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Nx. 28§. Erstes Blatt. Donnerstag den 10. December
1885
ieszcner Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
V«reavr Echulstraße 7.
Erschein. tWi* mtt Ausnahme des Mon.ags. M»rVW! LLLL' 2"1»T
Hesterreich.
Wien, 8. December. Gegenüber den jüngsten Ausführungen einiger russischer Blätter weist das „Fremdenblatt" durch Thatsachen nach, daß nur die persönliche Entsendung Khevenhueller's auf den anderen diplomatischen Einwirkungen unzugänglich gewordenen Fürsten Alexander eine Pression ausüben konnte, welche allein Erfolg versprach. Die Misston Khevenhueller's entsprach, so heißt es im „Fremdenblatt", lediglich den Wünschen der übrigen Mächte, die Feindseligkeiten sofort zu ststiren und jeden weiteren Zusammenstoß absolut zu verhindern. Diese Bemühüngen würden um so erfolgreicher sein, je weniger der Glaube erschüttert werde, daß die drei Kaisermächte fest in ungestörter Einigkeit zu einander stehen. Was die Bemerkungen des „Journals de St. Pckersbourg" angehe, daß man die Ausführungen gegen den Chauvinismus nicht nur nach Sofia, sondern besser nach Belgrad und Nisch adreiftre, so hat Oesterreich in umfassendster Weise seine Pflichten als Nachbarmacht und europäische Friedensmacht. sowie seine Pflichten innnerhalb des Drei-Kaiser-Bundes auj's Loyalste und Rückhaltloseste erfüllt.
Rußland.
Moskau, 8. December. Anläßlich der Aeußerung des „Pesther Lloyd", Oesterreich müsse um jeden Preis eine Entschädigung Serbiens verlangen, sei es auch außerhalb des Drei-Kaiser-Bundes, bemerkt die „MoSk. Ztg.", es sei nicht zu vergessen, daß nicht Alles, was der Phantaste ungarischer Politiker gefällig auch Oesterreich selbst wünschenswerth sein könne. Man könne überzeugt sein, daß die höheren leitenden Kreise der habsburgischen Monarchie die Dinge von einem anderen Gefichtspunkte aus betrachten. Wenn im Rathe jenes Reiches ein gesunder staatsmännischer Geist herrsche, dann müsse dasselbe vor Allem gute Beziehungen zu Rußland schätzen.
Rumänien.
Bukarest, 8. December. Die nationalliberale Partei, vertreten durch Demeter Bratiano, General Faralambi und Kogalniceano, sowie die liberal- conservative Partei, vertreten durch Calange und Bermesco, veröffentlichen ein gemeinsames Manifest, worin sie das politische Programm und die Wünsche der Opposition formuliren.
Türkei.
Konstantinopel, 8. December. Die Berufung Lebib Effendi's nach Adrianopel wurde dadurch veranlaßt, daß die Pforte bisher keine Berichte über die Situation in Ost-Rumelien erhalten konnte. In Erwartung des Eintreffens dieser Berichte ist die Abreise des Commiffars für Ost-Rumelien vertagt.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'S teLrgr. Eorrespondenz - Brreears.
Berlin, 8. December. Bei der im englischen Hause stattgehabten Menzel-Feier waren außer dem Jubilar selbst der Minister v. Goßler, Vertreter der übrigen Ministerien, der Hochschulen, sowie Vertreter aus Wien, Breslau, Düsseldorf, München, Weimar und Kassel anwesend. Minister v. Goßler brachte einen Toast auf den Kaiser, Professor Jordan auf Menzel als die Verkörperung des patriotischen Empfindens und des hohenzollern'schen Geistes aus.
Berlin, 8. December. Um 11 Uhr Vormittags hat die Eröffnung der Ausstellung der Werke Adolf Menzels in der Kunstakademie, woselbst Menzels Büste bekränzt aufgestellt ist, stattgefunden. Anwesend waren das Kronprinzenpaar, v. Goßler, Vertreter der übrigen Ministerien, Koryphäen der Kunst und Wissenschaft, eine Deputation aus Breslau, welche den Ehrenbürgerbrief für Menzel überbringt. Das Kronprinzenpaar verweilte eine Stunde. Bei dem Rundgang im Geleite des Directors Werner und des Professors Hertel sprach der Kronprinz seine Zufriedenheit darüber aus, daß die Werke Menzels in dieser Ausstellung so übersichtlich zur Ansicht gelangen.
Berlin, 8. December. Der Kaiser übersandte Herrn Professor Menzel ein huldvolles Glückwunschschreiben mit eigenhändiger Unterschrift. Der Kronprinz stattete demselben Vormittags persönlich einen Besuch ab. Der Reichskanzler folgte Nachmittags ' einer Einladung des kronprinzlichen Paares zum Diner.
Berlin, 8. December. Der Kaiser nahm heute die Vorträge Albedyll's wie des Grafen Monts entgegen, empfing Nachmittags den Geheimen Commerzienrath Bleichröder und später den russischen Botschafter Schuwalow, der hierauf auch vom Kronprinzen empfangen wurde. . __
— In der heutigen außerordentlichen Sitzung der Stadtverordneten wurde an Stelle des verstorbenen Dr. Straßmann Dr. Stryck zum provisorischen Stadtverordneten- Vorsteber gewählt.
