Nr. 9 Erstes Blatt. Sonntag den 11. Januar 1884
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vnrean: Sch nistraße 7.
Erscheint tüglickr mit Ausnahme des MontagS.
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Amtlicher Hheit.
Gefunden: 2 Handschuhe, 1 Paar Kinderhandschuhe, 1 seidenes Halstüchelchen, 1 Messer, 1 Eisvereinszeichen, 1 Milchkännchen mit Schloß, 5 Mark, 1 Taschentuch, 1 Brille, 1 Plüschkragen, 1 Messingkettchen, 1 Bündel schwarze Wäsche, 1 Gebund Schlüssel.
Zugelaufen: 1 Schwein und 1 Jagdhund.
Gießen, den 10. Januar 1885. GroßherzoglicheS Polizeiantt Gießen.
______________________Fresenius.
Telegraphische Depeschen.
LSolff'S telcgr. Corrtspondcnz-Bureau»
Berlin, 9. Januar. Reichstag. Fortsetzung der Etatsberathung. Das Oberseeamt betreffend, erklärt Staatssecretär Bötticher, die Novelle zum See- unsallgesetze sei in Vorbereitung. Aus die Anfrage Lingen's bezüglich der Verhinderung von Wein- und Biersälschungen erklärt Geheimrath Köhler, so sehr bezüglich der theoretischen Lö'ung Einigkeit herrsche, so groß seien die Schwierigkeiten aus wirthschastlichem Gebiete, deshalb sei der Zeitpunkt gesetzgeberischer Regelung noch unsicher. Bei Berathung der beantragten Beihülse von 150,000 JC. zur Erforschung Central-Asrikas, wovon die Commission 50,000 JL gestrichen, tritt Bismarck warm für die Bewilligung ein. Die Colonialpolitik sei nur möglich bei enthusiastisch nationaler Reichstags-Mehrheit. Bismarck erklärt sich gegen die Rückverweisung an die Commission. Das Haus beschließt nach lebhafter Debatte in namentlicher Abstimmung mit 135 gegen 128 Stimmen die Rückverweisung an die Commission. Minister Bötticher hatte die Rückverweisung als unnöthig bezeichnet, da Nova nicht vorlägen. Die Regierung wolle keinen Conflict, sondern nur Verständigung. — Fortsetzung morgen.
— Der „Voff. Ztg." zufolge würde der Reichstags-Abgeordnete Oechel- häuser Namens der Nationalliberalen einen Börsensteuer-Entwurf einbringen, der auf dem Princip eines Schlußnotenzwanges mit steigenden Staffelsätzen beruht.
Berlin, 9. Januar. Contrcadmiral Knorr, Chef des mestafrikanischen Geschwaders, welcher sich mit den Schiffen „Bismarck" und „Olga" vor Kamerun befindet, telegraphirt an die Kaiserliche Admiralität: „Die Truppen der Schiffe „Bismarck" und „Olga" haben am 20., 21. und 22. December aufrührerische Negerpartcien in Kamerun mit Waffengewalt niedergeschlagen. Mehrere Häuptlinge und eine größere Zahl Krieger sind gefallen, vertrieben oder gefangen, einige Ortschaften vernichtet worden. Unter den schwierigen klimatischen und Terrain-Verhältnissen war die Haltung der Truppen eine vorzügliche. Die diesseitigen Verluste sind folgende: Der Matrose der „Olga" Bugge ist tobt, vier Mann sind schwer, vier leicht verwundet; unter den letzteren befindet sich der Untcrlieutenant von Ernsthauscn. Die Autorität der Flagge und die Ruhe am Ort ist wieder hergestellt. — Der Kaiser befahl, dem Geschwader seine allerhöchste Anerkennung auszusprechen.
London, 9. Januar. Wie aus Melbourne vom 8. d. M. gemeldet wird, fand dort am 7. d. M. Abends unter dem Vorsitze des Maires eine öffentliche Kundgebung statt, an welcher sich etwa 4000 Personen beteiligten. Es wurde eine Resolution angenommen, welche das Verhalten des Grafen Derby gegenüber der deutschen Besitzergreifungen vcrurtheilt, gleichzeitig aber jedwede feindliche Gesinnung gegen Deutschland bestimmt in Abrede stellt. — Eine andere Versammlung fand gestern Abend in Ballaart statt, in welcher eine Resolution beschlossen wurde, welche angesichts der zunehmenden Bestrebungen der auswärtigen Machte die Australien benachbarten Inseln iii anneftiren erklärt, diese Inseln dürsten allein eine Erbschaft Australiens sein.
— Die „Times" meldet aus Philadelphia, daß das Münz-Comit« des Repräsentantenhauses die Bill, betreffend die Aufhebung der Prägung des Silberdollars, verworfen habe.
