi Schlesien.

In Frankreich ist nun endlich Die achttägige Ministerkrisis durch die Bildung des neuen Cablnets Brisson beseitigt worden. Brisson, der bis­herige Kammerpräsident, hat im neuen Cabinet außer dem Vorsitz noch das Portefeuilles des Justizministers übernommen; von anderen hervorragenderen Portefeuilles haben Freycinet das Auswärtige, Campenon das Kriegsministerium, 21 Hain Targö das Innere, Clamagöran die Finanzen und Goblet den Unter­richt übernommen. Das Cabinet Brisson, dessen Mitglieder zum großen Theil schon früheren Ministerien angehört haben, muß als die einzig mögliche Lösung bec Krisis bezeichnet werden, feine politischen Grundsätze sind natürlich diejenigen ber republikanischen und radikalen Linken und so wird ihm die Unterstützung ber republikanischen Kammer-Mehrheit nicht fehlen. Das neue Ministerium bebütirfe am Dienstag vor der Deputirtenkammer mit einer Erklärung, welche den festen Entschluß desselben ausdrückt, die Rechte Frankreichs aus Tongking nölhigenfalls auch weiter mit Waffengewalt zu behaupten, die aber im Hebrigen 'ehr gemäßigt und vorsichtig klingt. Schließlich forderte das Cabinet durch Be­willigung der noch restirenden 150 Millionen für Tongking ein Vertrauens­votum, welches ihm die Kammer auch ertheilte, indem sie den 150 Millionen- Kredit mit 373 gegen 92 Stimmen genehmigte. Vorher war ein Antrag der Eßersten Linken, Tongking zu räumen, abgelehnt worden, nachdem sich Brisson Men denselben, als unvereinbar mit der Wurde und Ehre Frankreichs, ent- )Wen erklärt hatte. Als ein günstiges Omen für das neue französische Cabi- tiet mag es betrachtet werden, daß gerade jetzt die allerdings noch nicht verbürgte Nachricht von der Unterzeichnung der Friedens-Präliminarien zwischen Frankreich wrt China eintrifft; in Peking soll ein Edict publicirt worden sein, welches den chinesischen Truppen die Räumung TongkingS anbefiehlt. Neuerliche Depeschen aus Peking bestätigen die sriedliche Wendung der Dinge in Ostasien. Ein Telegramm des französischen Gesandten in Peking, Patenötre, bestätigt, daß China die am 3. d. Mts. in Paris durch Billot und Campbell unterzeichneten Frie- d^s-Präliminarien ratificirt habe. Allerdings läuft zu gleicher Zeit noch eine lliiegerische Meldung ein, indem General Briöre de l'Jsle depeschrrt, daß die fta.nzösischen Truppen die zwischen Chu und Dongsonq gelegenen Anhöhen von Deavan und Deognan wieder genommen hätten, indessen wird dieser vereinzelte Vorgang den Abschluß des Friedenswerkes zwischen Frankreich und China ichnerlich verhindern.

Die Zuversicht auf eine gütliche Beilegung des afghanische» Streitfalles ist durch den kriegerischen Zwischenfall, von welchem ein gestrige» Privat-Telegramm aus Petersburg, sowie telegraphische Nachrichten im heutige» Blatte melden, wieder in weite Ferne gerückt- Zwar lautete die Antwort Rußlands aus die Note Lord Granvilles in friedlichem Sinne und die Londoner Blätter betonen auch den friedlichen Charakter der Antwort, sind aber zum Theil der Ansicht, daß sie doch noch nicht genüge und sie werden wohl nach obigem Zwischenfall recht kriegerisch in die Lärmtrompete blasen.

In diesen Tagen trifft das schwedische Königspaar in Konstantinopel ein, wo der dritte Söhn desselben, Prinz Karl, schwer darnieder- liegt. Prinz Karl hatte in Begleitung des Prinzen Eugen von Schweden dem Sultan den ihm von König Oscar H. verliehenen St. Olaf-Orden zu über­reichen; aber Prinz Karl erkrankte noch vor Ueberreichung des Ordens in be­denklicher Weise. Wie lange die schwedischen Majestäten die Gäste des Sultan» sein werden, ist unter diesen Umständen noch unbestimmt.