Dresden, 8. Decbr. Die Königin ist unter ziemlich heftigen Fiebererscheinungen an einer katarrhalischen Mandelentzündung erkrankt.
Paris, 8. December. Der Consul in Barcelona, Partiot, wurde zum Gesandten in Mexiko und der Consul in Amsterdam, Saintfoix, zum Gesandten in Montevideo ernannt.
London, 8. December. Wahlresultat. Bis heute Nachmittag 4 Uhr waren als gewählt bekannt: 321 Liberale, 248 Conservative und 76 Parnelliten.
— Das an der hiesigen Börse heute Nachmittag verbreitete Gerücht von dem Rücktritt Salisbury's ist vollständig erfunden.
London, 8. December. Drei Bataillone Infanterie sind nach Egypten zur Verstärkung der dortigen britischen Truppen beordert. General Stephenson begibt sich am Freitag nach Wady Halfa, um die Operationen gegen die vordringenden Auf- ständ'sch g0G Hamilton, Chef der Admiralität, ist in Ealing (Middlesex) gewählt.
Petersburg, 8. December. Anläßlich des Georgsfestes ist das Kaiserpaar aus Gatschina hier eingetroffcn. Heute findet eine große Auffahrt im Winterpalais statt.
— Die russische „St. Petersb. Ztg." bringt die Anwesenheit der Gouverneure der drei baltischen Provinzen und des Dorpater Universitätskurators Kapustin in
Petersburg damit in Verbindung, daß dieselben zu einer Specialcommission unter dem Vorsitze Durnowo's, welche die Entwürfe zu einer Reform der Gerichtsinstitutionen jener Provinzen auszuarbeiten hat, hinzugezogen werden sollen.
— Der Generalmajor Kantakusen (der frühere bulgarische Kriegsminister) und der Generalconsul Kojander (russischer Generalconsul in Sofia) sind dieser Tage hier eingetrosten.
Kopenhagen, 8. December. Prinz und Prinzessin Waldemar von Dänemark sind heute Mittag um IVa Uhr in Fredensborg eingetroffen.
Washington, 8. December. Eine an den Congreß gerichtete Botschaft des Präsidenten enthält folgenden Passus: Unsere mäßige und gerechte Haltung gegenüber den Maßnahmen, welchen die nach Deutschland zurückkehrenden, hier naturaüfirten Deutschen daselbst begegnen, wird zweifelsohne zu einer befriedigenden Verständigung führen. Obwohl der Frage der Eigentumsrechte Deutschlands und Spaniens betreffs der Karolineninseln fernstehend, erwarten wir, daß sich nichts ereignen werde, was die friedlichen Handel treibenden oder dort wohnhaften Amerikaner ungünstig berühren werde. Wir haben uns Spanien und Deutschland gegenüber in diesem Sinne ausgesprochen.
Washington, 8. December. Die Botschaft des Präsidenten besagt weiter: Der Präsident nehme Abstand davon, die Sanction des Senats für die Congo-Acte einzuholen. Die amerikanische Regierung sei nicht der Ansicht, daß die Unterschrift des amerikanischen Delegirten unter die Akte im Stande sei, ihre früheren Vorbehalte aufzuheben; sie könne nicht die Verantwortlichkeit und die Verpflichtung theilen, dem Congogebiet Neutralität aufzuerlegen. Die Botschaft gedenkt sodann der Erhaltung der guten Beziehungen zwischen England und Amerika. Der Präsident spricht sich ferner in Anbetracht des Umstandes, daß die Einnahmen die Bedürfnisse des öffentlichen Dienstes überschreiten. zu Gunsten der Herabsetzung der Einfuhrzölle auf Bedürfnißgcgenstände ans und empfiehlt nachdrücklich die Einstellung der obligatorischen Silberdollars-Ausprägung nach dem Gesetz vom Februar 1878 und constatirt die Noth- wendigkeit der Vermehrung der Kriegsmarine. Der Präsident tadelt lebhaft die Polygamie und empfiehlt die Annahme eines Gesetzes, welches die Einwanderung der Mor- monen verbietet. Den Vertrag wegen des Nicaragua-Canals beabsichtigt der Präsident dem Senat nicht vorzulegen. Der Bericht des Schatzsecretärs schätzt die Einnahmen des laufenden Jahres auf 315, die Ausgaben auf 2903/4 Millionen. Für 1887 sind die Einnahmen gleichfalls auf 315 Millionen veranschlagt, die Ausgaben auf 339 Vs Millionen einschließlich der Amortisationskasse. Der Schatzsecretär unter- ■ stützt die Ansicht des Präsidenten über die schlechten Wirkungen der fortgesetzten Silberausprägung.
Der Umschwung in der orientalischen Krage.
