Ausgabe 
10.5.1885 Zweites Blatt
 
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Im trau len Freundeskreise, wenn der Becher mit köstlichem Maitrank die Runde machte! Wem ist bei solchem Göttertrunke nicht das Herz aufaegangen in Lust und Liebe wer hat sich, selbst mit ergrauenden Haaren, ja, wenn der Schnee des Alters schon das Haupt deckte, nicht frisch und jugendlich gefühlt und begierig von dem würzigen Jungbrunnen geschlürft, den schöne Hände kunstgerecht bereitet! Darum, lucr in diesen herrlichen Tagen durch den ergrünenden Wald schreitet, beachte wohl lieb Waldmeisterlein, das jetzt am zartesten und angenehmsten sich präsentirt, und freue sich dieser Lenzesgabe! Namentlich aber unterlasse es die sorgsame Hausfrau nicht, fleißig baoon zu sammeln - im düsteren Winter noch mag sie sich seines Duftes freuen, wenn sie ihn sorgsam in den Schrank zwischen ihre Wäschestücke legt, und wenn draußen die Schneeflocken wirbeln, wieder des schönen Tages gedenken, da sie in (Gesellschaft ihrer Lieben den jugendfrisch aufgcputzten Wald durchschritt.

Aus Baden schreibt man derFrkf. Z.": In einemAmtsftädtchcn unseres Landes erzählt man sich folgende Begebenheit. Vor einigen Tagen erhielt der Präsident des dortigen Landgerichts vom dortigen Gerichtsdiener die ernste Mittheilung, daß im Bibliothekzimmer ein faustgroßer Stein sich befinde, der wahrscheinlich durch das offene Fenster geworfen wurde. Da inan schon etliche ähnliche Wahrnehmungen gemacht, drängte sich dein nachgrübelnden Präsidenten die Vermuthung auf, man habe es hier mit einer absichtlichen, bösartigen Handlung zu thun. Vielleicht vermuthete man auch, wegen verschiedener auf Grund des Socialtstengesetzes ergangener drakonischer Erkennt­nisse des fraglichen Landgerichts, dein planmäßigen Vorgehen einer Gesellschaft ver­schworener Attentäter auf die Spur zu koinmcn. Der angrenzende Nachbar ist der Drechsler B. Da Drechsler wahrscheiillich schon an und für sich ihrer egalisirenden Beschäftiglmg wegen einer hohen Obrigkeit 511 Mißtrauen Anlaß geben, ließ der Präsident den Nachbar Drechsler holen iinb machte ihm directe Vorstellungen über die Folgen einer solchen Handlungsweise, die nicht nur darin bestünden, daß sämmtliche Herren Richter sich weigerten, das Bibliothekzimmer ferner zu betreten, sondern auch in empfindlichster Bestrafung des Missethäters. Der Drechslermeister verbat sich in derben Worten die gegen ihn gerichtete Verdächtigung und ging unwirsch von dannen. Schon hatte er sich auf eine Verhaftung gefaßt gemacht, da der Herr Präsident das Verbrechen der Gensdarmerie anzuzeigen gedroht hatte, schon war die Drechslersfrau für den Fall mehrtägiger unfreiwilliger Abwesenheit von ihrem gefaßten Gatten durch Ermahnungen und geschäftliche Instructionen vorbereitet, da hört man Schritte. Es war der Gensdarm nicht, wohl aber der Gerichtsdiener, der, vom gestrengen Nachbar Präsidenten gesandt, in sichtlicher Verlegenheit meldete, der Drechsler möge ohne Sorge sein, der wirkliche Attentäter sei entdeckt. Es bedurfte der wiederholten eindringlichen Frage des vergnügten Drechslers, um dahinter zu kommen, wer denn der Delinquent sei. Endlich mußte der Diener der landgcrichtlichen Gerechtigkeit bekennen, daß es der Pudel des Landgcrichtsrathes E. war, welcher die Gewohnheit besitzt, Steine zu apportiren und sic als Denkmäler seiner Geschicklichkeit bei den Denkmälern der Rechtsgelehrten auszupflanzen.

^Versteigerung von Kindern.f Berner Zeitungen berichten aus jüngster Zeit ein wahrhaft anstößiges Beispiel von der in diesem Eanton noch üblichen Versteigerung von Kindern an den Mindestverlangenden. Die Versteigerung fand statt Dienstag den 14. April, Abends. Die arme Mutter, Wittwe eines Arbeiters in der Gasfabrik Biel, wohnte dem Akte in unbeschreiblicher Aufregung bei und hörte nicht auf, den Aus­rufer zu unterbrechen.Ein Knabe von 10 Jahren, um welchen Preis nimmt Jemand diesen Knaben, bis zum Ende des Jahres'^" 40 Frs.! 35, 30 Frs.! 28 Frs.! .... Zugeschlagen für 28 Frs. Die Mutter protestirt; sic will das Kind behalten unt 20 Frs., ohne Entschädigung, sie verlangt nichts, wenn man ihr nur die Kinder läßt, morgen schon will sie den Ort verlassen. Man befiehlt ihr, zu schweigen, denn sie habe nicht das Recht, Angebote zu machen. Der Handel geht weiter mit den übrigen 3 Kindern. Die Mutter weint, fleht, protestirt in einem fort. Aber bald sind die armen Kleinen alleuntergebracht." Ein Mädchen von 8 Jahren für 31 Frs., ein anderes von 6 Jahren für 40 Frs., ein drittes, kaum 2 Jahre alt, für 70 Frs.

Man weiß, daß es in den intimeren Eirkeln der Wiener Aristokratie oft recht gemüthlich zuzugehen pflegt. Da wird gelacht und gescherzt und geplaudert und über die Mängel der Fremden sich nicht minder, wie über die eigenen lustig gemacht. Den Mittelpunkt jener Kreise pflegt meistens Fürstin Pauline Metternich zu bilden, welche in der Hauptstadt an der Seine wohl am meisten zu dem in den letzten Jahren so populär gewordenen Lobe der Wienerinnen beigetragen hat. In den letzten Tagen wird folgendes amüsante Geschichtchen von Ihrer Durchlaucht colportirt: Ihre Durch­laucht hatte in einer Gesellschaft einen ihrer falschen Zähne verloren. Sie machte in ihrer gewohnten Art durchaus kein Gehcimniß daraus; das ganze Zimmer wurde durchsucht, allein vergeblich. Am nächsten Tage erhielt sie ein Packet mit einem zier­lichen Billet, worin der Schreiber seine Freude ausdrücktc, daß er das theuere Gut endlich gefunden habe und es ihr beiliegend übersende. Das Packet enthielt den Zahn eines Ochsen. Hatte auch der Absender seine Galanterie unterm Mantel der Anonymität zu verbergen gesucht, war Ihre Durchlaucht doch bald im Klaren, mit wem sie es zu thun hatte. Sie entschloß sich kurz, setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb dem ermähnten Herrn, sie habe zwar von jeher Beweise seiner großen Freund­schaft für sich gehabt, daß er dieselbe aber so weit treiben und sich selbst einen Zahn ausziehen lassen werde, habe sie nimmermehr geglaubt.

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