Rom, 9. Januar. Die Garnison von Afsab wird aus einem Bataillon Chasseurs, einer Compagnie Artillerie mit 6 Geschützen, einem Geniepeloton und entsprechendem ärztlichen Verpflegungs- und Intendanz-Personale bestehen. Die Gesammtstärke wird kaum 10C0 Mann betragen. Zum Kommandanten ist Generalstabsoberst Salctta, welcher bisher in Palermo stationirt war, ernannt worden. Als Aufgabe desselben wird die Wahrung der Sicherheit der Kolonie und das Studium des Nachbargebietes bezeichnet. Die Abreise erfolgt wahrscheinlich nächste Woche. — Die Congoeppedition ist nicht aufgegeben, sondern blos verzögert; die Schiffe „Garibaldi" und „Vespucct" werden sich daran betheiligen und die Fahrt nach dem Congo über Suez und das Cap der guten Hoffnung machen und gleichzeitig die Transportdampfer, welche die Garnison nach Asiab führen, bis dahin begleiten.
Wien, 9. Januar. Als Thäter der am 16. und 25. October v. Js. Hierselbst an der Eisentrödlerin Schinke und an dem Schriftsteller Kösller verübten Morde wurde von der Polizei der 18jährige Spenglergehülfe Navratil verhaftet. , Derselbe legte nach längerem Verhör ein Geständniß ab.
Wien, 9. Januar. Der heutigen Versammlung des niederösterreichischen Gewerwerbevereins wohnten viele Marineofficiere bei, darunter der Marine- Commandant Sterneck, Contreadmiral Eberau, der Sectionschef des Handelsministeriums Baraut. Dieselbe nahm einstimmig eine Petition an den Handelsminister an, worin dessen Intervention in der Angelegenheit, betreffend die Wahl Triests als Kopfstation der neuen deutschen Dampferlinien, erbeten wird und die lebhaften Sympathien der österreichischen GeschästSwelt für die industriellen Bestrebungen Deutschlands ausgedrückt werden.
Paris, 9. Januar. Vier von der Regierung gemiethete Dampfer gehen mit 5000 Mann und reichlichen Vorräthen zwischen dem 10. und 13. ds. nach Tongking ab.
Druffel, 9. Januar. Die „Etoile beige" meldet, von der Ermordung der kürzlich unter Leitung Becker's via Zanzibar nach dem Congo abgegangenen belgischen Expedition der afrikanischen Association sei hier nichts bekannt; man halte die Nachricht für unrichtig.
Rom, 9. Januar. Der König übersandte dem Sohne des Prinzen son Wales, Albert, anläßlich seiner Großjährigkeit den Annunciatrn-Orden.
Madrid, 9. Januar. In der Provinz Malaga fanden neue Erd- erschütterungen statt. Das Terrain, woraus das Dorf Guevejar steht, ist 22 Meter aus seiner bisherigen Lage gerückt. Der Lauf des Flusses CogolloS hat sich verändert
— In den Provinzen Malaga und Granada sollen in Folge der fort* dauernden Erderschütterungen gegen 40,000 Personen ihre Wohnsitze verlassen haben und nach anderen Provinzen ausgemandert sein.
— Der Botschafter Silvela in Paris demissionirte wegen Meinungsverschiedenheit zwischen der Regierung und ihm betreffs der UnioersitälSfrage. Wie Silvela erklärt, verbleibt er bei der conjervativen Partei.
Henry Stankt) in Frankfurt a. M.
(Ortginalberlcht de» »Gtrßeoer Anzeiger")
O. K. Frankfurt a. M», 9. Januar.
An fünfzehnhundert Menschen mögen e» gewesen sem, Die gestern Abend tm großen Saal de» Saalbaue» zusammengekommen waren, um den Afrtkaretsende» Henry Stanley zu hören und zu sehen. Man mochte fich in die Zeit der Wahl» bewegung zmückoersetzt wühnen, wenn man den Saal betrat, der wohl auch nur bei den großen politischen Versammlungen der letztverfloffcnen Wahlperiode eine solche Anzahl Menschen in sich ausgenommen hatte.
Henry Stanley, der Mann, der den längst verschollenen Livingstone wieder auf* sand, wer auf seiner Reise von London nach Berlin zur Congo-Conferenz einer Einladung deS hiesigen geographischen Verein« gefolgt, um auch den Frankfurtern etwa» vvszuplaudern von seinen Reisen, deren Sirapatzen und Gefahren. DaS war sehr hübsch von ihm und noch schöner wäre eS gewesen, wenn er seinen Vortrag auf gut deutsch der aufmerksamen Zuhörerschaft Hütte zum Besten geben können. Wie vrele von de", fünfzehnhundert Leuten mögen wohl im Stande gewesen sein, den Vortragenden auch nur zur Hälfte zu verstehen? Da» sah man nun allerdings dem Publikum nicht im Entferntesten an- Im Gegentheil! Alles erschien höchlichst erbaut von den nicht selten äußerst humoristisch gehaltenen Ausführungen deS Redners und wenn einer der wenigen, die den Redner verstanden, über eine Aeußerung diffelben zu lachen anfing, — sofort lachten die fünfzehnhundert pflichtschuldigst nach und bewiesen damit wenigstens, daß sie keine Spielverderber seien. Es soll damit nur gesagt sein, daß Dr. Nachtigal in London s. Z seinen Vortrag auch in deutscher Sprache hätte halten können.
