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Mittwoch den 9. September
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iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Sonntagrfeier, hier die öffentlichen Tanzmusiken. Gießen, am 5. September 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Großberjvglickeu Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme von Gießen.
Durch unser Ausschreiben in obigem Betreff vom 23. Mai l. I. (Anzeiger Nr. 120) sind Sie darauf aufmerksam gemacht worden, daß nach einem im Kreise Gießen bestehenden Herkommen in Landgemeinden an Tagen, an welchen daselbst die Feier des heiligen Abendinahles siattsindet, die Erlaubniß zum Tanz- und Musikhalten nicht ertheilt werden soll.
Mit Bezug hierauf wird eS Ihnen zur Pflicht gemacht, bevor Sie über Ertheilung von Tanzconcessionen an uns Bericht erstatten, sich zunächst zu verlässigen, daß an dem Tage, für welchen Tanzerlaubniß erbeten wird, die Feier des heiligen Abendmahls in Ihrer Gemeinde nicht stattfindet. Daß dies nicht der Fall, ist sodann in dem zu erstattenden Berichte anzugeben.
____Br, Boekmann. __________________
Bekanntmachung.
Interessenten werden auf die in Königswinter erscheinende „Brennerei-Zeitung, Organ des Vereins der Kornbrennereibesitzer und der Preßhefe- sabrikanten Deutschlands" aufmerksam gemacht.
Gießen, am 8. September 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___Dr, Boekmann. ___
Dekanatssynode.
Die diesjährige Dekanatssynode wird den 14. September in Gießen abgehalten. Anfang des Gottesdienstes um 9 Uhr. Prediger: Pfarrer Adolph von Watzenborn. Die Verhandlungen beginnen unmittelbar darauf. 1) Rechenschaftsbericht des Dekanalsausschusses, vorgetragen von Pfarrer vr. Naumann. 2) Verhandlungen über die Frage: Was kann und soll geschehen, um christliche und nützliche Volkslektüre zu verbreiten? Referent: Dekan kr. Strack. 3) Wahl eines geistlichen Ersatzmannes für die Dekanatssynode. Dr. Strack, Dekan.
Politische Ueberficht.
; Gießen, 8. September
Nur verhält nißmäßig kurz ist die Ruhepause gewesen, welche sich Kaiser Wilhelm nach den für ihn immerhin anstrengenden Sommer- und Badereisen dieses Jahres gegönnt hat, da nunmehr die Zeit der Manöver-Reisen gekommen ist, welche an den obersten Kriegsherrn neue Anforderungen stellt. Dieselben haben bereits mit der am Sedantage bei Berlin abgehaltenen Herbstparade des Garde-Corps begonnen, welche Kaiser Wllhelm selbst zu Aller Genug- thuung — im besten Wohlsein hat abnehmen können. Am Freitag Nachmittag begab sich sodann der Kaiser zu den Manöoern des drttten Armee-Corps bei Pritzwalk, von denen er indessen bereits am Samstag zurückkehrte. In den ersten Tagen dieser Woche beabsichtigen die kaiserlichen Majestäten nach Baden- Baden abzureisen, um hier den gewohnten mehrwöchentlichen Herbstaufenthalt zu nehmen; derselbe wird indessen für den Kaiser durch die Manöver des badischen und des württembergischen Armee-Corps eine zeitweilige Unterbrechung erleiden, da der greife Monarch denselben beizuwohnen gedenkt.
Die sommerliche Ruhepause in unserer inneren Politik, die nur durch wenige größere Ereignisse unterbrochen wurde, hat nunmehr am längsten gedauert. Am Montag sind die zur Vorberathung des Börsensteuer- Gesetzentwurfes eingesetzten Ausschüsie des Bundesrathes zusammengetreten und hiermit hat denn die gesetzgeberische Thätigkeit, wenn auch vorläufig nur in sehr engen Grenzen, ihren Anfang wieder genommen. Das meiste Interesse wird sich indessen für die nächste Zeit aus die preußischen Landtagswahlen concen- triren, da man nun jeden Tag der ojficiellen Bekanntgebung des Wahltermins entgegmsehen kann. Obwohl derselbe aber aller Voraussicht nach nicht mehr weil entfernt ist, läßt sich noch immer kein klarer Ueberblick über die Stellung, welch: die verschiedenen Parteien bei den Wahlen zu einander einnehmen werden, ^möglichen; nur hat es bis jetzt den Anschein, als ob keine große Neigung zu Wahlbündnissen vorhanden sei. Besonderes Mißfallen erregt es auf national- liberaler Seite, daß die Freiconservativen diesmal in mehreren Hannöoer'schen LSahlkreisen, die bisher im unbestrittenen Besitze der nationalliberalen Partei gewesen waren, mit eigenen Candidaten vorgehen; zu dem freundschaftlichen Verhältnisse, in welchem die Nationalliberalen und die Freiconservativen im Allgemeinen seither zu einander standen, will ein derartiges Verfahren der letzteren allerdings nicht recht paffen. Merkwürdig ist, daß außer der nationalliberalen noch keine andere Partei eigentliche Parteitage abgehalten hat; vielleicht kommen bieietben nun. Ob man die am vorigen Donnerstag beendigte Generalversammlung der deutschen Katholiken in Münster als einen Parteitag des Centrums allszufassen hat, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat die Katholiken-Ver- saininlung in der westfälischen Hauptstadt der Wahlbewegunq in den Reihen der kentrumspartei einen energischen Anstoß gegeben und wahrscheinlich wird hierbei rsr kampfessreudige Ton, welcher in Münster angeschlagen wurde, nachklingen. Daß derselbe einer Verständigung zwischen dem Staat und der katholischen Me nimmermehr zum Heil gereichen kann, ist selbstverständlich und muß dies wsomehr beklagt werden, als thatsächlich seit längerer Zeit nicht das Geringste geschehen ist, was die katholische Bevölkerung in eine besondere Aufregung hätte ^setzen können. Aus den Beschlüssen der Katholiken-Versammlung in Münster noch der hervorzuheben, den deutschen katholischen Zeitungs-Verlegern die Gründung eines eigenen telegraphischen Bureaus anzuempfehlm und daffelbe M den katholischen Bureaus anderer Länder zu verbinden.
