Nr. 287. Mittwoch den 9. December L88K
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Brrreanr Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit AvSnahme des Montag-.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 8. December.
Aus Berlin wird über das Befinden des Kaisers gemeldet, daß dasselbe gegenwärtig wiederum ein vollständig zufriedenstellendes fei, was -schon aus den regelmäßigen Spazierfahrten vor dem Diner hervorgeht. Indessen hat sich der Kaiser aus Anrathen der Aerzte an der am Samstag bei KönigS- Wusterhaufen stattgefundenen Hofjagd noch nicht betheiligt.
Der Bundesrath hielt am Donnerstag eine Plenarsitzung ab. Aus derselben ist heroorzuheben, daß u. A. der Gesetzentwurf über Abänderung des § 137 des Gerichtsverfassungs-Gesetzes und die Vorlage über die aus dem Lissaboner Postcongreß getroffenen Vereinbarungen den zuständigen Ausschüssen überwiesen wurden; außerdem genehmigte der BundeSrath den Besoldungs- und Pensions-Etat der Reichsbank'Beamten pro 1886.
Die bayerische Abgeordnetenkammer hat am Donnerstag den Antrag Kopp auf Abänderung des bayerisch-russischen Auslieferungs-Vertrags mit großer Majorität angenommen, obwohl sich der Minister v. Crailsheim sehr energisch gegen den Antrag erklärte.
Jeden Tag erwartet man die officielle Bestätigung der Nachricht von der Unterzeichnung des Schlußprotokolls in der Karolinen-Frage. Dasselbe enthält 6 Artikel und spricht die Anerkennung der spanischen Souoe- ränetät über die Karolinen Inseln Seitens Deutschlands aus, wofür dem letzteren ausgedehnte Handels-Privilegien, freie Schifffahrt und das Recht, eine -Kohlenstation auf den Karolinen anzulegen, gewährt werden.
Die Landtags-Session in den österreichischen Kronländern ist bis jetzt ohne größere Zwischenfälle, die für weitere Kreise bemerkens- werth wären, verlaufen. Nur im kroatischen Landtage kam es neulich wieder einmal zu einem von den Starcevicsianern arrangirten kleinen Scandale, indem dieselben den Antrag einbrachten, den Banus wegen einer ganz geringfügigen Affaire in Anklagestand zu versetzen. Da die Majorität vernünftiger Weise hierauf nicht einging, so verließen die Radikalen, nachdem sie einen gewaltigen Lärm gemacht, schließlich den Sitzungssaal in demonstrativer Weise.
Die Frage, ob Tongking zu räumen, oder auch ferner zu besetzen sei, hat jenseits der Vogesen die weitesten Kreise in Erregung versetzt. Aus allen Theilen des Landes gehen dem Ministerium Brisson fortgesetzt Kundgebungen zu, die keinen Zweifel darüber auskommen lassen, daß die französische Nation im Interesse der Ehre und Würde Frankreichs die Aufrechterhaltung der Occupation von Tongking und des Protectorats über Anam unbedingt verlangt. Es kann leider nicht bezweifelt werden, daß die Kammer unter dem Drucke der öffentlichen Meinung jeden Widerspruch gegen die Räumung Tong- kings wird aufgeben müssen, was freilich den Radikalen, welche die Tongking- Affaire dazu benutzen wollen, dem Ministerium Brisson-Freycinet ein Bein zu stellen, durchaus nicht in den Kram paßt. Zum Ueberfluß haben sich dieser Tage verschiedene competente Persönlichkeiten vor der Tongking-Commission der Deputirtenkammer dahin ausgesprochen, daß Frankreich aus politischen wie militärischen Gründen Tongking besetzt halten müsse; hiernach läßt sich leicht der Ausgang der bevorstehenden Tongking-Debatte in der sranzösischen Deputirten- kammer beurtheilen.
Die düsteren Prophezeihungen, welche anläßlich des Ablebens Alfonso'S XII. bezüglich der Zukunft Spaniens von allen Seiten laut wurden, scheinen vorläufig wenigstens verfrüht zu sein. Allerdings haben carlistische Emissäre im nördlichen Spanien versucht, die Bevölkerung gegen die bestehende Ordnung auszuwiegeln, aber den Sendlingen des Prätendenten ist fast allerorts eine kühle Ausnahme zu Theil geworden, anderseits hat man auch von versuchten Putschen der Intransigenten und Radikalen noch nichts gehört. Kluger Weise arbeitet denn auch das neue spanische Cabinet an einer Versöhnung der Gemüther und besteht sein Debüt.in dem von der Königin-Regentin gebilligten Erlaß einer allgemeinen Amnestie. Uebrigens wird gemeldet, daß die Session der am 27. d. Mts. zusammentretenden Cortes nur eine kurze sein wird, denn es soll nur tue Civilliste der Königin-Regentin festgesetzt und daneben die Finanzlage berathen werden.