Seit den bedeutenden Erfolgen der Bulgaren gegen die Serben hat die orientalische Sphynx wieder ein drohendes Gesicht bekommen und oer Gegensatz der Interessen der indirect vornehmlich betheiligten Mächte sich noch mehr zugespitzt. Wenn nun auch ber Schwerpunkt der Krise in Serbien lag, wo die Verhandlungen über den Waffenstillstand mit Bulgarien trotz der Vermittlung Oesterreichs zu keinem gedeihlichen Abschlüsse gelangen wollten, so bildete die Frage der Union in Bulgarien doch ein kaum minder schwieriges Problem.
Alle Berichte aus Belgrad ließen erkennen, daß die Regierung König Milan's mit ihrer Weisheit zu Ende ist. Man zog bereits die Verhängung des Belagerungszustandes über das ganze Land in Erwägung, man sprach gleichzeitig von der Einberufung der Notablen-Versammlung, man hielt einen Kriegsrath und trug die kampflustigste Stimmung in jeder Weise zur Schau, während es doch eine ausgemachte Sache ist, daß die serbische Armee in ihrer jetzigen Perfassung den Feldzug nicht mit Aussicht auf Erfolg erneuern konnte; kurz, aus Allem ging hervor, daß die Regierung eine Katastrophe ohne Fortsetzung des Kampfes befürchtete. Anstatt mit möglichster Beschleunigung die Hand zum Frieden zu bieten, erhebt man in Belgrad ein ganz übel angebrachtes Waffengerassel, das nur einen widerlichen Eindruck zu erregen vermag. Dadurch compromittirt Serbien im höchsten Grade die Unterstützung, welche Oesterreich dem Lande in seiner tiefsten Bedrängniß zukommen ließ.
Befremdend bleibt zugleich, daß selbst die wuchtigste Moral der letzten Kriegsereignisse die Nation nicht energischer an die Pflichten der Bescheidenheit gemahnt hat. Diese Thatsacke ist es auch, welche noch immer alle Zweifel an die künftige Stellung des König Milan heftet.
Würde sich das serbische Volk ehrlich und offen entschließen, den ihm zukommenden Theil der Verantwortung für den Ausbruch und die Folgen des Krieges dem Könige abzunehmen, so wäre auch den Abdankungsideen des Letzteren eine Schranke gezogen. In diesem Sachverhalt dürfte die Veranlassung zu den Verhandlungen Tisza'S mit Kalnoky in Wien zu suchen sein, denen auch die fremden Botschafter nicht fern blieben.
Die Numelioten halten inzwischen an der Union fest und auf demselben Standpunkte beharrt der Bulgarenfürst mit seinem siegreichen Heere, roofür die unzweideutigsten Kundgebungen den Beweis lieferten, wenn auch Fürst Alexander als Diplomat der Pforte gegenüber nur die Anforderung stellte, die Absendung des türkischen Com- missars nach Rumelien bis nach dem Friedensschlüsse zu verschieben. So war es denn ganz natürlich, daß dieser Commissar bei den Rumelioten auf vassiven Widerstand stieß. Sollte deshalb ein Einmarsch der Türken stattfinden, so würde dies die Friedensaussichten in bedenklichster Weise trüben. Ebenso würde dieser Schritt sich nun den Bulgaren gegenüber um so weniger rechtfertigen lassen, welche so unleugbare Beweise ihrer starken nationalen Lebensfähigkeit gegeben haben. Schließlich rieth England der Pforte trotz ihrer formellen Berechtigung von einem solchen Schritte ab, welcher für dieselbe nur Nachtheile in Aussicht stelle und zu einem ernstlichen Conflicte mit Rußland führen könnte. Und gerade die ganz veränderte Stellung Rußlands ist es, welche hier besonders schwer in's Gewicht fällt.
Vor mehreren Wochen kannte der Zorn der Petersburger Negierungskreise gegen die unbotmäßigen Bulgaren und deren Herrscher keine Grenzen. Kürzlich lobte nun der Czar in einem Tagesbefehle an seine Truppen die Tapferkeit der Vulgaren in höchst anerkennender Weise. Früher erteilten die offiziösen russischen Organe dem Fürsten Alexander höhnend und spottend den Rath, sich bei Zeiten in Sicherheit zu bringen; heute wird derselbe in denselben Blättern als ein Held gefeiert und ein Petersburger Blatt rückte sogar mit dem Vorschläge hervor, die Regierung möge die über den Fürsten eingegangenen Nachrichten, die seine Streichung aus den russischen Armeelisten zur Folge hatte, einer Prüfung auf ihre Richtigkeit unterziehen. Vielleicht könnte es sich da Herausstellen, daß der Fürst abscheulich verleumdet worden und daher wieder in Gnaden aufgenommen werden müsse!
Auch sonst fehlte es nicht an sehr deutlichen Zeichen eines Umschwungs der öffentlichen Meinung Rußlands betreffs der Bulgaren und ihres Fürsten. Die deutsche Presse, welche natürlich großentheils bei der strengen Censur nur ein Echo der in der russischen Gesellschaft herrschenden Meinungen über die politischen Angelegenheiten sein