Stanley, diese Verkörperung zähester Willenskraft und Energie, ist ein kleiner schmächtiger Mann mit einem bedeutenden Kopfe und lebhaften Bewegungen. Sein dichtrS braunes Haar ist schon stark grau meltrt und legt sich schlicht über die hohe, energisch vorspringende Stirn, unter der ein Paar kleine, aber scharf blitzende Augen heivorfunkcln. Die Nase ist leicht gebogen, der Mund, den ein dunkler Schnurrbart ziert, hübsch geformt und daS Kinn springt scharf vor. So präsentirt sich der Mann, den die zahlreich anwesenden Damen sofort einer sehr aufmerksamen Prüfung mit ihren Operngläsern unterzogen. Die Prüfung muß sehr günstig ausgefallen fdn, denn der Beifall, den die Damen im Laufe des AbendS so lebhaft spendeten, galt wohl mehr dem Manne, alS dem, waS er sagte.
Nach einer Vorrede des Oberbürgermeisters von Frankfurt, Herrn Dr. Miquel, der bim berühmten Gaste dafür dankte, daß er eine Spanne seiner kostbaren Zeit auch Frankfurt zu widmen bereit war, und die Hoffnung auSsprach, daß der von Henry Stanley begründete Congostaat daS Muster eines colonialen StaatSwesenS werden möge, trat Mr. Stanley selbst, vom Publikum mit enthufiastlschcm Applaus begrüßt, auf daS Podium.
Der Redner erzählte zuerst die bekannte Geschichte, wie er dazu kam, Livingstone zu suchen, indem ihn Mr. Bennett, ,ber Despot deS New,York Heralb" von Madrid nach Paris rief und ihm sagte: Es laufe da ein alter Herr in Mitten Afrikas herum, Namens Livingstone-, man wisse nicht, ob er lebendig oder tobt sei; ben müsse Stan- l.y unbebingt aufsuchen. „Schon recht," sagte dieser, der wußte, daß der „Despot" deS größten amerikanischen BlatteS keinen Widerspruch dulde, rabtr die Sache wird verwünscht v!el Geld kosten, hunderttausend Mark zum Beispiel." — „Schadet nicht", meinte Bmnett. „Ziehen Sie Wechsel auf mich, zuerst zroanzigtausend Mark, wenn die verbraucht sinb, noch einmal so viel und so fort. Unb nun gehen Sie und finden Sie Livingstone!" — Wa8 wollte ich armer Bursche machen?- sagte Stanley mit feinem guten Humor, „ich mußte wohl nach Mittelafrika gehen. Unb stehe da, ich fand Livingstone by pure accedent!“ (Durch reinen Zufall.)
Die Reise von Zanzibar aus hat Stanley im März 1871 angetreten, im November desselben Jahres fand er Livingstone in Udschidschti, tauschte mit ihm Erfahrungen aus und erforschte mit ihm fünf Monate lang die Ufer des Tanga-Nyka-Sees. Zwei Monate wurden auf der Rückreise nach Zanzibar verwandt. Dann kehrte der erfolgreiche Forscher in die europäische Culturwelt zurück. Aber wie undankbar zeigte sich diese für so viele Muhe und Gefahren! — Als ein Schwindler und Lügner wurde Stanley verschrieen; die Geographie-Gelehrten zankten sich mit ihm über -Lingt, die nur er gesehen, während sie bei ihren falsch gezeichneten Karten blieben, obwohl aus denselben der Congostrom „wanderte", d. h. bald hier, bald dort, m ungenauester Weise eingezeichnet war. Indessen war Livingstone (1873) gestorben.
Der Herausgeber des „Daily Telegraph" ermunterte Stanley zur zweiten Repe- Bennet gab durch ein kurzes telegraphisches „Yes \u feine Zustimmung -um fragen der Kosten, und Stanlev ging nach Zanzibar, nahm über 300 Zanzibar-L^nte mit sich und ein in fünf tragbare Theile zu zerlegendes Boot. Tie lebhasten Schilderungen Stanley s von seinen See- und Stromfahrten sind hier in ihrer Ausführlichkeit und Anschaulichkeit nicht wiederzugeben. Ebenso können wir nicht auf bie E nzelheiten der tollen Fabeln eingehen, mit welchen ihn Eingeborene regalirten, ate cb es am^dongo ^sinner mit Bärten so -rotz wie eine Bettdecke und kleine Bursche mit Schwänzen wie die Alfen gebe. Wie überaus schwierig die Reise war. g-ht °us der Versicherung Stanley'S hervor, daß sie einst 26 Tage brauchten, um nur 42 englische Merlen zrrrückzulegen. Außer den Mübseligkeiten des Weges war es die Ferndselrgkeit der Erna.borenen, welche unaufhörliche Kämpfe und Schwierigkerten verursachten. Endlich gelangte dre