Deutschland.
Darmstadt, 7. December. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 35 enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die deutsche Wehrordnung betreffend.
2. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Ausführung des Reichsgesetzes vom 15. Juni 1883 über die Krankenversicherung der Arbeiter betreffend.
Darmstadt, 6. December. sPensionirung der Ortseinnehmer betreffend.^ Betreffs des Antrags des Abgeordneten Vogt auf Verleihung eines bestimmten pensionsfähigen Einkommens an die Ortseinnehmer, beantragt der erste (Finanz) Ausschuß der zweiten Kammer der Stände durch den Berichterstatter, Herrn Abg. Schröder, die Kammer wolle diesem Antrag keine Folge geben. Das Großherzogl. Ministerium der Finanzen hat sich auf die Bitte um eine Meinungsäußerung über den Antrag ebenfalls ablehnend gegen denselben verhalten, indem die Functionen der Ortseinnehmer nur in einzelnen größeren Orten des Landes von erheblicher Bedeutung, in diesen aber ausschließlich von Beainten wahrgenommen würden, welche bereits Anspruch auf Pension besitzen. Auch seien die Geschäfte der Ortseinnehmer (dermalen auf 40 Stellen) von einfacher Art, erforderten keine besondere Vorbildung und nähmen die Thätigkeit der mit ihrer Versetzung beauftragten Personen nur zeitweise in An-
Drei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pfi ________________ ——BO
spruch. Sie seien daher fast durchgehends nur Personen übertragen, welche die Land- wirthschaft oder ein Gewerbe als Hauptgeschäft und den Ortseinnehmerdienst nur nebenbei besorgen. Die aus Staatsmitteln gewährte Vergütung sei keine fixirte, richte sich vielmehr nach dem Umfange der Geschäfte. Auch sei bei Besetzung von vacanten Ortseinnehmereien stets eine größere Zahl von Bewerbern ausgetreten.
Araukreich.
Paris, 7. December. Der Gemeinderath des Seinedepartements nahm mit 34 gegen 8 Stimmen eine Resolution an, daß die Räumung des Tongking innerhalb eines mit den nationalen Interessen verträglichen Zeitraumes erfolge. Viele Mitglieder enthielten sich der Abstimmung.
— Die Seine beginnt hier aus ihren Ufern zu treten in Folge des anhaltenden Regens, ein weiteres Steigen ist wahrscheinlich.
Rumänien.
Bukarest, 7. December. In der Kammer beantwortete Bratiano die Interpellation Janesco über die Haltung Rumäniens gegenüber den Balkan- Ereignissen und erklärte, es fei richtig, daß die Regierung von der Conferenz verlangte, die Schleifung der bulgarischen Donaufestungen zu beschließen. Die Conferenz antwortete jedoch, sie könne sich mit keiner anderen Frage beschäftigen, als wofür sie einberufen worden sei. Bratiano fügte hinzu, er hätte sich nicht an das Ausland gewandt, um Rath zu holen, sondern um zu sehen, welche Stellung Rumänien gegenüber der Haltung der Großmächte einzunehmen habe. Letztere sand er aber fest entschlossen, den Frieden aufrechthalten zu wollen. Die Kammer ging zur Tagesordnung über.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. «orrespondenz ■ Bureau.
Berlin, 7. December. Se. Majestät der Kaiser conferirte Nachmittags mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck.
— Der „Kreuzzeitung" zufolge hat sich das Befinden des Chefs der Admiralität, GeneraL^utenant Caprivi erheblich gebessert; derselbe kann sich jetzt ohne Stütze im Zimmer bewegen und wird voraussichtlich zu Ende des Jahres die Geschäfte der Admiralität wieder in vollem Umfange übernehmen.