Eine merkwürdige Scene spielte sich zufolge der herrschenden Finanz- noth letzten Montag in Konstantinopel ab. Eine ungeheuere Menge erboster Weiber schaarte sich um das Finanzministerium zusammen und bahnte sich trotz des Wid-"^ondes der Wachen einen Weg in das Gebäude. Diejenigen, welche sich zuerst Eingang verschafft hatten, stürmten kreischend und gestikulirend in da» Bureau des Ministers und forderten von ihm, zu seiner großen Bestürzung, unter lauten Drohungen, den rückständigen Gehalt ihrer Männer. Inzwischen strömten die übrigen der rasenden Weiber in das Ministerium und die Lage des Ministers würbe mit jedem Augenblick eine kritischere. Eine starke Abthei- lung von Polizisten, welche aufgeboten worben, versuchte das Gebäude von ben Weibern zu säubern; alle Anstrengungen jeboch blieben vergeblich, und die Polizei mußte sich schließlich zurückziehen und ben Amazonen bas Feld überlassen, wäh­rend es dem Minister, nachdem er den wüthenben Frauenzimmern einige annehm­bare Versprechungen gemacht hatte, gelang, durch eines der Hinteren Fenster zu entschlüpfen.

Viel rascher, als man hoffen konnte, hat der Krieg ber central amerikanischen Republiken ein Enbe gefunben. Der Präsident von Guatemala General Barrios, der mit seinem Unionsdecret den ganzen Conflict vom Zaune gebrochen hat, ist in der Schlacht von Chalchuapa gegen die Truppen von San Salvador gefallen, wie sich nunmehr bestätigt, und der Wiederherstellung des Friedens steht so nichts mehr im Wege. Auch in Panama ist die Ruhe zum Theil wenigstens wiederhergestellt und ist so die beabsichtigte bewaffnete Inter­vention der Nord-Amerikaner überflüssig geworden. Es ist dies auch recht gut, denn der Clayton-Bulwer-Vertrag untersagt ben Nord-Amerikanern jede alleinige Einmischung in die Angelegenheiten der anderen amerikanischen Staaten und ein kriegerisches Auftreten derselben in Mittel-Amerika würde die nordamerikanische Union jedenfalls in Verwickelungen mit England, dem Mitcontrahenten des erwähnten Vertrages, gebracht haben.

Telegraphische Depeschen.

Wolss'S lelegr. Correspondenr»Birrearr.

Berlin, 9. April. In der Stadtverordnetensitzung wurde eine Anfrage des Stadtverordneten Pest mitgetheilt, ob es Tharsache sei, daß der Magistrat seine Glück­wunsch-Adresse an Bismarck durch einen Nuntius habe überreichen lassen. Die Anfrage wurde dem Magistrat abschriftlich zugestellt.

München, 9. April. Der König genehmigte das Entlassungsgesuch des Direc­tors des bayerischen Nationalmuseums, v. Hefner-Alteneck, und ernannte zu dessen Nachfolger den Professor Riehl.

Brüssel, 9. April. Als das Königspaar mit Gefolge zu dem Tedeum anläß­lich des 50jährigen Geburtstags des Königs sich in die Kirche begab, stürzte ein Mann auf den Wagen der Königin zu und zerbrach die scheibe. Der' Mann wurde fest­genommen; es scheint ein Wahnsinniger zu sein.

Der wegen seines Angriffs auf den Wagen des Grafen von Flandern heute Verhaftete leidet an religiöser Monomanie. Derselbe hatte schon vor der That un­zusammenhängende Reden geführt und mußte nach seiner Verhaftung wegen unge­berdigen Wesens gefesselt werden.

Der König wohnte mit dem österreichischen Kronprmzenpaar Abends der Gala - Theater - Vorstellung bei und wurde von der Bevölkerung in den Straßen enthusiastisch begrüßt.

Paris, 9. April. Eine Rote derAgence Havas" sagt, Depeschen aus Peking meldeten vor einigen Tagen, daß der Friede zwischen Frankreich und China geschlossen sei, seitdem seien oft widersprechende Angaben und Commentare über das getroffene Arrangement veröffentlicht worden; richtig sei, daß in Folge von Besprechungen mit Delegirten der chinesischen Regierung vier Tage nach dem Sturze des Ministeriums Fcrry und am Tage vor der Bildnng des gegenwärtigen Cabinets, d. i. am 4 d. M., Friedenspräliminarien in Paris unterzeichnet worden seien. Damit dieser Act Gültig­keit habe, müsse derselbe durch ein kaiserliches Decrct, welches die Convention vom