Von der internationalen Telegraphen - Conferenz in Berlin ist ein neuer erfreulicher Erfolg zu berichten, indem dieselbe die in erster Lesung gefaßten Beschlüffe bezüglich Herstellung eines einheitlichen Tarif- systems unverändert und einstimmig in zweiter Lesung genehmigt hat.
Die interessanten Manöver der deutschen Flotte bei Wilhelmshaven, bei denen die Torpedoboote eine hervorragende Rolle spielen, nehmen ihren Fortgang und legen in markanter Weise Zeugniß davon ab, wie kräftig sich unsere verhältnißmäßig noch so junge Kriegsmarine in jeder Beziehung weiter entwickelt.
Die bevorstehende Eröffnung Der österreichischen Reichs- ra ths-Session legt auch wieder die Frage nach dem Schicksal der projec- tirten katholischen Centrumspartei im österreichischen Parlamente nahe. Run, diese s. Z. so lebhaft erörterte Frage läßt sich jetzt ganz genau beantworten: Das Project einer nach jeder Seite hin selbstständigen Partei oder vielmehr Fraction, welche die katholischen Abgeordneten aus den Alpenländern umsaffen sollte, ist total in's Waffer gefallen und Graf Taaffe erlebt die Freude, daß sich der „eherne Ring" der slavisch - klerikalen Reichsraths-Majorität nochmals fest zusammenschließt. Man wird also wiederum das für die politischen Verhältnisse Oesterreichs so bezeichnende Schauspiel erleben, daß die deutsch'katholischen Volksvertreter aus Tyrol, Salzburg, Kcain, Kärnthen und Ober-Oesterreich Hand in Hand mit Czechen, Polen und Slovenen gegen ihre liberalen Stammes- genoffen aus Böhmen, Mähren u. s. w. Front machen werden.
Die monarchistischen Parteien Frankreichs sind nun ebenfalls mit einem Manifest in die Wahlbewegung eingetreten, die bekanntlich ihren Abschluß mit den am 4. October stattfindenden Wahlen erreicht. Daß die Kundgebung der vereinigten Orleanisten und Bonapartisten die gegenwärtige republikanische Regierung nach jeder Richtung hin in heftigster Weise angreist, darf nicht überraschen; jedenfalls wird das monarchistische Manifest keinen besonderen Eindruck im französischen Volke Hervorrufen. Sonst ist aus der Wahlbewegung jenseits der Vogesen nichts Bemerkenswerthes zu melden und scheint in der republikanischen Agitation eine kleine Ruhepause eingetreten zu fein. Umsomehr dürste die von den französischen katholischen Missionen gemeldete Niedermetzelung von 3 Missionären und anderen Europäern in Zimbebasia im südwestlichen Afrika Aufsehen erregen, zumal wenn man an die wiederholten Christen-Maffacres in Cochinchina und Anam denkt.
Ueber den Stand der afghanischen Grenz frage hat sich dieser Tage der englische Staatssecretär für Indien, Lord Churchill, in einer zu Sheffield gehaltenen Rede höchst befriedigt ausgesprochen. Nach seinem Dafürhalten steht der eigentlichen Grenzabsteckung und somit der Herstellung einer gewissen Beständigkeit in dem englisch-russischen Einvernehmen in Centralasien nicht das Geringste mehr im Wege. Hoffentlich thun die kommenden Ereigniffe dieser optimistischen Aufsaffung der Dinge in der afghanisch - turkmenischen Grenze keinen Abbruch.
Im fernen Westen Nord-Amerikas haben blutige Scenen in den dortigen Kohlengruben der Union-Pacific'Bahn stattgefunden. Strikende weiße Grubenarbeiter überfielen die zu ihrem Ersatz eingestellten chinesischen Arbeiter, tödteten 15 derselben und trieben den Rest, ca. 500, in die Felsengebirge. Damit die Chinesen dort nicht verhungern, sind ihnen durch Die Verwaltung der genannten Eisenbahn Lebensrnittel zugesandt roorben; bezeichnend ist aber der Vorgang für die Zustände im „far west“ Amerikas.