— Die von den Blättern angekündigte öffentliche Ausstellung des Gräf'schen Bildes „Märchen" ist behördlicherseits untersagt.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt in einer Besprechung der Verhandlungen in der bayerischen Kammer über oen bayerisch-russischen Auslieferungsvertrag, worin sie den Ausführungen des Ministers Crailsheim vollständig beitritt; die Auslieferungs- Verträge stehen im engsten Zusammenhang mit den anarchistischen Verbrechen der letzten Jahre. Die Nichtauslieferung von politischen Verbrechern finde keine Stütze mehr. Das allgemeine Rechtsbewußtsein der Völker erkenne die Nothwendigkeit, daß das Recht lediglich die Aufgabe habe, das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Politische Verbrechen sind in höherem Grade gefährlich, als gemeiner Mord und Raub. Der Minister Crailsheim war daher durchaus berechtigt, in den Aus- lieferungsverträaen einen Fortschritt der Entwickelung des Rechtes zu erblicken und dieselben gegen oie retrograden Kammerbestrebungen mit Festigkeit zu wahren.
Braunsberg, 7. December. Die ermeländische Bischofswahl ist auf den 15. December festgesetzt.
Nürnberg, 7. December. Das 50jährige Jubiläum der Nürnberg-Fürther Ludwigsbahn wurde unter Betheiligung der königlichen und städtischen Behörden und zahlreicher Abgeordneten auswärtiger Eisenbahnen heute begangen. Vor dem hiesigen Ludwigsbahnhofe findet die Grundsteinlegung zu einem neuen monumentalen Kunft- brunnen, in Fürth zu einem neuen Bahnhofsgebäude statt.
Wien, 7. December. Heute Nacht ist bei der Juwelenfirma Granichstätten ein Einbruch verübt worden, wobei Juwelen im Werthc von 400,000 Fl. geraubt wurden. Von den Thätern hat man bisher keine Spur entdeckt.
Der frühere belgische Generalconsul Renkin ist in Folge schwerer Brandwunden, die er sich durch Unvorsichtigkeit zugezogen hatte, gestorben.
Wien, 7. December. Der „Polit. Corresp." wird aus Belgrad gemeldet, die Pforte habe dort die Erklärung abgegeben, daß kein Arrangement zwischen Serbien und Bulgarien, welches ohne Intervention der Pforte getroffen werde, Anspruch auf Giltigkeit haben werde. Serbien habe darauf erwidert, daß es die souveränen Rechte des Sultans respectire, daß es sich indessen zunächst um die Vereinbarung eines militärischen Waffenstillstandes handele, die Pforte möge ihre Aufmerksamkeit auf die Anwesenheit der rumeliotischen Truppen lenken, durch welche die militärische Action Serbiens besonders complicirt werde.
Pesth, 7. December. Die liberale Partei nahm den Gesetzentwurf über die Verlängerung der Mandatsdauer in der General- und Specialdebatte an.
Bern, 7. December. Bei der Wahl eines Mitgliedes für den Regierungsrath des Cantons Zürich siegte der liberal-conservative Candidat Nägeli mit 27,093 Stimmen über den socialistisch - demokratischen Candidaten Geilinger, der 24,481 Stimmen erhielt. .
Bern, 7. December. Die Bundesversammlung wurde heute eröffnet. In beiden Räthen hielten die Präsidenten Reden, worin sie namentlich der Besteuerung des Alkohols gedachten.
London, 7. December. Ein Telegramm aus Mandalay vom 4. December meldet: General Prendergast erließ eine Proklamation des Inhalts, daß er bis auf eine Entscheidung der Königin die Civil- und Militärverwaltung Birmas übernehme und die Minister, Gouverneure und übrigen Beamten, welche Eugland dienen wollten, auffordere, ihm dabei beizustehen. Die Proklamation habe einen günstigen Eindruck gemacht, die Eingeborenen nehmen ihre Beschäftigungen wieder auf und der Verkehr beginne sich wieder zu beleben.
London, 7. December. Bis heute Nachmittag 41/2 Uhr sind 315 Liberale, 247 konservative und 73 Parnelliten gewählt worden.
Moskau, 8. December. Gestern ist vor der Vorstellung das deutsche Theater Paradies theilweise abgebrannt. Der Zuschauersaal ist total ausgebrannt, die Bühne und das Foyer sind erhalten, ein Theil der Tecorationen und Costüme ist gerettet, aber verdorben. , wt
Kairo, 7. December. Der Khedive berichtete über die Uebernahme der Civil-. Verwaltung in Masfauah seitens der Italiener sofort an den Sultan.


